Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1909)
- Date
- 1909-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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>Jo. 40/41. JUED1SC1IE RUNDSCHAU Seite 453. lieh beschäftigt hat. Bewunderungswürdig ist die rapide Kulturentwicklung der deutschen Ostmarkenjuden in wenigen Generationen. Vermöge ihrer hervorragenden Intelligenz sich mächtig allerorts ausbreitend, ist gerade diese Eigenschaft des Geistes der Pflanzboden vqn Maehtfaktorcn im Einzelmenscheu geworden, welche auch die übrigen Forderungen an gesell* sciiai'tliclie Qualitäten allmählich aber deutlich sich entwickeln lassen. Man muss jeden Men* sehen beurteilen und aburteilen in Berücksichti* gung der sozialen und wirtschaftlichen Luft, in der er und auch seine Ahnen aufgewachsen sind. Schon im Vereinigten Landtage 1847 verwahrte der Abg. von Jaraczewski die Juden vor der Bezeichnung als polnische Juden, da diese sich ja die Kultur der Westjuden ange* eignet haben. Diese rapide Entwicklung ist um so bewunderungswürdiger, als sie nicht überall mul allen Volksteilen gelingt in Gegenden, wo jede Art von Verkehr sich nach Möglichkeit auf Grundlage nationaler und konfessioneller Zu* gehörigkeit regelt, wo dieser ״Kampf aller gegen alle" zwar Werte und Kräfte fördert, anderer* sciis aber mancherlei Schäden an jedem Ein* /einen zeitigt, der gezwungen ist, am Kampfe leilzunehmcn. Derlei Gegenden erzeugen eben eilten Menschenschlag, welcher sich von den in medlicheren Himnielstrichen wohnenden Men* schon wesentlich abhebt. Und was hierbei unangenehm sich geltend macht, muss man den Verhältnissen zu Gute rechnen. Aber man hüte sich, beim Abwägen der Kräfte und der Schwächen an dem betreffenden Menschentypus eine der beiden Seiten in den Vordergrund zu drängen. Die böte humaine liebt es aller* dings.-Weiter voran also in der Selbst* Kultur nach dem Vorbilde höheren Kultur* niveaus! Das muss die Hauptaufgabe der Ost* juden bleiben. Zum Schlüsse seien diejenigen unserer Gegner, welche um jeden Preis eine Loslösupg der Juden vom Boden der Ostmark herbelwün* sehen, an ein Wort Mommsens erinnert: ״. . . .ich bin überhaupt der Ansicht, dass die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker be* griffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren.“ und Mommsen sagte uns Juden mancherlei Unangenehmes!. Das Facit der zweiten Session der dritten Reichsduma Von L. N. Nissclowitsch, Mitglied der Rciciisduma, Die letzten Akkorde der zweiten Session der Rcidisduma verklangen heiterer und hoffnungsvoller iiir die progressiven Elemente des Lundes. Zwei von fortschrittlichem Geiste durchwehte Gcsetzcsvorlagcn, die das Prinzip der Gewissensfreiheit in engerem, streng religiösen Sinne behandelten, wurden von der Dumamajoritüt standhaft angenommen. Diese Maioritat setzte sich aus den Oktobristen und der Opposition zusammen, wobei die Oktobristen, die söge- { nannte Regierungspartei, die reaktionären Antriige 1 der Rechten und Gemässigten, die von der Regierung [ unterstützt wurden, mit Nachdruck abichntcn. Eine j von den zwei erwähnten Gcsetzcsvorlagcn betraf speziell die sogenannten Altgläubigen, eine Bcvölkcrungsgruppe von ca. fünfzehn Millionen wirklicher Russen, die ln politischer Beziehung vom Standpunkt der Regierung gesehen, über aller Kritik stehen und I sogar von der Rechten als ״tadellose Patrioten" be* j zeichnet werden. Es war also kein Parteikampf, sondern ausschliesslich die traditionelle Intoleranz S der herrschenden rechtgläubigen Hierarchie gegen J ihre religiösen Gegner, die sogenannten Sektanten.! Altgläubige 'gibt cs nicht nur unter den Oktobristen | (ihr Führer A. J. Sutkoff selbst ist Altgläubiger), ן sondern sogar auch unter den üussersten Rechten. | Kein Wunder also, dass sich in der Duma mit Hilfe ' der Opposition, die prinzipiell für Gewissensfreiheit ficht, eine Majorität bildete zur Annahme der pro• gressiven Gesetzcsvorlagc. Für uns Juden hat somit j das progressive Votum der Duma in diesem Punkte nicht einmal eine symptomatische Bedeutung. Ein