Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 465. 42. Iiat, Alles in allem ist also ein stellendes Interesse der gesamten jüdischen Welt au Fragen, die uns liier beschäftigen, zu konsta• lioivn und an uns liegt cs, diese Interesscnnahme noch zu erweitern und zu vertiefen, so dass wir in nächster Zukunft werden sagen können, dass die ganze Judenheit hinter uns stellt. Hie Argumentation allgemeiner Art, die ich Ihnen vorgebracht habe, hat nichts zu tun mit der Neugestaltung der Dinge in der Türkei. Pns auf den einen Exkurs, auf die Zollvcrhält- 11i'>e und die neuen geschaffenen Industriemögiiehkeiten in der Türkei hätte ich dasselbe, was ieii Urnen heute vortragc, auch schon vor der 1'inwulzuug in der Türkei sagen können. Ich bet׳mv das ausdrücklich, um die Möglichkeit des! mwuides zu beseitigen, dass die Verhältnisse sich etwa dort wieder zum Schlimmem wenden keimten. Wir haben unser Heil in der Konzentration der jüdischen Wanderungen nach Palästina 1,!nl den umliegenden Ländern im türkischen Ge- Fiele zu suchen. — Das galt für die alte Türkei, das gilt auch für die neue, wie immer sic sich gestalten mag. Natürlich will ich es nicht leug- 1:011 (will sogar nicht zu wenig die Tatsache un• Knireichen), dass die Neugestaltung der Dinge i:1 der Türkei unseren Bestrebungen ausscror- (.:entliehen Vorschub leistet. Viele Argumente um Gegnern werden entkräftet und wie gross mich die Bedenken noch sein mögen, Eines M־l!eint festzusteheu: Was jetzt erreicht worden öl, in diesen Monaten, das mag beeinträchtigt und wieder aufgeltalten werden können. Bis zu unem gewissen Grade ist aber die Richtung gegeben und cs erscheint unmöglich zu denken, dass die Ereignisse der letzten Monate in der Türkei ohne Einfluss auf die Zukunft bleiben werden. Es kann sein, dass alles in Ruhe und Frieden vorbeigeht und wir wollen dies nur wünschen. Aber wenn auch die grössten Stüningen kommen sollten, so bleibt doch ein ״ewattiges Plus gegenüber den früheren Zustän* den; und wir hätten allen Grund gehabt, bei der Neugestaltung der Dinge in der Türkei auch mit einem neuen Paiästinaprogramm aufzutreten; wir hätten die jüdische Welt vor die Frage stellen müssen, welche neue Stellung sie einzunchmen gedenkt gegenüber den neuen Zuständen in der Türkeil Es ist versäumt worden! Und es wird unsere Pflicht sein, das Versäumte nachzuholen. Wenn ich nun zusammenfassen soll, was ich Ihnen bisher habe vortragen körnten, so lässt sieh das vielleicht in zwei Sätzen tun: Die systc* matische Suche nach einem Lande, das sich eignen soll, die ganze jüdische Auswanderung aus Osteuropa aufzunehmen, zeigt uns die Länder des Orients, zeigt uns Palästina und die um* liegenden Länder. Der zweite wäre, dass das Kolonisationssystem, dessen Wesen darin bestehen soll, grosse Massen von Juden im Orient anzusiedeln, notwendiger Weise mehr Gewicht auf die städtischen und industriellen Berufe legen muss, die den Juden mehr liegen, und die dem Orient notwendiger sind, als eine Vergrösserung seiner landwirtschaftlichen 1 ״roduktion. Dazu will ich allenfalls noch eine kleine l rkvärung geben. Die jüdischen Kolonisations• bcstrebungen haben sich viel zu einseitig auf dem Ackerbaustandpunkt befunden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Entwicklung der ganzen Welt dahin geht, in allen l ändern, bei allen Völkern — der Industrie einen überwiegenden oder doch mindestens gleichen Platz cinzuräutnen wie dem Ackerbau. Die technischen Fortschritte, deren Zeugen, wir sind, drängen dahin, das notwendige Quantum agrikulturecllc Arbeit durch maschinelle Hilfen und andere technischen Mittel zu verringern. Wenn also auf der ganzen Welt die Industrie gegenüber der bisher vorherrschenden Land- Wirtschaft immer vorwärts schreitet, so muss dies für uns Juden doppelt gelten, die wir völlig industrialisiert sind, so dass nur im Laufe von viel Zeit mit grossen Opfern ein wwisses M a s s von Ackerbau bei uns wieder eingeführt werden kann. Ich bin a u c 11 dafür, dass unsere alten Ideale erfüllt werden, dass jeder in Ruhe unter seinem Feigenbaum sitze; aber das sind doch Dinge, die auch auf anderen Wegen erzielt werden können, als dass man in der kostspicligsten Weise — und ״unentwegt“ mit allen Erfahrungen, mit