Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 37-38 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 434. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 37/38. Gegenstand verhandelt, «nd er werde demnächst definitiven Ucsclteid ergehen lassen, Du die günstige Stellungnahme Sublii Heys bereits bekannt ist, sicht man der endlichen Erledigung mit Vertrauen entgegen. Die Zahl der Juden, die dieses Jahr zur Ab* Iclstung ihrer AltlltUrpfHcftt werden cingczogen wer* den, wird nach der ״Aurorc" aut 12 000 geschützt. Weiterhin werden Jährlich etwa 1000׳ Juden unter die Fahnen treten. Saloniki allein •wird dieses Jahr 1200 Rekruten stellen, da alle 21*, 22• und 23jährigen Jungen Leute beruf in. werden. Das Konstanilnopcler Tageblatt ״Courricr d*Orient" hat eine besondere Rubrik ״Aus dem jüdischen Leben" cingeführt, w.ß/in einige Male wöchentlich die wichtigeren Ereignisse und Vorgänge aus dem jüdischen Leben niitgctcilt werden. * ln Konstantinopcl erscheint demnächst ein neues hebräisches Wochenblatt, das sich zur Aufgabe ge* stellt hat, die Kenntnis über die hebräische Literatur unter den ottomaniscltcn Juden zu verbreiten und über die politisch-soziale und kulturelle Lage in der Türkei fortlaufend und eingehend zu informieren. Es ist zu erwarten, dass das Blatt, dcjscn Existenz für gesichert gilt, zur Annäherung der spaniolischcn Juden an die neuhebräische Literatur wesentlich beitragen wird. Ist Cania, der Hauptstadt Kretas, leben 150 jüdische Familien. Die dortige jüdische Qcmcindc besitzt 2 Synagogen und 1 Schule. Die Gemeindcausgaben werden von den wohlhabenderen 7 Mitgliedern bestritten. — ln Candia befindet sich ebenfalls eine kleine jüdische Gemeinde, die 12 bis 15 Familien umlasst, Die krctcnsischcn Juden sprechen alle Griechisch und leben in den freundschaftlichstcn und friedlichsten Beziehung zu ihren griechischen und mohammedanischen Nachbarn. Ihr Familienleben zeichnet sich durch echt-jüdische Sittcnrcinlicit und friedliche Häuslichkeit aus. RUNDSCHAlLDeR-PReSSe ״Haolam«*, Wilna Über die während der Anwesenheit des Präsidenten David Wolffsohn in Konstantinopel erfolgte lkgrilndung von zionistischen Organen ln der türkischen Hauptstadt schreibt, das Blatt in No. 32: ״Die öffentliche Meinung in der Türkei kennt die Prinzipien des Zionismus noch nicht, und mitunter macht sic die zionistische Bewegung für Sachen ver» antwortlich, welche gerade von Zionisten nicht gebilligt werden. Jeder kommt dahin mit einem anders gearteten Vorschlag; cs herrscht da deshalb grosse Verwirrung, — und die dortige öffentliche Meinung, welche die verschiedenen Äusserungen und Ersehe!• nungen noch nicht von einander zu unterscheiden vermag, stellt alles auf ein Konto — auf das Konto des Zionismus. Und dadurch erleidet der Zionismus Schaden: sein Wesen wird dort nicht gebührend erklärt, und die üifcntlielic Meinung in der Türkei begeht einen schmerzlichen und gefährlichen Irrtum, indem sie im Zionismus etwas erblickt, was ihm absolut fcrnliegt und stets fcrnlicgcn müsste — eine Gefahr für die Einheit und Erstarkung des türkischen Reiches. Aber nicht nur die Türken, auch die türkischen Juden haben das Wesen des Zionismus noch nicht richtig erfasst. Die Handlungen der türkischen Juden und ihr Verhalten während der Revolution und der ihr vorangegangenen stillen Arbeit haben gezeigt, wie viel Seeleiigrösse und Ehrgefühl, Freiheitsstreben und treue Ergebenheit zu ihrem Vaterland sic besitzen. Solche Naturen müssen von dem Lichte und der Wahrheil des echten Zionismus angezogen werden. Nur hat bisher ans verständlichen Gründen niemand im Namen des Zionismus zu ihnen geredet. Diesem Mangel abzuheifen. erstrebt das jüngste von der zionistischen Organisation geschaffene Werk Von jetzt ab werden wir in der türkischen Residenz Organe besitzen, die dem türkischen und jüdisc-hcn Publikum das Wesen des Zionismus und seine