Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1909)
- Date
- 1909-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 450. JUEDJSCHE RUNDSCHAU No. 40/41, entrüsten, lässt die zionistische Masse die seit* samsten Aeusserungcn in der Presse wie in Versammlungen über sich ergehen und achtet kaum mehr der zahlreichen Widersprüche. Die Leitung aber schweigt. Das offizielle Organ, die ״Welt“, bringt jede Woche einen Leitartikel aus der Feder Nahuni Sokolows, der uns die verschiedensten Probleme vom poli* tischen, historischen, soziologischen, Wirtschaftliehen, ethischen und acsthctischcn ״Standpunkt“ erklärt. Nur was wir so gerne lesen möchten, nämlich eine klare und präzise Darstellung der Situation, eine scharfe Abgrenzung innerhalb des Zionismus, eine unzweideutige Stellung* nähme der verantwortlichen Stellen zu den widersprechenden Bestrebungen einzelner Zionisten und ganzer Landsmannschaften — das finden wir in der ,,Weh“, dem offiziellen Organ des Zionismus, 11 i c 111. Durch diese Gleich* giiltigkeit gegenüber allen theoretischen Erürte* rungen und programmatischen Forderungen, durch diese Vernachlässigung des zionistischen Publikums, das angesichts der herrschenden Un* klarheit stumpf und gleichgültig wird, laden unsere Führer eine schwere Verantwortung auf sich. Es wäre Pflicht der obersten Leitung, die Landsmannschaften in bestimmter Richtung zu beeinflussen, eine Verbindung zwischen allen massgebenden Kreisen herzustellen, um wenig* stens in den grundlegenden Fragen eine gewisse Übereinstimmung der Ansichten herbeizuführen. Ist cs erhört, dass eine grosse Landesoraima* tion offiziell die Forderung auf Abänderung des Baseler Programms erheben darf, ohne sich vor- 1 her mit der Parteileitung darüber zu verstau* digen? j Dieser Vorwurf trifft aber nicht nur die Kölner Zentrale. Auf dem Präsidenten des A. C. lastet die innere Verwaltung der Orcmni* sation und ihrer finanziellen Institutionen, seine Aufgabe ist die Vertretung der Bewegung nach aussen, die Leitung der• zionistischen Politik. Umsomehr wäre es Pflicht der Landsmann* schäften, Klarheit zu schaffen. Ihre Führer sollten in ständiger Fühlung mit der Zentrale stehen, sollten in allen wesentlichen Fragen zu einer Verständigung zu gelangen und durch Wort und Schrift die Anhänger der Bewegung äufzuklären suchen. Unsere Situation ist so schwierig, dass man von unseren Offiziellen grösste Aufmerksamkeit und deutliche Stellung* nähme verlangen muss. F.s mag sein, dass der Zionismus sich ent* wickelt hat, dass Uerzls Anschauungen in man* dien Punkten revidiert werden mussten. Sein Zionismus aber war aus einem Guss, er bedeu* tctc die Synthese des jüdischen Nationalgedan* kens mit den praktischen Forderungen des Tages. Diese Synthese vollzog Herzl durch ein klar formuliertes Aktionsprogramm, welches er den ״politischen Zionismus“ nannte. Zu unscrem tiefen Schmerze müssen wir heute seine glänzende Darstcllungskunst, seine einfachen und lichtvollen Formulierungen des zionistischen Gedankenkreises entbehren. Er würde auch heute, unter wesentlich veränderten Verhält, nissen, ein Arbeitsprogramm entworfen haben das vielleicht von manchen bekämpft, aber von* allen verstanden worden wäre. Dringend not tut uns solch klares Programm. Unzählige An* Zeichen beweisen die allgemeine Ratlosigkeit im zionistischen Lager und deuten auf eine Ver• wirrung der Geister, die den Fortschritt unserer Bewegung hemmen muss. Der IX. Kongress naht! Mögen die Führer des Zionismus endlieh sprechen! Wir fordern nicht die Enthüllung politischer Geheimnisse, aber wir fordern eine deutliche Stellungnahme zu den Prinzipienfra׳en der Bewegung. Die Mitglieder des grossen Aklionskomitecs, die noch vor dem Kongress zusammentreten, mögen sich ihrer Führerpilidu erinnern und die