allen tatsächlichen Möglichkeiten bricht, um eine einseitige Entwickelung zu foreieren, die sich nur zum Tei lc und im Laufe von viel Zeit ermöglichen lässt. Nachdem ich nun in einigen Sätzen zusammengefasst haue, was der Sinn dieser Ausführungen war, möchte ich Ihnen auch noch einen i n direkten Beweis dafür erbringen, dass un* sere Darstellungen richtig waren. — Es gibt eine jüdische Strömung, die uns Unrecht geben möchte, die da sagt, die jüdische Wändentng brauche nicht nach dem Orient gelenkt zu werden; und da diese Strömung dem zionistischen Lager entsprungen ist, (es ist die ,,lio“), so mag es Leute geben, die da meinen, in diesem Lager dürften die Lücken des zionistisehen Oedankenganges am schärfsten erkannt worden sein, und wenn man hier zu anderen Resultaten gekommen sei, so mag d a das Riehtige liegen. (Fortsetzung folgt.) Das Judentum am Scheidewege Erwiderung von Dr. Felix Qoldmann-Oppcln. Herr l)r. Joseph hat über die Judenfrage ein Buch geschrieben. Dieses Buches Grundideen habe ich einer ableimenden Besprechung unterzogen. Herr Dr. Joseph hat mir darauf diese Grundideen, die ich aus dem Buche selber schon lange zur Genüge kannte, nochmals des längeren entwickeln zu müssen geglaubt, was zwar nicht uninteressant, aber weder neu noch notwendig war, da ich sic das erste Mai auch schon begriffen hatte. Ich konnte mm meine Einwändc ebenfalls nochtmtls durlcge», und das kann so lange fortgelicn, bis einem von uns beiden die Lust, dem Herrn Redakteur der Raum oder dem Leser die Geduld ausgeht. Wer aber eine Erwiderung auf die lange, lange Artikelserie haben will, den bitte ich nur, meine erste Besprechung nochmals zu lesen. Ich habe ihr — ausser dass ich einige arge Druckfehler*) verbessern müsste — auch nicht ein Wort h i n z u z u - fügen und 11 i c 111 ein Wort z u r ü c k z u - n e 11 m e n, und wenn ich auf die Ausführungen erwidere, so geschieht cs nur, um auf einige Punkte cinzugehen, in denen der Herr Kollege mich falsch verstanden hat oder sonst in einem reinen Sachirrtum befangen ist. Auch einige Fragen seinerseits will ich beantworten. Vorerst muss ich einen Qrundirnum berichtigen. Der Herr Verfasser sicht in mir anscheinend den Typus des Zlonistenf resse rs; aus seiner Artikelserie klingt es heraus, als ob ich mich auf den Standpunkt stellte, jede andere Anschauung als der religiöse Liberalismus sei Hochverrat am Judentum. Diesen Grad der Einbildung, die den Gedankengang des Gegners nicht begreifen will und alles, was nicht zur eigenen Faltne schwört, als grössten Feind des Judentums, schlimmer als den heftigsten Antisemiten, betrachtet, besitze ich nicht, und wenn ich auch leider gehässige Intoleranz nur zu oft ln den Tageskümpfen bemerken konnte, so habe ich sic nie lu dcu Kreisen gefunden, die meiner Gesinnung nahcstchc». In anderen Gruppen des Judentums scheint cs leider zuweilen anders zu sein. Der politische Liberale Ist von dem politisch Konservativen durch eine Welt getrennt, und doch wäre cs eine Anmassung sondergleichen, wenn eine dieser Parteien der andern ihr Deutschtum absprechen wollte. Dasselbe Ist auf das Judentum anzuwenden. Ich kann mich wohl in die Lage des Herrn Kollegen versetzen; obwohl ich seinen Stand- Punkt für grundvcrkchrt halte, achte ich aber doch in ihm den ehrlich kümpfenden Juden, mit dem Ich Schulter an Schulter arbeiten kann. Ich überlasse cs Herrn Dr. Joseph, sich zu mir und meinen Anschauungcn so zu stellen, wie cs ihm seine so oft betonte Liebe zur jüdischen Gesamtheit cingibt. Um über meinen praktischen Standpunkt dem Herrn Kollegen keinen Zweifel zu lassen, will ich einige Worte wiederholen, die Ich Im Jahre 1907 in einer theoretischen Abhandlung veröffentlichte: ״) Für unsere über Druckfehler klagenden Leser sei hier bemerkt, dass die Rezension des Herrn Dr. Goidmann nicht in der ״J. R." gestanden hatl — Red. d. ״J. R." ״Die übliche Bekämpfung des Zionismus im Alltagsleben, die den Kampf auf das politische Gebiet hinübcrspiclt und jeden Anhänger als Verräter am Vatcrlandc hinzustcllcn sucht, muss an der eigenen Hohlheit zu Grunde gehen.Nicht wegen der praktischen Arbeit und nur selten wegen der Erscheinungsform schickt cs sich, den Zionismus zu bekämpfen. Die ernsthaften Gegner, die gerade aus Liebe zum Judentum gegen ihn a uf t r e t c n, müssen das Hauptgewicht auf die Untersuchung der nationaljüdischen Grundlage legen, müssen das ethisch Verwerfliche nationaler Kultur erweisen. Diesen Kampf ohne Qc 11 ässigkeit mit der V0r 11 c 1111111 ci t zu führen, die allein der Wissenschaftliehe Ernst verleiht, ist die Aufgabe gerade der jüdischen Akademiker.