Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651645--06647-2663753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 42. 1 JU2DISCK2 RUNDSCHAU Seite 463. a-cliicrungs* und Besiedclungstätigkcit erst schaffen; cs muss den kleinen Kapitalisten, die sich in Palästina ansiedeln wollen, die Ansicdlung technischnachMöglichkeiterlcichtemund 1(ann ihnen dann zur Ergänzung ihrer etwa nicht zurcichendon Mittel im Wege des Hypothekenkredits vcrhclfe״. Die Frage, wie man den kleinen und mittleren Knpiinlistcn, die sich in Palästina unsicdcln wollen, die Aiisiedlung ermöglicht, ist nichtnurcine Frage des Kredits, sie Ist in vielleicht noch holierm Masse eine landwirtschaftlichtechnische Frage. Es sind Leute mit völlig /weichendem Kapital zwecks Ansicdlung nach Pal.isiina gekommen, und sic haben das Land unverrichteter Sache wieder verlassen, well die tcclmlscheu Voraussetzungen für ihre Ansicdlung nicht vorluiulcn waren. Die Leute wollten 200—300 Dunam Luid kaufen, und sie konnten, wenn nicht zufällig einmal in einer iüdischen Kolonie ein Stückchen Land zu verkaufen war, aus den Händen der Araber nur grosse Flächen von mehreren tausend Dunam erv, erben. Sic wollten das Land sofort in Besitz nehmen, und sic hätten Kaufverhandlungen cinlcitcn müssen, die Monate oder Jahre in Anspruch nahmen,!sic wollten einen Boden, der sofort bewirtschaftet j werden konnte, und man zeigte ihnen Boden, der noch | nie von einem europäischen Pfluge berührt worden! war. und wo sich weder ein Weg, noch ein Brunnen, 1 noch ein Haus, wohl aber häufig dichtes Gestrüpp mul grosse Steine fanden. Sic wollten In Sicherheit leben, und niemand konnte ihnen in Aussicht stellen, dass sie vor Diebstahl oder Ueberfall seitens der umwohnenden Araber sicher sein würden. Sie wollten eine jüdische Gemeinschaft bilden, und man mutete einer oder einigen Familien zu, allein mitten unter Arabern zu leben. Sic wollten einige der notwendigsten Voraussetzungen filr ein jüdisches Gemeinschaftslcben, eine Schule, eine Apotheke, einen Sehochct, und cs erwies sich, dass diese Einrichtungen für eine kleine Zahl von Familien unerschwingliche Kosten verursachten. Kurz und gut, man bot den Leuten etwas ganz anderes, als was sie haben wollich. Sie wurden etwa so behandelt wlo jemand, der ein Paar Schuhe kaufen will und dem man statt desson «ino Rindshaut anbietet mit dem Anhcimitolion, sich tlleielbo gefälligst zu gorbon, und sich dann daraus ein Paar Schiiho selbst zu verfertigen. Es ist nicht zu verwundern, dass unter diesen Umständen kein Mensch mit Kapital sich in Palästina ausserhalb der jüdischen Kolonien ansicdclte. Der Mann, der ein kleines oder mittleres Kapital besitzt, will nicht als Pionier in die Wildnis ziehen, sondern will sich, selbst wenn er einen viel höheren Preis zahlen muss, in geordneten und sichern Verhältnissen niederiassen. Daraus ergibt sich, dass man nur dann Leute mit Kapital wird ins Land ziehen, und damit eine nicht philtnthropischc, sondern privatkapitalistische Kolonisation wird inaugurieren können, wenn cs gelingt, die vorerwähnten technischen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen und dem Ansiedler die Möglichkeit zu geben, sich alsbald nach seiner Ankunft In Palästina auf vorbereitetem Boden in sicherer Umgebung ansässig zu machen. Was kann geschehen, um zu diesem Ziele zu kommen? F.igcntlich müsste ich, um diese» Frage zu bcantwor- ״Es überrascht mich, zu sehen, wie Ihr Eure Betgäste foppt, Salomon.