Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1909)
- Date
- 1909-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 456. JUEDISCHE RUNDSCHAU. No. 40/41. ’ den Städten Turkestan, Tschinikcnt, Perowsk und Kasalinsk und im Dorfe Tschinas befinden sich nur Cheders, die auch als Bethauser benutzt werden, ln diesem Rayon wohnen 2400 eingeborene und 400 europäische Juden. 4. im Scmirctschinskcr Rayon sind gar keine eingeborenen Juden da; die Zahl der europäischen jüdischen Familien beträgt dort 72. Sic besitzen eine eigene Synagoge, die im Jahre 1884 erbaut wurde. 5. Im transkaspischen Rayon sind die jüdischen Gemeinden in asiatische und europäische cingctciit. in Aschabad befindet sich eine Synagoge, in Merw 2, in Jolotan wird jetzt eine Synagoge errichtet. In diesem Rayon leben 182 europäische und 1273 asiatische Juden; letztere sind meist persische Untertanen. Die Juden in Turkestan sind überwiegend Kaufleute und Handwerker."! * * Die Arbeiter einer hiesigen Zigarettenfabrik sind in einen Streik cingctrctcn. Als angebliche Organisatoren des Streiks wurden zwei jüdische Arbeiter, Chaim Priedemann und Samuel Rubeshin, verhaftet und nach dem Polizciburcau hingeführt, wo sic mit den gröbsten Beschimpfungen empfangen wurden. Friedemann wurde vom Pristaw an den Haaren gefasst und zu Boden geworfen und darauf von mehreren Polizisten in schrecklicher Weise mit Peitschen und Füssen geschlagen, während ihm der Pristaw fortwährend zurief: »Ruhig, nicht schreien!" Als Friedemann vor Schmerzen keinen Laut mehr hervorbringen konnte und völlig ohnmächtig wurde, kam sein Leidcnsgcnossc an die Reihe, der ebenfalls blutig geschlagen wurde. Die Regierung hat es bisher nicht für nötig gehalten, diese grausamen Misshandlungen seitens ihrer Polizcischcrgcn zu untersuchen oder gar zu bcstrafen. Es handelt sielt ja bloss um Juden, die im ״konstitutionellen Russland" vogclfrei sind. Amerika Obgleich das Ocwaltregimcnt des Einwande* rungskommissars auf Ellis-lsland dank den Bemiihungen angesehener jüdischer Männer etwas gemildert worden ist, steht cs doch noch schlimm genug um die unglücklichen Einwanderer, die diese ״Teufels- Insel" betreten. Dies beweist auch die Ziffer der im Monat Juli zurücktransportierten jüdischen Ein- Wanderer; ihre Zahl betrug 327, während im gleichen Monat des Vorjahres nur etwa 40 von diesem harten Schicksal betroffen wurden. Im ganzen kamen im Juli d. J. über 8000 jüdische Einwanderer hierher, davon 6000 aus Russland. Das Hauptlibd liegt darin, dass das Einwanderungsgesetz solche Immigranten ausschliesst, die wahrscheinlich ״der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen" werden. Dieser vieldeutige Ausdruck lässt sich natürlich, wenn man keinen guten Willen hat, auf 90 Prozent der Einwanderer anwenden, da ja alle nicht als Millionäre nach Amerika kommen. Das Handelsamt hat jetzt zwar ausdrücklich fcstgcstcilt, dass eine ״Belastung der öffentlichen Fürsorge" schon dann Ms ausgeschlossen erscheinen muss, wenn für die betreffenden Ein- Wanderer von Hilisgescllschaftcn besorgt wird. Eine Million Dollar für Palästina Bukowina Am 26. v. Mts. fanden in den grösseren Städten und Ortschaften der Bukowina einschliesslich Czernowitz etwa 20 grosse massenhaft besuchte Volks- Versammlungen statt, in denen über die Landtagswnhlrcform verhandelt wurde. Alle Versammlungen sprachen sich einmütig mit grösster Energie für die Schaffung