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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. <13. JUEDISCHE RUNDSCHAU Oslmürklsche Glcichbereciitigung! Aus iltr Rede des LniKltngsabgcordncten Woilf. I.issa «eben wir folgenden Auszug: Her NitUotntliiiUcnKitntpi in» deutschen Osten wird immer verbitterter; die Kriegskosten aber tragen in erster Reihe die Juden der Ostmarken. Pie Polen «reifen sie vor allem um ihrer Wirtschaftliehen Stellung willen an, die ihre ExpansionsgclUstc erschwert. Per Antisemitismus ist ihnen nur Waffe. Pie Deutschen sind den Juden keine zuverlässigen Ihmifesgenosscii. I)iu Massrcgclu der Regierung {chwüchcii Ihre Position, «tuchen vielfach die Existenz des deutsch - iiidlseltcn Elementes tmniügllclt. Jeder li.itz. den ein Jtide räumt, nimmt ein Pole ein! Das «: also eine deutsch-nationale Sache. Der Deutsche i"׳. ohne den Beistand des deutschen Juden nicht! 1!kurrcn/,i;il1i«. — Die Juden aber haben in jenen t״«enden von je der deutschen Nationalität die wich-!i .-.ett Dienste geleistet. Sie sind seit dem Jahre!. nt (zweihundert Jahre früher als christliche deutsche I •.!wunderer) in Polen ansässig und sind während v! .־־er «uazen Zeit stets deutsch sprechende, deutsch k ■Mimte Menschen gewesen. Das Königreich Polen!!.mdeltc sie lange sehr gut und tolerant. Erst :.׳.iicr winden sie, durch das polnische Kastenwesen II drängt, in die Städte getrieben und auf Handel und 1.1 werbe beschränkt. Sic kamen als die intelligen- ,״•Men Teile der städtischen Bevökcrung an Prcttsscn , ml als der weitaus deutsch kultivierteste dieses «..n/eii Distrikts. Das Generalreglemem von 17S3 scuränktc sic trotzdem auf jede Weise ein und; aterwarf sie den härtesten Chikanon, Auch bei der Wtcdcreinverleibung im Jahre 1815 hat man ihnen die Wohltat dos liberalen Judcngcsctz.es von 1812 vorenthalten. Erst 1831 in der revidierten Städteordnung erhielten sie wenigstens die Möglichkeit zu kommun.!len Bürgerrechten; wobei die tolerantere Staats- ] u'gierung noch gegen die antisemitischen Individuen in den Lokaibehörden vielfach anzukümpfen hatte. Schliesslich wird die Poscnschc Judenschaft gleichberechtigt — a u I dc tu Pap ie r! In dieser Zeit hat der Staat durch Schulen und andere Bildungsmittel mancherlei für die Juden getan und wenigstens ihre religiöse Freiheit und zivilbiirgcrlichc Rechtsglcichheit garantiert. Aber als voller Ersatz, für die hingebende prenssische Loyalität der östlichen Juden, die sieh speziell in den Befreiungskriegen bewährt hatte, konnte das nicht gelten. In allen politischen Insurrcktionsbcwegungcn haben die Juden an dem deutschen Standpunkt fcstgehaltcn, obwohl s i e dabei am meisten Leben und Gut gefährdeten. Sic sind in allen deutschen Nationalkomitccs gewesen, haben alle prcusslschcn Interessen vertreten. Durch mutiges* kein Opfer scheuendes Bekenntnis z.u ihrem Deutschtum haben die Juden ihre reine Ge* simtung bekräftigt, obwohl 610 nur wlrtschaitnchu Nachteile von diesem Ihren Bekenntnis haben und von der staatlichen Macht keinerlei Begünstigung, ja nicht einmal glcicho Berücksichtigung erfahren. Jetzt möchte man ihnen gewisse Misserfolge der Ostmarkenpolitik in die Schuhe schieben, aber im Gegen• teil würden diese viel krasser zutage treten, wenn der das Deutschtum stützende Einfluss