etwas anderes Ansehen hat für uns die zweite der erwähnten üesctzcsvorlagen, die den Ucbcrtritt von einer Konfession zur andern zum Gegenstand hat. Hier votierte die oben angcdcutcte Dumamaforltät die absolute Freiheit des Ucbcrtrittcs von einer Konfession zur andern, also auch sogar vom Christentum zum Judentum. Vom praktischen Standpunkt ist natürlich dieses Votum für uns von gar keiner Tragweite, da wir von ahersher keine Proselytenmacher waren, und speziell in Russland cs geradezu lächerlich klingen muss, vom Ucbcrtritt christlicher Bürger zum Judentum zu sprechen, da derselbe ja den Verlust einer ganzen Reihe von politischen Rechten nach sich ziehen würde. Nichts• dcstowenlger traten wir Juden in der Kommission für die Anerkennung dieses Prinzipcs In die Schranken, nicht nur ad majorem gloriam judulcam, sondern aus rein praktischem Orundc, da wir in der Anerkennung dieses Prinzipcs eine grosse Etappe zur Anerkennung der Qcwisscn.sf rciheit in weiterem Sinne sehen, ln der Plenarsitzung der Duma versuchte eine Oruppe der Oktobristen, diesem Bestreben entgegenzutreten, indem sie durch ein Amendement untcrsfrcichcn wollten, dass der Ucbcrtritt vom Christentum zum Judentum den Verlust von gewissen politischen Rechten nach sich zieht, aber dieser Versuch misslang, weil die Rechte und die Gemässigten sich von den Oktobristen bei den vorhergegangenen Abstimmungen getrennt hatten und bei der Abstimmung des erwähnten Amendements dem Sitzungssaal ferngeblieben waren. Ob die beiden genannten von der Duma an¬ Wie gross war nun ihr Staunen: keinen Fuhrmann sieht man und keine Pferde; die Bänke so bequem und fein poliert, und ein über das andere Mal pries sie die weise Erfindung einer so bequemen und geräuschlosen Verkehrs* cinrichtung. Nur langsam drehten sich die Zeiger an der grossen Uhr, auf welcher Frau Taube ihre Augen gerichtet hielt. Ihre Unge* duld wuchs von Minute zu Minute; nur noch ר Minuten-auch diese vergehen, und nun noch schöner als die Tekio-gcdanto nach Neila erscheint ihr der Schlag der Uhr: halb nenn! Schnell erhebt sie sich von ihrem Sitze, und nun wünscht sie sich Flügel, um schnell* stens in die Stadt, die wie ihr gesagt wurde, eine halbe Meile von der Station ent* lernt sein soll, gelangen zu können. Durch einen anderen Ausgang gelangt sie ins Freie und ein Ausruf der Uebcrraschung entringt sich ihrer Brust: 0״, wie hat sich Pilwischock ver• ändert! Und da, noch eine andere Ueberraschung: vor ihr steht der ihr wohlbekannte, schwerhörige Droschkenkutscher Tewje mit seinem Abzeichen, der Peitsche, in der Hand, und verwundert fragt sie ihn: ״Tewje was machst du hier???“ Doch sind ihre Gedanken zu sehr mit der' Wiedersehensfreude beschäftigt, um auf Tewjes weitere Reden zu hören, aus welchen sie nur die Gegenfrage heraushört: ״Willt Ihr fohren in Stodt?“ ״Ja. ja, hundert mol ja!“ sagt sic, folgt dem schwerhörigen Kutscher, schwingt sich wie ein Backfisch auf den Wagen und, nach langem Zureden und mehreren Peitschenhieben zieht der arme Gaul an und der Wegen setzt sich, wenn auch nicht schnell, so doch desto langsamer in Bewegung. Als sie eine Viertelstunde gefahren waren, er* blickt sie eine Windmühle, genau so eine wie vor Wirballcn und denkt nun, wie sich doch Pilwischock emporgelioben habe, indem es sich noch eine zweite Windmühle zulegte. Doch Tewjes Gaul schreitet langsam aber sicher, und so langten sie auch bald ins Städtchen an. Verwundert blickte sie die Häuser, Ställe und Scheu* nen an: O, wie hot sich Pilwischock verändert; ja, ja, in 10 Jahren ist es bald nicht wieder zu erkennen. Heute sieht es genau so aus wie Wir* ballen. Und Tewjes Gaul schreitet vorwärts, und während Frau Taube von einer Ueber* raschung in die andere fällt und immer wieder verwundert ausruft: ״genau so wie in Wir• ballen,“ hält der Wagen vor einem Hause ge* nau so wie ihr Haus in Wirballcn. Und — o, welche Uebcrraschung! nein, es muss Wirk* lichkeit sein; so täuschend ähnlich kann in Pil* wischock kein Purimspieler •ihren Z e m a c h darstellen; das ist er in Wirklichkeit, derda in dem