Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 442. JUED1SCHE RUNDSCHAU No. 30. den jüdischen Rechtsanwalt Gruscnbcrg als Kan* didaten auf?.«stellen. Von ihm erhofften sic ein wirk* santes Eintreten für die Judeuhell in Russland. Das Zentralkomitee der K.*D.*f*artci hat den Vorschlag jedoch jetzt definitiv aligelehnt, obgleich es gegen die Persönlichkeit Uriisenbergs, der sieh als scharfsinniger Jurist und glänzender Redner im Kampfe um die russische Freiheit grosse Verdienste erworben hat, nichts einwenden konnte. Nach der Ablehnung der Kandidatur ümsenherg, für die namentlich auch die hiesigen Zionisten eitrigst clngetretcn waren, haben die jüdisehen Wühler noch keinen Beschluss über Ihr Verhalten hei der Wahl gefasst. Deutschland und unser Nationalfonds (Zum Tuge der llussel) Die frühere deutsche Propaganda-Abteilung des J. N.*F. versah Ihre statistischen Berichte mit Randhcmcrktmgcn, die hei dem kürzlich in der ״Jüdischen Rundschau" veröffentlichten Bericht für das l. Sc* tnester 09 fehlten. Mir scheint es aber von Nutzen zu sein, wenn man cs nicht hlos dem verehrten Leser überlässt, ans einer Statistik Lehren zu ziehen, sondorn ihm diese Arbeit etwas erleichtert. Bei dem in. H. beschämenden Gesamtergebnis der vorliegenden Statistik scheint cs mir sogar dringend geboten, das nationale Gewissen, das zionistische Pflichtbewusst* sein einzelner Ortsgruppen durch einige vergleichende Angaben und etwas grössere Offenheit (in so einer langen Zahlenreihe übersieht man zu leicht etwas) ein wenig waehziiriitteln, Mau darf nicht alles der Selbstkritik überlassen. Damit soll cs manchmal hapern. Bedauerlich ist, dass die Statistik sich nur über ein halbes Jahr erstreckt und die א Monate Mai bis Dezember OH in keiner Statistik d.irgestellt sind. Und grade die u Monate, über die berichtet wird, geben ein sehr unvollständiges Bild, da in dem fehlenden Halbjahr Summel-Gelcgcnhcitcn wie die Herzl-Jahr* zeit, Roseh-hasciiaii.ih und Makkabäerfcstc enthalten sind. Da das aber alle Ortsgruppen gleichmässig he* trifft, so kann mau doch manches mit gutem Gewissen aus den Zahlen herauslesen. Der letzte Bericht vor dieser Statistik umfasste übrigens auch nur 10 Monate, Juli 07 bis April 08 iukl. Vergleichen wir diese beiden Berichte, so finden wir zunächst die recht nedauerliche Tatsache, dass in dem 1. Semester 09 eine ganze Anzahl Orte »Imc irgend eine Beisteuer sind, die früher z. T. ganz lnih* sehe Beträge ahlieferten. Von Orten, die früher mehr als lü Mark brachten, vermissen wir ganz: Antonien* Imttc •15, Bremerhaven 14. Bernliurg 77. Bonn 12, Fileime 72, Floss 21. Franst,ult 2-1. Iloclifeldcn 2(1. Jannowitz 20. Konigstciu i. T. •17, Konstanz 12־, Krusclt* witz 19. Lipinc 33. Memmingen 125, Namslau *i!>, Ncissc 20, Oberingellieim 31, Pr. Stargard 22, Rawitsch II. Schariey 27, Seliwientochluwitz 30. Stulp76, Stralkowo 89, Tilsit •19, Traehenberg 4s. Die Zahlen bei den Ortsnamen geben die 07/08 abgelieferten Spenden an. Rawitscli hatte es 06/07 sogar auf ho Mark gebracht. Fine weitere Liste soll uns die Orte vorführen, deren Frträgc gegen die vorhergehende Berichts- Periode selbst hei der Berücksichtigung der Zeitdifferenz weit Zurückbleiben. Die erste Zahl bei diesen Orten gibt die Ziffer ihr 09 1. an, die zweite (in Klammern) die für 1)7/08. Aach e 11 70 (144), C11 e m n t tz 54 (344), Dessau 337 (1259), Duisburg 68 (115). Finden 67 (135), F rank f u r t (Oder) 3.50 (76), Frei b u