der Juden nicht wäre. Besonders in den Kommunen, aus deren Verwaltung man sie jetzt auch verdrängen möchte, haben sic sich durch dio aufopforndsto unentgeltliche Mitarbeit aufs Höchste um jedo kulturelle und deutsche Sache verdient gemacht. Reformen auf politischem, wirtschaftlichem, vor allem aber auch auf gesellschaftlichem Gebiet, Bekämpfung des Beruis- und Konfcsslons-cxklusivcn Kastengeistes müssen dahin wirken, den Juden das Leben in den Ostmarken, wo sie Seite an Seite mit der christlichen Bevölkerung für die deutsche Sache stehen, erträglich zu machen. *i* Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen Ueber dieses hochwichtige Thema hielt Justizrat U r e s I a u er - Berlin einen Vortrag, der gleichzeitig als Denkschrift den Teilnehmern des Verbandstages vorgelegt wurde. Nachstehend ein kurzes Referat der hochinteressanten Ausführungen: *־—:״׳.•־״־- ־;״״;־:•———n ^J0 Z u D C2Cu □GÜSGEODiJGlbi• w niese U\1i>1ik wird von jetzt nb regelmässig ersclielt en. Ule Sciirilitüiircr der Vereine werden gebeten, die Vcuaininlimgcn der Reduktion Ji wclls uU Nji.ltestens Mittwoch mittags anxuiclgcn. Berlin. OeifeiitHcIto Versammlung 25. IO* Luther- Strasse 31/32, Berlin. Lichtbildervortra« Prof. Sachs, 23. IO* Landsberger Str. 31. Berlin. Generalversammlung des llerzl-Klub, 23. 10* Tiergartenhof. (Näheres siehe ״Vereins-Rundschau“.) I Die Untersuchung über die Abwanderung der Juden ans der Provinz 1*0sen wird in Breslau der Öffentlichkeit übergeben, weil die prenssische Ostmarkenpoiitik im Begriff ist, auf Schlesien überztigrcifen und cs daher notwendig erscheint, die in der schlesischen Provinz ansässigen Glaubensgenossen auf die Schäden, die sich in Posen hcrausgcstcllt haben, aufmerksam zu machen. Als die Provinz Sildprcusscn im Jahre 1793 vom prcussischcn Staate eingerichtet wurde, bildeten die Juden dieses Landcstcils, z.u dem die Provinz Posen gehörte, einen grossen Teil der Bevölkerung und ‘jcdcnfallls den grössten Teil der Einwohner, die der deutschen Sprache mächtig waren, und die! sic dauernd auch für sich selbst im täglichen Leben verwendeten. Sic hatten unter den slavischcn Völkern ihre deutsche Sprache so erhalten, dass man noch jetzt bei den einzelnen Familien das Idiom der früheren deutschen Heimat ihrer Vorfahren erkennen kann. Sic bildeten sonach in der neu errichteten prcussischcn Provinz die ganz überwiegende Mehrzu 111 der Deutschen. Die prcussischc Regicrung hatte daher ein dringendes Interesse, diesen Teil der Bevölkerung sich zu erhalten. Obwohl dio amtlich durch den Kammerkaikulator Zimmermann angcstelitc Untersuchung ergab, dass die Juden jenes Landcstcils meist Handwerker waren, viele auch Ackerbau und Viehzucht trieben, traf die Regierung dennoch Massrcgcln, um die Juden von den Dörfern in die Städte z.u verdrängen, Selbst der Minister von Voss erkannte au, duss ״Im ganzen genommen, Und wie er 60 dastand, den langen Lauf des Revolvers gegen meine Brust gerichtet, erinnerte ich mich des Rabbi Nathan in der Talmudschule, der einst mit dein Stocke drohend vor mir stand, weil ich meine Lektion nicht wusste, und die Lektion war ein Satz aus der Misclmah: Wenn jemand sich töten lässt, ohne dass es für Gott und die Thora geschieht, so ist es, als hätte er sich selbst getötet, und das Blut kommt auf