Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Abend vor dem Roschhasehana-Fcst benötigte man im kaiserlichen Falasto einige Matratzcnmachcr. Es wurde ins Jmlcnviertcl geschickt und einige Hand* werker zu Uoic beordert. Die Juden wendeten ein, dass das Neujahrsfest begonnen habe, und dass iliro religiösen Vorschriften ihnen die Arbeit am Festtage verböten. Das rührte den Kümmerer wenig. Er liess die Juden in Ketten legen und so die Nacht hindurch ihre Arbeit verrichten. Einer von ihnen, der sich aufsüssig zeigte, wurde in grausamer Weise mit Stücken geprügelt. Der Qrosswesir, der als rechtlich denkender Mann bekannt ist, vcrspracli auf Ansuchen der De* schwerdcfülirer heim Sultan vorstellig zu werden, machte aber wenig Hoffnung, dass cs ilmeu gelingen werde, gegen den mächtigen Einfluss, den der Kümmerer bei Hofe gcnicsse, aufzukoinmen. I Amerika Die amerikanischen Arbeiter und die Immigrallonsgeselzc Unter der organisierten Arbeiterschaft in Amerika wächst immer mehr die Bewegung gegen die jetzigen Einwanderungsgesetze und für eine weitgehende Ein- Schränkung der Immigration durch eine Verschärfung dieser Gesetze. Die hiesigen Arbeiter gelangen immer mehr zur Ansicht, dass die gegenwärtige grosse Arbeitslosigkcit in erster Reihe durch den gewaltigen Zustrom von fremden Arbeitern verursacht worden sei. Vor den Chinesen, Japanern und Hindus, die in ihrem Existenzbedarf sehr anspruchslos sind und den hiesigen Arbeitern eine empfindliche Konkurrenz durch niedrigere Arbeitslöhne machten, sind die Tore Amerikas gänzlich verschlossen worden. Am liebsten möchten die inländischen Arbeiter dasselbe Verfahren auch gegenüber den ans Europa einwamlernden Arbeitem angewendet sehen. Diese Arbeiter, so behaupten sic, hätten geringere Lelxmsansprüchc und begnügten sich deshalb mit niedrigeren Arbeitslöhnen; sic kämen hierher gewöhnlich nur für kurze Zeit, um hier zu Geld zu kommen und nachher damit wieder hcimztikehrcn. Ausserdem bildeten hier die fremden Arbeiter besondere Kolonien, sic assimilierten sielt nicht mit den Amerikanern und blieben deshalb iort* dauernd bei ihren geringeren Unterlialtungsbediirf* nissen, wodurch sic den inländischen Arbeitern zu gefährlichen Konkurrenten im ökonomischen Kampfe würden. Die organisierte amerikanische Arbeiterschaft verlangt deshalb eine Verschärfung dec lmmigrutionsgesetze und stellt dabei folgende Forderungen: 1. Es sollen in Amerika nur solche Emigranten Einlass finden, d c r p n heimatliche Lebensbedingungen den amerkan!sehen entsprechen. 2. Jeder Neuankommende soll 10 Dollar — statt der jetzt vorgcschriebcncn 1־ Dollar — entrichten. 3. Jeder Immigrant, der nicht zur Kategorie der politisch Verfolgten gehört, muss 25 Dollar und eine Fahrkarte bis zutn Reiseziel besitzen. 4. Jeder Einwanderer über 14 Jahre muss die amerikanische Konstitution in englischer oder seiner Hcimaissprachc lesen können. Es sei licrvorgchohcn, dass die Unzufriedenheit der amerikanischen Arbeiter mit dem wachsenden Immigrationsstrom hauptsächlich durch jene Einwan• dcrcrkatcgoricn hervorgerufen worden ist, in der die Juden verhältnismässig wenig vertreten sind, und die besonders viel Polen, Italiener, Magiaren und Slovakcn umfasst. Es ist jedoch klar, dass eine Erfüllung der angeführten Arbeiterfordcrungen auch den jüdischen Emigranten die Einwanderung in Amerika so gut wie unmöglich machen würde. *H