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Jüdische Rundschau · 1909-10-15 · Heft 42 (15.10.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 464. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 42. muss, die Käufer bei der Parzellierung niclit zu übervorteilen und für ihr weiteres Fortkommen als Landwirte besorgt zu sein, da cs nur auf diese Weise leistungsfähige llypotliekcnschuldner erhält, die im- Stande sind, ihren Verpflichtungen zur Zinszahlung nacliziikemmcii. Die Hypothekendarlehen müssen, wie das in Europa üblich ist, auf sehr lange Frist (wcnigstenst 30 Jahre) mit der Verpflichtung zur allmählichen Amortisation gegeben werden. Der Zinsfuss wird ungefähr 6 Prozent betragen müssen, damit das Agrarkreditinstitut nach Abzug seiner Verwaitmigsspcscn in der Lage ist, den Inhabern von Aktien und Obligationen eine angemessene Verzinsung zu gewähren. Um den Kolonisten in der ersten Zeit die Existenz zu erleichtern, wird es sich vielleicht empfehlen, filr die ersten zehn Jahre nur die Verzinsung zu verlangen und die Amortisation erst nach Ablauf von zehn Jahren beginnen zu lassen, wenn die Pflanzungen bereits Erträge zu geben anfangen. Filr die erworbenen Hypotheken wird das Agrarkreditinstitut Obligationen (Pfandbriefe) ausgeben. So lange cs in der Türkei an einem besonderen Gesetze über Hypothekenbanken fehlt, wie cs z. B. in Deutschland vor einigen Jahren unter Einführung staatlicher Kontrolle erlassen worden ist, so lange werden die Inhaber der Obligationen kein speziellos Pfandrecht an den von dem Agrarkredit- Institut erworbenen Hypotheken haben und werden nicht besser dastchcn als andere Gläubiger. Daran lässt sieh vorläufig nichts ändern. Wohl aber lässt sich •’ Eintragung aller erworbenen Hypotheken in ein einer gewissen öffentlichen Kontrolle unterstclltes Huch bei dem Agrarkreditinstitut eine Gewähr dafür schaffen, dass tatsächlich nur so viel Obligationen ausgegeben sind, als sichere Hypotheken erworben worden sind. Das wäre in grossen Zügen der Geschäftsgang des Agrarkreditinstituts, wie ich ihn mir vorstellc. Es wäre zweifellos ein grosser Fortschritt, wenn cs gelänge, das Institut zu begründen und so die Tätigkeit der Gesellschaften, welche unter den jetzigen ungünstigen Gesetzen und mit kleinen Mitteln für dasselbe Ziel arbeiten, bei einer mit grossen Mitteln ausgestatteten Gesellschaft zu konzentrieren. Warnen möchte Ich aber davor, das Agrnrkrcditinstitut zum Idol zu machen und in seiner Anbetung und Erwar* tung die in Palästina bereits begonnenen Arbeiten, wie z. B. die beschränkte Gewährung von landwirtschaftlichcm Kredit durch die Anglo-Palcstine-Company, die Amcliorations* und Parzellicrungstätigkcit der P.L.D.C., einfach liegen zu lassen. SI c m ü s s c n unter allen Umständen energisch fortg e f ü h r t w erden, damit uns nicht, falls das Agrarkreditinstitut aus irgend welchen Gründen seine Tätigkeit doch noch nicht so bald auinclnncn kann, mehrere kostbare Jahre filr nnsero Arbeit ungenutzt verloren gehen, Die Liberalen und die Judenfrage (Von unserem Korrcspondenten.) Petersburg, im Oktober 1909. Kurz vor der Dumaersatzwahl fand hier eine Versammlung jüdischer Wühler statt, in der die Waldkniulidatcn, der Kadett Kuttler, der parteilose Liberale Kusmin-Karawajew׳ und der Sozialdemokrat Sokolow ihren Standpunkt bezüglich der