Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1909)
- Date
- 1909-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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JUHDISCNE RUNDSCHAU Seite 455. No. 40/41. und kümmerlichen Gärten, mit denen wir uns für wenige Tage vergebens die Natur vorzutauschen suchen, bis zur Lächerlichkeit herab. — jüdisches Volk, sehnst Du Dich nicht nach einer anderen Feier des Festes, zuckst Du nicht imwillig die Achsel über die Charlatanerie, die uns mit Surrogaten das Leben und die Natur ersetzen will? — Lange genug haben die Sämänner der gewaltigen befreienden Idee gesäet, mit heiligem F.ifcr, unverdrossen und un* verzagt, — der Tag wird kommen, da ihre Ernte Mächtig aufgeht in der strahlenden Sonne unse-!es neuen Volksfrühlings; dann, mein Volk, sollst Du das Erntefest nicht feiern in dunklen Höfen und dumpfigen Synagogen, — nein — unter Gottes freiem Himmel, auf geweihter Erde, in Deinem Lande. Das Fest Deiner Ernte soll es sein, und die uralten Bäume Deiner Heimat weiden über den Häuptern Ihrer wiedergefundenen Kinder mit jubelndem Rauschen einstimmen in Deine Festeshymnen. Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTrietsch (Berlin). (Fortsetzung.) Industrielle Möglichkeiten in der Türkei. — Die Ausbrcitung der Palästina-Idee unter den Juden. — Das Programm der Chowewc-Zion. Wir haben seit Anbeginn der russi- .'dien Judenverfolgungen eine Wander- Bewegung vor sich gehen gesehen, die mehrere Millionen umfasste. Davon sind nach Palästina vielleicht 40000 Leute gegangen, nach den Vereinigten Staaten aber weit über eine Million. Das ist ein kolossaler Unterschied, und ucr ist nur dadurch erklärlich, dass eben die Vereinigten Staaten auf i n d u s t r i e e 11 e m Gebiete, in den städtischen Berufen, den ein* wandernden Juden grosse Existenzmöglichkeiten bieten konnten, während dies im Orient überliaupt gar nicht oder nur in sehr beschränktem Masse der Fall gewesen ist. — Jetzt will die Türkei ein Industriestaat werden, respektive sie will der Industrie einen bedeutenden Anteil an ihrem Wirtschaftsleben gewähren. Das hat die Bedeutung, dass Millionen im Laufe von Jahren in städtischen Berufen, in Handel und Industrie ihr Brot finden werden. Und das bedeutet wieder, dass die Juden einen neuen Ansporn haben werden, statt nach den Ländern des Westens nach dem Orient, nach der T ü r* k e i, nach Palästina und den umliegenden Ländern zu gehen. Aber nicht nur die neuen Zollverhältnisse bieten eine Möglichkeit für die Errichtung von Industrien in der Türkei, sondern das Land ist jetzt auch unabhängig genug, um gewisse Industrieartikcl in Regierungshände zu nehmen. Man spricht schon jetzt davon, dass einige I lauptimportartikel von nun an-ein Regierungs• monopol sein sollen. Aber aubfi hier genügt es nicht, dass die Regierung sagt, der und der Artikel solle von nun1'an Monopol der Regierung rein; — es’gehören auch die Arbeitskräfte dazu, mul die finden sich nicht in grösserer Anzahl in der Türkei.11‘ Dalvef•werden die Einwanderer •,׳uch aus diesem' Gründe''willkommen sein. . Eine weitere günstige Möglichkeit für die jüdische Einwanderung liegt auf dem Gebiete der Technik, des, Verkehrs und der öffentlichen Arbeit. Schon im Winter 1908-1909 Hätten eigentlich, wenn alles in Ruhe voc sich gegangen wäre, zahlreiche Vorlagen das türkische Paria-* ment beschäftigt, die von den Verkehrsverhältnissen gehandelt hätten. Allein ungefähr 8000 km Balm sollen da innerhalb acht Jahren gehaut werden. Das ist eine ausserordentlieh grosse Ziffer und bietet Arbeitsgelegenheit für viele Zehntausend von Arbeitern für Hun* derte und Tausende von Technikern; 'Mechamkern u. dergl.; in der alten Türkei war ja auch die Eick-' trizität bis in die allerneuestQ Zeit fast unbekannt und förmlich verboten. Man hat wphl