“ Diese Sätze entliehen mich der Verpflichtung, auch nur ein weiteres Wort auf alle dahin zielenden offenen und verschleierten Bemerkungen des mich betreuenden Teiles der Artikelserie zu erwidern. Nun zu den Einzelheiten, von denen die eine prinzipielle Wichtigkeit besitzt. Sic fragen, Herr Kollege, warum ich dem ״nationalen“ Grätz ein Ausrufungszeichen widme! Aus dem einf a c 11 e n Grunde, weil Grätz im moder• nen Sinne ebensowenig national war, wie der so oft zitierte Je hu da Halcvy. Dass sie oit genug die Rückkehr nach Palästina anstreben und über der Juden Not aus tiefstem Herzen klagen, brauchten Sic mir wirklich nicht zu sagen. Aber mit derselben Berechtigung könnte man nachweisen, dass Abraham Geiger und Martin Philippson nntionaljiidisch sind. Für Jchuda Halcvy wie für Grätz war das Nationale dem Religiösen durchaus nacligeordnct! Stellen Sic sich die Zionslicdcr Halcvys vor, ohne dass das religiöse Moment in erster Reihe Stände! Glauben Sie wirklich, dass Jchuda oder Grätz, dass einer unserer Alten sich einen jüdischen Staat denken konnten, in dein der König oder einer seiner Beamten Atheist wäre, in dem ein Mann von den bekannten philosophischen Anschauungen Nordaus, des Verfassers der ..Konvemionellcn Lügen der Kulturmcnschheit" vielleicht den Posten des Kultusministers bekleidete? Glauben Sic, dass einer unserer Alten sich für einen Judenstaut begeistert hätte, der den ״christlichen’•‘ Juden Herzunstcin (dessen Geschick ich vom rein menschlichen Standpunkte gewiss tief beklage) mit dem Glorienscheine und der Märtyrerkröne schmückt? Wenn Sic das fertig bringen, Herr Kollege, dann sollen Sic recht haben, dann beneide ich Sie aber geradezu um Ihre Phantasie! Es muss einmal Front gemacht werden gegen diese Gleich Setzung des modernen, religiös indifferenten, oft atheistisehen Nationalismus mit dem unserer Vorfahren, den ich von ihrem Standpunkte völlig begreife und der ihnen die Rückkehr nach Pa- I ä s t i!1 a und die Aufrichtung des Reiches nur um der Errichtung des Tempels willen als crsehncnswcrtcs Ziel vorschrieb. Das Ausrufungszcichcn ist demnach sehr wichtig! Der Nationalismus unserer Alten war, wo er überh'aiipt als vorhanden nachweisbar ist, der Religion in jeder Beziehung nachgeordnet; der moderne kümniert sich um die Religion nicht. Sic sind leicht über die Kluft hinweggegangen und daraus resultiert die Unklarheit, die iclt in dem Vorwurf habe gcisscln wollen, dass Sic cs an einer Definition des Nationalisnius in Ihrem Sinne fehlen lassen und gestützt auf diese Unterlassung jede Lebensregung des Judentums für Ihre nationalen Zwecke als Beweismittel annckticrcn. Das ist freilich Ihr grosses Verdienst, dass Sic diesen Zwiespalt — wenn auch nicht ausgesprochen, so doch empfunden haben. Sic haben richtig gcfühlt, dass der moderne Nationalismus mit der Rcligion nichts zu tun hat, dass ein Zusammenhang nicht bestellt, und Sic — als religiöser Mensch — haben natürlich die Verbindung wieder knüpfen wollen. Dass dies nicht gelungen ist, liegt nicht an Ihnen, sondern an der Sache. Eins kann im modernen Judentum nur herrschen, entweder steht die Religion an erster Stelle oder die Nation! Und das führt mich auf einen weiteren Irrtum in Ihrer Auffassung von meiner Anschauung. Sic fragen, ob ich den nichtrcligiöscn Juden als Juden anschc oder nicht; Sic glauben, meine befallende Antwort voraussetzen zu müssen und auch mir latenten Nationalismus beweisen zu können! Darauf erkläre ich, dass ich cs nur in der Hoffnungtuc.ihn oder zum mindesten seine Kinder wieder als gläubige Menschen zur Religion zurückkehren zu sehen. Auch von dieser Seite kommt man immer wieder auf das Verhältnis von Religion zu Nation und der widernatürlichen Verbindung, die Sic geknüpft haben. Wollen Sie es bestreiten, dass bei Tausenden Ihrer Gesinnungsgenossen, um cs glatt herauszusagen, der