“ begann ich gerade heraus; ״wenn sie Euch einmal darauf kommen, so seid Ihr sofort entlassen." Er lachte, dass alle seine starken, gesunden Zähne sichtbar wurden. ״Die Schafsköpfe,“ sagte er verächtlich in seiner eigentümlichen Sprache, die zur Hälfte englisch, zur anderen Hälfte alles Mögliche war; ״sie wissen, dass sie Hände und Füsse haben, sonst nichts. Ist es nicht in der ganzen Welt so? Wenn man lügt und dabei ein ernstes Gesicht macht, so kommt Einem nicht einmal der Prophet Elijah darauf — und unsere Gemeinde ist keine Gemeinde von Propheten.‘* ״Ja, Salomon,“ antwortete ich, ״ich selbst hab’ auch nicht viel von einem Propheten an mir, doch weiss ich, wenn man mich täuscht, und das sollte Euch doch die Freude an Euren Erfindungen verderben.“ ״Du beurteilst mich falsch, mein Sohn, wenn du denkst, dass ich aus blosser Freude an der Unwahrheit lüge,“ sagte er. ״Kann es nicht in dem Leben eines Mannes eine bittere Wahrheit, eine traurige Wirklichkeit geben, die zu vergessen er in einer Welt von Träumen und Phantasien verweilt? Und wenn er andere betrügt, so übt er sich dabei vielleicht nur darin, wie er sich wohl am besten selbst betrügen könnte.“ ten, Wort für Wort das wiederholen, was die Palestine Land Development Company in ihrem jüngst veröffentlichten, auch in dieser Zeitung abgedruckten Expose über ihre Ziele mitgeteiit hat. Ich will mich jedoch kurz fassen. Das Agrarkredit- Institut muss den Ankauf, die Verbesserung und die Parzellierung des Bodens in die Hand nehmen, wobei der Geschäftsgang etwa folgende Etappen aufwclscn wird: 1. Ankauf von Boden bei passenden Angeboten aus arabischer Hand, Feststellung der Grenzen und Abmarkung durch feste Qrcnzzelchcn; 2. Besitznahme des Bodens durch einen praktisehen Landwirt mit einer hinreichenden Zahl junger kräftiger Arbeiter, die in provisorisch zu errichtenden Untcrkunftsräumcn unterzubringen sind; 3. Herstellung eines Brunnens und eines Zufahrtweges, Beseitigung der dem europäischen Pflug hinderlichen Strüuchcr und Steine, Be* ackerung der ganzen Fläche, soweit sic füf den Ackerbau bestimmt Ist, mit dem europäischen Pflug; 4. Anlage von Pflanzungen auf einem bestimmten Telle der Fläche; 8. Aufstellung eines Parzclllerungsplans, in wclehern unter Berücksichtigung aller für die spätere Bewirtschaftung In Betracht kommenden Momente Parzellen von verschiedener Grösse vorhanden sein müssen, mittlere von 150--250 Dunam für Kolonisten, kleine von 5—15 Dunam für Arbeiter, und möglichst auch 1—2 grosse Parzellen von 500—1000 Dunam für. grössere Unternehmer; 6. Veröffentlichung des Parzclllerungsplans mit Beifügung von Karten, mit allen zur Beurteilung des Bodens und seiner Bewirtschaftung dien* liehen Mitteilungen und mit Angabe des Preises für die einzelnen Parzellen Ackerland sowie für den Dunam Pfianzungsland, ferner mit Beifügung einer Anzahl von Häusertypen, nach denen die Gesellschaft auf Wunsch des Käufers den Bau eines Hauses ln bestimmter Ausführung zu einem festen Prciso übernimmt. Das Agrarkreditinstitut wird für Verbreitung dieses Parzclliorungsplancs unter den Juden in Ostouropa sorgen. Auf diese Weise bekommt der klelno jüdl» «clio Kapitalist In Russland oder Rumänien, dor von der Ansicdlung In Palästina träumt, zuin ersten Male ein