Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 39. JU2DISC1-1E RUNDSCHAU Seite 443. Viele diese uns entwürdigenden Lügen, diese geistlose und gemeine Persiflage und Kumkatur als das wahre Uild des Judentums und jiidisclicn Lebens anscheu. Wir halten es darum für eine Ehrenpflicht der selbstbewussten Sarajevocr Judenschaft, dieses freche Attentat auf ihr Nationalbewusstsein mit Umrüstung znrückzuweisen und diesen Vors! el 1 u n g c n f e r n 7. u b 1 c i b c n. Wer sich nicht selbst achtet, ist auch 11 c r Achtung der Anderen nicht \\ e r 11 Die Sarajevocr jüdisch- ׳ akademische Jugend. Per Erfolg der Aktion war, dass die ״Budupester" >;,i1 auf den Vortrag harmloser Kuplcts beschrankten und unter den Besuchern kein Jude zu finden war. t'mt wer trügt in Berlin sein Geld in den Musen* tei •el der getauften Brüder Herrufeid — wer anders .11* Juden niid einige durch Berlin reisende Agrarier? W ■ lauft /u .,Holles Capriee" und ähnlichen Erbau* ac'Mattcn? So lange es eben noch Juden gibt, die derlei für ..1■,׳ oik's" halten und nicht merken, dass sie die 0;.•iv igen treffen, die auf der Bühne der jüdische .>!taute" von dem germanischen Edelmann erhält, : . so lange Juden noch in einer Zeit wie der heu* t:ecu ..interkonfessionelle’‘ Stiftungen errichten, von a.! en später dann alle Juden ausgeschlossen werden, > io nee reiche Juden ihre Tochter au adlige Rouds ■vi scli.iehorn und sich gar ein Kohut findet, der solche ■1r,innige Tochter noch unter die Grossen Israels c•:**cilit — so lange ist das Wort Selbstachtung den Jaden in ihrer Allgemeinheit noch ein fremder Be* gund sie werden sieh vergeblich bemühen, die .* ciitung anderer zu erwerben. liier handelt cs sich nicht um Zionismus, nicht : . nationales oder religiöses Judentum, — einfach Elirgefiihi! Und wir freuen uns, dass es hier and dort lebendig zu werden beginnt.— Der IX. Kongress Wo• gehen in dieser Kultrik k'der s.tchtlclien Aeiisserimg üt'cr eie grossen politischen und velrischaülichcn l'rohlcme, die den iS. hiMieress t'escliaiiigen dürften, Kaum, onnc.uns mit den hier vorgebracuten Me.nuugeii zu idemituieren. KeU. d. ״J, |<.“ l*r0(jrammschmerzen Seitdettt im Osmancnreich die Hahne des Koustitutionalismus aufgepiiattzt ist, macht sich im Zionisni'.is eine verstärkte Anspannung der nationalen Kräfte bemerkbar. Die neue Lage in der Türkei hat der Bewegung neue Ausblicke geschaffen. Die gegen* wartfgc politische Situation ist mehr wie je zum Problem geworden. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der Zionismus in ein neues Studium seiner Entwicklung cinzutrctcn beginnt. Die unverkennbare Tatsache, dass der Zionismus auf dem Wege ist, im Lande seiner Sehnsucht sielt unzurielnen. hat unsere Gegner bewogen, ihre alte Taktik einer Revision zu unterziehen. Das Mittel, die Zionisten in ihren Vaterländern des mangelnden Patriotismus zu verdächtigen, ist allmählich veraltet und hat an Zugkraft verloren. In sehr geschickter Ausnutzung der gegenwärtigen politischen Verhält* üissc hüben unsere Gegner ihr altes Kampfmittel 1110• dernisiert, ins Hochpolitische übersetzt und als labe- .:rui der neuen Weisheit ein Schlagwort geprägt — Separatismus. Ein nicht Übel gewähltes Wort. Man!