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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 474._ Und noch dazu hier, in dieser Öffentlichkeit, wo neben 3000 Juden auch drei Christen sassen . . . drei Vertreter einer hohen Stnatsrcgicrung. üben noch, als der Oberpräshlcnt zu Beginn der Rede Gutiinnnns den Saal betrat, hatten sie sich alle von ihren Plätzen erhoben und hatten gestanden, bis auch ER sich gesetzt. Und dieselbe Exzellenz musste nun so bittere Wahrheiten hören. . . . Nachdem der Beifallssturm, der Dr. Guttmunus Rede folgte, sielt gelegt hatte, begrilsste der Vot* sitzende den Olicrpräsidciitcn. (Wieder stand natilr» lieh alles auf . . . .) Gral von ZeUlitt-Trützschler dankte mit folgenden Worten: ״Auf der Tagesordnung suchen an zweiter und dritter Stelle Gegenstände von so;tilge• meiner Bedeutung und so tiefgreifender Riiek־ Wirkung auf die allgemeinen politischen und staatlichen Verhältnisse, dass ich fiir die Ein• ladung dankbar war und gern erschienen bin, in der Hoffnung etwas zu lernen und etwas für mein Amt und Ihr meine Pflicht aus diesem Saal hinaus zu nehmen. Aber ich bin nicht nur Beamter, sonder n auch Mensch und als solcher stehe ich, cm überzeugter Christ, auf dem Boden des neuen wie des alten Testaments. Ich scheue mich nicht, dies auszusprcchcn und würde glauben, feige zu sein, wenn ich dieses nicht täte gegenüber den polemischen Aus• führungen, die wir soeben gehört. Wer mich keimt, weiss, dass ich frei von jeder ver• ketzernden Meinung bin und frei von jeder Nichtachtung einer anderen Überzeugung. Das habe ich in meinem langen privaten und dienst• liehen Leben bewiesen. Das hier ehe 5 חp wie meinen CI! r i s t c n s t a n d p u u k t zu bekennen, war inir Bedürfnis. Trotzdem wünsche Ich den Verhandlungen den besten Erfolg." Das war allerdings ein peinlicher Moment. Herr von 2cdliiz*Tr(itzscl1lef ist in der Tat als ein vornclmicr Charakter und als einer der sehr wenigen aus den oberen Regionen bekannt, die uns au/*;»,einig Wohlwollen, und die uns unsere Rechte zuteil werden lassen möchten. Politik und KeUgion Bel aller Bewunderung der üuttmaiinsehen Rede wird man doch diese peinliche Situation begreifen und verstehen. Die Rede war in ihrer stark polemischen Form ein taktischer Beider vor dem Mann, den 1110־! politisch tiir sich ciimelimen wollte. Denn dazu war er doch geladen. Die Lehre tiir den Verband der deutschen Juden sollte daraus sein, dass cs ein P c 111 c r ist, bei politischen T a g u u g c n religiös e R cf er a t c halten zu hissen . . . etwas, was wir Zionisten von allem Anfang an ganz mit Rcclit vermieden haben, woraus ans aber manche einen Vorwurf machten. Den Worten des Oberpräsidenten folgten die beiden ausführlichen politischen ReUXr.te, die die Rgierungsvorircter bis zum Ende auliörten. Nach einer halbstündigen Pause fanden die Wahlen statt, worauf dann eine Kurze Diskussion folgte, die die Ausführungen der Referenten in einzelne« Teilen ergiinzten. Neue Momente brachte die Debatte nicht. JUKDISCHE RUNDSCHAU Erfreulich war die starke Betonung seines Judentums dureli den bekannten preussischeit l.andtugsabgeord* | rieten, Justizrat Cassel -Berlin. f Um 3Lj Uhr nachmit'tags schloss der Vorsitzende | die Verhandlung und sang• und klanglos ging man auseinander. *>!