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Jüdische Rundschau · 1909-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 40-41 (4.10.1909)
Date
1909-10-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 454. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 40/41, haupten, dass ein opposUioncllcs Verhalten der Dumnmajoritiit der RcKlcrimsc gcKcnübcr die sofortige Auflösung der dritten Duma, wie bei den beiden ersten, nach sieh ziehen würde und möglicherweise sogar die vollständige Sistierung der Volksvertretung zur Folge haben könnte. Ob diese Befürchtung heutzutage noch Orund und Boden hat. möchte ich weder bejahen noch ver- ״einen. Aber eins steht fest, dass Leute, die vor Angst und Bangen um die Aufrechterhaltung des nackten Prinzipes ein Schalten und Walten gut• heissen, das sic selbst als unheilbringend anerkennen, in keinem Falle eine politische Partei genannt zu werden verdienen. Für mich war der Charakter der nicht-oppositionellen Oruppen der dritten Duma Uber• haupt und der Oktobristen Insbesondere seit den ersten Tagen meines unmittelbaren Umganges mit ihnen vollständig klar. Sie entpuppten sich eben nicht als Politiker vom Fach, sondern als all tilg• liehe Splcssbürgcr, die ihre politische Er• Ziehung in den Krähwinkeln der von Kultur und Zivilisation verlassenen Städte und Landschaften unter dem ewigen Drucke der administrativen Willkilr genossen haben. Das Taurisclie Palais gestaltete sich infolgedessen nicht als freie Stätte legislativer Wirkung, sondern als eine ängstliche Ver• Sammlung von städtischen und 1 a n d s c 11 a f 11 i c h c n Beamten, deren erste Tugend cs immer war, ״strenge Gehorsamkeit" den Vor• gesetzten gegenüber zu beobachten. Es war Jedoch selbstverständlich, dass dies für die Dauer nicht so bleiben kann. Der engere Verkehr mit den oppo• sitioncilen Oruppen, das Liebäugeln der Würden• träger mit den ״Volksvertretern" usw, konnte nicht ohne Einfluss auf das beklommene Qcmüt und den begrenzten Gesichtskreis der ״Ängstlichen“ bleiben. Endlich ist cs Ja auch eine alte Tatsache, dass der Mensch sich schnell ans Bessere gewöhnt. Selbst• verständlich ist ein derartiges wclchkürpcilgcs Material zu fundamentalen Bauten wenig geeignet. Aber andererseits kann cs auch beliebige Formen annchmcn, und geschickte Baumeister dürfen den Mut nicht verlieren, cs zu ihren Zwecken ausnutzen zu können. Eben deshalb war und bin ich auch heute noch der Ansicht, dass wir J u d c n' k c (n c $• wegs den Mut zu verlieren brauchen und für die Lösung unserer Frage energisch und miiiiselig arbeiten müssen, im Vertrauen darauf, dass auch fiir uns eine gute Stunde schlagen kann, wo wir ein fiir uns günstiges Votum einer ad hoc ge• schaffencn Majorität werden erzielen können. Einen — wenn auch sehr bescheidenen — Beweis dafür können wir auch aus dem Facit der verflossenen zweiten Session entnehmen. Ich muss von vornherein daran erinnern, dass in den ersten Tagen dieser Session die Auspizien überhaupt ein progressives Verhalten der Dumamajorität voraussetzen Hessen. Ein Zusammengehen der Oktobristen mit der Opposition von Fall zu Fall schien sich anbahnen zu wollen. Auch uns gegenüber zeigten sic sich viel toleranter. Es genügt in letzterer Beziehung, sich die Episode von dem tendenziösen Auftreten des Ministergehilfen Makaroff in der Abendsitzung vom 19. November 1908 Ins Gedächtnis zurückzurufen, als er in seinen, Erklärungen gegen die Interpellation wegen der Wilnacr Geheimpolizei ausfiihrtc, dass der einzige Zeuge, dessen1 Aussuge in der Tut die Re• | gienmg belaste, ein gewisser Gramm ist, und dabei betonte,׳ dass dieser Zeuge vor allen Dingen Jude, dann Konirebandist und Besitzer eines Freudenhauses wäre. In kurzen und bündigen Worten erklärte ich im Tone tiefster Empörung, dass cs einem Vor• trete r der Regierung nicht zieme, die׳ Jüdische Nationalität des Zeugen als Makel an und für sich zu betonen, und wurde dabei nicht nur von der Opposition, sondern auch von den Oktobristen mit rauschendem Applaus begrüsst. Ja, einige von den Führern der letzteren demonstrierten ihre Unzufriedenheit mit Herrn Makaroff dadurch, dass sic mir, als ich von der Tribüne auf meinen Platz zurückkehrte, öffent* lieh die Hand drückten. Diese Episode gab dann den reaktionären Blättern Veranlassung, über die Oktobristen hcrzufallcn. In der ״Nowoje Wremja" widmete der bekannte Judenfresser Menischikoff der genannten Episode ein