Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 466. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 42. Zionismus geradezu das Produkt der völligen religiösen Entfremdung ehrlicher Charaktere ist, die zu stolz sind, um die Palme des Bedrückten zu verlassen und die auf der anderen Seite sich gar keine Mühe geben, zur Religion zurUckzukchrcn, wenn sie ihr nicht überhaupt feindlich gcgcnilberstehen? Kann man nicht als Atheist ein guter Nationaljude sein? Kanu man nicht ״Jude christlicher Konfession“ sein, wie der schon erwähnte Herzensteiu sich nannte? Der Kernpunkt meiner Auffassung ist der folgende; Au einem Judentum, das von der Religion losgelöst ist oder von ihr auch nur lösbar ist, haben weite Kreise des Judentums kein Interesse, und da der Zionismus die Religion von ihrer Stelle verdrängt und sic zur Privat* und Nebensache macht, müssen sie ihn für verkehrt und schädlich halten. Ich gestehe Ihnen zu, dass ihr Versuch, die Reiigiou mit dem modernen Nationalismus zu ver* binden, einer eingehenderen Widerlegung bedarf, als cs im Rahmen einer kurzen Zeitungsbesprcchung möglich war. Ich hoffe, dass ich Zeit und Gelegen* heit dazu haben werde, an anderer Steile Uber diesen Teil Ihres Uucltcs mich genauer zu verbreiten. Was ich sonst zu berichtigen habe, sind Kleinigketten, aber auch sic seien erwähnt. Sic rühmen der Zionisten Mitarbeit au den grossen Institutionen und geben gleich ein glänzendes Beispiel in dem, was Sie iiber den ״Centralvcrcin deutscher Staatsbürger jiidi* sehen Cilaubeus" schreiben. Dass diese Kampf- Organisation, die Orthodoxe wie Liberale, Zionisten und Nichtzionisten in gleicher Weise umfassen will, zu Ihrem Buche keine Stellung nehmen durfte, weil sic eine geschlossene Einheit nach aussen darstellcu muss und nicht die trennenden, inneren Streitfragen betonen kamt, das hätten Sic wirklich längst cingcsehen haben können, Herr Kollege! Die Tatsache, dass neben vielen Andersgesinnten auch einige Liberale an der Leitung der Geschäfte dieses Vereins Anteil nehmen, verleitet Sic zu so ungerechtfertigten Angriffen. I iahen Sie mm Ihre lieblose und ableimende Stellung sowie Ihre Angriffe wirklich für geeignet, Ihre Uesinnungsgenossen zur Arbeit für diese Organisation besonders aufzumuntern? Sic sind in diesem Palle so gütig gewesen, durch Ihre eigene Stellung die Richtigkeit meiner Behauptung vollauf zu erweisen. Weiterhin bemerken Sic sehr deutlich, dass die Anzahl der Schckelzahler und der praktische Erfolg Urnen gleichgültig sei, Urnen komme cs nur darauf an, ob der Zionismus Recht habe! Sehr schön 1 Aber wir armen Niclnzionistcn? Wir dürfen, wie jede Zeile Ihres Buches uud Ihrer Artikelserie zeigt, nicht so denken, denn die Nichtigkeit unserer Anschaumigen, die das Rctigiösc als Inhalt des Juden* tums erhalten wollen, erweisen Sie nur aus den praktischen Lehren, die die Erfahrungstatsachen des Lebens bieten. Wo Ihnen die Praxis für Ihre Meinungen unbequem ist, da ist sic Ihnen gleich* gültig, und nur die Wahrheit der Idee hat Wert. Wo sic aber Ihre Thesen stützt, da erweist sic die Un* richtigkcit der gegnerischen Idee! Wie’s trefft! Und noch etwas fiel mir in seiner Unrichtigkeit auf! Ich wies Sie daraui hin, dass viele zionistische Studierende der Theologie vom Studium abgc* Sprüngen wären, was ich darauf zurückführtc — von manchen weiss ich cs positiv —, dass die Hervorhebung des nationalen Moments das religiöse zum Verblassen gebracht habe, und dass sie dann so ehrlich gewesen seien, den Beruf aufzugeben. Sic wollen cs anders