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Jüdische Rundschau · 1909-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 40-41 (4.10.1909)
Date
1909-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 40/41. Seite 451. pocli auch diese ist nicht von nennenswerter Kraft gegenüber der ״Kaninchcnencrgie“ polisisclier Vermehrung. Dazu kommt diu* Ansiedlungspolitik, welche an sich ־־־ freilich mit viel zu geringen Geldmitteln — den rechten Weg marschiert, um deutsches Mensclienniaterir.1 den polnischen Massen entgegenzusetzen, in ihren Nebenwirkungen aber für uns Juden vorlieercnd wurde durch die kaum zu umgehende Geiiossenschaftspolitik zu Gunsten der zunächst «isten/.schwachen Einwanderer. Schliesslich tun Anti* und Asemitismus das ihre, um das Lehen den Ostmarkenjuden nicht gerade zu einem freudvollen zu gestalten. Nun regeln sich politische Geschicke von Völkern und Volkstcilen nicht durch Versammhmgsproteste allein, hinter diesen muss eine Macht stehen und das Bewusstsein der Macht. Wir wir im politischen Leben gerade der letzten Jahrzehnte es gesehen haben, dass die Geschichte i:bcr Phrasen achtlos hinwegschreitet und nur Arbeit und positive Leistung bestehen lässt, so im'.'Sen wir Juden in unserer eben bedrängten l äge uns hüten, mit Jammer und Tränen, mit Klagen und Beteuerungen uns selbst zu berulii* gcu. Vielmehr müssen wir von allen denen, "eiche sich als Vertreter der deutschen Judenlu1־t auf ein prominentes Podium stellen, vorlaugen: gebt uns ein Programm. Denn wie- ",*,hl wir Ostmarkenjuden nach Bildung und Besitz, nach Beschäftigung und blossem Emp* finden den verschiedensten Parteirichtungen augi'hüren, so sehen uns die Gegner dennoch als eme einheitliche Masse an, als Juden. Die leitenden Kreise auch, welche ja längst mit dem «semitischen Ostmarkenprogramm gehmelien haben, besitzen, nachdem einmal der Judemag die Ostmarkenfrage auf seine Tages- •n'dnung gesetzt hat, ein Recht, eine programmatische Erklärung zu fordern. Mit einer solchen allein begründen wir von neuem das, was durch das Entweichen der Judenmassen ins Wanken geraten ist, eine Judenmacht als mitstiU/.enden Teil der deutschen Macht. Das braucht keineswegs gleichbedeutend zu sein mit einem Opfer politischer Selbständigkeit. Ebensowenig braucht uns jemals ein sehendes Auge an der Seite derer zu erblicken, deren Kampf* prinzip Uebcrhebung und Hetze sind. Im Gegenteil: Einigkeit zur Erstarkung des Gauzen, Achtung auch vor dem Gegner, offenes I Wort zum Besten der Wahrheit müssen und wollen wir erzielen. Ein Programm, ein festgelcgtes, wird auch rein äussetiieh uns Juden in der höchst uncrtreulichen Rolle des ״Züngleins an der Wage“ ein unantastbares, dauerndes Uebergewicht nach der deutschen Seite bestätigen. Doch wollen wir uns darüber nicht im Unklaren sein, dass die Spaltungen im Judentum nicht die Voraussetzungen abgeben, welche JULDISCiiU :RUNDSCHAU ein einheitliches Programm nach aussen erforden, um durch dieses die sinkende Geltung wieder zu heben. Selbsterziehung wie sie tatsächlich in anderen Dingen von den Ostmarkenjuden in jeder sonstigen Hinsicht geübt wird, möge endlich einmal ein wenig gegenseitige Toleranz in die Erscheinung treten lassen, das erste Erfordernis für gemeinsame Arbeit, das aber kaum irgendwo so wenig berücksichtigt wird als gerade in der Provinz Posen. Inner* halb des Judentums, das wissen wir, ist ein einheitlichcs Programm nicht möglich: hier spielen angeborene Kritik, Tradition auch innerhalb einzelner Familienstämme, Interessen, Bildung u. a. m. eine zu wichtige, zerteilende Rolle. Aber da, wo wir als Ganzes behandelt werden, als die ostrnärkische Judenschaft, da hat der innere Partikularismus zu schwinden. Dies kann nur dann der Fall sein, wenn innere Gegensätze mit mehr Rücksicht und Takt behandelt und erledigt werden, als dies jetzt noch der Fall ist. So erst kommen wir dahin, dass wir in der politischen Mitarbeit von den Nichtjuden als pares intcr jmres werden angesehen werden, und dass auf dieser Grundlage mancherlei gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Misston im eigenen Lager und im Verhältnis zu den übrigen Deutschen zur Ausschaltung gelangen wird. Es wird gesagt, dass die politische Arbeit überhaupt bei uns überschätzt wird. Trotzden! rein politische Dinge allerdings nur alle paar Jahre einmal bei den Wahlen praktisch in die Erscheinung treten und seit Jahren nie und nirgends anders als im deut* sehen Sinne geregelt worden sind, kann ein ausgesprochenes Programm als offizielle Sanktion bisheriger Kompromisse den moralischen Wert bisher im engen Fraktionskreise getroffe- , ner Abmachungen dauernd stabilieren und soj mit einen Machtfaktor gründen helfen. Dabei sind die Schwierigkeiten für Linksparteilcr, sich mit der ostmärkischcn Agrar- oder besser Bauernpolitik abzufinden, freilich nicht zu unterschätzen. Aber sah man nicht im Hintergrundc der Gncsener Ansicdlertage schon ein Nahen der Bauernhände über die Köpfe c!er — nennen wir sie einmal — Altagrarier hinweg nach der liberaleren Seite hin? Man griff von links auch schon zu. Sollte diese Bauernpolitik j nicht einmal eine politisch und wirtschaftlich I mittlere Linie anbaimen, wesensfremd dem heutigen alles zersetzenden Parteigetriebe? Handel und Landwirtschaft werden dabei zu ihrem Rechte kommen. Wir dürfen Vertrauen zu unserem deutschen Bauern haben, er weiss was er will. Diese wirtschaftspolitische Basis erst, welche allerdings noch ein Verschwinden der Latifundien erfordert, wird das Werk der Ansicdlung krönen, da sie einen kräftigen Bauernstand und einen gesunden selbständigen Handel auf sich vereinigen kann. von Wirballcn und Pilwischock bedacht worden war. Aber es muss doch Frühling werden! Das zeigen wieder die schrecklich aufgefahrenen Wege, wo die Wagen bis über den Achsen versinken und Kutscher wie Passagiere absteigen und Wagen wie Pferde aus den fast metertiefen Löchern heraushelfen müssen. Der Verkehr zu dieser Jahreszeit ist sehr eingeschränkt und noch viel seltener als sonst dringt eine Kunde aus fremden Städten in die Mauern des Bes-hamidresch, die Quelle aller Neuigkeiten, zu Wirballcn. — ' Um so grössere Sensation erweckte die unglaubliche Neuigkeit, welche ein gastierender Magid mitbrachte. Es soll eine Eisenbahn mit einen! Wagsal*) gebaut werden, welche von Wirballcn nach Petersburg fahren soll. Anfangs wollte ihm niemand diese Mähr glauben und schon fingen einige Skeptiker an, gegen den Magid, der ihnen solche Unwahrheiten aufbinden wollte, zu rebellieren. Als aber der Magid ein buntes Schnupftuch hervorholte, auf welchem ein wirklicher Eisenbahnzug bildlich dargcstellt war, da fand er Glauben bei seinen Zuhörern und wurde, mehr darum als ob seiner Droschaus bewundert. Der vielbegehrte Magid *) Russischer Wartesaal. wurde auch zu den reichsten Leuten zu Tisch geladen und konnte dadurch seinen Aufenthalt in Wirballcn, anstatt der vorausgeplanten 3 Tage, auf ebenso viele Wochen ausdehnen. — Kehren wir nun zu unseren ersten Helden, zu Rai Zcmach und Frau Taube zurück. Die 8 Jahre seit ihrer Verheiratung sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Sechs blühende Kindern tummeln siel! aut dem Lehm-Fussboden; die 3 ältesten haben sogar schon Schuhe an den Füssen, gehen ins Glieder und machen ihren Eitern und dem Robbe unberufen viel Freude. Rai Zcmach hat einen blühenden Mchlhandel und erfreut sich eines ziemlichen Wohlstandes. Frau Taube waltet wie eine züchtige Hausfrau zur Freude und zum Frommen ihres Gatten und ihrer Kinder. Nur ein Kummer nagt an ihrem Herzen: Die Sehnsucht nach Pilwischock. Wäh* rend der 8 langen Jahre ihres sonst glücklichen Ehestandes sagte sie oft zu ihrem Gatten: ״Ach, mein lieber Zainach, ich möchte nur noch wollen derleben, in Pilwischock sein, wenn nur auf a halb Schooh.