sein Haupt. Wer sich aber selbst tötet, kommt ins Ochinnom, wo er aus T'euergluten in eiskaltes Wasser kommt und wieder zurück, und so fort in alle Ewigkeit. Aber daraus machte ich mir nichts, denn ich hatte mich in den letzten drei Monaten der Belagerung ans Cehinnom gewohnt; beim Löschen der brennenden Gebäude wurde ich oft verbrannt bis auf die Knochen, and in der Nacht, wenn ich Wachtposten stand, wurde ich von Ficberfrost geschüttelt. Das alles ging mir wie ein Blitz durch den Kopf. ,,Dann will ich sterben,“ sagte ich. Der Offizier sah überrascht auf. ״Wahrhaftig, du bist der erste Mensch, der mich bittet, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen; wenn ich das täte, hätte ich dir keine Wahl gelassen. Aber ich will keinen Mord begehen, um einem Russen einen Gefallen zu erweisen, nicht einmal* wenn er so tapfer ist wie du.“ murmnttm ״m 1... > m n■ ,■!!■רן״״ m 1■■«־!«* 1וו11<יוז ■ rw« imww»——w» ״Aber ich bin ein Jude,“ sagte ich, um ihn zu reizen. Er lachte, ״Das ist nach unseren Begriffen einerlei. Ich werde sagen, du seiest ein Dcscr* teur, so kommst du davon.“ Dann rief er die Wache. ״Das übrige ist dir bekannt.“ Ich hing bezaubert an den Lippen Salomons. Seine Erzählung war wie ein Feuerwerk, das als Asche niederfiel, bevor man dessen wundervolle Dinge hatte sehen können. Die Leere, welche sie in mir zurücklicss, war beinahe eine schmerzliehe Empfindung. Und doch verstand ich die gehaltvolle Kürze, die Verzichtlcistung auf jedes schmückende, für ihn schmeichelhafte Detail in den einfachen Worten des alten Mannes; dieses Abenteuer war schon so alt und seiner Erinnerung so geläufig; es hatte für ihn eben gar keine Bedeutung. Es lebte nicht in seinem Gedachtnisse um seiner selbst willen, sondern als Folge und erdrückte sic. Nicht oft hat ein Mensch in der Weise wie Salomon seinen Lebensüberdruss an den Tag gelegt. ״Jawohl, Salomon, jeder hat seine Sorgen,“ sagte ich, gewissermassen als Antwort auf meine eigenen Gedanken, und gleich darauf schämte ich mich dieses Gemeinplatzes. ״Es kommt nur darauf an, wie wir sie tragen; mannche von uns 'trifft eine Kleinigkeit wie ein Hammer, andere Seite 475. der Jude in Sildprcusscn ein kultivierterer Mensel! als der Bürger in den kleinen Städten und der Bauer nuf dem platten Lande“ ist. Trotzdem wurden alle den jüdischen Einwohnern anderer Provinzen eingeräumten Rechte zunächst den Juden der Provinz Posen ausdrücklich vorcnthalten. Erst das Gesetz vom 3. Juli 1 809 brachte ihnen die volle Gleichbcrcchtigung. Alle Rechte aber, die sich die Juden der Provinz nach und nach in mühseligem Ringen erkämpft hatten, wurden nur zögernd bewilligt und «ach der Bewilligung auch nur mit heftigem Widerstreben in die Wirklichkeit übertragen. War keine Gefahr für den Bestand des Deutschtums vorhanden, dann glaubte man, keine Veranlassung zur Gleichstellung der Juden zu haben. Sobald aber die polnische Gefahr wuchs, dann besann man sich des wichtigen deutschen Kulturfaktors und suchte sich seiner Mitwirkung zu bedienen. Wahrend der Kriege von 18h•!, 1800 und 1870 verschwand jeder Unterschied. Die Juden wurden nach aussen hin für gleichberechtigt erklärt und angesehen. Von 1878/79 an mühte man sich dann wieder, die ,}tidcii mit allen Krüitcn ziiriickziidriingeii, und sie von allen