Fundamente des politischen Zionismus vor jeder Erschütterung bewahren. Richard Li ch the im, Ostmärkisches zum deutschen Juden tage 1909 Von Dr. med. Carl Kassel-Posen. ״Die politischen Parteien sind der Verderb unserer Verfassung und der Verderb unserer Zukuntt." Bismarck, 9. V. Der deutsche Judentag wird sich in Breslau mit der Judenfrage in den Ostmarken beschäl■ tigen. Die Referate liegen in guten Händen. Es ist aber kaum zu erwarten, dass sie Neues zu Tage fördern werden, was wir nicht schon aus den prächtigen Quellcnwerken von Wegener, Bernhard, Jaffe und der Ansicdlungskommissio.i wissen. Sie werden trotzdem interessant sein für den Nichtkenncr ostmärkisclicr Verhältnisse. Und die Debatte kann eine Grundlage werden für gewisse einheitliche Direktiven einer - immerhin so zu nennenden — Judenpolitik in der Ostmark. Die Untersuchungen über das, was wir vermullich zu hören bekommen werden, sind an sich ja längst abgeschlossen und tausendfach in einzelnen und zusammenfassenden Schildern!!- gen dem lesenden Publikum kundgegeben: Ah- Wanderung der Juden zu Gunsten des auf• blühenden Polentums oder Ersatz der jüdischen Handel* und Gewerbetreibenden durch unsclhständige, unterstützungsbedürftige Deutsche anderer Konfession; im kommunalen und staatlichpolitischen Kampfe freilich Anwachsen der dcuisehen Stimmzahl durch Zuzug von Beamten. haben, wird auch dieser neuen Bewegung sieg* reich widerstehen. Es wird N 0 r d a u s Wort wahr machen und der granitene Felsen bleiben, an dem jeder sich die Zähne ausbeissen wird, der ihn zu zerstören versucht. ' Entwirrung I. F ü h r e r p f 1 i c h t. Wer sich die Mühe gibt,die Aeusserungcn der zionistischen Presse über die aktuellen Parteiproblcme regelmässig zu verfolgen, wer aus den Worten unserer Führer und Versamm* lungsredner die herrschende Auffassung über die Grundfragen des Zionismus zu erkennen sucht, wird bald zu einem unerfreulichen Ergebnis kommen: Zu keiner Zeit, seit der Schaffung der zionistischen Bewegung hat solche Unklarheit und Verwirrung in den Reihen der Zionisten geherrscht, wie heute. In diesem Blatte wurde kürzlich ein Artikel Pasmaniks zitiert, der die völlige Aufgabe aller ״politischen“ Ziele und eine entsprechende Acnderung des Baseler Pro* gramins verlangt. Herr Pasmanik beruft sich dabei auf Aeusserungcn Wolffsohns in Konstan* Unopel, aus denen hervorgehe, dass auch der Führer der Bewegung seinen Standpunkt teile. Nicht lange vorher lasen wir in der ״Welt“, die amerikanische Zionistenfederation habe auf ihrer letzten Jalireskonfercnz beschlossen, eine Aende* rung des Baseler Programms zu befürworten. Die gleiche Forderung vertrat in Deutschland Dr. Elias Auerbach, ohne zunächst wesentlichen Widerspruch zu finden. Max Nordau aber, das, geistige Haupt des Zionismus, dessen zionistische Schriften soeben vom Aktionskomitee herausge* geben wurden, erklärte einem Interviewer, er halte nicht viel von der gegenwärtig so im Vor* dergrunde stehenden Palästinaarbeit und trat mit Entschiedenheit für die national-politischen Ziele des Zionismus ein. ln den letzten Wochen sind dann auch an dieser Stelle eine Reihe von Artikeln erschienen, die die Verkehrtheit jeder Programmänderung vertraten und den poli* tischen Charakter der Bewegung betonten. Es ist wohl wahr: Parteikämpfe hat es im Zionis* mus immer gegeben. ״Praktische“ und ״Poli* tische", Zionc-Zion und Tcrritorialisten, Anhän* ger der ״demokratischen Fraktion“ und der Orthodoxie haben sich stets bekämpft. Aber man sah doch hinter diesen Press- und Kongress* fehtlen gewisse Grundanschauungen geschlosse* ner Gruppen hervorleuchten, die die Gegensätze erklärten und damit zugleich die Möglichkeit einer Verständigung erkennen Hessen. Heute ist von Parteikämpfen kaum etwas zu spüren. Nie* inand weiss, was