Der New Yorker Rechtsanwalt Huschkin hat Im Aufträge von einigen jüdischen Gesell* schäften in Brooklyn einen Protest gegen den Einwanderungskommissar auf Ellis* Island, William Williams, an den Handels* minister gerichtet. Im Protest wird darauf hinge* wiesen, dass Williams zur Einschränkung der lmml* gration solche Massnahmen anv/endet. die im Pa r* 1 a m c n t vorgcschlagcn und von diesem ausdrücklich verworfen worden sind. Hoffentlich wird der Minister dem Kommissar klar machen, dass er kein Autokrat sei und nicht über den Gesetzen stehe. Nach offiziellen Mitteilungen sind in den Vor* einigten Staaten von Nordamerika im Monat Juli d. J. 66 218 Immigranten, darunter 9 357 Juden, 11 954 Italiener, 7 855 Polen, 5 049 Deutsche, 3 516 Engländer, 2 324 Griechen, 1485 Kroaten, Slavonlcr ln demselben Monat sind 2330 zurückgeschickt worden, und zwar: 1850 weil sie dem Lande zur Last fallen würden 181 wegen ansteckender Krankheiten, 64 kontraktbrüchige Arbeiter, 35 Verbrecher, 25 unsittliche Frauen« 23 Epileptiker, 19 Juioten, 17 Kinder untor 16 Jahren, die ohne Eitert kamen. u. a. Einwanderer Argentinien ln Argentinien sind im Jahre 1908 255 710 Einwanderer (Zwischendeck-Passagiere) cingctroffcn. Ausserdem kamen noch 16223 Personen in der I. und 11. Klasse. Im vorhergehenden Jahre betrug dio Zahl der Einwanderer um 46607 weniger. Von den lmigrauten im Jahre 1903 waren 125 479 Spanier, 93 490 Italiener, 9111 Syrier, 8 500 Russen. 3 823 Franzosen, 2 551 Oestcrrcichcr, 2 469 Deutsche, 2—083 Portugiesen, 1879 Engländer u. a. Nacli Konfessionen verteilten sielt die Imntigranten: 237998 Katholiken, 5 444 Juden, 12268 verschiedene andere, PALfieSTINA-RUNOSCHAU Abschaffung der ״Koten Scheine" in PuUistina Aus Konstantinopcl kommt die erfreuliche Nachricht, dass die türkische Regierung die bisher vorgcschriebcncn ״Roten Scheine" für die int Jaffacr Hufen cintrcffciiden fremden Juden in einer offiziellen Mitteilung abgcschafft hat. Dieser Schritt der türkischen Regierung wird in der gesamten Judenheit die grösste Genugtuung hervor* rufen. Er bedeutet die Beseitigung eines moralisch drückcndca und auch faktisch wesentlichen Mindernisscs auf dem Wege der, jüdischen Einwanderung nach Palästina. ln Jerusalem fand kürzlich eine Versammlung palästinischer MI s ra c h is t en statt, an der asclt* kettasischc, sephardischc, grusinische und jemenitische Juden tciliialiuicn. Die Versammlung beschloss, am Jaffacr Weg eine neuu Kolonie zu gründen, die aus 5000 Dunam Land bestehen soll. Ein Grusinier erklärte sich bereit, für sich allein 800 Dunam Land zu kaufen. RUNDSCHAU D£R PfteSSß ״Jüdische Z itun.C", Wien Unter dem Titel ״Eine frohe Botschaft" schreibt unser Wiener Hrnderblatt Uber die gemeldete Bewilligung der Jüdischen Kurie in Bosnien: ״Die jüdische Kurie für den bosnischen Landtag ist bewilligt! Die Proklamierung der bosnischen Verfassung, die nach authentischen Nachrichten im Laufe dieses Monats •— also noch vor Genehmigung des Annexionsgesetzes durch die Parlamente — erfolgen dürfte, wird die gesunde Neuerung enthalten, dass die Juden eines Landes zu einem Wahlkörpcr vereinigt sind und als Juden ihren Vertreter ins Parlameut entsenden. Wir sind nicht gewohnt ins grosse Horn zu blasen: Aber dieser Erfolg der Jungjüdischen Politik macht der Energie und der Schaffensfreude des iüdisehen Klubs alle Eitre. Den grössten Anteil