rg 97 (598), Gieiwitz 41 (196). Glogau 4 (25). Ilalherstadt 217 (359). Heddernheim 8 (60), Heidelberg 12 (56), Jcssnitz 2 (53), Kiel 33 (116), Königsliütle 35 (110), Mannh c i 111 277 (980), Metz 21 (71). Messhtgwcrk 156 (271), München 3111 (641), Ratibor 90 (281), Regensburg 40 (103), R y b n i k 9 (87), Stettin 43 (107), Strassborg m (209), Stuttgart 14 (63), Schwelm 0,90 (19), Tilsit 18 (49). Wougrowitz 4 (16), Zabrze 79 (254) Mark. Noch betrüblicher erscheinen aber die Rückgänge, wenn man noch Zahlen aus dem ersten N.-P.-Bcriclu, über die •'h Jahre Oktober 06 bis Fndc Juni 07 hinzuzieht. Da findet mau z. U. für Gieiwitz 535.— Mk., für Halberstadt 533. - Mk., für Strassburg 488,— Mark und für Frankfurt (Main) gar 1651.— Mark. Bei Gieiwitz ist die Ursache des Rückganges, dass der frühere Leiter der Gruppe fortgezogen ist, ohne dass er leider ersetzt werden konnte. Ueborull sind doch aber nicht gerade die Besten weggezogen. Finige wenige Orte nur brachten bereits in den 6 Monaten verhältnismässig Mehrcrgchnisse. Weit überschritten haben in den 6 Monaten das früher 10- Monats-Frgebnis 11 a m bürg und (nach früheren Minderertrügen besonders erfreulich) Foscn. Berlin wird in der Jahressummc Voraussichtlieh ein Mehrerträgnis aufweison. Wenn man aber seine Judenzahl, seine Schckclzahl und seine N.-F.« Eingänge mit denen Breslaus vergleicht, so hat Berlin noch sehr viel einztiholcn. Fs erreicht im Verhältnis zu Breslau bei weitem nicht dessen Gesamt* summe. Fs müsste aller doch das dreifache von dem in Breslau Hrzieltcn aufbringen. Und bei systematischer Arbeit, Aiismitzen aller gebotener Möglichkeiten ist es mich zu erreichen. Dass der vorliegende Semestcrbcriclit kein falsches Bild gibt, zeigen die Statistiken unseres Hauptüureuus. Deutschland stand in der ersten Periode des N.-F. an sechster Stelle, kam dann au die fünfte, Stelle und erreichte im ersten Halbjahr 08 die dritte Stelle, sank im zweiten Halbjahr 08 au die vierte Stelle, die es auch Im ersten Halbjahr 09 imiehuttc. Nach den Leistungen pro Kopf der jüdisehen Lcvulkcrimg steht Deiitsehl.iiul aber erst an achter Stelle mit 6,38 Mk״ während Südafrika au erster Stelle mit 53,69 Mk. stellt. Dabei ist nicht die Leistungsfähigkeit der jüdischen Kreise berücksichtigt. Tüte man dies, so würde Deutschland noch tiefer rangieren. Bei den Vergleichen der ersten Halbjahre 08 und sauen, deren Namen man auch sonst in den Ausweisen so selten oder gar nicht findet. Und noch mtrKwurdiger ist, dass das vielfach gar die Leute sind. u:e sonst alle Weisheit gepachtet haben und allem wissen, wie der Zionismus am besten vorwärts kommt. . , Gellet Inn und tut Busse . . . durch die Tat. D i b a r t i. Zur Nachahmung Die Anzeichen. dass es in der .Imtcnhcii zu daunm׳!,! beginn(, meinen sich erfreulicherweise — obwohl!!!« Tätigkeit all der schönen Vereine, die ״Selbstachtung■*, Selbstverteidigung“ etc. auf ihre Fahne geschrieUii hatten, von Jahr zu Jahr mehr nachgelassen hat. M m soll deshalb solche erfreuliche Zeichen erwuchemku jüdischen Ehrgefühls nicht unbemerkt vorbei gehen lassen. Wir registrieren hier zwei Falle und hörten gern von weiteren. 