der Zionismus eigentlich will und nur gelegentlich äussert dieser oder jener in unverbindlicher Form seine Ansicht vom Stande der Dinge. Ohne zu opponieren, ohne sich zu FrauTaube’s erste Eisenbahnfahrt nach Piiwischock Von S. Abelsohn, Bernburg. Piiwischock! welch’ anheimelnder Name für denjenigen, dessen Wiege, wie die meinige, an der ostprcussisch-russischc» Grenze Eydt* kühnen—•Wirballen gestanden hat! Auch für mich war während meiner ganzen Jünglings* jahre der Name Piiwischock etwas Erhebendes, und der Wunsch, cs mit eigenen Augen zu schauen, glich fast dem Wunsche des rechten Juden, den heiligen Boden unserer Väter in Palästina küssen zu dürfen. Mit wahrer An* dacht lauschte ich den Erzählungen der Schnorrer, die aus Piiwischock kamen, und immer wieder fragte ich meinen Vater: ״Wann werde ich auch einmal nach Piiwischock fahren dürfen? Und immer vertröstete mich mein Vater mit der Verhcissung: ״Du kommst auch emma nach Piiwischock “ Als ich jedoch, von 36 Jahren, unserem heimatlichen Boden zum letzten Male den Rücken wandte, da wurde es mir schwer zu unterscheiden, welcher Schmerz wohl der grössere war: Der Abschied von Eltern und Geschwistern oder der Gedanke, nun doch nicht in Piiwischock gewesen zu sein. Ist es mir darum auch nicht möglich, den . geschätzten Lesern eine genaue Beschreibung j der Stadt Piiwischock aus eigener Anschauung j zu geben, so will icli wenigstens die Umgebung j dieser idyllischen Stadt und ihre Verbindung mit den Nachbarstüdtcn einigermassen schildern: Piiwischock, eine Stadt mit 1200 Einwoh• nem, war bis zu Anfang der sechziger Jahre ein von Gott und Menschen verlassenes Nest. Eisenbahnen gab es noch nicht, und die ande* ren Wege, welche den Verkehr mit den Nach* barstädten vermitteln sollten, waren so schlecht passierbar, dass nur die allcrrcichstcn Leute des Städtchens, d. h, solche, welche über ein Ver* mögen von mindestens 150 Rubeln verfügten, daran denken konnten, Bekannten oder Ver* wandten in andern Städten jemals einen Besuch abzustatten. Für solche aber, die sich etwa anderswohin verheirateten oder aus irgend einem andern Anlasse Piiwischock verlassen durften oder verlassen mussten, bedeutete der Abschied ein ״Nimmerwiedersehen“ der heimi* sehen Mauern. So erging cs auch unserer• Heldin Taube J i s r 0 c 1 s, als sie im Jahre 1852 dem Erwähl• ten ihres — Schadchens, ihrem Zemach, nach der 5 Meilen entfernten Stadt Wirballen folgen sollte. Mit gemischten Gefühlen nahm sie von all ihren Lieben Abschied. Auf der einen Seite die Freude, nun bald gut verheiratet zu sein; j denn ihr Zcmach war ein ״Stückchen Lamtleir.! und sein Vater, bei welchem das junge Paar /»• ן nächst 3 Jahre ״Kost“ essen sollte, ein gut situierter Bäckermeister, was Zemach die siebente Gewähr bot, während der dreijährigen ״Kostzeit“ ebenfalls zu einem tüchtigen Geschäns• mann erzogen und herangebildet zu werden. Auf der einen Seite also konnte sie Vertrauensvoll ihrer Zukunft entgegen sehen, andererseits aber war ihr der Gedanke der Trennung vom Elternhause sehr schmerzlich; denn dass ihr Zukünftiger sich bald zu solchem W01־.!• stände cinporschwingcn könnte, uin seiner holden Taube eine Reise nach ihrer 5 Meilen entfernten Heimat ermöglichen zu können, das war bei allem Optimismus, mit welchem sie in die Ehe ging, nicht vorauszusehen. ־— Dessen• ungeachtet wurde eine fröhliche Hochzeit ge• feiert und mit den besten Hoffnungen für die Zukunft zog das junge Paar in seine künftige Residenz, in Wirballen, ein. — 8 Jahre später! Es ist Frühling. Noch hat zwar der Winter seine Herrschaft nicht ganz verloren; denn die Teiche und Flüsse tragen noch ihre dicken Eisdecken und hier und dort zeigt noch ein grosser Eisberg die letzten Spuren der un״c• heuren Schneemassen, mit welchen die Gegend