Ämtern, die ihnen verfassungsmassig zustande«, fer« zu halten. Als aber die Polengefahr wuchs, da besann man sich wieder auf sic. Und so war es nicht wunderbar, dass zu einer Zeit, in der die Ansicdlungspolitik in eine schwierige Lage geriet, von Staatswegen ebensowohl wie von Seiten des Ostmarkenvereins als Grundsatz proklamiert wurde, dass in der Provinz Posen ein Unterschied zwischen Religionen nicht gemacht werden dürfe, dass für das Deutschtum, für den Kampf gegen die Polen alle Deutschen* welcher Religion oder Konfcssion sie auch seien, also alle Deutschen jüdischen Glaubens als gleichberechtigt anzusehen seien. Die Juden in der Provinz Posen wissen, dass die Begeisterung ihrer deutschen Behörden für die Gleich■ horcchtlgiuig der Religionen nur in Zeiten der Not zu Tuge trat und dass sie •die Rechte, Uta sie (11 Wirk• lichkelt errungen haben, Ihrer eigenen zähen Arbeit verdanke::. Will man sich ein Bild von der Abwanderung machen, so genügen nicht die Angaben, die die Ansiediungskommission veröffentlicht hat. denn diese Kommission hat nur die Verhältnisse seit Beginn ihrer Tätigkeit in Betracht gezogen. Man muss vielmehr die Veränderung seit 1793 ins Auge fassen, für die einzelnen Städte der Provinz das sogenannte Kulmimuionslahr, das Jahr, in den! die Zahl der Juden ihren Höhepunkt erreicht hatte, feststellen und dann untersuchen, wann, wie und a u s welche n G r ii n - den die Abwaiulcrung eriolgt ist. Gegenübcrzustcllcn Ist alsdann diesen Resultaten die Ab- Wanderung seit Beginn der Tätigkeit der Ansicdlungskommission, also seit 1885. Die Abwanderung begann zunächst im Westen und zum Teil schon 1793; aus 37 Städten schon vor 1840, aus 57 in den Jahren 1840—1849 und von 1850 bis 1885 wieder aus 37 Städten. Hierbei Ist recht bemerkbar, dass in den Jahren 1804—1870 die Ab- Wanderung fast vollständig stockte und erst 1879 wieder zuzunehmen begann. Bis 1885 zeigt keine Stadt eine geringere Abnahme als 23 Prozent, also fast ein Viertel, In KKi von 131 Städten ist über tragen das schwerste Leid wie eine Seifenblase des Geschicks.“ ״Sagen nicht unsere Weisen, dass unser* Herz weniger gebrechlich ist als Eisen?“ fragte er mit mehr Teilnahme als meine Gemeinplätze verdienten. ״Ich könnte dir die Geschichte eines Mannes erzählen . . . er hielt ‘in ne und sah auf die Uhr, die sich auf dem Balkon zwischen den zwei Frauengnlcricn befand und demselben das Ansehen eines Cyklopcnkopfes verlieh. ״Die Leute werden vor einer Stunde nicht zurück sein; wenn du Lust hast, einem alten Plauderer zuzuhören, will ich etxvas erzählen, was sich vor Jahren in meiner Heimat zugetragen hat.“ Ich nickte, um mir nicht merken zu lassen, wie gespannt ich war; freilicli hatte ich lieber seine eigene Geschichte gehört, aber ich hatte eine stille Hoffnung, dass er von einer Sache er* zählen würde, die ihm naheging und dass ich etwas von seinem eigenen Schicksale durch die Parabel erhaschen würde. ״Sein Vater war der reichste Mann in Kadaan,“ begann Salomon ohne Umscliweife; ״er hatte eine Schenke und da sie einige hundert Ellen vom Dorfe entfernt auf der Strasse stand, so war sie den Bauern und Händlern, die auf den Markt kamen, die nächste, und auf ihrem Heimwege die letzte, bevor sie Trenka erreichten,

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