den Telegraphen gehabt, aber Sie wissen ja, wie gcringe elektrische ״Kraft“ erforderlich ist, um sogar über den Ozean zu telegraphieren. Alles, was wirklich elektrische Kraft hiess, war in der alter. Türkei verpönt, weil eine gewisse Furcht vor diesen unbekannten Naturkrähen behänd. Erst vor drei Jahren ist die erste elektrische Kraftanlage für Damaskus zustände gekommen und erst seither sind ein paar neue Anlagen konzessioniert worden, darunter eine merkwürdig symptomatische, nämlich eine elektrische Beleuchtungsanlage für die Grabmoschee Mohammeds in Medina. Damit war mit dem Vorurteil gegen elektrische Anlagen eigentlich gebrochen. — Aber bei der Langsamkeil der Entwickelung im Orient und speziell in der alten Türkei konnte das nicht von einem Tag auf den andern die bestehenden Verhältnisse ändern und so stehen wir heute fast ebenso wie vor 2—3 Jahren vor einer eigentlich erst b e ginnenden Entwickelung elektrischer Kräfte und elektrischer Industrie in der Türkei. Die Ausnützung von Wasserkräften ist ebenfalls in der Türkei noch fast unbekannt. Grosse Wasserkrüfte, die für industrielle Zwecke verfügbar wären, sind heute noch unbenutzt, oder in einer Weise verwertet, dass die Anlagen uns wie Spielzeug anmuten und nicht wie Arbeitsmaschinen. Bewässcrungswerkc sind ebenfalls so gut wie unbekannt. Während in Aegypten gewal• tige moderne Bauten geschaffen wurden; während in anderen Gebieten, z. B. in Cypern, mit primitiven Mitteln ebenfalls eine grosse Bewässerang des Landes erreicht worden ist, steht man in der Türkei hierin noch vor den ersten Anfängen. Aber man hat bereits die Notwendigkeit erkannt, Verhandlungen schweben und es besteht kein Zweifel, dass alle diese Arbeiten ein grösseres Arbeitsheer beschäftigen und dass sie auch direkt oder indirekt unseren Einwanderern zugute kommen werden. Ich habe mit diesen Ausführungen zeigen wollen, dass die jüdische Auswanderung, die sich nach der Lage der Dinge bisher in grosserem Masse nach der Türkei nicht hat wenden können, jetzt vollständig neue Verhältnisse vorfindet, und dass anzunehmen ist, dass gegenüber dieser Entwicklung, gegenüber der׳ Freiheit, die das türkische Reich jetzt bietet, die bisherigen Bedenken verschwinden werden und die grossen wirtschaftlichen Vorteile des erwachenden Orients eine grosse jüdische Einwanderung erwarten lassen. Nun möchte ich auf die Frage eingchen, wie weit die palästinensische Idee heute schon unter den Juden Platz gegriffen hat. Ich habe im Anfänge meines Vortrages gesagt: wenn eine systematische Untersuchung, wohin die Auswan• derung zu leiten sei, zu demselben Resultate führen sollte, zu dem auch instinktiv das Volk gekommen war, dann würde dieses Zusammentreffen tatsächlicher und moralischer Argumente einen ausserordentlich grossen Antrieb geben. Ich glaube gezeigt zu haben, dass die tatsächliehen Verhältnisse unsere Auswanderung in dieselbe Richtung weisen, in der die Volkssehnsucht, wenn wir so sagen wollen, gegangen ist. Nun wäre zu fragen, wie stark ist die Volkssehnsucht? Das ist natürlich schwer zu messen. Aber ich möchte Ihnen doch einen kurzen Ueberblick geben (obwohl den meisten von Ihnen diese Dinge bekannt sein werden,) wie weit die zionistische',Idee, die pal äst inens i s c h e Idee, dieldeederOrientkolon i s a t i o n heute schon gedrungen ist. Wir haben den Anfang der jetzigen Bestrebungen in den Kolonisationsidecn zu suchen, die auf religiöser Voraussetzung basieren, und seit ,der Mitte ,des vorigen Jahrhunderts wieder die Oeffentlichkcit beschäftigt haben. Es gab dann die Zeit der ״Chowcwe Zion“, von denen im zionistischen Lager viel Unfreündfiches gesagt worden ist,, aber mit Unrecht. Denn erstens sind sie der Grund,' auf dem wir stehen und weiter arbeiten konnten, und dann sind die Ideen der ״Chowewe Zion“ keineswegs so