haben! Sic sagen, wenn mehr Zionisten abgesprungeu seien als andere, so liege das daran, dass man besser vorwärts komme, wenn man als Rabbiner nicht Zionist sc i! Aber lieber Herr Kollege! Das soll nach Ihrer Meinung der Qrund sein? Dass Sic so schlecht von Ihren eigenen Ocsinnungs* und ehemaligen Berufs* genossen denken, hätte Ich Ihnen wahrlich nicht zugetraut. Ich fühle mich veranlasst, die betreffenden Herren ganz energisch vor derartigen ungerechtfertigten, herabsetzenden Angriffen in Schutz zu nehmen. Ich will diese Erwiderung nicht schlicsscn, ohne der alten Vorschrift Genüge zu leisten und sie in ein Lob ausklingen zu lassen. Wenn Ich auch nach wie vor behaupten muss, dass die Beweislührung des Buches nt eist hinfällig ist, well der Verfasser tausende von Dingen als ״national" betrachtet, ln denen sonst kein Mensch etwas derartiges finden kann, dass er ferner das Wcrtproblcnt nicht auf rollen wollte und konnte, weil der Nationalismus dabei recht schlecht abgeschnitten hätte, dass schliesslich der versuchte Nachweis einer Wechsel- »"1• *inc* Zusammenhangs * * 0n und Nationalismus missglückt ist und missglücken musste, **!( 1V cl״cn ,80Ich«״ nicht gibt und weil Joseph sein persönliches Ernplinden mit der objektiven Welt der Tat* Sachen verwechselt hat, will ich mit Jenem König Ynyme von Aragonien gern oingcstchcn, dass icli noch nie eine unrichtige Anschauung so gclst* reich habe verteidigen hören. & AUS ALL6R W.6LT ü Deutschland Ahlwa Us Nachfolger Ein erbauliches Schauspiel bot die in dieser Woche zu Ende gekommene Gerichtsverhandlung gegen den früheren Mitarbeiter der ״Wahrheit,'‘ eines Berliner antisemitischen Blättchens, Da h sei und seine ,.Kcchcrchcurin“ Prau S c h u w a r d t, die mit der Verurteilung des edlen Paares wegen vollendeter und versuchter Erpressung zu achtzehn bezw. acht Monaten Gefängnis endete. Erbaulich war es besonders, wie die Verteidiger der beiden Angeklagten deren früheren Brot* geber, den Rcichstagsabgcordnctcn B r u h n, der als Zeuge vernommen wurde, zum eigentlichen Angc* klagten machten. Herr Bruhn, der bekanntlich der Herausgeber des genannten Skandalblattes ist, wan* dclt mit diesem Pressorgan in den Bahnen seines Vorgängers, des Rektors aller Deutschen A111 - wardt, der mit seinem ״PreiheU" benannten Blätt* dien bekanntlich vor Jahren ein unrühmliches Ende fand. * Nun dürfte ihm Schuftcrlc-Uruhn, der skanda* loser Weise Mitglied des Deutschen Reichstages ist, bald in die Versenkung folgen, denn diesem Ehren* manne wurde in der erwähnten Gerichtsverhandlung, in der er nicht einmal Angeklagter war, g c r i c h t ־ lieh attestiert, dass er ein journalistischer Erpresser ist, und dass sein Blatt von den in Betracht kommenden Kreisen als eine ständige Bedroh u 11 g empfunden werde. Der Staatsanwalt hat das AUtenmatcrial der Verteidiger cingefordert und ein Verfahren gegen Bruhn eröffnet, zu dem täglich neue Anzeigen cinlaufcn von Personen, an denen Bruhn seine Erpressungen mit oder ohne Erfolg versuchte. Dabei hat dieser Herr noch die Stirn, eine Anzahl Zeitungen seinerseits wegen Beleidigung zu verklagen. Aus der Fülle der Bemerkungen, die einem diese Fälle aufdrängen, — diese einander jagenden Afiärcn Ahlwardt, Hammerstein, Schack, Dahscl, Bruhn ö tuttl quanti — möchten wir mir die psychologisch und soziologisch Interessante Tatsache hervorheben, dass gerade auf dem Boden des Antisemitismus solche Sumpfpflanzen besonders üppig gedeihen. Woran mag das liegen? Sicherlich daran, dass der Antisemitismus eine so schmierige