einer Wahlreform auf nationaler Qrundlage und die Einführung des jüdischen Katasters aus. Es herrschte grosse Aufregung über die Haltung der Regierung, die wohl den rumänischen, ruthcnischcn, polnischen und dcutsehen, nicht aber den jüdischen Kataster bewilligen wolle. Orossc Erbitterung bemächtigte sich der Versamittlungcn, als sic erfuhren, dass die Abgeordneten Kuranda und Löwen stein mit Ihren deutschen und polnischen Genossen bei der Zen tralreglerung in Wic.n gegen die Einführung des indischen Katasters intervenierten und so die ablehnende Haltung der Regierung provoziert 11 a b c n. Eine Resolution, weiche die Einführung des jüdisehen Katasters fordert, wurde in allen Versatnmlangen unter stürmischer Zustimmung angenommen. Ferner wurde eine Resolution angenommen, in weleher den Abgeordneten Kuranda und Löwenstein die Entrüstung ausgesprochen wurde: endlich sind auch Resolutionen angenommen worden, in denen die bcstimmte Erwartung auf die Treue unserer rutheniseiten und deutschen Verbündeten im Landtage ausgesprochen wurde, dass sic das Zustandekommen einer die vitalsten Rechte und Interessen der Bukowinacr Judenschaft verletzenden Landtagswahlreform vereiteln werden. ln Qurahumora,* wo derzeit die Gemeindeausscliusswahlon stattfinden, bei welchen die Juden mit den freiheitlichen Deutschen gegen die deutschen und rumänischen Antisemiten kämpfen, herrschen geradezu anarchistische Zustände. — Juden werden vielfach auf oifener Strasse verhöhnt, angespuckt, misshandelt und auf alle mögliche Weise schikaniert. — Die öffentliche Gewalt versagt ganz — weit und breit sieht man keine Gendarmerie, man glaubt in Russland zu sein. Es ist bezeichnend, dass ein Waficnhändler dort in den letzten Wochen etwa 150 Revolver an Juden verkauft hat, da sic sich nicht trauen, unbewaffnet auszugehen. Türkei Wie aus Saloniki berichtet wird, wurde das bisherige Mitglied des dortigen Tribunal Corr c c t i 0 n e I J. Israel zum Chef des neuen Polizclkoimuaiidos in Peru, einer Vorstadt Konstant(• nopels, ernannt. Die Zustände in Peru haben die Er* riclmmg einer eigenen Polizeidirektion für diese Vor- Stadt notwendig gemacht und es ist ein Zeichen bcsonderen Vertrauens zu den Fähigkeiten des als Kriminalisten auch über die Grenzen der Türkei bckannten Mr. S. Israel, wenn er auf diesen verantwortungsvollen Posten gesetzt wird. Polizeichef Israel hat sich auch als Fuchschriftstcller mit Erfolg betätigt. Ein nachahmenswertes Vorgehen ist von einem amerikanischen Juden, Mr. Simon GolUmann in St. Louis, zwecks Aufbringung grösserer Summen für Palästina inauguriert worden. Er veröffentlichte eine Broschüre unter dem Titel ״Eine Million Dollars für Palästina", in der er die Juden Amerikas auffordert, grössere Beitrüge für Landankauf in Palästina zu leisten. Die jüngste י hier stattgehabte Zionistenkonierenz beschäftigte *sielt mit der Frage, ob nicht die ״Federation 01 American Zionists" die Sauuu* langen offiziell übernehmen solle. Es wurde ein besomlcrcs Komitee ihr die Sache eingesetzt und Mr. Goldmann zum Präsidenten der Zionistischen PuUistinukommission Amerikas gewählt. Die bisherigen Erfolge Goldmanns sind recht bcfriedigend. Unter dem Namen ״Hu’achusah" sind derartige Gesellschaften in St. Louis, New-York und Brooklyn bereits gebildet worden. Im ganzen ist die Gründung von zwanzig Korporationen mit je 50 000 Dollars Kapital, in Anteilen von 200 Dollars — zusummen also