Judenfrngc darlegtcn. Kuttler — der unter Witte Ackerbauminister war und jetzt aus der Wahl als Sieger licrvorgegangcn ist — sagte, er erstrebe in Russland eine Staatsordnung, die jeder Nation volle Freiheit und die Möglichkeit einer ungehinderten Entfaltung ihrer besonderen Kräfte gewähre. Er verteidigte dann die Taktik der kadcttisclien Dumairaktion, die bemüht sei, bei jeder die Jude» betreffenden Angelegenheit eine allmähliche Besserung der jüdischen Lage zu erreichen. Sokolow kritisierte das unentschlossene und schwächliche Verhalten der Kadetten, die einer Berührung der Judenfrage ängstlich aus dem Wege gingen und cs nicht wagten, diese Frage in ihrer ganzen Tiefe und Furchtbarkeit anfzurollcn. Selbst in die Kommission für Glaubcnsangclegenheitcn, die für die Juden von besonderer Bedeutung ist, konnte der jüdische, der Kadettenpartei ungehörige Abgeordnete Nisscfowitsch nur mit Hilfe der Sozialdemokratie hlncingewählt werden. Als die Hauptaufgabe der Dumaopposition betreffs der Judenfrage bezeichnet Sokolow die rückhaltslose Beweisführung, dass die russischen Volksmassen von der Judenfcindllchkclt der Dumamchrheit nichts wissen wollten und dem Antiscmltlsmus absolut fernstünden. Die von der Bureau- ' Mch rheu“ et° U%״ lt.C Duma scl ihrer kratie V»? " W<?rkzc״K der Bureau- 8cוזזVtl's<•h n®. SCl, abcr durch»us anti- ,befinden S15h ״״nto dc,n ,russlsch<5״ Burcaukratcn S™, .?lch. all° Partcischattlcrungcn, auch vorlsten 1!®1“ס״ Und?°״ar *•*»•I״• Soziaasten und Anarchisten, obor kclno Niehlniitiacullieii. Und auch die der ßtircaukratic treu folgende Dumamajorität sei durchaus antisemitisch. Ein schwächliches und unentschlossenes Verhalten der Dumaopposition könne deshalb nicht die mindeste Besserung für die Juden erreichen. Von besonderem Interesse waren auch die Ausflihrungen von Kusmin-Karawajew. Ich bin — sagte er — Russe nach der Nationalität und Rechtsgläubiger nach der Religion. Wenn ich die ״Ruskoje Snamja", ״Nowoje Wremja" und die anderen ״patriotischen" Blätter lese, dann fühle ich, dass diese Zeitungen niclit die Juden, sondern uns, Russen, beleidigen. Sie behaupten Immer wieder. Die Juden seien an der Niederlage Russlands Im fernen Osten schuld. Das heisst doch, dass unser Heer, unsere Generäle im Kriege mit Japan keinerlei faktisclio Bedeutung darstclltcn. Ferner sollen die Juden unsere Freiheits-Bewegung geschaffen haben. Wir, Russen, konnten demnach mit unserem eigenen Verstand zur Frcihcitsidcc nicht gelangen? Die Juden besitzen einen festen Charakter. Das Ist ja auch ganz natürlich in Anbetracht der furchtbaren Verfolgungcn, denen die Juden ausgesetzt waren und noch heutzutage ausgesetzt sind, ist aber der feste Jüdische Charakter ein Felder? Nein, er Ist ein grosser Vorzug für unser Land . Der Redner betonte sodann die bisherigen Fehler der Dumaopposition, die namentlich an den Juden schwer gesündigt hätte. Im weiteren Verlauf der Versammlung — die übrigens merkwürdigerweise von der Polizei nicht gestört wurde und ungehindert zu Ende geführt werden konnte — sprachen noch der Kadett Rodltschcw und von jüdischer Seite Landau, Sliosberg und Bruzkus. Letzterer kritisierte die Kadetten, die durch ihre Komproinisspolitik das alte Regime stärkten und so der jüdischen Bevölkerung grossen Schaden hinzufugten. Die in der Versammlung gehaltenen Reden haben in weiten Kreisen, namentlich In jüdischen, grosse Beachtung gefunden. Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTriet&ch (Berlin). (Fortsetzung.) Die Chowcwc-Zion. — Die Chulukah, — Die palästinensische Tätigkeit der ״Alliance". — A.J.K.O. Elim D'Avigdor, einer der Führer der ״Chowewe-Zion“ Hatte so kiar, wie nur irgend ein Zionist der neuen und älteren Richtung es tun konnte, dargelegt, dass er in Palästina einen Zustand jüdischer Majori* tat erstrebe.*) ln ähnlicher Richtung bewegen sich die Kolonisationsvereine in den verschiede• neu Ländern, wie z. B. der ״Esra“ in Deutschlattd, der ״Wiener Kolonisationsvcrciu“ u. a. m. Der ״Esra“ in Deutschland ist von zionistischer Seite vielfach kritisiert worden. Aber doch kann man aus den Veröffentlichungen und verschiede• nen Verlautbarungen dieses Vereins fast mit denselben Worten das zionistische Programm zusammenstellcn, und die Idee ist sicherlich vielfach dieselbe. Sie ist nicht in so ״aggresssiver“ Weise vorgebracht worden, aber die Grumlrich* tung ist die •gleiche, und ihre Wirkungsweise geht mit der unseren durchaus parallel. — Eine grosse palästinensiche Bestrebung, viel• leicht die, welche den grössten Umfang in der Judenheit der Welt angenommen hat, ist die Chaluka 11- Rieh tung, nämlich das Be• streben, denjenigen Juden, die nach dem heiligen Lande gingen, um dort zu sterben, ein sorgenloses Alter zu verschaffen, damit es ihnen möglieh sei, dort zu beten und den Rest ihrer Tage zu beschlossen. Dieses Chalukahelemcnt ist ebenfalls von uns nicht mit freundlichen Augen betrachtet worden und •ebenfalls zu Unrecht. Man kann von diesem Elemente nichts anderes *) D’Avigdor erklärte auf der Konferenz der Chowewc Zion In Paris im Jahre 1894 —• also einige Jahre vor Begründung der zionistischen Organi• satlon —: ״Ich wünsche, dass meine verfolgten Glaubensgenossen in der einstigen Heimat Israels sich niederlassen, wo der Sabbath ein Sabbath aller und der Versölimmgstag Im ganzen Lande gleich beachtet wäre.״ Neben dieser Erklärung dürfte Viele, die Abhand• lung D Avigdor’s ״Ueber die Entwicklung der nationalcn Mco unter den Juden" interessieren, wo (im Jahre 1901 f) die wirtschaftliche und politische Scito der Sache mit grosser Klarheit herausgearbeitet Ist ~ Ich habe diese Abhandlung vor einer Reihe von;‘Ä n״cr dssnial5 vpa mir redigierten Monatsschr ft ״Ost und West" (Februarheft 1902) zum Ab* druck gebracht, DT verlangen, als was sie gegeben haben; aber auch dafür müssen wir ihnen dankbar sein, denn sie haben uns vielfach den Boden vorbereitet. Wenn heute Jerusalem mit 53000 Juden unter einer Bevölkerung von SO 000 Menschen die jüdischeste Stadt der Welt geworden ist, so liegt dies nicht darin, dass wir es haben wollten dass w i r dafür gearbeitet haben, sondern dafür haben gearbeitet die Tausende und Hundert• tausende von Juden, die entweder selbst hinge• gangen, oder die jene, die hingingen, unterstützt haben. Wenn heute Jerusalem eine absolute jüdische Majorität hat, so ist cs der Cliaiukah zu danken. Dass andererseits die Cliaiukah• bevölkerung sich ändern soll im Laufe der Zeit, das wird mit unsere Aufgabe sein. Aber jedenfalls finden wir dank der Chalukahbestrebungen ein Menschenmaterial, eine jüdische Stadt vor, wo sonst Christen oder Mohatnme. dancr wären. Und das gilt nicht nur für ieru• salem! Nun sind noch eine