Sache ist, dass seiner politischen Ausbeutung sicli eben nur Leute mit nicht mehr festen Moralbcgriffcn widmen, die dann durch ihre Tätigkeit in Heuchelei und Korrup* tion noch eine vollkommenere Ausbildung gcnicsscn. Das heben die Optimisten richtig hervor. Aber der Schlag, den sic damit gegen den Antisemitismus führen möchten, ist ein Schlag ins Wasser. Wir fragen unsere Freunde und Gegner von der Abwehr- und Zcntralvcrclnsrichtung aus diesem Anlasse nur (wohl zum hundertsten Male): womit sie dqnn glauben, den Antisemitismus ruinieren zu können, wenn solche ״Pührcr" Ihn nich't ruinieren)? * net ucr vielerörterten «vrieusgcrieiitsveriianüiun gegen dun Rittmeister Grafen von Gersdoril wege vorschriftswidriger Behandlung des jüdischen Eil jiihrig-Prciwjlligcn Bloch hat. wie wir seinerzeit mi geteilt haben, der Vertreter der Anklagcbchörd׳ ICricgsgcrichtsrat Walther gesagt: ״Nun ist aber die jüdische Abstammung tatsäcl lieh noch nie ein Vorzug gewesen.“ Der Zcntralvctcin dcvUschcT Staatsbürger jüdische Glaubens wandte sich wegen dieser Äusserung b< schwcrdcführend an den damaligen Kriegsminist( und erhielt, wie er in seinem Organ mitteüt, jetzt vc den! neuen Kriegsmioister nachstehenden ücschcic ״Kricgsgcrichtsrat Walther hat die Untcrsuchun mit grosser Gründlichkeit und Objektivität gefüh und sich dabei insbesondere von Jeder Vorcittg( nommcnhclt gegen das Judentum frcnigclialtcn, Aue bei der Vertretung der Abklage In der Hauptverham lung am 19. April 1909 hat er sich ernstlich bemüh die Strafcrsecliwcrungs- und die Strafverminderung: gründe vorurteilslos gegeneinander abzuwägen. B einem Versuche, die Handlungen des Angeklagte psychologisch zu erklären, hat er dann neben andere allerdings mich ausführen zu sollen geglaubt, ״a einen Vorzug haben wir Deutsche die jüdische AI stammung doch auch noch nie gehalten." Die Staat rechtliche Gleichstellung der Religionsbekenntnis: hat er damit incht in Präge stellen und die Begehur strafbarer Handlungen gegen Angehörige Jüdische Glaubens nicht milder beurteilen wollen. Er hätt sichabersagcnmüsscn.dassdicÄuss( f« J״« geeignet war. das Empfinde |״d‘8ch,er Staatsbürger zu verletze Ich habe Ihm daher das Geeignete eröffnen lassen. Der Kriegsminister, gcz. von Heeringen England Wie aus einer durch die Stadtverwaltung Vcr• öffentlichten Statistik hervorgeht, haben im ja|,rc 1906 1599 Jüdische Elicsclillesurigen In London Mau. gefunden, das sind 39.6 auf 1000 allgemeine j:1,c. Schliessungen. Im Jahre 1907 sank die Zahl der juüi. sehen Ehcsclilicssungcn auf 1474, 36,3 auf 1000, i)ic Zahl der wahlberechtigten Juden betrug in 1.0!,j,m 13,7 per 1000: im East End Jedoch erreichte die Zahl kaum die Hälfte davon. Türkei Einejüdische MUHonenanlcihc an dieTürkei In dem amerikanischen Journal ״The Pinanei er" richtet Dr. Isidor Singer, der Heraus• geber der ״Jewish EneyelopeUia". an die jüdischen Ürossfinanziers in Europa und Amerika den Vorschlag, der Türkei eine Anleihe von zwcihunderiundfünfzig Millionen Dollars zu machen. Aus barkeit für diese Leistung würden die türkische Re. gierung und das Ottomanischc Volk eine allmähliche, aber systematische und sukzessive Ucbcrsiedelung eines grossen Teiles der russischen Juden nach der Türkei mit Freuden gestatten und nach Möglichkeit fördern. Das wäre die beste Lösung der alten und schwierigen Frage: Wohin mit den unglücklichen sechs Millionen Juden!Russlands? Die Türkei henötigte letzt eine auswärtige Anleihe zur Errichtung von Schulen, Eisenbahnen und Schiffen, zur Forderung der