eine Million Dollars — geplant. Ein erstklassiger Agronom soll als Sachverständiger nach Palästina entsendet und ein tüchtiger Geschäftsführer engagiert werden. Seit einiger Zeit wird In türkisch-jüdischen Kreisen die Einberufung eines ottonianisch-jüdischcn Kongresses besprochen und erörtert. Das hiesige Blatt ״La Nation", das vom ״Cercle des Intimes" herausgegeben wird, widmet in seiner letzten Nummer diesem Plane einen längeren Artikel. Darin wird die Notwendigkeit einer Reorganisierung der jüdischen Gemeinden in der Türkei, eines Zusammenschlusses der ottomanischcn Judenheit und einer einheitlichen Regelung ihrer S p ra c 11 e n f r a g c 11 betont. Der Verfasser tritt deshalb seitr warm für die Einberufung eines allgcmeinen Kongresses der türkischen Juden ein, der sich mit all diesen Problemen befassen solle. Der ״Cercle des Intimes" hat sich in dieser Angclcgcnhcit auch an den Cchachambnschl in Konstaminopel gewendet. 53 RUNDSCHAU DSFkPReSSe Dieses Vorgehen verdient auch Nachahmung seitens der europäischen Juden. Bei dem grossen Interesse, das Palästina für die gesamte Judenheit hat, ist zu hoffen, dass auch Nichtzionisten sich an solchen Korporationen beteiligen würden, umsomehr als Palästina Jetzt, nach der Neuordnung der politl* sehen Verhältnisse In der Türkei, eine sichere rechtliehe Basis und gute ökonomische Aussichten für landwirtschaftliche und industrielle Unternehmungen ״Tanin“, Konstantinopel Das massgebende Jungtürkcnblatt behandelt in einem temperamentvollen Leitartikel seines Redaktcurs Hussein D s c h a h i d das für alle Teile so schwierige Nationalitütenproblom mit 8ympatlschur Oifculicitt ״Die Jungtürken sind keine Tugcndcngcl. Wir wollen uns gut verstehen, sprechen wir also frei imd offenherzig. Gestellen wir, dass auch die Jungtürkön Menschen sind, Menschen, die ebenfalls an ihrer Na. tionalität hängen. Hätten sic es gekonnt und hinge es nur von ihren! Willen ab, so hätten sic keinen Augen, blick verloren und aus allen Völkern, die im otiomunU sehen Reiche leben, Türken gemacht. Daran ist kein Zweifel. Die Jungchinescn oder Junghottentotten an ihrer Stelle hätten dä.sselbc getan. Wir halten cs nicht für nötig, diesen natürlichen Wunsch geheim«, halten. Aber, wie gesagt, wir wissen, das ist unuusiulu. bar. Wie also handeln? Was tun, um dieses Land stark und seine Zukunft unantastbar zu gestalten? Da einmal kein einziger Bürger auf seine Sprache, Nationalität und sein Bekenntnis verzichten kann, da ein. mal gezw ungene r!nassen verseilte, denc Sprachen, abweichende Rcligi. onen und individuell geartete א a 110. nalitätcn in der Türket bestehen, .. so lasst uns ein gemeinsames höheres Baud filr alles finden, das eines mit dem andern vereiniget Bilden wir einen mächtigen, unteilbaren Kör!)er! Das ist der Jungtürken Qedankengang. Alle feen־ timcntalitüt beiseite, mit Kaltblütigkeit und lugik haben sie diesen Weg betreten. Denn es liegt in ihrem Interesse, das Land zu kräftigen und Unsinn• migkeiten zu vermeiden, die den Fortschritt nur ״ui. halten können. Ja, die S0{ge ums Vaterland hat die Jungtürken dazu getrieben, sich unter einer iur alle annehmbaren Form mit den andern Elementen zasam* menzutun unter gegenseitiger Achtung der Sprachen, Nationalitäten und Religionen. Seid dessen sicher: bei dieser Vereinigung haben gerade die Jungtürken die grössten Opfer gebracht. Ja, das grösste Opfer ist cs für sic gewesen, von