*>;• Desto mehr wurde abends gesungen bei dem Pestmahl, das die Breslauer Gemeinde den Delegier• ten und ihren Damen bot. Eine ganze Anzahl von Tafellicdcru erhöhten die Stimmung. Und sic waren durchweg gut jüdisch. Hätte man es 1897, ja noch vor vier oder fünf Jahren für möglich gehalten, dass unsere ״Offiziellen" in deutschen Landen mit Uc• gelstcruiig Verse singen wie diesen: So wollen wir zum alten Bund, In '!'reue uns bekennen, Wir wollen in froh‘ und trüber Stund’, Mit Stolz uns Juden neunen. Die Kopfe hoch, die Nacken steif, u allen Ehren sind wir reif: Und dass man sic g e w I«1! c, Entsagt dem K n e c h t c s s I n 11 c. Wir können fürs erste zufrieden sein, wenn unsere schärfsten Gegner von 1897 schon so viel zugeiernt haben. Geschäftsbericht des Vorsitzenden Gelegentlich der Erstattung des Geschäfts• Berichts gedachte der Vorsitzende zunächst in warmen Worten seines dahingeschiedenen Vorgängers, des an! 28. März d. Js, 7.11 Berin verstorbenen Justizrats Dr. Lach m u n n und der dem Ausschuss aus Verbandes ebenfalls durch den Tod entrissenen Mitglieder, des Herrn Sanitätsrats Dr. Neu mau 11 (gestorben September 191)8) und des Geh, Reg.»Rats Professor Dr.!,inner, welcher dem Ausschüsse zugleich in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender der politischen Kommission angehört hat. Bezüglich der Arbeit des Verbandes in der /.eil seit der letzten Hauptversammlung wurde mipgeteilt, dass die IJaupttäligkeit in Preussen Unierriehtsangologen• heiten gewidmet wurde, hauptsächlich veranlasst durch das neue Volk.sscliiilunterlialiimgsgesetz. Eine um• fassende Arbeit über die Rechtsstellung der Juden im preussischeit Volksschulrecitt“ von Dr. fsmar P re und ist von «lern Verbände iieruusgegcbe.t wor« den. Über die Lehrbefähigung für den jüdischen Religionsunterricht in Preussen wie über die Einricluung des Religionsunterrichts an höheren Schulen wurden nach umfassenden Vorarbeiten Eingaben an den Kiiltusiniunister cingcrcicht; mit dem Deutsch• Israehischen Ücmciiidcbimd gemeinsam sind durch eine besonders gebildete Überleitungskommission die Grundsätze, welche bezüglich der Unterstützung der jüdischen Gemeinden hei der Neuordnung der Schulen auf Grund des neuen Gesetzes zweckmässig beobachtet werden sollen, zusammcugcstelU und an alle jiidi• sehen Gemeinden und sonst Beteiligten versandt. Zur Herbeiführung einer entsprechenden Berücksichtigung der jüdischen Religionsgemeinschaft hei den Leistungen des preussisehen Staats für Knltuszweeke hat sich der Vorhand mit einer Eingabe an den Kult 11 s minister gewandt und hat gelegentlich der Beratung des Gesetzes, betreifend die Aufhesse• rmig der Gehälter der evangelischen und katholischen Geistlichen durch beträchtlich erhöhte Leistungen des Staates sich mit einer Eingabe an das Abgeordneten• No. 43, haus gewandt, um Staatsleistungen auch für die (!