Reihe von anderen Be• Strebungen zu nennen, die in Palästina 1:Ljg sind. Ich erwähne da zuerst die ״Alliance Ura• ülite Universelle“. Diese kommt ihrer I d e e nach einem Teil des zionistischen Programme» sehr nahe, nämlich der GesamtorganUaiinn aller Juden der Welt. Diese Alliance arbeitet leider in Palästina merkwürdig s c h 1 e c!11. Ich sage deshalb merkwürdig schlecht, *veil sic in andern Ländern merkwürdig g u t arbeitet. Wir müssen es nie vergessen, dass die Juden Persiens, die Juden Marokkos und die luden mancher anderen Länder durch die Alliance die allcrgrösste Förderung erfahren. Die verfolgten Juden Persiens und Marokkos erblicken mit Recht in dem Direktor der Allianc-Schule eine Art jüdischen Konsul, der sie schützt gegen alle Unbilden, die Vorkommen mögen. Und ausser• dem ist der kulturelle Wert der Alliance in diesen Ländern nicht gering anzuschlagen. Da* gegen ist bezüglich Palästinas zu konstatieren, dass sie in einer Richtung arbeitet, g e g e n die wir uns aussprechen müssen, nicht, um sie zu bekämpfen — denn der Kampf ist hier nicht am Platze —, sondern, um im Laufe der Zeit durch eine bessere Ueberzeugung die massgebenden Kreise der Alliance dazu zu bringen, ihr System zu ändern. Die Falschheit des Systems liegt z u 0 f f e n z u T a g c, als dass die Herren dies nicht mit der Zeit einsehen sollten. F.s ist ein unnatürlicher Zustand, dass in den Schulen der Alliance die Auswanderung aus Palästina vorbe• reitet wird, — es ist ein unnatürlicher Zusian-1, dass z. B. in der Aekcrbauschule Mikweh Israel bei Jaffa Kinder in französischer Sprache, in französischem Geiste ausgebildct werden, um dann (in der letzten Zeit fast ausnahmslos!) nach Kanada gebracht zu werden, in ein eng• 1 i s c h e s Land, in ein nördliches Klima, wo sie kanadische Landwirtschaft treiben sollen, für die sic in keiner Weise vorbereitet wurden, und wo sie einem ungewohnten Klima ausgeselzt sind.*) Ich habe Ihnen eine Reihe von jüdischen in Palästina arbeitenden Institutionen genannt. Die zionistische Organisation brauche ich Ihnen gegenüber nicht zu erwähnen. Sie kennen :10־ und haben Ihr Urteil darüber und wir können hoffen, dass, wenn die zionistische Bewegung auf dem Weg, auf dem sic jetzt in bezug auf die Palästinaarbeit steht, weitcrschrciten wird, dass dann die zionistische Organisation an der Spitze niler jüdischen Palästina-Bestrebungen mar• schieren wird. Wir haben neuerdings auch eine Gründung in Berlin erlebt, die ״Allgemeine!11• d i s c h e Kolonisation sorg anisa* t i 0 n“, von der wir heute noch nicht viel v issen, die aber jedenfalls in ihrem Ideengang svmpa• thisch zu begriissen ist und uns vielleicht schon neue Kreise und neue Hilfskräfte gewonnen *) Seit diesen Ausführungen in den Wiener ll!>ch• selmlkursun hat es schon eine sehr bemerkenswerte Aeusscrung in dieser Richtung gegeben. Von muss• gebender Seite der Alliance wurde der türkisch• patriotische Standpunkt hervorgehoben, den diese Organisation in ihrem Schulwcrk in den Ländern des Halbmonds pflegt. Dieser uns gewiss sym* pathischc Standpunkt wäre natürlich mit weiterer Förderung der Auswanderung ihrer Schiller un* vereinbar, und so dürften wir wohl in Bälde eine andere als die bisherige Tendenz in der Arbeit der Alliance in Palästina zutage treten sehen.

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