spezielles Feuilleton, betitelt: ״Herr Nlssciowitsch auf dem russi• sehen Sinai", worin er entrüstet die Oktobristen dem Unken Piügcl der Duma clnvcrlelbt, well sic cs gewagt haben, den Juden Nissclowltsch mit ihrem Applaus zu unterstützen• Einzelne Führer der Okto• bristen hörten Indes nicht nuf zu behaupten, dass sic itticlt fernerhin In der Nationalitätenfrage keineswegs mit der Rechten Hand in Hand gehen werden, und speziell mir gegenüber üusserten sie in privaten Gesprächen, dass sie den Juden Gerechtigkeit wider* fahren lassen würden. Den Beweis dafür wollen sic bei den Verhandlungen über die Qcsclzcsvorlagcn, die die Gewissensfreiheit betreffen, liefern. Die jüdischen Kadetten schmunzelten dabei und meinten, dass die Oktobristen sich wohl hüten werden, die genannten Qcsctzcsvorlagcn in der Duma aufs Tapet zu bringen. Wir haben indes schon gesehen, dass unsere ״weitsichtigen" hohen Politiker In dieser Be* Ziehung sich als sehr kurzsichtig erwiesen haben, was jedoch keineswegs bedeutet, dass man den Ver* Sicherungen der Oktobristen unbedingt Vertrauen schenken kann. Denn ln Wirklichkeit spielt in der Taktik der Oktobristen die Hauptrolle nur ein ein• ziges Moment; Der Auflösung der Duma vorzubeugen. Auch die massgebenden oppo• sitioncilen Oruppen der Duma rechnen mit diesem Faktor, aber das hindert sic nicht, die Missbrauche der Administration zu enthüllen und zu gcisseln, wie auch den verfehlten Massrcgcln der Regierung entgegenzuwirken. Die Oktobristen dagegen sind bereit, um einem Konflikt mit der letzteren auszuweichen, das Siegel der Volksvertretung unter jegliche Vor• lagen der Regierung zu setzen. Die Burcaukrntic rechnet mit dieser Stimmung der Dumamajorilät und behandelt dieselbe dementsprechend als fügsame Masse, die alles, was die Administration tut, gutheissen muss. Dieser Qegensatz zwischen den Oktobristen und der massgebenden Opposition bildet denn auch stets die Scheidewand zwischen den crstcrcn und den letzteren in allen prinzipiellen Fragen und spitzt das unliebsame Verhältnis zwischen ihnen zu. In der verflossenen zweiten Session äusserte sich dieser Umstand mit besonderem Nachdruck bei den Verhandlungen über das Agrargesetz der Regierung vom 0./22, November 1906. Dieses Gesetz, das die Regierung auf eigenes Risiko nach der Auflösung der ersten Duma herausgegeben und das den Zweck hat, dpn traditionellen kommunalen Landbesitz der Bauern (die sogen. Obstchina) aus der Welt zu schaffen, wurde ebenso scharf kritisiert von Seiten der Dumamajorität wie von Seiten der Opposition. Während jedoch die Opposition gegen die Vorlage der Re• gicrung cn bloc stimmte, votierten die Oktobristen Hand in Hand mit der Rechten für dieselbe, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil die Regierung unverblümt den Oktobristen zu verstehen gab, dass, falls die Regierungsvorlage von der Duma abgclchnt, letztere ohne weiteres aufgelöst werden wird. So geschah cs denn, dass das Bündnis zwischen den Oktobristen und der Rechten, das anfangs locker geworden zu sein schien, wiederum enger wurde und andererseits die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Oktobristen und der Opposition sich zuspitzten. Ein Umschlag trat nur erst dann ein, als eben die oben besprochenen zwei Gcsctzcsvorlagcn auf die Tagesordnung kamen. Die Oktobristen hatten in diesem Punkte, wie ich bereits oben angedcutct habe, strikte Verpflichtungen zu erfüllen und waren deshalb gezwungen, mit der Rechten zu brechen und mit der Opposition Hand in Hand zu gehen. Das progressive Votum der Dmnamajorhilt in bezug auf diese beiden Gcsctzcsvorlagcn hat, wie schon oben bemerkt, für uns J.uden keine besondere Tragweite. Wohl aber habcp'j'wij־ aus den Vorhandlungen einen sehr wichtigen Fingerzeig für uns zu verzeichnen, den der Generalissimus der Oktobristen, A. J. Gutschkoff, in seiner glänzenden Rede am 15./28. Mai gab. ״Das Referat der Kommission, meine Herren" — sagte Herr Qutschkoff, — ״enthält eine Forderung, ich möchte sagen, eine flehentliche Bitte aller Altgläubigen. Vergebens versuchte ^man von der rechten Seite zu insinuieren, dass diese Forderuttg von einer politischen, ja' sogar jüdischen l n t r i g u c diktiert worden sei. Die Altgläubigen werden aufs üusserste erstaunt sein, wenn sie erfahren werden, dass ihre innigsten, tiefgefühltesten Wünsche zu einem Produkt jüdischer Intrigue gestempelt wurden. .....