Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 37-38 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 432. ‘JUKD1SCHK RUNDSCHAU No. 37/3S. seit langem mit dieser Frage. Vor mehr als zwei Jahren haben wir nach Cilizic» und Mesopotarn i en eine Mission misgeschlckt, deren Berichte einen Erfolg für eine landwirtschaftliches Unternehmen in diesen Gebieten als möglich in Aussicht stellen. Wir sind geneigt, einen Versuch zu machen. ft # * AUS flLLCR W6LT:! Deutschland Judenreinc Scbülcrwerelnlflunfjen Unlängst wurde gelegentlich eines Bclcidigungs- Prozesses durch Zeugen festgestellt, dass die am Gymnasium in Neustettin bestehenden Schillervereine nach statuarischer Bestimmung den jüdischen Mitschülern verschlossen bleiben. Wer mit den einscliliigigeii Verhältnissen einigermassen vertraut ist, der wird wissen, dass derartige Vereinigungen, die aus den allgemeinen Mitteln unterhalten w erden, weitaus in den meisten Eiillen durch den sogenannten ״A r i c r p a r a g r a p h c n" gegen das Eindringen jüdischer Elemente ״geschützt" sind. Es sei besonders bemerkt, dass diese Vereine stets unter dem Protektorate erfahrener Lehrer stehen, welche durch Uebernahmc dieser Stellung das Vorgelten der jungen Politiker gutheissen. Dieses Vcrfahren schlicsst natürlich nicht aus, dass in den ersten Griindungsjahrcn jüdische Mitglieder manchmal recht willkommen sind, wenn cs gilt, dem jungen Verein über die ersten finanziellen Schwierigkeiten beim Ankauf von Ruderbooten usw. hinwegzuhclfen. An und für sich entspricht diese Methode ja den Gepflogenheiten, die auch von Staatswegen bei uns heliebt werden und es ist ziemlich gleich, ob es den jüdischen Schillern ein paar Jahre früher oder später beigebracht wird, dass sie in Preusscn Staatsbürger minderen Rechts sind - aber die Eestnagclung dieses Zustandes an Gerichtsstcllc sollte den betroffenen Behörden doch Anlass zu irgend einer Acusscrung gehen. — Vor Schluss des jüngst in Berlin abgchaltenen zahnärztlichen Kongress w.urdc über den Ort des nächsten Kongresses beraten, wobei von deutscher Seite Petersburg vorgesehlagen wurde. Einige russisehe Teilnehmer wiesen aber darauf hin, dass der Aufenthalt in Petersburg für di? ausländischen jüdischen Zahnärzte mit Schwierigkeiten vcrbunden sein würde. Als Beispiel führten sic an, dass zu dem letzten Allrussischen Zahnärzte-Kongrcss in Petersburg auch einige ausländische Spezialisten und Professoren etugcladeu waren, die den Kongress mit den neuesten Erfindungen und Fortschritten auf diesein Gebiete bekannt machen sollten. Unter den Eingeladenen befanden sich auch einige Juden, die sich aber am Kongress wegen der AuicnthaltsschyGerigkeiten in Petersburg nicht beteiligen konnten. Der Kongress beschloss darauf, den nächsten Zahnärztlichen Kongress, der im Jahre 1914 statlfinden soll, in London abzuhaltcn. «• Aus dem Bureau der ״Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in Frankfort a. M. wird uns geschrieben: Auf eine von uns an das Kriegsministerium gcrichtcct Eingabe, in der für die bevorstehender!, hohen Feiertage um Bcur- I u 11 b 1111 g 11 0 r jüdischen Mannschaften in die nüchstgclcgcnen Jüdischen Qcmcindcn, auch aus dem Manöver, gebeten worden war, hat der Herr Kriegsminister durch Erlass vom 3. September d. Js. an das Kricgsministcrium gerichtete Eingabe, in der behörden verfügt, dass gegen die Befreiung der jüdischen Mannschaften vom Dienste und gegen ihre Beurlaubung nach der nüchstge* Icgencn jüdischen Gemeinde nichts cinzuwcnden sei, insofern die Interessen des Dienstes und die Manöver Verhältnisse die Ausführung