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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Berlin, den 22. Oktober 1909 — 7. Cheschwan 5670 Nummer 43 Dritter deutscher Judentag (S p c z i a l b c r i c 111 tu ז vl i e ״Jüdische R u ח d s c I1 a u“•) l 's war eine für die deutschen Juden trübe /x.. cs war in den Tagen der Konitz-Affaire, als Vi ,Vssor Martin P h i 1 i p p s o n die erste Anrcp.uttg zur Schaffung des ״Allgemeinen deutsche n J u d e n t a g e s“ gab. In stol* /c ׳. kraftvollen Worten, die von Herzen kamen, Ih's er seinen Weckruf erschallen, den er bescheiden ״l:.in Vorschlag“ überschricb. Uns /: nisten klangen die Worte nicht fremd, — wir li.iiien sie ähnlich in unserm Lage oft gehört. Aber den andern! ״Es muss alles versucht wer- A u, um diesem sich immer bedrohlicher gestal* 1 viulen Niedergange der deutschen JudcnheU .:nuegenzutreten. Dazu gehört vor allem, dass w 11׳ Selbstgefühl und Festigkeit wiedergewinnen, i•!" wir anstatt zu betteln und zu klagen, hinter andern herzulaufen, uns wieder auf eigene Pässe '־.eilen.“ Und weiter war in der ״Allgem. Ztg. D. Judentums“ gesprochen von ״alterprobter Tatkraft und Elastizität des eigenen Volks- Mammos“. Das war im Jahre 1900 in einem lichtzionistischen Organ der deutschen JucEn etwas Unerhörtes. Dem Wort folgte nicht gleich die Tat. Wohl bei Professor l’hilippson. Aber wenn er auch Präsident des deutsch-israelitischen Gemeinde• bundes war, die andern folgten so willig nicht. Fs fand wohl die eine und andere Konferenz statt, in der die Frage besprochen wurde, aber darüber kam man zunächst nicht hinaus. Und man zögerte umsomehr, als Professor Philippsoii eine sehr verdächtige Unterstützung gefunden hatte: die Zionisten propagierten die Idee des Judentages. Und in der Konferenz vom 3. Mai 1901 wurde Professor Philippson beschuldigt, ״vor den Zionisten Verbeugungen gemacht zu haben“. Ein Kapitalverbrechen: er hatte bei einem Vortrag in Berlin den Zionisten Gerechtigkeil widerfahren lassen. Konnte es damals schlimmeres geben? Ein Bildchen aus jetten Tagen: ln B r e s * lau, wo jetzt der Judentag tagte, hatte damals 41er gemeinde-offizielle Literaturvereiu eine ״Dis• Missions-Versammlung“ angesetzt. (Fr hat cs 'vitdem nie wieder gewagt.) Rabbiner th. G u 11 m a n n sprach über den Judentag. Fr 11 at warm für ihn ein. Aber nur unter einer einer Bedingung: dass die Zionisten sich davon fernhielten. Und ihm sekundierte der Vorsitzende des Vereins und Vorsteher der Ge-!aeinde mit einer schönen Wendung: alles, was die vatcrlandslosen Zionisten gutheissen, lehn} <r a priori ohne Prüfung ab. Als Zionisten das Wort zur Erwiderung verlangten, wurde cs ihnen nicht gegeben, weil sic nicht Mitglieder <ies Vereins seien. Als sie cs stürmisch verlangten, drohte man ihnen mit dem Hinauswuri .... Inzwischen ist einiges anders geworden. 1111 Juni 1901 erklärte Professor Philippscn i'ii einem Vortrag im Berliner ״Verein;.discher Studenten״ :״Uns lähmt noch ׳ יe alle Gheltofurclil. So ist der Judenkg augenblicklich tot, zur Freude aller Satten, Lauen mul Faulen. Hoffen wir, dass er v ieiler auferstchc.“ Aus der Diskussion jenes Mh'iicIs im V. J. St. möge der Vergessenheit ent• 11'Sen werden,dass von allen,die da sprachen, nur c i n ersieh gegen den Judentag aussprach, Herr M. A. Klausner, der Alliancemann. Im N'ovemher desselben Jahres lebte die Frage wieder auf. ״Der ZlonUmiu erstrebt (Ur dm lilditehe Volk dl» Seliullmitf einer ullenlllch-rechtllch aencliencn tkltnuluc •n l'tuutln«.'