Schriftstück In dlo Hünde, das ihm anschaulich und ziifcrnmässlg dartut, wlo er seinen Traum zur Wirklichkeit werden lassen kann. Bisher Hess man den Mann träumen und wartete, bis er selbst sich einmal nach Palästina wenden würde, was ln 99 von ICK) Füllen nie geschah. Jetzt tritt, wie das im Qcschäftsicben überall der Fall Ist, der Verkäufer mit bestimmten Vorschlägen an den Kaufrcflektanten heran, und wird dadurch vieiiach das Interesse für Palästina, das sonst latent und passiv geblieben wäre, in ein aktives umwandeln und den Entschluss zur Ucbcrsicdlung mit einem Male zur Reife bringen. Selbstverständlich muss das Agrarkreditinstitut all seine Unkosten für die Vorbereitung des Bodens auf den Kaufpreis nufsclilagcn und noch einen gcwissen Gewinn dazu. Aber dlo Vorteile, die der Käufer als Entgelt für den liöhcrn Preis erhält, sind ausserordentliche: er kommt auf ein Land, mit dessen Bewirtschaftung er sofort beginnen kann, er findet Eine Pause trat ein; ich fühlte den Verweis des alten Mannes heraus, aber ich fühlte auch, dass er keine Bosheit enthielt — nur Kummer, unendlichen Kummer, wie ihn meine Bemerkung, auch wenn seine Natur die empfindlichste von der Welt gewesen wäre, nicht hervorgerufen haben konnte. ״Man sagt, dass Ihr in Sewastopol gefangen genommen worden seid —begann ich wieder. ״Dass ist wahr,“ unterbrach er mich, ״Ich bin als Gast der Königin herübergekommen — sie sandte mir eine Einladung durch dreissigtausend Mann, einige Generäle darunter — und dessen kann sich kein Fremder hier rühmen.“ Und er lachte über seine eigene kuriose Auffassung von der Sache. Ich zitterte vor Aufregung. Da war ein Mann, der Tod und Zerstörung im Grossen vor sich gesehen, der mit seinem Leib und Leben gespielt und alle das überlebt hatte, um die Mahr zu verkünden. Ich war jung, und so fühlte ich denn den mächtigen Zauber des Mannes, der so leidenschaftslos von einer Wirklichkeit sprechen konnte, deren blosse Vor* Stellung meine Nerven in Schwankungen versetzte. ״Ihr wurdet gefangen genommen und nach Plymouth gebracht,“ fuhr er fort, um das Thema auf dem Tapet zu erhalten. Salomon hatte die Gewohnheit, gerade den springenden Punkt zu umgehen. Wasser und Wege vor, er kann sich die Parzelle je nach seinen Bedürfnissen und Mitteln aussuchen, kann sich zu dem Ackerland nach seinem Belieben junge Pflanzungen hinzukaufen, kann sich, wenn er will, bereits vor seiner Ankunft ein Haus durch das Agrarinstitut zu einem bestimmten Preise errichten lassen und hat dadurch, dass bis zum völligen Verkauf des Landes zahlreiche Junge jüdische Arbeiter auf dem Boden sind und die umwohnenden Araber bereits an die jüdischen Nachbarn gewöhnt haben, die grösstmögllche Sicherheit gegen Diebstahl und Ueberfall. Zugleich hat er an dem die Parzellierung leitenden Lanwirt in der ersten Zeit eine Stütze, wenn er Rat bei der Einrichtung seiner Wirtschaft bedarf. Der Verkauf der Parzellen erfolgt nur gegen volle Zahlung des Kaufpreises. Doch braucht das Agrarkreditinstitut die Zahlung nicht in einem Male sofort zu verlangen, sondern kann dem Bedürfnisse vieler kleiner Kapitalisten, den Kaufpreis in mehreren Jahresraten zu zahlen, Rechnung tragen. Selbstvcrstündlich bleibt aber in diesem Falle die gekaufte Parzelle im Besitze des Kreditinstituts und wird erst dann den! Käufer übergeben und auf seinen Namen im staatlichen Grundbuch