wirk* liehen Bestrebungen, seinen Wert und seine Bedeutung für uns und seine Nützlichkeit für das türkische Reich erklären werden." ״Jüdische Zeitung“, Wien Unser österreichisches Bruderorgan macht unter der Ucbcrschrift ״D c r e i n zigc W c g", die folgenden bemerkenswerten Ausführungen:• ״Die Absperrung Amerikas gegen unbemittelte Ein* Wanderer hat die jüdische Öffentlichkeit alarmiert. Anderthalb Jahrzehnte war sie taub gegen die Maltnungen der Zionisten, ivclchc. voraussagten, was kommen musste,. Jetzt wird cs auch in den Reihen der schläfrigsten Philantropcn lebendig. Man entdeckt die Notwendigkeit, ein Zuliuchtsland für die wandernden Jndenmassen zu schaffen. Und da ein glücklicher Zufall cs gefügt hat, dass die Umwandlung der Türkei in einem Verfassungstaat zeitlich mit der Absperrung Amerikas zusammenfiel, richten alle jüdischen Orga- nisationen, ulte und neue, Ihro Blicke nach türkisch Asien und speziell nach Palästina. Wären wir nichuiurch die Geschichte gewitzigt, wir könnten uns jetzt wirklich der Hoffnung hingeben, dass endlich auch von den nichtzionistischen Organl* sationen etwas für Palästina geschehen wird. So aber sind wir in unseren Erwartungen bescheiden und sagen uns, dass es schon viel Ist, wenn wir nach ISiähriger Pionierarbeit die Leuchten des Judentums, die nicht genug über die Idee wispein konnten, ״dass die Juden nach Jerusalem gehen sollten" — so formu- Herten sie den Gedanken des Zionismus — soweit gebracht haben, sich für die jüdische Kolonisation in Palästina wenigstens theoretisch zu begeistern. Es wird abermals Jahre brauchen, bis sic cinsehen werden, dass es zur praktischen Durchführung der Kolonisation In Palästina keinen andern Weg gibt, als jenen, welchen die zionistische Organisation mit der Palostine-Dcvclopmettt Company bcschritten hat. Vorläufig behandeln die philantroplschcn Gesellschaften die einschlägigen Fragen so, als ob cs sich um Ent* dcckung neuer Methoden handle und keinerlei Erfnlirungcn auf dem Gebiete der Kolonisation überhaupt, und der jüdischen insbesondere vorliegen würden, Nacli hunderten von ״Expertisen und Referaten“ wird ihnen vielleicht ebenso plötzlich, wie sic die völlig neue Entdeckung machten, dass Palästina das geeignctstc Land für jüdische Ansiedlungcn ist, auch die Erleuchtung kommen, dass für Neuanschaffung von jüdischen Bauernwirtschaften und landwirtschaftlichen Arbeitsstellen jene erprobten Methoden angewendet werden müssen, die von allen Völkern seit Jahrzehnten mit grösstem Erfolge gchandhabt werden, und die vor allem in Ostpreussen durch Deutsche und Polen zu wissenschaftlicher Vollendung gebracht wurden. Ob uns die philantropischen Gesellschaften folgen werden oder nicht, wir dürfen uns nur auf die eigene Kraft verlassen und müssen das Ansicdlungswcrk in Palästina im Wege des Nationalfonds und der Pa* lcstinc-Development Company, welche mit den oben erwähnten Methoden arbeitet, energisch betreiben. Lange genug schon ist die wichtigste Aufgabe zioniscischcr Politik vernachlässigt worden, welche darin besteht, durch eine grosszügige Ansiedlungs- Politik den Bauernstand in Palästina in immer steigendem Masse zu verstärken. Das ist der einzige Weg, der aus der hoffnungslosen Lage des jüdischen Volkes in eine lichtere Zukunft und im letzten Ende zu einer Lösung!jer Judenfrage führt. Mit der von Warburg und Ruppln geschaffenen Development Company haben wir diesen Weg bc* schritten. Helfen wir. diese unsere Ansicdlungsgcscllschuft auszubaucn, damit die jüdische Kolonisation in Palästina ein immer rascheres Tempo cinschlagel" ״Die'Hilfeu, Berlin-Schöneberg Paul Rohrba.ch, der gewiegte Kenner des Orients und Sachverständige in allen Fragen der Kolonialwirtschaft, befindet sich auf einer Reise in die Türkei, und sendet seinem Blatte fortlaufend interessante Schilderungen über die Eindrücke und Erfahrungen, die er gegenwärtig Uber die