* Baseler Prouraaim. Aus üsm Inhal! Drlt.er deutscher Judentag. — Dr. Goldschmldt- Üiicnhach. (Hin aiuikritischcr Nachtrag.) Von Ur. Max Joseph- Stulp i. P. — Probleme der iiidischeit Emigration und Kolonisation. Von Davis T r i c t s c 11 - Berlin. — Tagung des grossen Aktionskomitees. — Das Jubiläum der Kattowltzcr Konferenz. -• Zur Psychologe des ,luiigiudcii. Von Dr. Locw y-Berlin. — Vom Kongress für hebräische Sprache und Kultur. — Mine Palästina-Ausstellung in Köln. — Aus aller Wellt — Zionistische Bewegung. — Voreinsruudschau. -־ Feuilleton: Dur Gefangene von Scbastopol. Von Samuel G 0 r d 0 n. — Miszellen. ln einem Rundschreiben eines vorbereitenden Ausschusses hiess cs u. a.: ״Es gibt kaum eine kvölkerungsklas'C, welche die Notwendigkeit der Gesam{Vertretung nicht erkannt hat, eine selche nicht besitzt oder erstrebt. Sollen die Juden in Deutschland etwa so lange warten, bis ihnen der Staat eine Gesamtvertretung auferlcgt? Die geistigen Kräfte des Judentums sind in Deutschland stark genug, um aus sich heraus eine Organisation zu sehaffeu, die keinen andern Zweck hat, als das zu fördern, was die Gesamt- Iu׳it der deutschen Juden selber als für sich dien* lieh erachtet. Ist cs ihr gelungen, den Juden die völlige laisächliche Gleichberechtigung zu erringen, dann kann sie dazu übergehen, auch den Glaubensgenossen im Osten ihre hilfreiche Hand zu leihen.Früher oder später muss es zu dieser Gesamtvertretung kommen, dazu drängen die Verhältnisse mit zwingender Notwendigkeit.“ Der Name ״Judentag“ war offiziell erledigt. Aber die Notwendigkeit der ״Gesamtvertretung“ erschien wohl auch den Massgeblichen noch nicht zwingend genug. Erst zwei volle Jahre später hörte man wieder von einer Konferenz, die sich mit der Frage befasste. Am 24. April 1904 kam es dann endlich zur Begründung des ״Verbandes d e r d e u t s c h e n Jude n". ״Wir müssen das Gcsamtbewusstscin des jüdisehen Stammes in Deutschland stärken und den Abfall brandmarken,“ sprach Philippson bei der Gründungs-Versammlung. Der Verband nahm sofort seine Tätigkeit auf, die mehr als alles vorherige Reden seine Existenzberechtigung erwies. Allerdings in der Haupts־,Vwhe eine stille geräuschlose Täiigkcit seiner Ausschüsse. Zur ersten öffentlichen Hauptversammlung kam es erst im Oktober 1905. Wenn sie auch offiziell nicht ״Judentag“ gcnanut wurde, der Name blieb nicht blos bei uns bestehen. 1907 war der zweite Judentag. Der dritte hat eben, am 17. Oktober in Breslau getagt. P.s war eine imposante, gut jüdische Vcranstaltung. Der ״Judeutag" wurde cingcleitct durch Pestgottesdienste, die in den beiden Breslauer Gemeinde• Synagogen am Sonnabend vormittag abgehulteit wttr* den. Zu Ehren des Taues waren die Gotteshäuser festlich mit Grün, mit Palmen und Blumen geschmückt. Am Abend war eine vertrauliche Vorbesprechung, •*־ eine ganz geschickte Einrichttmg, die die öücut* Helte Tau»!:׳,־ entlastet und ihre demonstrative Wirkung erhöht und siehcrstcllt. Allerdings gehört dazu dcutscli-prcussiscltc Gewöhnung an Disziplin. Nach def Vorbesprechung, die etwa 2E1 Stunden wahrte. wurden die Delegierten von der Breslauer Gemeinde offiziell begriisst und bewirtet. Die Eröffnung Die Tagung fand am Sonntag vormittag im grossen, etwa 3000 Menschen fassenden Konzerthaus* Saale statt. Schon eine Woche zuvor waren alle Zuhohrerkarten vergriffen. Um die für die Eröffnung festgesetzte Zeit erschien als Vertreter des Rcgieruugs- Präsidenten ein Rcgicrungsrat, spater, während der Rede Dr. Outtmanns, auch der Oberpräsi* dent der Provinz Schlesien, Stuutsminister Exzellenz von Zcdlitz-Trü tzsch ler, in Be• glcitung eines Rcgicrungsasscssors. 