׳raucht nur zu erwägen, welche Schwierigkeiten die Türkei infolge separatistischer Tendenzen einzelner \ olkcrseliaftcn zu überwinden hat, um die Qiitspitzc dieses gegnerischen Pfeiles zu erkennen. Separatisn.us als dem Endziel des Zionismus innewohnende T « tttlenz ist das Bestreben, das ziouisierte Palästina von der Türkei politisch unabhängig zu machen, ist; Ao ein Streben, das gegen ein Grundprinzip der Tür- 1 ei. die territoriale Intrcgitüt, gerichtet ist. Es hat :׳ehr lange gedauert, bis unsere Gegner auf diese;«:׳gcbliclic Tendenz des zionistischen Programms gel.oumieii sind. Denn dieses Programm hat bereits tmc Lebensdauer von mehr als einem Jahrzehnt, und «k r Organismus des Türkcttrcichcs empfand auch vor der Einführung der Konstitution separatistische Strebiingen als gegen seinen Bestand gerichtet. Ein Zion.Miius mit separatistischer Tendenz ist heute ein Undmg und ist immer ein Unding gewesen. An eine solche Tendenz hat seit der Geburtsstundc des politischen Zionismus niemand im Ernst gedacht. Was immer selbstverständlich war dass die Integrität der Türkei eine Voraussetzung des Zionismus ist, ist vom ersten Tage an mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Die ganze bisherige Geschichte des Zionismus hat diesen Grundsatz so klar zu Tage treten lassen, dass er unseren jüdischen Gegnern bekannt sein muss. Dass sie cs trotzdem wagen, in durchsichtiger Absicht uns falsche Tendenzen unterzuschieben, beweist, dass sie in der Auswahl ihrer Kampfmittel von moralisehen Skrupeln nicht geplagt sind. Während von unseren Gegnern solch grobes Ge* schütz gegen uns aufgefahren wird, beginnt in un* seren Peilten ein Gefühl der Beklommenheit und Un* Sicherheit sich breit zu machen. Dieses Gefühl findet seinen sichtbaren Ausdruck darin, dass man das Basclcr Programm unter dem Gesichtswinkel der be* grenzten Gegenwart betrachtet, während dieses Pro* gramm doch sub spccic actcrnitatis geboren wurde. Es sind Stimmen laut geworden, die mit Rücksicht auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse eine Reformation des Programms an Haupt und Gliedern verlangen, Mau muss sieh wundern, mit welcher Leichtigkeit heute Frogrammündcrungsvorschläge gemacht und diskutiert werden, wenn man die Tatsuche bedenkt, dass auf dem letzten Kongress die Unabänderlichkeit des Programms geradezu als Dogma hingestcllt worden ist und man sich in der Sicherstellung dieses Dogmas den Rang abzulaufen sucht. Vgl. das Stenograph. Protok. des 8. Kongr. S. 379 ff. Das Programm als das Grundgesetz der Bewe* gtmg muss seinem Wesen nach unabänderlich seit!. Es ist nicht auf eine bestimmte politische Situation angeschnitten, darf es nicht sein; eine veränderte po* litischc Konstellation darf deshalb niemals den Grund zur Acnderintg des Programms abgeben. Anders ist es mit der Taktik. Die Taktik ist abhängig von der jeweiligen politischen Lage, sie muss sieh ihrem Wesen nach der gegebenen Situation unpassen. Der gegenwärtige Zeitpunkt bietet also keinerlei Anlass, die Trage einer Programmäitderung aufzuwerfen, ak* tuell ist vielmehr nur die Frage, welches die den veränderten politischen Verhältnissen entsprechende Taktik sein muss. Wenn trotzdem heute eine Acnderung des Programtus vorgeuommett werden soll, so kann das nur mit der Begründung geschehen, dass das alte Programm falsch sei ohne RücKsiolit auf die Veränderung der politischen Lage. Dies hat Dr. D. Pasmunik wahrscheinlich emp* fuudeit, als er au Stelle des uns bereits in Fleisch und Blut übergegangenen Hauptsatzes des Baseler Pro* gramms folgende Fassung vorschlug: ״Der Zionismus erstrebt die soziale und kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina und den Nachb.irpro• vittzen des türkischen Reiches." (vgl. Jiid. Zeitung No. 3-1.) Er meint, der Zionismus strebe nicht nach einer ״öffciuliehreehtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk," sondern nach der sozial* kulturellen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, die unabhängig sei vom t.