Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1909)
- Date
- 1909-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sic uns zeigt, wohin cs mit uns käme, wenn die Regierung Bcamtenqualitätcn von der Art ries Verfassers in selbständig leitende Stellung hincinlicsse. Hoffentlich bleibt die Ostmark von ihnen verschont. So verlockend es ist, an dieser Stelle auf den Inhalt der Broschüre cinzugehen, genüge ein Zitat aus ihr: ״Es ist also die Zeit nicht mehr fern, in der man in den Ostmarken endlieh (!!!) deutsche Politik ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Interessen und die ״auch deutsche“ Gesinnung der jüdischen Bevölkerung machen kann.“ liinc überaus treffende Besprechung findet das Machwerk in den ״P. N. N.“ Der K.-Referent gestatte mir den Abdruck ihres vorzüglichen Schlusses: ״Soll man über die Broschüre des Herrn Regierungsrats lachen oder weinen? Mit ihrem krausen Gemisch von Hochmut, politischer ln• toleranz, von Rassen• und Nationalitätenhass, mit ihren z. T. höchst destruktiven Vorschlägen, mit ihrem Aufruf zum Kampf ä tout prix, ist sie ein trauriger Beweis, welche Verwirrung die Ostmarkenpolitik in manchen beamteten Köpfen angerichtet hat. Aber die Bevölkerung der Ost• marken denkt erfreulicherweise anders als dieser höhere Beamte der Ansiedlungskommission. Sie will mit allen ihren Mitbürgern in Frieden zu leben versuchen und hat daher auch in keiner Weise die Ruhe gestört, die nach der Erregung über das Enteignungsgesetz und den Sprachen* Paragraphen •im Vereinsgesetz in letzter Zeit eingetreten war. Hat doch auch die Ansied• lungskommission selbst von dem Enteignungs* recht bisher noch keinen Gebrauch gemacht! Diese wohltätige Ruhe zu stören, blieb dem Herrn Regierungsrat in der Ansicdlungskom• mission übrig. Wir hoffen aber, dass die Wellen. die er wieder in Bewegung setzte, seinen Kahn an ein Ufer führen werden, von dem cs nach der Ostmark keine Rückkehr mehr gibt.“ Trotz ihrer Subaheruität oder vielleicht ge- 1 ade wegen derselben sind diese anonymen Hin• terfrontregierungen in ihrer Gefahr für uns Juden nicht zu unterschätzen. Es wäre aber vergeh• liebes Bemühen, mit ihnen verhandeln zu wollen. Um so stärker tritt die Notwendigkeit an uns heran, durch offizielle Faktoren der Judenschaft mit der offiziellen Staatsleitung in Verbindung zu treten. Zu diesem Zwecke müssen wir uns über die Forderungen klar sein, welche die einander bekämpfenden Parteien stellen. Die Regierung will durch ein starkes Deutschtum verhindern, dass von der Grenz• mark aus eine nationale Zersplitterung in Deutschland ein politisches Bild nach dem Muster Oesterreichs zeitigt. Ihre Mittel zur Er• reichung ihres Zieles sind wirtschaftlicher und kultureller Art. Das Polcntutn erstrebt auf gleiche Weise seinen überwiegenden Einfluss zu befestigen. In deutscher Kultur erzogen und diese als die höheren anerkennend zählen wir Juden uns zu der deutschen Gesamtheit, deren Ziele wir unterstützen müssen. Das ändert aber nichts an den Rechten und Pflichten des freien Bürgers, auf Gefahren auf• merksam zu machen, welche dem Ganzen durch beabsichtigte fehlerhafte Massnahmen drohen. Bei der Gemeinschaft des Zieles, dass allen Deutschen vorschwebt, lässt sich unter Aus- Schaltung überflüssiger und fruchtloser Gegen• satzlichkcitcn sehr wohl ein festes gemeinsames Programm aufstcllen. Doch darüber müssen wir uns klar sein, dass die Regierung keinen Schritt von der An- Siedlungspolitik zurückweichen wird und dass sie von dem bäuerlichen Genossenschaftswesen für Jahre hinaus keine Linie breit abgehen kann,! wenn sie auch dadurch eine Anzahl bisher j jüdischer Positionen vernichtet. Mit diesen Tat•! suchen müssen wir dauernd rechnen. Aber — und hiermit ist unsere Forderung j abgegrenzt ־־־ mit der Bauernpolitik soll die : Subventionspolitik im Wirtschaftsleben ihr Ende j erreichen. Dementsprechend muss damit 1;e• i broehen werden, unter deutschen