Rahmen der Haustür steht und1 sie nicht genommenen Gcsetzcsvorlagcn zu wirklichen Gesetzen werden, ist noch sehr fraglich, da sie Ja noch zwei Instanzen zu passieren haben und cs keinem Zweifel unterliegt, dass dar Reichsrat, falls die Regierung den Standpunkt, den sic in der Duma vertrat,' auch im Rcichsrat verfechten wird, die Duinabcschlüsse verwerfen wird, somit letztere bloss als pia desideratc auf dem Papiere bleiben werden. Nichtsdestoweniger stimmte die progressive Presse der dritten Duma für ihr standhaftes progressives Verhalten bei der Behandlung der in Rede stehenden Gesetzcsvorlagc ein Loblied an, und mit Recht, du jedes progressive Votum der Duma einen unabsch« baren moralischen Wert hat. Man versuchte aber auch zu gleicher Zeit, Betrachtungen über das fernere Verhalten der Oktobristen unzustcilcn, um zu er• raten, ob sich die neu entstandene Majorität aus den Oktobristen und der Opposition uucii für die Zukunft und für andere progressive Gcsetzcsvorlagcn bc* währen wird. Wer jcdocii die Konstellation der Parteien und ihre gegenseitigen Beziehungen in der Duma nicht theoretisch, sondern praktisch, ich möchte sagen augenscheinlich, kennt, der muss sich sagen, dass alle jene Betrachtungen und Prophczeiungen einfach aus der Luft gegriffen sind. Denn wohigenterkt, der Hauptirrtum der ausser der Duma stehenden Kreise besteht eben darin, dass sie einen Parteikamp} da voraussetzen, wo er in der Wirklich* keit gar nicht existiert. Ich bitte, 11'iicli nicht miss* ■/״verstellen. Ich will nämlich gesagt haben, dass von einem Parteikampf nur dann die Rede sein kann, wenn man von zwei oder mehreren Parteien sprechen kann, von denen jede ihre streng markierte Doktrin vertritt. Nun aber lässt sich wohl von einer Doktrin reden, die die oppositionellen Gruppen der Reichs* duma verfechten. Man würde aber in einen gc• wattigen Irrtum verfallen, wollte man glauben, dass auch die nichtoppositioncllcn Gruppen, die Oktobristen nicht ausgeschlossen, ebenfalls irgend eine bestimmte Doktrin vertreten. Der bekannte Moskauer Professor und Politiker Fürst Eugcnius Troubczkoi bezeichnet die Oktobristen ais die Partei der letzten Regierung! ver• fügung, d. h. dass sic ihr ursprüngliches Pro• gramin auf jeden Wink der Regierung abändern. Ich möchte sagen, dass auch eine derartige Qualifikation der Oktobristen streng genommen nicht zutreffend ist, denn schliesslich würde man dann die Oktobristen doch als eine politische Partei anzuerkennen gc• zwungen sein, da die Regierung selbst an und für , sich eine Partei darstellt, freilich mit einem Pro• gramm, das leider in allem den Ocsamtintercssen des Landes zuwiderläuft. Von den Oktobristen kann man aber nicht einmal behaupten, dass sie in allen Stücken mit der Regierungspolitik einverstanden sind, und doch haben sic nicht den Mut, der Regierung in irgendwelcher Beziehung energisch cntgcgcnzutrcten. Die Aufrichtigsten unter ihnen verteidigen ihr nachgiebiges Verhalten der Regierung gegenüber damit, dass sic hauptsächlich bemüht sind, das Prinzip der Volksvertretung aufrecht zu erhalten, indem sie beminder überrascht ansieht. Als sie sich überzeugte, rief sie aufs höchste verwundert aus: ״Zemach, wos mochst d u hier?“ Frau Taube soll es sich mit einem heiligen Gelübde abgeschworen haben, jemals wieder mit dem Wagsal zu fahren; am folgenden Erew- Roschhaschono aber liess sie sich mattir-Neider lein (von dem Gelübde entbinden), da mr.1t doch, wie ihr endlich klar gemacht wurde, mit dem Wagsal überhaupt nicht, sondern mit der Eisenbahn fahre. Gleich nach Simchastaurc be• gann sie mm die Vorbereitungen zu einer zwei* ten Reise nach Pilwischock zum nächsten Purim zu treffen. Obgleich sie dann ein und eine halb Stunde vor Abgang des Zuges die Station .er• reicht hatte, war sie, trotz schlechtesten Wct• ters nicht dazu zu bewegen, die-Wartezeit im Wagsal zu verbringen. *•■־׳־׳ Diesmal soll sie dann "wirklich in Pilwi* schock eingelroffen selb'zu ihrer eigenen und der ganzen MisChpoche Freude, wo sie dann gemeinsam;־^echtvergnügten׳ Purim feierten. ' " ׳••׳׳■ ־