ücnt!ich rechtlichen Charakter der Heimstätte. Es ist wahr, dass die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina, nicht nur die soziale und kul* ttirollc Wiedergeburt, oder mit anderen Worten ein normales jüdisches Volksdasein in Palästina die Juden* frage ihrer Lösung entgegenführt. Der Zionismus als politische Bewegung erstrebt aber nicht die Wiedergebürt des jüdischen Volkes oder ein normales jtidi* scltes yalksdasein in Palästina, der Zionismus erstrebt vielmehr die S e 11 a f f 11 n g d c r Beding 11 n g für die Wiedergeburt, für ein normales jüdisches Volksdasein. Als diese Bedingung hat der 1. Kongress die Heimstätte und zwar die ötfentlich-rcclulich ge* sielterte Heimstätte in Palästina erkannt. Ist diese Grundausieht des i. Kongresses richtig, so enthält der Wortlaut des Baseler Prograumigrundsatzcs die beste Fassung des zionistischen Strcbens. Dr. Pasmanik wendet sich gegen den Programmgrundsatz in seiner Totalität, weil er darin den poli* tischen Charakter der Bewegung betont findet, wültrend nach seiner Ansicht der Zionismus nur eine!11״■ turclle und soziale Bestrebung ist. Der politische Charakter der zionistischen Bewegung scheint mir keines Beweises zu bedürfen. Jedenfalls spricht nicht gegen diesen Charakter der Bewegung der von Th. Hcrzl auf dem 11. Kongress gesprochene Satz: ״Die I Juden sind keine politische Macht und werden nie } mehr eine politische Macht sein." Auch scheint j 1״>r das Streben nach allgcineinreehtlichen Grund* lagen, die, wie Dr. Pasmanik sagt, Raum für nationale 1 Entwicklung garantieren, rein politischer Art zu sein. Dr. Pasmanik richtet seinen Angriff aber hauntsächlich gegen einen bestimmten Teil des alten Pr״* grainmsatzes. Er macht ln seiner Begründung selbst das Zugeständnis, dass der Zionismus eine Heimstätte für das jüdische Volk erstrebe, die allerdings des öffentlich-rechtlichen Charakters entbehren könne. Ich bin der Ansicht, dass die öffentlich-rechtliche Sicherung ein notwendiger, wesentlicher Bestandteil unseres Programms ist und deshalb nicht aufgegeben werden kann, dass die Jetzige politische Konstellation nicht Veranlassung sein kann, an diesem als notwendig erkannten Programmbcstandtcil zu rütteln, dass die Reform im Türkenreich überdies gar keinen Grund zu solchem Vorgehen bietet. Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk innerhalb eines fremden Staatsgebietes. Dieser Um- . stand bedingt an sich die Notwendigkeit c»ncr rechtliehen Sicherung der Heimstätte, die ihrer Natur nach öffentlich-rechtlich ist. Würde das Programm lauten, was gleichfalls auf dem l. Kongress beantragt worden ist: Der Zionismus erstrebt.die Schaffung einer rechtlich-gesicherten Heimstätte . ... •, so könnte darunter nur eine öffentlich-rechtliche Sicherheit \crstanden werden. Deshalb gibt die jetzige Passung die Notwendigkeit in der allgemeinsten Form wieder und hebt dadurch das Programm über die politische Si* tuatioit zur Zeit• seiner Entstehung hinaus. Es hat damals nicht an Stimmen gefehlt, die das Programm abhängig machen wollten von der politischen Lage, die eine ״völkerrechtliche" Sicherung der Heimstätte verlangten, weil damals der Zionismus oltne eine Garantie der fremden Mächte nicht uuskomnien zu können vermeinte. Der l. Kongress hat aber in hoher Einsicht auf den Vorschlag Dr. Theodor llerzls diesen cincngenden Antrag abgelchnt und dadurch verhütet, dass das