Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42. JUEDISCHE RUNDSCHAU, Seite 467. ** I■"■ I 11■%! א1■ ח י u Merkspruch ״Wer gebeten wird, Ist so lange Irel, bis er versprtdit.“ (Calmud). Im Stroh Der kleine Erich öffnet vorsichtig die Türe zum ׳Wohnzimmer und «tickt hinein. Die Mittagsonnc liegt freundlich auf allen Schranken und Möbeln, und tiefe Stille ist in dem Gemache. Vom Sopha her dringt d.ts leise Atmen des Vaters, der sein Mittagschläfchen liiilf, und im Sehaukelstuhlc am breiten Fenster vor den Topfgewächsen, die rot im Sonnenlichte blühen, nickt die Mutter, Sonnenschein im Haar und auf den M.nulcii. Die Uhr tickt leise und eintönig. Der kleine Junge zieht die Tür wieder hinter sich zu. Er weiss, dass in diesem Augenblicke der Vater, brummend über die Störung, sich auf die andere Seite legt, und läuft eilig durch die Küche, wo dunkle Hiegenschwäriue unter der Decke summen, in den Hoi, Was tim? Alles ist still. Durch das eine Fenster sicht er, wie im Laden der eine junge Mann schläfrig am' einen Warcnballcn sitzt und die Zeitung liest und der andere lang ausgestrcckt auf einer Kiste scltiuminert. Die grossen Kastanlcnbäumc inmitten des )totes riihrcn kein Blatt und hüten die grüne Dümiiienmg unter ihren Kronen, ln einer Ecke sitzen die lliilmcr still und anfgcplustcrt. Nun geht Erich in den Torfstall, klettert im Duckcin auf einen schwarzen Berg mul stürzt mit in die Tiefe. Er wird schwarz bemsst von oben bis unten. ״Nun bin ich ja doch schmutzig“, denkt er und klettert weiter. Endlich gelangt er auf den Strohboden und sucht nach Eiern, iindet aber keine. Da legt er sich, müde geworden, lang ins Stroh, mit dem Blick nach der offenen Luke. Drausscn flimmert die Sonne auf den Dächern. — ״Gack, gack, gack", sagt das Huhn und kommt naher. ״Was tust du hier? Eier suchen? Gack?" ״Ich wollte ja nur", erwiderte Erich ängstlich, denn ihm ist bange vor den roten Augen und dem spitzen Schnabel. ״Meine Eier? Gack, gack," erbost sich das Huhn und springt auf seine Brust, ״ich bin ganz ausser mir. ,Was sagen Sie dazu, Frau Truthenne, gack?" ״Kauderaudcraudcr," schüttelt die aus ihrem Halse heraus, ״cs ist wirklich unerhört. Hacken Sic ilun die Augen aus, Frau Kluckhcnnc, kauderauder." Dem kleinen Jungen wird cs schwül. Jetzt sitzen sic beide auf seiner Brust und starren ihn an. ״Wollt ihr wohl weg," sagte er und hebt die Hand hoch. Kreischend und gackernd und flügclschlagcnd springen sic auf. Mit einem Male aber ist der ganze Hülmcrhoi da. Voran der Hahn, vornehm und langstclzig. Sic setzen sich alle um ihn herum. Der Halm fliegt auf einen Balken und kräht. Da hacken sic plötzlich mit den Schnäbeln in seinen Anzug und ilicgcn mit ihm zur Bodenluke hinaus. Aui einen rauchenden Schornstein legen sic ihn nieder, bis er kaum mehr Atem holen kann und ganz nacii Rauch duftet. Dann packen sic ihn wieder, legen ihn unten im Hühncrhof in eine mit Wasser gefüllte Krippe und warten unter Gackern, Kaudcrn und Krähen, bis er ganz von Wasser vollgcsogcn ist. Unterdessen ist es am Himmel ganz rosenrot geworden, die Sonne geht unter. Da tragen ihn die Hühner za einem rosigen Wölkchen hinauf und fliegen in den Hcf hinunter. Ihm ist etwas bange, wie et p.ttt eigentlich hinunterkommen solle. Aber cs gibt hier oben so viel zu sehen, dass er alles andere bald vergisst. Am grossen Fenster unten erblickt er ganz deutlich die Mutter, die noch immer schlummert, und cs wundert ihn sehr, dass sic jetzt am Abend noch nicht auigewacht ist. Uebcrhaupt kommt ihm heute ■Wies so merkwürdig vor. Die jungen Leute im Geschäft haben sich noch immer nicht gerührt, und die Hühner drütein wie vorhin ln der Ecke, als sei nichts geschclicn. Er sicht, wie die Menschen alle durch die Gassen gehen in dem schönen, rosigen Abendlichf, und er kennt sic alle genau. Da geht die Frau Strumpfstrickerin Becrmann zum Fleischer Schäfer, um ihre Wurst zum Abendbrot zu holen. An der Ladcntür trifft sic die Frau Schneidermeister Ungar, und beide gehen hinein. Aber