dieser Massnahmen ermöglichen. Wir nucjtcn die Herren R a b - bin er auf diese Verfügung aufmerksam, in der Annahme, dass cs ihnen infolgedessen leichter möglich sein wird, den jüdischen Mannschaften bei den Truppenteilen ihres Bezirkes zu den bgvorstchenden hohen Feiertagen Urlaub oder wenigstens Dienstbefreiung zu verschaffen. Der Herr Kriegsminister hat bei diesem Anlässe weiter darauf hingewiesen, dass cs dem Ermessen der Truppen- Kommandeure überlassen bleibe, inwieweit auch im Standorte dein religiösen Bedürfnisse der jüdisehen Manuscludtcn dadurch Rechnung zu tragen sei, dass ihnen, soweit es die Interessen des Dienstes gestatten, der freiwillige Besuch des synagogalcn Gottesdienstes am Sabba t ermöglicht wird. Der Erlass Ist, wie der Herr Kricgsmini.sicr qiittcflt. auch den Kriegsministerien von Bayern, Sachsen und Württemberg Übermittelt worden, Russland Russlands Geldnot und — Russlands Juden Es Ist seit lange ein offenes Geheimnis, dass die Rücksichtnahme der russischen Regierung auf ihre auswärtigen Anleihen eine wesentliche Rolle in ihrem verhalten zur Judenfrage spielt. Von besonderem Interesse ist cs.mm, dies vom Fimmzministcr Kokowzcw offen vingestnnden und deutlich Uervorgehoben zu sehen. Das jetzt publizierte Journal Über eine Ministerberatung vom 22. Juli 1909 enthält hierüber wichtige Angaben, die als Beitrag zur Juden- Politik der russischen Regierung besondere Beachtung verdienen. In der genannten Sitzung wurde über das Aufenthaltsreelit der jüdischen Kuufleum in Moskuu, die seit dem Jahre U>09 in der Stadt ansässig sind, beraten. Zunächst wurde eine schriftliehe Meinungsäusserung des Premierministers Stolypin verlesen, der in der Sache einen ge* mässigien Standpunkt cinnahm und für eine ״wohl* wollende Behandlung der Frage in den Grenzen der Möglichkeit", ״mit vornehmlicher Berücksichtigung der Interessen des allgemeinen Kaufmamisstandes", plädierte. Der Fliianzmlmsier Kokowzew und der Haiidelsminister T 11111 r I a s e w gingen noch weiter in ihrem Eintreten zu Gunsten der Juden und erklärten, ״der Allerhöchste Erlass vom 3. Februar IMS ist zumindest nicht klar und bedarf entsprechen• der Erläuterungen und Ergänzungen. Die Ausführung des darin vorguzeielmetett Verfahrens gegen die Juden würde den־ ohnehin in seltwierigcr Lage sich befindende» Finanz- und llaiujelsmarkt schädigen.! Eine l.Umidieriiiig der grossen jüdischen Handelslüiuser, deren Umsatz hunderte Millionen Rubel jälirlieh beträgt, würde nicht mir die Inhaber derselben treffen, sondern auch den mit den Juden durch llandelshezielmugcn verbundenen christlichen Biirgern Schaden bringen. Ausserdem würden dadurch viele ausländische Firmen, die den jüdischen Kaufleuteu in Moskau Kredit gewähren, Schaden erleiden: eine Ausweisung dieser Juden aus Moskau würde ihren Bankerott verursachen. Und da die Einigkeit der Juden gross ist und sic alle geeigneten Mittel zum Schutze ihrer Interessen anwenden, und einen grossen Einfluss in den kapitalistischen Kreisen und der Presse besitzen — würden sic wegen der Ausweisung einer ganzen Gruppe von Juden aus Moskuu heftige Angriffe gegen die russische Regierung her* vor rufen und der Regierung die Aufn ahme einer auswärtigen Anleihe i in Bedarfsfälle sehr erschweren." Dieses Dokument sollte vor allem der jüdischen, aber mich der ulelitiüdlseheit Finauzwelt beweisen, dass sic hei wirklich solidarischem Verhalten in der Lage wäre, das Los der russischen Judcnhcit zu bessern und so durch die Macht des Geldes ein wirkliches Werk der Humunität und der Kultur durchzufülirctt! * Der ״Echi-russischc Volksverband“ hat ciuett schweren Schlag erhalten — den schwersten vielleicht seit seiner Gründung, — von dem er sich kaum so leicht erholen dürfte. Bekanntlich haben die Vcrbändlcr die grössten Anstrengungen gemacht, den Gang des ihnen so gefährlichen Herzcnstein-Prozesses aufzuhalten und den Prozess dem finnländischcn Gericht zu entziehen und vor ein russisches Gericht zu bringen. Eine offizielle Regierungserklärung gibt nun von einem Allerhöchsten Erlass Kenntnis, wonach dein finnländischcn Gericht die gesetzliche Befugnis zustcht, für jedes in Finnland begangenc Verbrechen Angeklagte aus dem ganze nrussisc 11 cnRcichvorscinPorum zu steilem Danach wird auch der Vorsitzende des Russischen Verbandes, Dr. Dubrowin, der Hauptaktcur im Her/.cnstcln-Prozess, sich dem finnländischen Gericht stellen müssen. Pogromdrohunfl In dem Wilna benachbarten Städtchen N 0 w 0 - W i I c i s k soll jetzt eine Kirche errichte werden. Ein dafür tätiger Stadtverordneter hat den dortigen Rabbiner aufgefordert, für diesen Zweck unter den Juden Gelder zu sammeln, da sonstein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung vcranstaltet würde. Der fromme Held fügte noch hinzu, dass auch der Geistliche gegen ein derartiges ״Strafgericht" nichts cinzuwcnden hätte. — — In Deutschland zeichnen bekanntlich ״Vorurteils lose" Juden unter dem gelinderen Zwange des ״noblesse obiige" häufig namhafte Summen für Kirchenbauten. Wege gerügten Ausnahmebestimmungen gegen ameri. kultische Staatsbürger indischen Glaubens bei ihren Reisen innerhalb Russlands hinzu weisen. Der Pru- *ident verfügte daratiihin, dass der Gesandte sogleich nach seiner Beglaubigung mit aller Entschiedenheit auf eine glciehmüssige Anerkennung aller Pässe der amerikanischen Regierung hinzuwirken und sich m diesem Belnife dnrclt die jüdischen Vertreter in du• Materie einflihren zu lassen habe. Nunmehr ist Mr. Rockhill mit dem einschlägigen Material versehen an den Ort seiner neuen Tätigkeit abgereist. Die lutransigcns, mit der die amerikanische Ry. gicrung diese gerechte und für das nationale Ansehen so wichtigen Bemühungen betreibt, im Verein mit dem Anlcihebcdiirfnis des russischen Staatssäckels dürfte den Schritten der Union diesmal einigen Erfolg versprechen." Bekanntlich bestehen für die deutschen Untertanen jüdischen Glaubens die gleichen schmudw vollen Ausnahmebestimmungen, ohne dass sich die Regierung zu irgend welchen Vorhaltungen bewogen fühlt. « In New York ist eine hebräische Vereinigen,׳ ״Ach icwer" begründet worden, welche die Ve;. breiutng der hebräische« Sprache unter der jüdischen Jugend sicli zur Aufgabe gestellt hat. Ein hebräischer Sprachverein ״Mcphizei Sepliat Eber" bestellt liier seit einigen Jahren und cmialtct eine rege Tätigke!:. Für die nächste Zeit plant er die Begründung einer jüdischen Lesehalle und Bibliothek, für welchen Zwe, *• dem Verein bereits einige Tausend Dollar zur ftigung stellen, überhaupt ist hier, namentlich um r den aus Osteuropa cingwnndcrten Juden, ein reg.s Interesse für die hebräische Sprache und Literatur i bemerken. So erfreut sich das hier seit kurzem uscheinende hebräische Tageblatt ״Hajom" cin.s grossen Zuspruchs. Der ״Hajom" ist die crs:c hebräische tägliche Zeitung in Amerika. Bosnien Südafrika Auf das Ergebnis der kürzlich durehgefährten ersten Wahlen 111 die bosnlscli-hcrzcgowlnlsclto Hundels- und Gewerbcluunmer können die Juden mit besonderer Genugtuung blicken. Von den gewühlten 24 Haiidclskammerräten sind 12 Juden. Dieses Resultat dokumentiert am deutlichsten die Wichtigkeit des jüdischen Elements für Bosnien und die