(,ף«,!, liehen derjenigen jüdischen (lemeindeii zu crl:mKcn In welchen schon jetzt lo»~4f>0 ״ Steuern für Ku!,us. zwecke aufgebracht werden müssen. Die Eingabe ist im Abgeordnetenhause einem Wohlwollen bcgegnet, das Erfolge für die Zukunft erwarten Die von dem Verbände gemeinschaftlich mit dem Rabbincrvcruauü, dem Zcntralverein Deutscher Staats, biirger jüdischen Glaubens dem Dcutsch-Israelitisehcn Gemeindebund und einigen Rabbinaten in Angriif nonunenc Abwehr der gegen die Tötung von Tieren durch Schächten gerichteten Angriffe ist weiter iortgeiührt worden und nach Sammlung nicht unbeträchtlicher Mittel die Veröffentheinmg nur Arbeit des Herrn Dr. HifSCh II i l de s!1 e i tu e r ״Neue Gutachten über das tudtscU• rituelle Sehlaehtvcrfahrcn" herausgegeben w»rue11 Es ist auch vielfach gelungen, drohende Sciuchu verböte zu hintertreiben und bereits erlassene ■m Aufhebung zu bringen. Anlässlich des Gesetzes, bc. treffend Abänderung des Strafgesetzbuches im um Rücksicht auf Vorschriften über Tierschutz der Verband mit einer Denkschrift an den Reichstag liwrangetreten und hat eine Petition eiligereicht, welch« infolge des Schlusses der Session nicht mehr z u I5C. haudhmg gekommen ist. Um diejenigen jüdischen Kaufleute und d.ni.mge jüdische Publikum, welches infolge der Sa ho.!11- 11 c i I ig u u g am Sonnabend keinerlei Geschäfte ver• richten kann vor dem ausserordentlichen Nach!.11 zu schützen, welcher ihnen bei völliger Durchführung der Sonntagsruhe drohen könnte, sind Schritte der Handels• Vertretungen innerhalb des Reiches uu-.*rvgt und 7.. T. veranlasst, sowie eine Eingabe an da• 1R. ‘werbedeputation des Magistrats Berlin gerichtet \w>r. den. 111 einzelnen anderen Grossstädten sind .!ueli bereits Ortsstatute, welche die Interessen des eben j erwähnten streng rituell lebenden Teiles der dem-ahen Juden berücksichtigen, erlassen worden. Der Kampf, welchen der Verband aus Anl.iss der nur des Glaubens wegen erfolgenden Zurücksetzung jüdischer Staatsbürger iiihrt, ist nach den verschiedensten R; 1s Hingen hin fortgesetzt worden, so be/oduh der Mitteilung der Religion von um Passe u.ichsuchenden Personen an russische K o n mi 11,, ferner wegen der Zurücksetzungen in der Justiz- und I i e e r c s v e r w a 11 u n g usw. und auch bezüglich des in Vorbereitung begriffenen Gesetzes über den Erwerb und Verlust der Siaatvmgc• Hörigkeit sind Schritte angebahnt worden, um die unterschiedliche Behandlung jüdischer und christlicher Ausländer zu verhüten. Um immer über die für ihn wuchtigen Heu ־׳ •tc genügend unterrichtet zu werden, hat der Verband eine grosse Zahl von Korresiioiulentcn inner• halb Deutschlands geworben, deren Berichte d.-n!!! dem vom Verband herausgegebeucn Korrcspon• den z bla tt enthaltenen Mitteilungen zu Grunde liegen. Es ist ferner die Bildung einer apologe• tischen Bibliothek ins Auge gefasst worden. Gemeinsam mit dem Deutsch-Israelitischen Ge• mcindelnmde hat sich der Verband an den K״:»m>v sionsarbeiten, durch welche ein neues Juden-Organi• sutionsgesetz für Preussen vorbereitet werden s״ll. beteiligt. Unter den dem Verbände mit Beiträgen bei• getretenen Körperschaften befinden siel! 195 Gemein• den und U Verbände, darunter neuerdings auch der Jüdische i'rauenbund und der Verband jmliOicr Jugondvcrcme in Deutschand. DerGefangene vonSebastopol Von Samuel G 0 r d o ». (Portsetzung.) Plötzlich besann er sich und fuhr mit einem kurzen Lachen fort: ״Ah, du willst wissen, wie ich gefangen wurde?