1)9 zeigt sich, dass Dcutschlnnd Im Qcgcnsatz zu einer Zunahme in den meisten Ländern fast den grössten Rückgang aufweist, über 2200 Mark. Woran liegt das? Ich vermag nur eine Antwort auf diese Fi ige zu gehen: 1:8 zeigt sich überall unter den dcutscho.i /Ionisten eine grosso und unverzeihliche Gleichgültigkeit gegenüber den fhiaiizlcllcn Ijistltutioueu der Bewcguiig. Ihr lutcresso betätigt sich praktisch minimal, — um so weniger, ]c mehr sie In die Luge kommen, cs hetällgeii zu können. Das ist meine Ucberzctigung, die ich allerdings nicht mathematisch beweisen kann. Allenfalls an der Hand einzelner Beispiele von allerorten. Die Ausnahmen sind spärlich gesät. . . , Vergleicht man die Frgebnissc der einzelnen 8’ammelmittel nach den Semcstcrauswclscn des Haupt* burcaus, so zeigt sich zunächst, dass seihst die in Deutschland so belichte ״Oelbaumspcmle" in den Frträgen um etwa 1800 Mark zurückgiug. Die Büchsen- Sammlungen haben ein Mchrcrgchuls, sie könnten zweifellos viel mehr bringen. Am meisten gingen aber die ״Allgemeinen Spenden" z.uriick, um 2100 Mark. Das sollte doch zu denken gehen. Auch die Selbstliesteiieruiig zeigt noch einen Rückgang, - was mau eigentlich kaum für möglich halten sollte. Dibci ist ihr Ausbau von besonderer Wichtigkeit iür den N.-F. Die Behauptung, ״ich gebe hei andern Gelegenheiten", ist in 9 von 11) Fälle« eine faule Ausrede, nur ein Zeichen der allgemeinen Drückebergerei. Zugenommen liaiien die Frträge für Marken und Telegramm-Fornmlare, sie haben aber noch lange nicht den Stand erreicht, den sie haben müssten, wenn beider Verv.cndüng nur hei Zionisten allgemein würde. Für uie Telegramm-Foinmlare ist aber unschwer auch bei Nichtz.ioiiisten Interesse zu erwecken. Und wieviel wurden die Marken bringen, wenn die deutschen Zionisten mir etwa so, wie die österreichischen Juden jeden!,rivaUiricf mit einer ״Freien Sc!1ute"-Ma1ke versehen, ihre Briefe mit Herzl* oder Nordau Marken bekleben würden, gleichviel wer der Empfänger ist. Unsere Zionisten sind aber vornehm: den Gegner darf mau mit so etwas nicht!)«lästige», — der Gcs.-Gen. kennt die Marke schon. Dass die Marks: einen propagaiulistiselien Wert haben kann, abgesehen von der damit verbundenen Selhstbesteuerung, liegt ihrem Gedankengang fern. Fan Beispiel: Ich habe ,.tiiallig längere Zeit Gelegenheit gehabt, Kuverts zweier Brief- Wechsel zwischen je einem Zionisten mul je einer ״Frcic-$chule"-Anhüngcrin zu sehen. Die Briefe der Damen hatten stets Marken der ״Freien Schule" als Verschluss, die Briefe der Zionisten sah ich nie mit N.-F.-Marken. Der eine der beiden Zionisten siegelt sie aber in neuester Zeit mit ״Kaiserin Fäisabcth- Marken". Und solche Leute kommen daun und sagen bedauernd: Fs geht mit dein Zionismus doch nicht recht vorwärts. Wie sehr in Deutschland das Interesse der Zio* nisten für den N.-F. nachgelassen hat, hat mir noch eine Kleinigkeit neulich bewiese«: Die ״J. R." brachte eine Abrechnung der MatcrLdleu-SiuumclswUc. Gesamtergebnis für 10 Monate: 75.50 Mk. Die ersten 6 Monate unorganisierter Materialien-Sammeliätigseit in 1). hatten schon 107 Mark gebracht, — das darauf folgende Jahr (abz. des Ertrages für Bricimarken) 315 Mark. Die Zahlen für das dritte und vierte Jahr fehlen mir. Das fünfte Jahr bringt mm 75'■1 Mark. Fin schöner Fortschritt. Leider ist der Beriont oer Sainmelstelie recht kurz und enthält nicht die früher übliche Liste der beteiligten Orte (was vielleicht nach* gelmh werden kann). Fin Ort fehlt bei diesem Fndergebnis: Breslau. Breslau pflegt das Stanniol und die Zinnfolie direkt zu verwerten. Für das letzte Jahr ergab dies auch nicht viel, 22,65 Mark. Immerhin: was müsste ganz Deutschland bringen, wenn Breslau allein das erzielt? Jetzt hat das ganze zionistische Deutschland In einem Jahre dem N.