eingetragen, wenn alle Raten voll bezahlt sind. Die hier vorgcschlagcnc Ansicdlungsmethodc will für Palästina nicht ein Novum cinführen, sie wird überall angewendet, wo Latifundien, die bisher schlecht kultiviert worden sind, an bäuerliche Käufer aufgeteilt werden. Es ist insbesondere die Methode, welche die prcussische Regierung in den Ostmarken bei der Parzellierung polnischer Latifundien an dciitsehe Bauern befolgt. Wenn das Agrarkreditinstitut in der vorstehend skizzierten Weise seine Rolle als Parzcilierungsinstitut beendet hat, wenn cs die einzelnen Parzellen des Parzcilicrungsplans gegen volle Zahlung des Kauf- Preises verkauft und die Eintragung der Käufer in das staatliche Grundbuch als Eigentümer ihrer Parzellen veranlasst hat, dann ist die Zeit gekommen, wo cs als Hypothekenbank in Funktion treten kann. Es kann nach europäischem Vorbildc den Boden bis zur Hälfte oder sogar bis zu zwei Dritteln des Wertes 11'ypothckarisch beleihen und damit dem Käufer die Mittel zur Errichtung eines Hauses, zur Anschaffung von Inventar und Saatgut, zum Lebensunterhalt bis zur ersten Ernto beschaffen. Setzen wir den Fall, dass jemand 150 Dunam Ackerland und 50 Dunam Piianzungcn zum Prolso von 12 000 Francs gekauft hat, so wird cf dieses Land mit einer Hypothek bis zu 8000 Francs belasten können, womit er nicht nur ein einfaches Haus errichten und das notwendige Invcntar anschaffcn, sondern, was wegen einer etwaigen Missernte sehr wichtig ist, noch ein kleines Reserve* kapital zurückbchaltcn kann. Der Hypothekenkredit hat also die grosse Bedeutung, dass er die Zahl der Kaufintcrcsscntcn erweitert. Sind die gesamten Ausgaben für die Errichtung einer Kolonistcnwirtschaft in Palästina etwa 20 000 Francs (12 000 Frs. fiir Land und 8000 Frs. für Haus, Inventar, Saatgut usw.), so ist das Agrarkreditinstitut nicht auf die jüdischen Kapltalistcn mit wenigstens 20 000 Franck Vermögen angewiesen, sondern kann sich an dqn naturgemüss grössern Kreis der Leute mit 12 000 Francs Kapital wenden. Die doppelte Funktion des Agrarkreditinstituts als Parzcllierungs- und als Hypothekenbank hat zugleich den Vorteil, dass das Institut bestrebt sein ״Wie ist einem zumute, wenn man im Kriege gefangen genommen wird?“ Sein Auge zeigte auf einmal einen träume* rischen Blick. ״Jawohl, ich war tapfer in jenen Tagen,“ sagte er langsam — ״sehr tapfer; aber freilich lag mir nichts daran, was aus mir werden mochte, und es ist vielleicht ein leichtes, tapfer zu sein, wenn einem so zumute ist.“ (Fortsetzung folgt.) Kleines Feuilleton Neues Luftschiff eines englischen Juden Ein bekantner jüdischer Gentleman in London hat ein neues Luftschiff erfunden, bezüglich dessen er sich mit dein jüngst von der Regierung ernannten Aeronautischen Komitee in Verbindung gesetzt hat. Der betreffende Herr, dessen Name im gegenwärtigen Stadium der Dinge noch nicht genannnt werden will, hat einem Mitarbeiter der ״Jcwish World“ einige Mitteilungen über seine Erfindung gemacht. Er studierte von jeher die moderne aeronautische Wissenschuft mit grossem Eifer und bildete sich eine bcstimmte Theorie über die Luftströmungen. Ebenso verfolgte er natürlich auch die Entwicklung der Aviatik in den letzten Jahren mit grosser Aufmcjksamkett. Sein Prinzip enthält viel Neues und ist sowohl filr lenkbare Ballons, als auch für Maschinen, die schwerer sind ais die Luft, anwendbar.