“ ״Ach, alle kleinen Kinder kennen ja die Ge* schichte; ich hab' sie viel hundert Mal erzählt. Nun denn, ich war in der südlichen Vorstadt stationiert — ich glaube, sic nennen sie Karabcl• 11aya. Ich weiss nicht warum, aber die Feinde schienen cs ganz besonders auf uns abgesehen zu haben, denn hier waren ihre Kanonen der Stadtmauer am nächsten — es waren hässliche eiserne Bestien mit unverschämt zudringlichen Schnauzen. Manchmal litten sie an einem Ka• tarrh, da niesten sic Kanonenkugeln und husteten Feuerwolken, bis ich glaubte, cs wäre noch ein• mal Sodom und Gomorrha, nur dass es den Gerechten nicht besser erging als den Sündern. Täglich kamen die verfluchten Dinger näher und näher, bis wir kaum noch Raum zum Atmen übrig hatten, Ich diente in Poniatowskis Regi• ment — ein Volk von Waghälsen und Spitz• buben, die einander die Stiefel von den Füssen stahlen und sic frassen. Ich sag' Euch, in jenen Tagen,nachdem der Talg zu Ende gegangen, war Leder eine Delikatesse. Das Messer stand uni an der Kehle, und Berkoff, unser Oberst, ging umher wie ein Fi und mit verbrühtem Schweif.“ ״Kinder,“ sagte er eines Tages, ״seht Ihr jenen Pulverturm V“ ״Wir sahen ihn deutlich; seit Monaten waren wir mit seinem Anblick vertraut. Fs war das liauptimmitionslagcr des Feindes, und Fässer und Fässer des tödlichen Zeugs waren darin.“ ״Nun denn“ fuhr Berkoff fort, ״ich brauche einen, der ihn in die Luft sprengt; ein einziger kann es tun, aber der wird nachher zu nichts anderem mehr zu brauchen sein. Das wird uns eine Frist geben, bevor sie neue Vorräte bringen und inzwischen können wir vielleicht durch• brechen. Wer meldet sich freiwillig?“ Da wussten wir es, dass einer von uns in den Tod gehen musste. Wenn sich keiner freiwillig meldete, so würde das Los entscheiden. Daher trat ich vor — ich fürchtete, dass das Los mich nicht treffen würde. ״Ihr habt Euch freiwillig gemeldet, Salo• mon?“ unterbrach ich ihn erregt. ״Und zum sicheren Tod? Was fiel Euch ein?“ ״Was mir einfiel?“ wiederholt״ er mit der Eigentümlichkeit unseres Volkes. ״Das Leben hatte für mich keinen Zweck, die Kugeln aber wichen mir aus, trotzdem sie rechts und links einschlugen; und wenn man es müde wird, auf eine Sache zu warten, so sucht man sie auf“ Er brach ab und wieder halte ,sei״ Auge den 11.turnerisch in dm f erne gerichteten Blick. Ich bedauerte ihn im Stillen. Mehr konnte ich nicht tun, denn es ist anmasscud, jemanden trösten zu wollen, wenn er das Geheimnis seines Ivummc1> nicht preisgeben will. ״Und doch seid Ihr davon• gekommen!“ sagte ich. um ihn aus seiner Trau* increi zu wecken. ״Wie ist das zugegangen >" ״Wie das zugegangen ist?" wiederholte er, indem er langsam aufblickte. ״Genau weiss ich es nicht mehr, ich bin ein alter Mann und cs ist lange her. Aber ich erinnere mich, wie ich durch die Gräben kroch, Zündschnur und Feuer• zeug in der Hand, als ich plötzlich eine 1 Find an meinem Halse spürte und ein junger eng• lischer Offizier, ein Riese wie Og, König von Baschan, auf mich niedersah.“ ״Was machst du da?“ fragte er auf russisch. Ich konnte nicht antworten, weil er mich so fest gepackt hatte; daher zeigte ich ihm die Zünd* schnür und das Feuerzeug und wies mit dein Finger auf das Pulvermagazin. ״So, so,“ sagte er; ״du wolltest uns in die Luft sprengen, nicht wahr? Du bist sehr ehr• geizig, aber das kostet dich das Leben.“ Uebfi• gens will ich dir einen Ausweg lassen — willst du sterben, oder dich ergeben?“

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