kleinlich gewesen, wie sie meistens dargelegt wurden. Es ist unmöglich, eine grössere Gefolg* Schaft irgendeiner Idee auf ein Wort einzuschwören, und wenn söundsoviele Leute unter den .Chowewezionisten waren, die sich tatsächlich .'mit jedem einzelnen Einwanderer, 'der ins Land kam und.jedem Fussbreit neugekauften Landes gefreut haben, so ist das eine kleinlicher Stand- Punkt, den viele — auch in grösseren Bcwegungen — zeigen. Es ist aber keineswegs ein Standpunkt der Partei, der Bestrebung. Die ״Chowewe Zion“ haben so gut wie wir ״ewusst, dass eine Einwanderung nach dem Lande mit der Zeit eine Majorität schaffen und dass eine Majorität Rechte haben würde, — grössere Rechte bei einer grösseren Majorität und einer lungeren Arbeit im Lande. Das haben sie so gut gewusst wie wir, es ist nur im Streite der Meinungen ein wenig verwischt worden und in Vergessenheit geraten. (Fortsetzung folgt.) Der ״alte Kurs“ Acht Fast wie im ״Tach" Des Aujust Scherl Föngt da so’n Kerl Von unsern ״Politischen" An, seinen unkritischen Qeist für den ״alten Kurs" zu verspritzen. Mit dem wir sitzen Qcblicbcn waren sieben Johr*. Das hat ihm, schcint's nichts ausgemacht —■ Vielleicht gar kam cs ihm so vohr, Als ob wir’s herrlich weit gebracht! — Immerhin — Eins spricht für ihn: Er fasst sich kurz! Viel weniger schnurz War mir’s, wollt er zum besten des ״Alten" Uns in Artikeln Standpauken halten. Ibrahim, türkischer Israelit/) T: AUS ALL6R WCLT :: Russland Eine neue russische Anleihe? In diesen Tagen soll der bekannte Berliner Finanzier Mendelssohn in Petersburg cintrcffcn, um mit dem Finanzministcr Kokowzew zu konferieren. Es handelt sich augenscheinlich um eine neue russische auswärtige Anleihe. Die offiziöse Dar- Stellung, dass Mendelssohn hierher kommt, um einer hier staufindenden Feier zum Andenken an seinen Qrossvator, den Komponisten Mcndclssohn-Bartholdy, beizuwohnen {!!), kann wohl niemand ernst nehmen. Werden die deutschen Finanzlcutc vielleicht diesmal der russischen Regierung ein ״menschliches Rühren" abzugewinnen vermögen? Eine solche ״Er- Pressung" von Menschenrechten für die russischen Juden wäre zweifellos im besten Sinne moralisch — aber eben deshalb wird sic auch kaum erfolgen. Die Juden in Turkcsfan Die Kriegsgouverneurc von Turkcstan und der Hauptverwaltcr des transkaspischen Rayons haben dem russischen Ministerium des Innern folgenden Bericht über die dortigen jüdischen Gemeinden zugestellt: 1״. Im Sa mar kan der Rayon bilden die eingeborenen asiatischen Juden besondere Gemeinden, und die europäischen 'Juden ebenfalls. Juden wohnen dort nur in den Städten- Samarkand. Chodshent und Kotokurgunsk und im Dorfe Pcischainbe. ,Die Samarkanücr Gemeinde hat vier Synagogen, einen Rabbiner, einen Rabbinergehilfen, einen Synagogcnvorsteher, einen Kassenwart und einen ״gelehrten Juden". In Kotokurgansk befindet sich nur eine Synagoge: die Gemeinde in Pciscliambc besitzt vier Synagogen. Die letztgenannten Gemeinden haben weder einen Rabbiner noch einen Schulrat; ihre Kultusangclcgcnheften werden von sogenannten ״Talmidci Cchachamim" geleitet. Im ganzen befinden sich im Samarkander Rayon 7500 Juden, davon sind 5000 cingeborene, d. 11. asiatische Juden. 2. Im Fergansker Rayon sind alle Gemeinden gemischt, aus europäischen und asiatischen Juden zusammen gebildet. Die Zahl der dortigen Juden beträgt 2000; davon sind 7 Familien eingeborene, 502 bucharischc Juden, etwa 1500 europäische Juden. 3. Im Sir-Darinskcr Rayon sind die eingeborenen und die europäischen Juden nach besonderen Gcmeinden getrennt, ln Taschkent befinden sich drei Synagogen, von denen eine noch in der Zeit der turkcstanischcn Selbständigkeit errichtet wurde, ln •) Mit diesem lyrisch-politischen Erguss unseres ״türkischen" Freundes wollen wir aber dieso Vers- Politik beenden! Red. der ״J. R,"