Gewerbe* J treibenden nur solche nichtjüdischer Konfession j zu verstehen und diese als Konkurrenten für : schon ansässige Juden an/usiccleln und mit ge* j wissennassen zwangsweiser Empfehlung oder; billigen Geldmitteln zu unterstützen. Derartige j Mittel, das Deutschtum zu fördern, sind ja auch ן volkswirtschaftlich nicht einwandsfrei;denn der , Jude wird als deutsches Kulturelcment ge- J schädigt und vernichtet, der subventionierte » Deutsche aber kann niemals die Leistungsfähig-! keit der freien Männer besitzen, schon weil, er auch ohne sie sein Durchkommen findet. Wohl wissen wir, dass auch Juden bereits staatliche Hilfsgelder erhalten haben. Ihre Zahl ist jedoch kaum nennenswert gering: der Jude verkauft im allgemeinen nicht sich und seine Selbständig• keit. Auch ist er intelligent genug, um, wenn die Geschäftslage ihn nicht mehr ernährt, die Geschäftsrichtung zu ändern, diese also den \eränderten Verhältnissen anzupassen. Gehts schliesslich hier gar nicht, so versucht er es anderwärts. Aber auch auf jene Wenigen kann ein Programm keine Rücksicht nehmen: wir streben, um jedes Missverständnis auszuschalten, an, ausserhalb der nicht zu umgehenden Bauern• Subventionspolitik, diese politische Richtung vom üewerbcleben nach Möglichkeit fcrnzuhal• teil, erstreben also keinesfalls eine Teilnahme von jüdischen Gewerbetreibenden an den Freuden der Krippe. Wo Gewerbetreibende durch die polnische Monroi* in kleinen Orten in ihrer Existenz bedroht sind, dann wird auch hier wirtschaftliche Hilfe geboten bleiben. Um sehen zwei richtige Menschen, vvos seinen ״e• folircn mit dem Wasgal. Nun konnte Frau Taube ihre Sehnsucht nicht mehr massigen, und im Einverständnis mit ihrem Gatten beschloss sic, nun nach Pilwischock zu fahren und zwar wollte sic sich selbst und ihren Angehörigen diese grosse Freude am P u r i m bereiten. Rcb Zemach ging energisch an die Ausführung dieser grossen Purim• Freude, erkundigte sich bei Awremki Alwitter, der schon einmal mit der Eisenbahn gefahren war, und dieser kam direkt mit, um Frau Taube mündlich zu belehren. ״Es ist a ganz poschcte Sach, Taube leben, Ihr geht arain und stellt sach beim Fensterl, der Poritz frägt Aich upnes auf rusch, dos meint er ״awo willt Ihr folircn,“ sogt Ihr nor dem ein Wort ״Pilwiscitock“ und gebt ihm 37 Kopikcs. Dann gebt er Aich a harten Zettel und Ihr setzt sach arain in Wagsal, und — in a halb Schooh .seid Ihr in Pilwischock.“ ״Muss ich nit sogen dem Fuhrmann, awo ich will fohren?“ fragt Frau Taube. ״Chass wcscliolen!“ Ihr braucht nit kain Fuhrmann und kain Paitsch, Ihr braucht nit .kein Pferd, me knallt nit und nie stuckert nit; Ihr sjtzt ganz ruhig auf die Bank und — in a halb Schooh seid Ihr in Pilwischock.“ Mit grossem Eifer begann nun Frau Taube, Vorbereitungen zur Reise zu treffen; vorher aber schrieb sie folgenden Brief an ihre Eltern: ״Wirballcn, a Tog vor Taanis Ester, im ersten Jolir von die Eisenbahn. Meine viclgc* liebte Eltern, erstens sh reib ich auch, das ich bin bornch haschen gesund, dieselbe von Audi zu hören, ober nein, wos sog ich zu ״hören,“ zu sehen! zu sehen! Gewiss ist doch bei Euch auch gewesen der Magid vor 2 Johren, wos hot uns gebracht die Bcsuro lauwo von die Eisenbahn mit die Wagsalen, und wie a Nowie hot er geredt, und wos er hot gesogt, dos ist mekujem geworden, denn jetzt fohrt afle log in der Früh’ die Eisenbahn über , Sclielmie kein (nach) Pilwischock und Petersbürg. Ich denk immer, dass Gott hot verhört mein Gewcin und darum hot er gelost machen die Eisenbahn mit die Wagsalen, dos ich soll können folircn kein Pilwischock. Kurz und gut, übermorgen früh teikech nach der Megille werde j ich mich arain Setzen in Wagsal und wer fohren | kein Pilwischock. Ich kann nicht mehr schrei• ben; denn erstens ist mir mein Herz voll von Sunche, und zweitens will ich noch zurechtmachen die Krepplach und Hamanntaschen zu der Zudas-Purun. Seid gesund, wie es auch wünscht Aierc taiere