-F. durch Stanniol- und Silberpapier-Sammler 37 Mark 48 FL gebracht, also noch nicht einmal das Doppelte des Breslauer Frgcbnisses. Aber, ich höre ja schon, wie man!;ich nur mit solchen Kleiuig- und Kleinlichkeiten ubgeben kann. . . Merkwürdig nur, dass das immer dieselben Leute Herr Paul Schiff in Wien hatte einen Schnorrlsi,.! des Deutschen Schulvcreins um einen Beitrag i ז die Ros egg er Sammlung mit dem Hinweis 1 . antwortet, dass die Aufforderung an ihn irrtümS;! ergangen sein dürfte, da er ״ein Stammesgeno s״• Heinrich Heines sei." Die Leitung des Deutsch! 1, Schulvcreins richtete nun an Herrn Faul Schiff .. .s folgende charakteristische Schreiben: Herrn Maximilian Paul Schiff. Baden bei Wie;,. Mit einigem Befremden erhielten wir Ihr }׳esck.1v• tes Schreiben und glauben, dass Sie bei Ablass!.;ו , Ihres Absageschrcibens irrig berichtet waren. I . •s alle Scliutzvercinc unseren Roseggeratifruf unter;• tigt haben, ist nur ein Beweis, dass zum Gelingen der Roseggcrstiltung alle Deutschen ohne Unterschied der Parteiungen einträchtig Zusammenwirken; Kommen doch die Schulbauten an der Sprachgrenze allen Eltern zugute, auch wenn sic. um mit Ihre!. Worten zu sagen, Stanmicsgcnosscn Heinrich He«,:.־-, sind. In der Hnfnuug, dass Sie sich dieser Ansicht nvh; verschlüsselt werden, zeichnet Mit Üruss und Handschlag für den Deutschen Schulvercin: G ro s s. Herr Faul Schiff schloss nun den intercssumen Briefwechsel mit folgender Fiitgegnuug ah: A11 das geehrte Präsidium des Deutschen Schul ,־er■ Wien. Brauners: rassc 9. Ich bestätige mit verbindlichem Danke den ..*• fang der geschätzten Zuschrift ZI. K. 20 769, v .i , 25. Juni d. J. Ls ist ganz richtig, ״dass alle Deutschen <<m.c Unterschied der Parteiungen einträchtig zas na; a.nwirken sollen", ebenso richtig, dass ich mich voll 1•!:.! ganz als Deutscher fühle und zu fühlen berechtigt t 1 Um ״Parteiungen" handelt es sich hier keines \v c g s , viel m e h r u in d i c T a t s a c u e . dass mit Wissen der Leitung des DeutschcnScliuIvercincs ein Teil seiner Mitglieder den jüdischen Mitgliedern ״.‘i11 ־U1 ״ r d 1 c P r I n z i p i c 11 c Z u g c h ö r i g - keit zum deutschen Volke, sondern s״- g a r d i c Menschenwürde —die $ a t i s: a k tionsfähigkeit — bestreitet, wahrend nitirerc Korporationen, welche den Aufruf fertigten. »e1־.c Gesinnung statutarisch bekunden. Mit diesen LU• menten an einem K u 11 u r w e r k c mit/ u a r beiten, lehne ich als Jude aus Sclbs:־ achtung ab, unter selbstverständlichem Verzicht darauf, dass mir ״die Schulbauten an der Sprachgien ׳ . zugute kommen“. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung ergebenst Paul Schiff. b Vor kurzem verbreiteten die jüdischen Akadenukci Sarajevos folgenden Aufruf: .luden! Wie die Tagcshl.'ittcr melden, beabsichtigt ein׳• B11 d a p c $ t c r O r p 11 c u in g c s c 11 s e 11 a f t in•־ scrc Stadt dieser Tage mit ihrem Besuche zu ehren. Fs ist allgemein bekannt, in welcher Wei׳-•־ bei derlei ״Kunsidarliietungc״" das jüdische Familicnlcbcn, unsere Sitten und Gebräuche verhöhn: und in den Kot gezerrt werden. Uns ist darum zu tun, dass diejenigen, die v!n Interesse für das Judentum haben, sich über dasselbe an anderer Stelle Informationen holen. F'» ist eine traurige Tatsache, dass in Wien, Budapest und den anderen Grossstädten cs fast durch* wegs Juden sind, die an solchen Darbietungen Gefallen finden, noch trauriger aber ist cs, dass