יי Und das leidenschaftliche Sehnen der Altgläubigen nach festen gesetzlichen, Normen, von denen hier die־Rede war? Wenn Sic! eine Erklärung dafür finden wollen, 1so werden Sic; dieselbe in der Jahrhunderte langen Geschichte •von: Repressalien und Leiden'der’Altgläubigen seitens׳der־ administrativen Behörden finden. Und findet die; penible Haltung der Behörden gegenüber den Forde-' rungen der Altgläubigen nicht ihre ־ Erklärung darin,1 dass im Verlaufe von zwciundeinhalb Jahrhundert•;״ die Altgläubigen und die Juden eine reich« Quelle von Einkünften, einen Gegen, stand der Exploitation für die nie. de re< mittlere und sogar höhere Burcaukratic boten. Erkundigen Sic sich hei den Altgläubigen und Sie werden erfahren, wie viele und welche Beamte auf Ihre Kosten lebten: nicht nur Distrikts- und Bezirksbeamte, sondern auch Gou. vcrncurc und sogar Ocneralgouvcrncurc waren bei ihnen auf Unterhalt." Ich messe diesem Zeugnis des Generalissimus der Oktobristen, das er in feierlichster Weise von dem Podium des Parlaments laut dem Lande ver* kündet hat, für uns Juden eine enorme politische Bedcutung bei, denn s. Zt. werden wir Gelegenheit haben und imstande sein, die uns vom Oktobristen• führer in die Hand gegebene Schneide taktvoll gegen die Oktobristen selbst zu führen, falls sic sich an* schicken sollten, uns entgegen zu arbeiten. Und hierin ersehe ich ein gewisses Plus in dem Pacit der zweiten Dumascssion, und muss mit aller Energio gegen das laisscz faire laissez passcr unserer rou• linierten Pessimisten auftreten. Gross ist unser Volk und erhaben seine Ver• gangenheit. Hoffnung und Zuversicht waren stets unser Trost in den allcrschiimmsten Zeiten. Wehe denen, die diesen Trost dem bedrückten Volk; zu nehmen bemüht sindl ln einem Artikel über das Facit der zweiten Session führte der ״Raswjet" (No. 24 a. c.) aus, dass im besten Falle die dritte Duma imstande sein werde, cs nicht zuzulassen, dass die Lage unserer Glaubens• genossen in Russland auf dem Wege der Legislatur verschlimmert werde, da jegliche Initiative der Duma zugunsten der Juden durch das Veto des Rciclisrats der seiner organischen Konzeption nach ganz in den Händen der Regierung Ist, vereitelt werden kann. Vom Standpunkte des Gesetzes lässt sich gegen diese Behauptung nicht streiten und muss zugegeben werden, dass im grossen und ganzen die Duma machtlos ist, praktisch die Lage der Juden auf legislativem Wege zu verbessern. Aber es wurde für uns schon von grossem Werte sein, wenn wir ein für uns günstiges Votum der Duma erzielen könnten, und das ist meiner tiefsten Ueberzeugung nach keineswegs ausgeschlossen, nur müssen wir zu diesem Zweck erstens arbeiten, zweitens — arbeiten und drittens — arbeiten, des weisen Spruches ein• gedenk: אס יגעתי מצבתי Laubhüttenfest Verhallt sind die dumpf dröhnenden Klim;׳e des Schofar, vorbei der lange, schwere, der Busse geweihte Tag; in den Synagogen tönen die alten schönen Erntedanklieder und der Fes:• strauss raschelt. — Wahrlich ein unter den heutigen Verhältnissen äusserst seltsam anmutendes Fest ist es, das wir jetzt begehen; wir danken in weihe• und pocsicvollcn Festliedern fiir eine Frnte, die nicht auf unseren Feldern gereift ist, für Früchte, die eine fremde Sonne nuf fremder Erde zur Glut geküsst hat. — Wir Juden, das heisst leider wir Grossstädter, was wissen wir denn in unsc• ren engen, lichtloscn Gassen, in unseren rauch• geschwärzten, lärm umtosten Steinbaracken noch von der innigen Freude des־ Landmanns, der nach langen Monaten mühevoller Arbeit endlich den sauei^erdienten Lohn einheimsen kann, was wissen wir überhaupt noch von der Natur, ihrer herzbezwingenden Schönheiten und ihrer ganzen grandiosen Erhabenheit? Wir haben verlernt, ihre Sprache •zu verstehen, fremd sind wir der besten und liebevollen Mutter geworden, zu deren Söhnen wir uns einst mit Stolz zählten. Ein leises, wehmütiges Rauschen zieht durch die Festlieder des Laubhüttenfestes, mischt sich in den Jubel der Erntefreude, erzählt von dem tiefen Riss, der durch die Seele unseres Volkes geht, seitdem man es gewaltsam von der Natur, von seinem heimatlichen Erdboden losgelöst hat. ך- Wie Heimatsrauschen und wie Heimais• seltnen klingt es, wenn der Feststrauss leise raschelt und vor unserem geistigen Auge ersteht urplötzlich der üppige goldene Segen der Saaten• felder des Landes, da Milch und Honig fliesset und fast sinken die Hütten in den dunklen Höfen

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