“ Sie war aber einsichtig ״enug, einen so grossen Kostenaufwand von ihrem Manne nicht zu verlangen; denn unter VA Rubeln war kein Wagen nach Pilwischock zu bekommen. Doch bald sollte für sie ein Hoffnungsstrahl aufgehen: Seinem Ansehen als bekoweder Balebos Rechnung tragend, lud auch Denn es ist nicht anzunehmen, dass eine Regierung eine andere denn eine w i r t - Schaft lieh stärkende Politik als ihr Endziel verfolgt. Die Beamtcnvermchrungspolitik kann man sich als solches kaum vorstellen; stehen doch die Geschäftsspesen einer solchen in keinem Vergleich zu den vermeintlichen Gewinnen aus ihr, da der Beamtenapparat, das Knochengerüst staatlicher Organisation, ins Ungeheure zu wachsen droht, ohne dass neben ihm die produktive Arbeit im normalen Verhält-' nisse gedeiht. Dies ist aber für uns Juden von um so grösserer Wichtigkeit, als aus ihm heraus nicht selten die Kräfte sich zeigen, welche besonders in den kleinen Orten den Juden das Leben am schwersten machen, trotzdem sichere Zeichen dafür vorlicgen, dass die Zentralbehörde der Provinz die Schä n der subalternen Politk der Judenverdrängung fernsteht. Dankbarkeit gibt cs im politischen Leben der Völker nicht; deshalb haben alle Deklainationen über die historische Bedeutung der Juden für die Erhaltung des Deutschtums in der Grenzprovinz keinen grossen Wert. Sie wird kaum irgendwo in Abrede gestellt. Nur müssen wir in dem politischen Reclicnexempcl, in welchem das Polentun! ein alles Nichtpolnischc ausschliesscndes wirtschaftliches Ganzes bildet, suchen, selbst ein Rechenfaktor zu bleiben. Daran aber ist nicht zu zweifeln, dass auch unser bester Wille uns die Erfüllung dieses Wunsches nicht erleichtern wird, solange noch eine Lücke für Zweifel an uns offen bleibt. Diesen zu beseitigen sollte Aufgabe des Juden* tnges sein, der durch seine ständige Vertretung auch die berufenste Instanz werden kann, an geeigneter Stelle gegen Erscheinungen im Ost* markenleben Front zu machen, welche die Kreise der Regierungspolitik stören und den konfessionellen Frieden zu untergraben bestimmt sind. Die Mitarbeit der gesamten Judenschaff der Provinz Posen kann aber nur dann gesichert sein, wenn die alten in der Juden* arbeit trennenden Faktoren ihren friedlichen, toleranten Ausgleich finden. — Subalternes Wesen und subalterne Gesin* nungsart haben sich noch stets gerade in der Ostmark ein gefährliches Betätigungsgebiet zu schaffen gewusst. Dass diese Subalternität aber nicht mehr offen, sondern unter dem Schutze der Anonymität ihr dcvasticrendes Werk be* treibt, das erscheint mir «als ein gutes Zeichen. Vor wem versteckt denn der I lerr, der höhere Beamte der Ansicdlungskommission, der Vor* fasser der Broschüre ״Ostmärkische Städtepoli* tik“ seinen Namen? Vor uns Juden, die wir m für ihn eine quantitc negligeable sind? Nie und nimmer, wohl aber vor der Vorgesetzten Behörde, welche ein derartiges Treiben sicher nicht billigt. Die Broschüre ist lesenswert, weil Rob Zcmach unsern Magid zu einem Frühstück ein und licss sich auch die Geschichte von der Eisenbahn mit den Wagsalcn ausführlich erzählen. Um es seinen liebenswürdigen Gastgeben! recht anschaulich zu machen, zog der Erzähler sein buntes Schnupftuch hervor und zeigte mit dem Finger die Eisenbahn und die unten verzciclmcten Stationen der ganzen Strecke Wirballcn-Petcrsburg. Da, ein Jubel* schrei entrang sich der Kehle Frau Taubers: Da steht cs ganz deutlich: Wirballcn, Schelmie, Pilwischock.Weiter vermochte Frau Taube nicht zu hören; der Gedanke, dass sie bald für verhältnismässig billiges Geld wird nach Pil* wischock fahren können, benahm ihr fast die Sinne und ein* über das anderemal rief sie: ״Ach Zcmach ,mein lieber Zcmach, Gott hat mein Zar gesehen; nun werd' ich doch noch a mol fohren kein (nach) Pilwischock!“ Zwei Jahre später. — Die Eisenbahn ist fertig und dem Verkehr übergeben. Sehnsuchts* voll erwartet Frau Taube morgens mnd abends die Ankunft ihres Gatten aus dem Bes-hami* drosch, um zu erfahren, ob man bald wird mit der Eisenbahn nach Pilwischock fahren können. Wie gross war daher ihre Freude, als Reb Zemach eines Morgens, es war gerade Rausch j Chaudesch Adar, mit der verheissungsvollen ' Nachricht nach Hause kam: ״Haint hob ich ״e*

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