Erich hundert sich, dass er die Türklingel nicht rasseln hört, obwohl er deutlich sicht, wie sic auf und niedcrschwingt, und nun füllt ihm wieder ein, dass er ja auf einer roten Wolke durch die Luft segelt. ״Ach, die Mutter schläft ja noch," denkt er, ״da kann ich bis zum Abendbrot hier oben bleiben." Da unten blinken jetzt an einigen Häusern die Fenster auf. Erichs kleine Freundin Mila geht mit Rangstreit Eine! clriif mit dem Welzenkorn Stoppe! und Der Streit entbrannte lichterloh, IStroh, Well jeder wähnte, dass der Mensch das Feld Dor allem seinetwegen Hab’ bestellt. Lang wogt hierüber hin und her der Krieg, Bis dass der Welzen, als der Klügste, schwieg. Was soll das Streiten, dacht’ er, Ich will schwelgen, Sobald die Zelt erfüllt Ist, wird slch's zeigen. Als nun die Zelt der Ernte Ist gekommen, Hat Ihn allein des Feldes Herr genommen, Das Stroh Hess er als wertlos liegen, Die Stoppel in das Erdreich pflügen. Da war es allen dreien klar, Wer ihm von ihnen der liebste war. So wird auch über Menschenwert erst nach dem Der Herr des Lebens Antwort geben. [Leben (Auo״Ewl0c Wd9hcll*. Spruchpocale den Talmud. UcbcrocUt von Dax Wclnbirp. V.'rljg von Olto Hendel, Mail* nB.) dem Brotbeutel zum Bäcker nach Saucrbrütchen, und Hinter ihr her kommt der alte Lehrer Richtstcin. tiefsinnig den Stock am Kinn. ״Den Beiden möchte ich aber gerne etwas hinunterwerfen", fällt dem Jungen ein. Hastig greift er um sich und fühlt mit einem Male etwas Rundes in seiner Hand. Ein gold* rotes Ei, hurra! Nun aber vorsichtig. So. Plumps, da fällt cs dem Lehrer vor die Fiisse. Wie der zusammenschrickt, Aber was ist das? Mit einem Male fliegt vom Boden, wo das Ei zerplatzt ist, ein goidrotes Wölkchen auf, steigt in die Luft und segelt langsam davon. Der Lehrer und die kleine Miia stellen da und gucken unverwandt in die Höhe. Ericit aber lacht und lacht, bis ihm die Augen tränen. Da sicht er den Bürgermcistcr vom Magistratshausc über den Markt kammen, ihm entgegen gellt die Frau Prediger. Aber gerade, wie er den Hut lüftet, lässt er ihm ein Ei, das er wieder in seiner Wolke gefunden, auf die Qlatze fallen. Ein rosiges Wölkchen dampft auf und steigt empor. Beide stehen regungslos und offenen Mundes da, der Bürgermeister hält sich seinen Kopf und sicht seltr dumm aus. Mit einem Maie läutet die Schulgiockc und eine grosse Schar von Kindern drängt siel! lärmend und balgend über den Markt. ״Jetzt am Abend?" wunden sielt Erich, ״das ist doch sehr sonderbar." Aber sogleich fallen ihm seine goldenen Eier ein; schnell greift er in seine Wolke und bumms, bumms, wirft er ein Geschoss nach dem andern hinunter. Vom Markt steigen viele kleine Wölkchen auf, ein grosses Lärmen hat angefangen, denn alle Kinder tanzen und Impfen und greifen .nach den Wölkchen. Immer mehr Menschen strömen herbei, alles stellt und zeigt gen Himmel. Erich wirft jetzt mit vollen Händen; sein Entzücken ist ohne Grenzen. Einmal wirft er im Uebormut ein Ei nach den Hühnern. Da kräht der Halm, die Hiihncrschar fliegt rauschend auf und umkreist schreiend söinc Wolke. Er aber hat keine Furcht mehr und verscheucht sic mit einem Hagel von goldroten Eiern. Da fliegen sic wieder zur Erde und hocken still in ihrem Winkel. Jetzt schaut er nach der Mutter. Die schlummert noch immer hinter den grossen Blüten am Fenster. Da wirft er eins seiner Eier an die Scheiben. Die Mutter fährt auf und reibt sielt die Augen. Dann tritt sic dicht ans Fenster und blickt zum Abcndltimmcl empor, grade auf seine Wolke. Er winkt vergnügt und ruft, sic aber sieht und hört ihn nicht, Nun möchte er gern hinunter und will seine goldenen Eier werfen, damit die Mutter ihn bemerke. Sic wird ihn sicher schon herunter holen, denn sic kann alles. Aber zu seinem Schrecken ist Ute Wolke ganz dünn und durchsichtig und leer geworden, dazu steigt sie Immer höher. Eben will er ganz ve/zwcifclt nach der Mutter rufen, da hört er deutlich ihre Stimme aus weiter Ferne. Glücklieh streckt er beide Arme aus füllt Uber den Rand der Wolke und