Tochter Taube, wos hofft sich zu sehen mit auch mündlich. — jüdische Existenzen wird es sich kaum je hierbei handeln, da diese als Einzclexistenzen kaum irgendwo noch zu finden sind. Je enger das Gebiet, um so drückender macht sich die bisherige Konkurrenzpolitik fühl, bar: neben zwanzig Vertretern einer Branche wird der einundzwanzigste trotz Subvention die übrigen, welche bisher sicli schlecht und recht nährten, nicht gerade ycrnichten. Wohl aber muss dies eintreien, wo einer geringen Zahl ׳ plötzlich ein Ostmarkcnkandidat, wie mau sich liier ausdrückt, auf den Hals gesetzt wird. Die Mittel, mit welchen man für einen solchen ar* beitet, sind nicht immer geeignet, den betreiitn• den Stand im Ansehen zu heben, ein übrigens nicht zu unterschätzendes kulturelles Moment. In diesem Gesichtskreis liegt das wesentliche Mittel, den Rest der hier verbliebenen Juden wirtschaftlich zu schützen. Dieser Schutz wird nicht unwesentlich zur Stärkung der gesamten deutschen Wirtschaft beitragen. Es ist daher falsch, wie wir in jener erwähn* teil Broschüre lesen, dass die Juden die Re;.׳i> rungspolitik durchkreuzen: diese wird zwar nicht in allen Punkten von den Juden oder, um, fälschlich allerdings, zu reden, von der Linken gebilligt. Aber haben nicht die nichtjiidb׳ hen Deutschen bei den wichtigsten polcnpoliiiwhcn Fragen in den letzten Jahren den weitestgeiu-n* den Gebrauch von dem Rechte der Kritik und des Widerstandes gemacht? Und besuchen ferner nicht seit Jahren weise Kompromisse unter den Deutschen für alle Wahlkämpfe in der Ostmark? Rebus sic stantibus — wo liegt dem! der strittige Punkt, für den durchaus der Tag ge* segnet werden soll, an welchem ״man in den Ostmarken endlich deutsche Politik ohne Rück■ sicht auf die wirtschaftlichen Interessen und die auch deutsche Gesinnung der jüdischen Bevöl* kerung machen kann?" Das Wort ״Blockpolitik“ dröhnt ja noch in unser aller Ohren. Noch ehe Fürst Biilow den Block gründete, hatten wir ihn in der 0>t* mark schon längst. Ihn für die Ostmark als dauernden deutschen Bund zu erhalten, ist eit* rigstes Bestreben auch in deutsch-katholischen Kreisen. Auf dem Gebiete der stets und ständig erregten Stimmung kann nur er allein berufen sein, in den Deutschen aller Konfessionen das Lustgefühl am Leben in der Ostmark zu er• halten. Ein dauernder annehmbarer rnodus vivendi unter den Deutschen könnte einmal die Grundlage für den nationalen Frieden in der Ostmark werden. Bleibt übrig der Anti- und Ascmitismus. die völlige gesellschaftliche Scheidung der Juden und Christen. Nun, ich spreche als Fremdling auf ostmärkischein Boden, der sich allerdings mit der kulturgeschichtlichen Entwicklung der i Juden im ehemaligen Königreiche Polen reich• \ Am AbeiyJ nach der Megille sagte Taube j zu ihrem Manne: ״Ach, mein lieber Zemach,! in mein ganz Leben hob ich nicht gesogt Aura j wesimcho wesosson mit solcher Kwone. wie ן in diesem Jolir.“ I j Der Purim-Morgen ist angebrochen, eine! helle Sonne spendete ihre Strahlen über die j Umgegend von Wirballen. Unsere Frau Taube bedurfte aber heule nicht des Lichtes und der Wärme von aussen; in ihrem Herzen war Licht | und Freude im Vorgefühl des seit 10 Jahren ן heissersehnten Wiedersehens mit ihren Auge* I hörigen. In dieser Stimmung verabschiedete sic sich rechtzeitig von ihrem Manne und den Kindern, wünschte ihnen wiederholt Simchas* Purim und begab sich zu der eine halbe Stunde entfernten Station Wirballen. Dort angelangt, erspähte sie auch bald das von Awremki* Alwitter bezeichnctc Fensterl, und auf die ihr unverständliche, barsche Frage des Poretz aut* wortetc sie laut und vernehmlich das geliebte Wort ״Pilwischok“, legte das Geld hin u*1d nahm die Fahrkarte in Empfang. Ohne Aiinnthalt begab sic sich in dem-Wagsal; der grosse Raum war fast menschenleer, sie suchte sich einen Platz auf einer der vielen lwstehen* den Bänke und Hess sich endlich gegenüber der grossen Bahnhofsuhr nieder.