Entwicklung und Möglichkeiten der ״Neuen Türkei“ zu sammeln Gelegenheit hat. Zunächst hat sich der Forscher nach Mazedonien begeben und weiss von dort ln einem Briefe aus Saloniki über die Juden der Stadt und die politische Stellung der Juden im Reiche übcrlmtipt einiges zu berichten, das auch für uns von Interesse Ist: ״Vor drei Tagen hat hier eine grosse Protestver- Sammlung gegen die griecliisch-krctischcn Ansprüche stattgcfuuden, veranstaltet von der jungtürkischen Urganisatlon, dem ״Komitee für Einheit und Fortschritt." Nächst den Jungtürken haben sich dabei besonders die Juden von Saloniki hervorgetan. Saloniki hat zwischen 150 000 und 200000 Einwohnern: davon sind mehr als die Hälfte sogenannte Spaniolen; ,Juden, deren Vorfahren unter Isabella und Ferdinand gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben wurden und von den Türken liier Zuflucht und Giaubonsfreiheit erhielten. Ihre Nachkommen sprechen noch heute eine spanische Mundart und liuben zum grossen Teil spanische Namen. Sie sind nicht nur Kauileutc und Handwerker, sondern versehen auch jede Art krirperliehe Arbeit. Z. B. sind die meisten Lastträger, Bootslerne und Hafenarbeiter in Saloniki Spaniolen, so dass es schwer hält, am Sonnabend ein Schiff zu loschen oder %\\ Walen. So kräitige. sehnige und muskulöse Männer sind unter diesen spaniolischcn Arbeitern, wie nur irgend unter den armenischen unu kurdischen Hmnals in Konstantinopcl. Der jüdische Typus ist unverkenubar, aber es herrscht mehr der edlere spanisch-orientalische, als der polnisch-osteuropäische. Die Frauen haben eine eigentümlich bunte Tracht mit tief ausgeschnittenem Brustlatz; matt sieht manche Schönheiten darunter, namentlich in frühem Alter, Ein Teil der Spaniolen Ist ailmähUch zum Islam übergetreten. Diese heissen Dömnös, Sic sind offiziell A\ohannnedaner, sollen aber im stillen noch einen gewissen Zusammenhang mit dem Judentum bewahren; auf der andern Seite haben sic nahe Beziehungen zu der spanischen und italienischen Freimaurerei, und im Anschluss an sic hat sich auch ein türkisches Freimaurertum entwickelt, ln der Revolution hat dieses eine grosso Rolle gespielt, und es ist auch gegenwärlig von viel grösserer Bedeutung für den Zusammenlumg der Ereignisse in der Türkei, als 1mm in Europa 1111 allgemeinen weiss. Eine ganze Anzahl der Führer und Vertrauensleute des jungtUrkisclien Komitees sind Dönmös von Saloniki; auch der neue Finanzministcr Dschavid-Bey, der unter den augenblicklichen turkisehen Ministern wohl die relativ beste tycsteuropäi* sehe, speziell volkswirtschaftliche Bildung hat, ist Dönmö. Saloniki Ist nach wie vor das Zentrum des Jungtürkentums im Sinns des Komitees für Einheit und Fortschritt, und soweit bei den Jungtiirketi nicht das Militär im Vordergründe steht, muss man direkt sagen, dass seine geistige Führung zum grossen Teil bei •Jen Donnics von Saloniki liegt. Der bedeutendste litc. rarisch-politisclte Vertreter, den die radikale jungmr. kisclie Richtung überhaupt besitzt, ist ein Salonikcr Arzt von ursprünglich spaniolisclicr Herkunft. Zwischen Dömmis, Spaniolen und Türken herrscht jetzt in Saloniki eine enge Verbrüderung gegen die Griechen. Ich möchte, olipc die mir sehr beachtlich scheinende Quelle dieses Urteils zu nennen, eine pr.1g. nantc und anscheinend richtige Acussoruug über das jetzige Verhältnis der Nationalitäten in der Türkei hier wiedergeben. Mein Gewährsmann, ein hochgestellter Türke, ging zunächst von den Verhältnisse» in Sulo. niki aus, bezog sich ausserdem aber auch auf die allgemeine Lage im Reich. Danach ist von den Juden speziell den Spaniolen in Saloniki, und von den Armeniern ein aufrichtiger ״ottomanischer" l,atrotisn»1s und ein innerer Zusammenschluss mit den Türke» (״Türken" natürlich im Sinne einer von den Jungtürken beeinflussten Bevölkerung) zu einem gciiau,. Samen ״ottomanischcn" Staatsbewusstsein zu erhofkn — nicht dagegen von den .Griechen! Von dem gric* chischcn Element in der Türkei erwarten die cigm.tliehen jungtürkischen Führer keinen loyalen Anschlag an die Idee einer nach Innen und Aussen reformiert ,1 Türkei. Zum Teil geht das Misstrauen gegen »,0 Griechen im Augenblick sicher auf die akute Spann׳!..