stürzt und stürzt, kopfüber. Dann gibt cs einen Ruck. ״Erich, wo steckst du?" ruft die Mutter Jetzt wieder, ״willst du keinen Kaffco haben?" Da reibt Erich seine Augen, sieht sich verwundert auf dem Boden um und atmet tief auf. In der Ecke drüben schimmert ein weisses Ei. Das nimmt er mit und bringt cs der Mutter. ״Sichst du, Mutter," sagt er, ״eins hab’ Ich noch mitgebracht, cs Ist aber nur ein weisses." Sa io Cohn. Jephtha und seine Tochter Fröhlich kam der rohe Krieger Jcphtlui von .seinem Kriege zurück. Er hatte vor der Schlacht ein unbedachtsames Gelübde getan, dem Herrn zum Opfer zu bringen, was ihm aus seiner Hütte zuerst entgegenträte. Und siehe, da kam seine Tochter ihm entgegen, sein einziges Kind. Jauchzend trat sie heraus mit Pauken und Saitcnspicl; doch bald ward ihre Freude in Leid verwandelt. Ich, meine Tochter sprach er, wie beugst du mich? Aber ich habe cs gelobt und kann nicht widerrufen. Vergebens trat der Hohepriester hinzu und bclehrte ihn, dass Gott ein solches Opfer nicht fordere, dass er verabscheue das Blut des Kindes, das von der Hand des Vaters vergossen werde auf Oottes Altar. Der harte Krieger wollte seinem Gelübde nicht entsagen und erlaubte seiner liebenden Tochter kaum, noch mit ihren Qcspiclinncn auf eine kurze Zeit auf die Berge zu gehen, um ihre Jugend daselbst zu bcweinen. Und als sie statt des Jubclgcsangcs, mit dem sic ihren Vater empfangen hatte, den Ton der Klage jetzt begann und ihren nahen Tod bcwillkommnctc, siehe, da gesellte eine Turteltaube sich zu ihr und vcrlicss sic nicht, und girrte in ihre Töne, als ob sic sic trösten wollte. — Aber die Jungfrau vernahm die Stimme der tröstenden Taube nicht, und nach Verlauf von zwei Monaten kam sic zu ihrem Vater und sprach: Hast du gelobt, mein Vater, so tue mir, wie du gesprochen hast; und ging wie ein Lamm zum Altar. Und als der Grausame das Messer fasste und seine Rechte erhob; siehe, da stand mit zürnendem Blick Vater Abraham bei dem Altar und griff in seine Rechte. Unbesonnener, sprach er, tue dem Kinde nichts; Gott will kein solches Opfer. Er nahm das!«einige nicht an. weiches er einst prüfend von mir verlangte. Du aber, harter Mann, sollst ohne Kinder sterben. Er sprach cs und verschwand. Und siehe, da flog die Turteltaube hinzu, und ward statt der erretteten Jungfrau durch die Bande des Hohenpriesters für sic ein Opfer. Freudig zog die Tochter jetzt abermals mit ihren Freundinnen auf die Gebirge, und dankte Gott für ihre ncugcschcnktc Jugend. Aber sic starb bald; unJ auf ihrem Grabe girrte die andere Turteltaube, der geopferte Qattc. Und alle Töchter Israels beweinten Jephthas Tochter, und gingen jährlich vier Tage hin, sic zu bc* klagen, und ihre Errettung zu feiern. Rätsel Wcr’s sucht, der braucht nicht weit zu laufen, Wer cs besitzt, der kann sich’s kaufen, Wcr’s trägt, der wird nicht leicht ermüden, Wctn's fehlt, der ist gewiss zufrieden, Wcr’s braucht, dem brauchst du’s nicht zu geben, Wcr's lernt, der kommt nicht weit im Leben, Wcr's tut, der wird vielleicht verderben, Wcr’s hat, betrübet seine Erben. Silbenrätsel Aus den Silben: au — bu — dien — chi — do — c — c — ei — cn — ent — csch — es — feid — gen — han — hil — in — lei — ler — li — mä — na ־— ital — nau — ni — 0 — ot — ra — rei —- ri —. ru — ti — tri - re - zcl sind 11 Worte zu bilden, deren Anfangs- und End* buchstabcn, beide von oben nach unten gelesen, den Namen eines berühmten jüdischen Schriftstellers und seines bekanntesten Werkes ergeben. Die Worte bcdeuten: 1. Gerichtsstättc. 2. Biblischer Fraucnnamc. 3. Prophet. 4. Ocstlichc Länder. 5. Deutsche Stadt. 6. Wcibl. Vorname. 7. Insel im Bodensce. 8. und 9. Jüdische Schriftgclchrtc. 10. Königreich. 11. Stadt in Hannover. Briefkasten B. M., Kattowitz, E. S., Breslau. Da lässt sich nun mal nichts tun, die ״Grossen" gelten vor.' Wenn irgend möglich, erscheint ״Jung-Israel" mit jeder zweiten Nummer der ״J. R." Nichts für ungutl Auch die Preisrätsel mit schönen Preisen kommen bald wieder. Freundliche Qrüsscl