an dieser Errungenschaft haben nttürlicli die bosniseh-licrzegowinisclicn Juden selbst. Dieses Häuflein von 12000 Menschen hat sich als ein treffliches, jüdisches Mcnschcnniatcrial gezeigt. Sic haben der Judenheit des Qcsamtrciches einen grossen Dienst erwiesen, indem sic energisch ihre eigene Kurie wünschten. Sic haben nachdrückliehst bekannt, dass sic nicht gesonnen sind, zu Bütteln fremder Gruppen herabgedrückt zu werden. Sie wollten nicht als Nachläufer anderer Parteien Unheil stiften und sich selbst, wie das ganze L a u d, s c h ä d I g e n. Noch von ctumu höheren Gesichtspunkte darl man das neue Lundesstatut, das den Brüdern im Anncxionslunde nebst der Virilstimmc des Grossrabbiners von Sarajevo einen gesonderten Landtags- Wahlbezirk einräumt, mit Genugtuung begrüssen, Die österreichische Judcnsdiaft hat nicht umsonst den Leidensweg der Assimilation zurückgclcgt. Wenn heute im ehemaligen Okkupationsgebiete der Pariamentarismus inauguriert wird, findet er die Judenschuft schon in einer ganz anderen politischen Ver« fassung vor. Selbständige politische Betätigung gilt dort unten als natürlich und selbstverständlich. Das Zerrbild jüdischer Chauvinisten ln fremdnation i a 1 c r Umgebung ist durch das Landesstatut einfach unmöglich gemacht, Damit ist aber auch dem Antisemitismus der ergibigste Nährboden entzogen. Wir konstatieren das alles ruhig, aber freudig. Die Entwicklung gibt uns Recht und bestätigt in Bosnien als nützlich und vernünftig, was von uns programmatisch für das Gcsanitrclch angcstrebt wird. Wenn die Regierung jetzt erklären sollte: Was für die Juden des Annoxionsgebletcs recht ist, ist für dio J u(Jen der Bukowina nicht billig, so widerspricht sic sich selbst, oder sie gibt zu verstehen, dass sie unter der Fuchtel der ״Neuen Freien Presse" steht, die allein .noch ein Interesse daran hat. dass unsere Kurio für dio Bukowina nicht zustande kommt." zionistisch bewcgung Mitteilung des Bureaus des IX Zionlstcn-Kongrcsses Für die Ausgabe von Tribünen karten f ü r O a s t e ist die Bestimmung getroffen worden, dass ein Teil der verfügbaren Plätze als nummerierte Sitze für Voran meid u n g e n reserviert wird. Solche Anmeldungen sind unter Beifügung einer VonncrkunESf׳ebül1r von 1 Mark (auch in Briefmarken aller Länder) pro Flat/, an das Kongress-Bureau zu richten. Bei der zu erwartenden grossen Nachfrage empfiehlt cs sich, die Vormerkung möglichst bald erfolgen zu lassen. Adresse: Bureau des IX. Zionisten-Kongresscs, H a m b u rg, Oros:e Bleichen 65 1. — Telcgr.-Adr.: Orghip-1 lam• bürg. Tetephon: Amt 1V, 5555. >;t Vom Vorsitzenden der zionistischen Ortsgruppe in Frankfurt a. M. gehen uns die tulgciKicn Zeilen mit der Bitte um Veröffentlichung zu: ״Die letzte Nummer der ״Jüdischen Rundschau" beschäftigt sich in einem Artikel mit den Sumo,dingen für den Nationalfonds in Deutschland und zieh: dabei Vergleiche zwischen den diesjährigen und vorjährigen Eingängen der einzelnen Ortsgruppen. Hierbei schneidet die Ortsgruppe Frankfurt ״. M. schlecht ab, da diese laut Ausweis der statistischen TuIkT.c i״r das l.Scmcstcr 1909 in einer früheren N1m.11.er der Rundschau nur 6 Mark für ölbäume und 2,50 Mark für den Nationalfonds zusammen gebracht habe, während die Sammlung des vorigen Jahres diesen Betrag weit überschreitet. Diese Tabelle ist!׳.