zionistische Grundgesetz mit einer bestimmten politischen Machtverteilung zusammengekettet ist. Die Frage, welche! Art die öffentlich-rechtliche Sicherung sein muss, lässt sieh, wie die‘ zionistische Entwicklung bereits gezeigt hat, nicht absolut bcautwarten; die Beantwortung dieser Frage ist abhängig von den jeweiligen politischen Verhältnissen. Unter den jetzigen Verhältnissen an eine Garantie durch Dritte zu denken, wäre vermessen: es scheint sich jetzt wohl nur tun eine öffentlich-rechtliche Sicherung im Rahmen der türkischen Verfassung handeln zu können. Es soll nicht untersucht werden, ob die Rcchtsform der Autonomie im Sinne unseres Programms erstrebt werden muss. Wäre sie aber er* forderlich, so wäre die wcitcrgclicndc Frage nach der Geneigtheit der jetzigen türkischen Regierung, dem jüdischen Volke in'der Zukunft in Palästina Autonomie zu gewähren, keine Lebensfrage für die zionistische Bewegung; denn sie gedenkt nicht von heute auf morgen ihr Ziel zu erreichen. Würde die türkische Regierung in Verkennung des Wesens des Zionismus zu irgend einer Zeit ihre Abneigung kundtun, so könnte cs sich lediglich darum handeln, a papa male informato ad papam melius informandum zu appellieren. Sein Programm wird der Zionismus deswegen nicht ändern. Er erstrebt die Schaffung einer öifentlich-rechtlicli Residierten Heimstätte für das jüdische Volk in Paiüstina. Der Fundainentalsatz unserer Bewegung, der in den Ugandawirrcn die Feuerprobe bestanden hat, wird sicherlich jeder kleinlichen Betrachtungsweise gegenüber standhaften. Dr. L. Weinberg. Blinder Alarm! Dieser 'läge wurde eine von der ״Neuen Freien Presse" zuerst gebrachte Meldung in den Tageszeitiingen verbreitet, die von einem Pogrom in Kiew berichtete. Es sollten viele Juden erschlagen und eüte grosse Anzahl verwundet worden sein. Wie wir nach uns zugehenden zuverlässigen Informationen feststcllcn können, entspricht die Notiz in keiner Weise den Tatsachen. Es handelt sich nur um einen einfachen Krawall einiger Individuen, der keine wei* tcren Folgen hatte, — Wir möchten diese Gelegenheit benutzen, um auf die Gefährlichkeit s 0 I e 11 e r Nachrichten hinzuweisen, zumal in gewissen Kreisen gar die Auscliauung verbreitet zu sein scheint, als bringe die jüdische Presse mit besonderer Vorliebe Nachrichten über Pogrome etc. Es braucht keinem Verständigen gesagt zu werden, wie töricht diese Anschauung ist, und dass vir Juden das allergrösstc Interesse daran haben, keinen falschen Alarm hervorrufen. Denn die Gewöhnung, solchen Nachrichten Misstrauen entgegen zu bringen, stumpft das Interesse ab für die wirklichen Leiden des jüdischen Volkes, die in Russland wahrlich keiner frivolen Uebcrtreibungen mehr bedürfen. Wohl aber sind die Juden Russlands auf die Teilnahme der gesitteten Menschheit angewiesen, die hervorzurufen oder wachzulialtcn wir allerdings als eine unserer Aufgaben betrachten. Dazu dienen uns aber falsche Nachrichten schlecht. Und die Tagesprcsse, die ja für jüdische Dinge ohnehin wenig Raum übrig hat, täte gut daran, ihren Lesern lieber einmal andere Dinge von den Juden zu erzählen, als solche falsche Scnsationsnachrichten. RUNDSCHAU D£R״PR65Se ״Bl AvenirSaloniki Das Blatt gibt in einem fulminanten Artikel auf einen Aufsatz der ״A r c h i v c s I s r a 6111 c s" die gebührende Antwort. Als Ottomane weist der Verfasser die ungebetene Einmischung eines zur Unkenntnis der Dinge verdammten auswärtigen Journalisten zurück, der da glaubt, seine überlebten assimllatorischen Phrasen der ncuerwachtcn nationale-