״ wegen Kreta zurück, aber darüber hinaus ist cs d! h die ״grosse Idee", in der das gesamte Griechentum lebt, und von der cs schwärm.•, der Panhcllcnism:»״ der den Türken ein tiefes Misstrauen gegen die gr״.. chischcn ״Ottomanen" cinflösst. Dazu kommt, ü. .$ die Türken eine durch und durch militärische, ׳,e Griechen aber eine unkriegerische, in Deklamationn und politisch-ideologischen Phrasen lebemJe Nu׳.. <n sind. Die Juden vo.rj Saloniki z. B. und, nach ausdrückltchcn Mitteilungen von türkischer Seite, auch »e Armenier in Konstantinopel w׳ic im Reich (hier spielen sic keine Rolle) sind offen und energisch auf die St״ie der Militärpflicht der Christen getreten und haum erklärt, wenn sie nun Staatsbürger mit vollen Rech! » seien, so müsse es für sie selbstverständlich sein, ü .\s sic jortan auch die vollen Ffiiclitcn trügen. Das nat den Türken gefallen." PALAeSTINÄ-RUMDSCHAU Jüdische OrganisaHonen ln Palüslina Seit Einführung der türkischen Konstitution hat sich die Zahl der jüdischen Organisationen in PaläMma stark vermehrt. Per erste Verein, der gleich nach Proklamierung der Verfassung gegründet wurde, ist der ״Verein ottomanischer Juden," dessen Ziel die Propagierung der oltomanischen Staatsbürgerschaft unter den palästinensischen Juden ist. Der Verein, der fast in allen Städten Palästinas Zweigvercine hesitzt, arbeitet wohl mit viel Energie, jedoch nicht mit jenem Erfolge, der ursprünglich erhofft wurde. Viel Schuld an diesem Misserfolg ist der Umstand, dass die einzelnen Vereine mit einander in fast gar keinem Kontakte stehen. Vor einem Monate ungefähr waide In Jaffa ein jüdischer Lokalvercin gegründet, dem fast alle Jaffaer Juden angeboren und dessen Statute!» im ganzen aus 9 Punkten bestehen. Der Verein ist eigentlich ein Rcchtschutzvcrein für jüdische Ion- Wanderer, die unter den Schwierigkeiten, die ihnen bei der Landung die türkischen Behörden bereiten, noch immer sehr viel zu leiden haben. Eine Art jüdisches Rcpräscntuntcnkomitec bildete sich in Jeru- Salem. Das Komitee besteht aus 7 Mitgliedern und ist in jüdischen Fragen die Vermittlerin zwischen den Juden und der Regierung und deren Behörden. Es ist nur bedauernswert, dass das Komitee, das bisher niclit ohne Erfolg gearbeitet hat, die scphurdischui Juden ausschlicsst, während letztere sieb zu einer eigenen freien Organisation nicht aufzuschwingen vermögen. Schliesslich sei noch der Jüdiseh-Naiiaiule Verein" erwähnt, der gleichfalls die Vertretung der allgemeinen Interessen der Juden zum Zwecke hm. Viel getan hat diese Organisation bisher auf dem Gebiete der Abwehr des Missionsunwesens in den Städten und Kolonien, ln letzter Zeit hat sich emo Anzahl jüdischer Mädchen aus materieller Not zur Taufe verleiten lassen. Der Leitung des ״Jüdisch* nationalen Vereins" gelang cs, die Mädchen dem Judentuine zurückzuführen und sic anständig unterzubringen. * Wie der ״Osinanisclic Lloyd" berichtet, ist d.m Strasscubild in Jerusalem seit drei Tagen ganz ver• ändert. Die zahlreichen Droschken, die mangUs einer Strassenbahn den Verkehr erleichtern, fahren nicht mehr; die Fuhrunternehmer haben aus Unwillen über die schweren Abgaben, die der Stadtverwaltung zu entrichten sind, einen Streik inszeniert. Zu Zeiten des alten Regimes musste für jede Droschke 5 Piaster an die Munizipalität abgegeben werden, seit Einfljhrung der Konstitution wurde diese Steuer am 2'a׳ Piaslcr erniedrigt. Jetzt wiinscltcn die Fultrunter• nehmer eine vollständige Abschaffung dieser Steuer. Durch den Streik leidet die Geschäftswelt in Jerusalcnt ausserordentlich, und Im Interesse der jerusa-