•doch unrichtct, da noch Ende Juli 1909 von der Ortsgruppe Fruankfurt a. M. 694,28 Mark der Nationalfond-Verwaltung für Deutschland teils für ()!bäume, teils iur den Nationalfonds überwiesen wurden: allerdings konnte eine Spezifikatio!!dieser Sendung erst vor einigen Tagen nach Uerlin gesandt werden, immerhin hätte wohl ein diesbezüglicher Vermerk sieh m dem statistischen Ausweis befinden dürfen. — Bei dieser Gelegenheit mag noch darauf hingewiesen werden, dass aus folgenden Gründen die statistische Tabelle kein vollständiges Bild der Leistungen fnr den Nationalfonds ergibt. In der Tabelle befinden sieh nämlich anscheinend nur diejenigen Beträge, welche von den einzelnen Ortsgruppen in bar gezahlt wurden, nicht jedoch solche, für welche Marken oder Telegrammformularc gekauft wurden. So hat z. B. d e Ortsgruppe Frankfurt a. M. von einiger Zeu einen grösseren Posten Marken und Telegrammformulare in Kommission genommen, um durch deren Verkauf in verschiedenen Geschäften agitatorisch iur den Nationalfonds zu wirken. Die Summe von 2»»! Mk., welche die Frankfurter Ortsgruppe ausser den bisher erwähnten Beträgen im Laufe des 1. Semesters 191» an die Nationalfondsverwaltung abfiilirte. ist der Ortsgruppe auf dieses Konto gutgcscltricbcn worden, ohne dass dieser Betrag in der Nationalfonds-Statistik aufgefuhrt worden ist. Bei diesem Verfahren Konnten sich die Ortsgruppen leicht dazu verleitet sehen, um den Ausweis ihrer Leistungen für den Nation.!Ifunds zu erhöhen, statt Marken und Telegrammformulare zu kaufen, diese Betrage gleich in bar an den Nationalfonds abzuführen. Es würde sielt daher empfohlen, auch die diesbezüglichen Leistungen der deutschen Ortsgruppen statistisch zu verarbeiten. Jedenfalls stellt soviel fest, dass die Ortsgruppe Frankfurt a. M. im l. Semester 1909 mindestens 900 Mark für ölbäume und für den Nationalfonds nach Berlin gesandt hat." # Frankfurt a. M. Das Bureau des Mfsrachl für Westeuropa, Allerlieiiigcnstr. 3, schreibt «um ln* folge der verzögerten Ablieferung der für den .Misraciii gesammelten Schekel konnte die formelle Bä* düng der Misrachiföderation noch nicht vorgenmnmen werden. Da aber nach den Berichten der Ver* traucnsm’änncr die Ihr die Föderationsbildung notige Zahl der Schekclzahlcr bereits stark überschritten ist, wird die Bildung der Föderation noch rechtzeitig vor dem Termin der Kongrcsswahleii erfolgen können. Oesinnungsgenossen, die bereit sind, ein Kongressmandat anzunchnten, werden deshalb er* sucht, uns dies baldigst mitteilcn zu wollen. Zugleich werden die Vertrauensmänner in den einzelnen Liindern ersucht, für die schleunige Ablieferung der bereits avisierten Schckclgcldcr sorgen zu wollen. ___ I VOM HILFSVeReiNi Am 20. September fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des g c s c It ä f 1 si ü I! * renden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt, der Herr Direktor Ephraim Cohn aus Jerusalem als Gast beiwohnte. Es wurde eine Reihe von Bewilligungen für Zwecke der Auswandererfürsorge und für Schule» in Deutschland, der Schweiz, Bulgarien, Galizien. Rumänien, Russland, der europäischen und asiatischen Türkei vollzogen. Unter andern! wurden die Stil'• vcntloncn erneuert: für die vom Hilfsvercin entsandten deutschen Lehrer an der Schule der israeliti* I sehen Kultusgcmcindc in Phllippopcl; für den Kindert garten fn Koiomca; für den Wiener Hilfsvercin iw*׳ * die notleidende'jüdische Bevölkerung in Galizien ah ־