402 Delegierte waren angemcldet, von denen 3iS erschienen waren. Von unsern Gesinnungsgenossen sahen wir: Dozent Dr. Ban c th• Berlin, Rabbiner Dr. Eppe 11 stein• Friesen. Dr. P r a n k-Altona, Dr. Beruh. Kahn• Berlin. Rechtsanwalt Köllen sc her - Posen, Dr. A. Sandler und Hugo S c h u c 11 tc 1• Breslau, 1 lermann Struck- Berlin und Arnold Wiener- Kattowitz. b.ttizrat Dr. H 0 r w i t z Berlin eröiinetc die Verhandlungen und begrusste die Anwesenden. Der Rcgicrungsrat sprach ein paar Worte des Dankes und gab dem Wunsche Ausdruck, dass die Forderungen des Verbandes sich erfüllen mögen ״zum Wolde des Vaterlandes — im Sinne ües staatserhaltenden l’rinzips." Justizrat 1101 witz erstattete dann den Gcscliaf isbcriclit. Alles und neues TcsUimcnl Darauf mh'te die Rede des bekannten Dre.daucr Ucmeinderabbmers Dr. üu Um a ״ : 11 חDie Idee der Verso h tt u u g im J u d e n t um." Die Rede war der geistige Höhepunkt des Judentages. Die tiefstgeiulilte ehrlichste Entrüstung über die ge-!lässigen Bemühungen moderner christlicher Theologen, den Ideengehalt des Judentums zum grosseren Ruhme des Christentums herabzusetze», liess den Redner seine glänzenden, klaren Ausführungen mit liiurcisscndcm Schwünge vortragen. In »־lammender Begeisterung wahrte er den jüdischen Standpunkt gegenüber dem christlichen, und stellte in scharfer Polemik, nicht ohne Ironie, dem christlichen Erlöser- Glauben die ethisch höhere jüdische Lehre von der Versöhnung, für die cs keines Mittlers zwischen Gott und Mensch bedarf, entgegen. D.is Streben nach Heiligkeit verlangt im Judentum keine Abtotu.tg des Fleischeskeinen Verzicht aui die Genüsse des Lehens. Das Judentum kennt keine unüberbrückbare Kluft /.wischen Natur und Sittlichkeit, keinen tiefen Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit wie andere Religionen. . . 1111 Judentum ist jeder sein eigener Priester. Das ewige Heil des Menschen ist im Judentum auch nicht abhängig von dem Aussprechen gewisser Watte, ohne die es bei anderen Religionen auch für den Frömmsten kein Heil gibt. Wir Juden haben eine andere Vorstellung von dem Gotte der Liehe .... Der Redner, der stellenweise mit zornbehender Stimme seine Verteidigung des Judentums, die zur Anklage für die anderen wurde. Iiinausricf, riss die Masse der Zuhörer gewaltig mit sich fort und entflammte• in ihnen eine manchem bis dahin ganz unbekannte Begeisterung für sein Judentum. Lautlose Stille herrschte im weiten Saale. Und als der Redner fertig war, folgte ein Beifallssturm, der sieh lange nicht legen wollte. Ein Zwischenfall Aber cs «ab auch welche, die da nicht mit einstimmUn. Nicht in! Publikum, auf den Galerien, aber unter den Delegierten. Den Herren Kommerzienräten, Gelicimrätcn, lustizraten mul Lnndtagsabgeordncten war das gar nicht so recht gewesen, was der Redner da gesagt. Auch manchem Rabbiner nicht. Einer der Offiziellen,einer den sic glaubten, so ganz zu sich zählen zu können, wagte mit solcher Schärfe gegen das Christentum zu polemisieren. (In diesen Reihen konnte man Gesichter erbleichen sehen. . . .)

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