Landwirtschaft und zur Hebung ihrer gewaltigen Bodenschätze. Der erneute Orient gehe einer entwickelungsrcichcn Zukunft entgegen und biete ausser* gewöhnlich günstige finanzielle Gelegenheiten f״r die amerikanische und europäische Hautcimancc. |1,c Juden müssten dabei in der ersten Reihe stehen. Dr. Singe« appelliert speziell an Jacob Schiff und UrJ Kotenbild, da sgrossc Werk einer Milliardemmieilie an die Türkei in die Hand zu nehmen. Sie konnten ihrer ganzen Tätigkeit keine schönere Krone aufsetzen. Wie Dr. Singer Herrn Ikn-Jchuda in .lern• satem mittcilt, wird er sich bemühen, mit seinem ganzen Einfluss für die Verwirklichung seines Vorschlages cinzutrcten. Dr. Singer hat durch die schnelle und glänzende Ausführung der ״Jeuish Eneyelopediu“ bewiesen, dass er ein Manu von aussergcwühnlichcr Energie und grossen Organisator!• sehen Fähigkeiten ist. Man darf auf den Erfolg seiner neuen Bemühungen gespannt sein. * Der ״Aurorc" zufolge wird dem Orossrabbin.it demnächst vom Ministerium des öffentlichen Luter• richts die offizielle Mitteilung zugehen, dass fortab alle Abiturienten jiiJischcr Schulen der Türkei sobald ihr Zeugnis vom Chachambaschi bestätigt ist. ohne Prüfung zu den jeweilig hohem türkischen Staats• schulen zugclassen werden sollen. Es werden demnach die Absolventen der j״J1sehen Primarschulen in die türkischen ״R1schJ.es". die der hohem Anstalten in die ״Idadics" und die der jüdischen Institute von Gymnasialrang ohne weiteres in die Universitäten Zugang haben. Wenn diese Bewilligung ein neues wichtiges i׳n• vileg für das Grossrabbinat bedeutet, das damit die wirkungsvolle Aufsicht über alle jüdischen Schulen des Reiches erhält, so ist sic zu gleicher Zeit ein eminent wichtiger Schritt zur Hebung dieser Anstalten selber. Aiehr noch :so lauge keine neuen, einschnei• deudeu Programmvorschauen von der Regierung er• gehen, die auch die Privatschulcn treffen wurden, bildet dies Privileg in sich die Gewähr der absoluten Untcrrichtsfrciheit und damit des nationalen Ciiarak• ters der jüdischen Schulen, — vorausgesetzt, dass ein solcher vorhanden ist. Dass der Orossrabbincr nicht anstelle!« wirJ. diesen Schulen, deren pädagogische Höhe ja ausser Frage steht, in jedem Falle die nötige Bestätigung der Zeugnisse zu verleihen, ist ja doch wohl nicht zu l»c• zweifeln. * ״Die in der Schweiz lebenden türkischen .luden hatten sich an den Orossrabbincr gewandt mit der Mitteilung, dass ihnen das Hausiergewerbc verboten worden sei. Haim Nahum Effendi leitete sofort die nötigen Schritte beim Minister des Auswärtigen ein und hatte die Genugtuung, dass dieser sofort bei der Schweizer Regierung intervenierte. Der Erfolg war die Aufhebung der frciltcitswidrigen Bestimmung." — Wenn deutsche Juden in Russland den schmach• vollsten Ausnahmebestimmungen unterworfen werden, so handelt cs sich für unsere Regierung um eine ״innere Angelegenheit des befreundeten Nachbar• reiches." Marokko Im Reiche Mulay Ilafids bleibt den bedrückten Juden der traurige Trost, dass sielt die Bestie im Menschen hier auch gelegentlich gegen die Bekenner anderer Konfessionen denn der jüdischen richtet. Nur mit dem Unterschied, dass in diesem Falle die Pro* testnoten der abendländischen Mächte nicht lange aul sich warten lassen, während nach den Bedrückungen, denen hier wie anderswo die jüdische Bevölkerung seit langen Jahren ausgesetzt wird, kein Hahn kräht. Uber einen empörenden Vorfall, der den Gross• wesir des Sultans zum Urheber hat, Ist auch heute wieder zu berichten: (Fortsetzung auf Seite 468.)