nicht mehr als Ottomanismus zu sprechen, jeden als nichts denn als Ottomanen anzuerkennen. Nur zwei Privilegien haben sic für sich behalten: Die Anerkennung des Türkischen als ofiizellc Sprache und des jslams als Staatsrcligion. Und das auch ist kau st für ein Privileg zu halten, in Anbetracht dessen, dass die Türken den Staat gegründet und einen türkischen Herrscher auf dem Thornc haben. Ausser diesen zwei obligatorischen!1unkten existiert kein Unterschied zwischen den Jungturken und den übrigen Elementen, und die Jungturken vetlangen nichts von ihnen, als dieser offenen, vernimf• tigen und liberalen Haltung mit einer gleichen zu be. gegnen. Haben die andern Elemente zu verlieren («der zu gewinnen, wenn sie mit ganzem Herzen die Einigkeit und Brüderlichkeit akzeptieren, die ihnen die Jung• türken unter dem Nu1״e.n Ottomanismus Vorschlägen? Um diese Frage zu entscheiden, muss man erst 1m!er• suchen, wohin die Bestrebungen der Nationalitäten zielen. Haben sie. einzig und allein die Vernich •,'mg des ottomanischcn Reichs und die Bildung eines separaten Staates oder auch den Anschluss an eine dritte Macht zum Ziele, — dann freilich muss unser Antrag auf Einheit und Emiracht sie verletzen. Denn Einigkeit macht stark, und ein starker Staat ist nicht 2u zerstöron. Wollen sie das ottomanisclie Reich Oiirch Erlangung einer autonomen Admi11ist[a:nm schwächen und damit auf den Weg der Annexion umi Unabhängigkeit bringen, dann noch einmal: wird die Einigung der Verwirklichung dieses Sirebens im Wege stehen. Aber wenn die andern Elemente nicht solche Pläne hegen, so werden sic denken: Vormals waren wir in diesem Lande aller politischen Rechte beraub:. Gerechtigkeit war nicht vorhanden. Da man keine vernichtenden sozialen Bedingungen erdenken konnte als die, unter denen wir lebten, so beteten wir für dieses Reiches Untergang und arbeiteten auf ihn tun aus allen Kräften. Aber jetzt, wir selten es. ist der alte Zustand umgewandelt. Unsere politischen Rechte sind uns garantiert. Wjr waren Sklaven, wir wjrdeit nun alle gleich. Was nun? Die alte Zerstörungspolink weitertreiben? Darauf verzichte!!? Wenn wir au( sic verzichten,׳ wird der Staat mächtiger werden und dieses Vaterland, das das unsrige ist, sein iieil uabei finden. Verharren wir aber bei unserm Yer- Italien von früher, so ist der Zusammenbruch w.ihr• sclicmlicli. Und t nachher? Es ist tuögUcU, dass wir die Op/er einer fremden 1 n v n s ton sein w c r d c n. Vielleicht auch werden wjr unabhängig werde n; a 1י e r würden wir es, so blieben wir klein u n d scltwaclt, der Begehrlichkeit der Grossen und Mächtigen un t er Worten. Anstatt also cs Griechenland uachzutun, bleiben wir lieber Qliediy; eines stolzen Reiches! Dieser Gedanke muss die Völker auf dem Wege der Lmtraclu mit den Juiiglilrkcn leiten mul sie \cr« anlasse», aufrichtig und loyal in Verhandlungen ein• zutreten. Diese Besprechungen werden sicher bucht* ׳ bar werden, denn siy werden die Gerechtigkeit zm» Füll rer haben." Dieser Artikel, der an Klarheit, Offenherzigkeit. Logik und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig lasst, ist als erste offiziöse Kundgebung des Komitees iiüer die Nationalitätenfrage zu betrachten, die in viel ergiebigem! Sinne gehalten ist, als bisher zu ver- Junten gewesen war. Für das zionistische Problem »st aus diesen Ausführungen viel Bedeutungsvolles /.» erlernen. Wir empfehlen sic eingehendem Studium•