Herzegowina. Man ersieht daraus, dass das Verlangen der hiesigen Judenschaft nach einer eigenen Kurie im bosnisch-hcrzcgowinischcn Landtage vollauf begründet ist. Hoffentlich werden dies die massgebenden Kreise noch in elfter Stunde cinseltcn und den Juden dieses Landes die primitivsten politischen Rechte nicht vorcnthalten. Amerika ״Die Frage der Anerkennung von Pässen lüdt* gelter Reisenden In Russland, die zuletzt Im Frühjuhr d. J. auf dem Kongress erörtert wurde, scheint neuerdings infolge einer Verordnung des Präsidenten Taft wieder ln Fluss kommen zu sollen. Gelegentlich der Abreise des neu ernannten amerikanischen Qc* sandten W. W. R 0 c k h 111 nach St. Petersburg ergriffen einige angesehene Vertreter der amerikani- _.... , «• II V»V1 uwt aiiiviiftum• sehen Judcnhcit die Initiative, die Regierung auf den Fortbestand der schon mehrmals auf diplomatischem ״Das Komitee der Captowncr Phil.mtropic Socu.v weist die nach Südafrika Auswundernden darauf!!11׳. das jeder Emigrant bei seiner Ankunft mindestens 20 Pfund Sterling (400 Mark) besitzen muss. Aua muss er in irgend einer europäischen Sprache g«l111׳׳g zu schreiben verstellen, — wobei auch das JudisJi- Deutsch als Sprache anerkannt wird. Diejenigen, welche nach Transvaal fahren wollen, müssen auch die gesamten Regiekosten bis zum Reiseziel sehnt bestreiten können; in Transvaal fordert von ihnen das Emigrations-Departement den Ausweis von 20 Pfund Sterling. Diese Verordnung werden streng gchandhabt. und cs helfen dabei keinerlei Bemühungen und Bittgesuche; wer den genannten Betrag nicht besitzt, der wird zurückgcschickt." Türkei Aus Haifa wird der ״Wcltkorr." geschrieben: Die neue Rcgicrungsreform in der Türkei wird, \ue cs scheint, wenn sie dauernd in Geltung bleibt, auch fiir dieses Land in Bezug auf Kultur von bedeutendem Werte sein. Man traut seinen Ohren kaum, wen• einem tnitgctcilt wird, dass die Regierung zu Unternelmumgcii ermuntert, wie z. B. Entwässerung von Simipfgeblete» am Jordan, Errichtung von B.ide.uistallen bei den heissen Quellen am Jurntuk, Erbauung von Eisenbahnen zur Verbindung von einzelnen Städten und dergleichen. Unter dem alten Regime musste man viel Zeit und Geld aiiwcndcn, um zu ähnlichen Unternehmungen die Konzession zu er* langen; jetzt wird einem das von der Regierung angetragen, und die Unternehmer werden von ihr hierzu gesucht und ermuntert. Selbstverständlich wird da• durch bei den Wohlhabenderen der Eingeborenen auch die Lust eine grössere, ihr Geld und ihre Kraft zur Hebung des Landes zu verwenden, so dass eine irische Unternehmungslust überall verspürt wird. l;ur grössere Unternehmungen bilden sich Gesellschaften, die auch gern mit Kenntnissen ausgerüstete oder auch kapitalkräftige Europäer aufnelimen. Nachdem schon der Kongress der bulgarisUue« Demokraten in Mazedonien gegen das Vcrelnsgcsetz protestiert hatte, hat dieser Tage wieder eine zweitausendköpfige bulgarische Versammlung die Rvs״• lution gefasst, ihr Bedauern darüber uuszudruckcn. dass das Parlament Gesetze gegen die Vereine, Jie Presse und die nationale Erziehung angenommen hat. Dagegen hat der Kongress des jungtürkischcn Komitees, der diese Woche in Saloniki tagte, die gviiau umgekehrte Stellung eingenommen. Der dritte Be- Schluss dieses Kongresses besagt: ״ln bezug an: Artikel 4 des Vcrcinsgesctzes beschlicsst die Gescllsciuii!. daran i estzuhaltcn, ja sogar im Notfälle ein neues noch strengeres Gesetz aus• zuarbeiten, unt die Bildung von Gesellschaften auf nationaler Basis zu verhindern." Vergangenen Donnerstag fanden zwei wichiRe Unterredungen zwischen Taiaat Bcy, dem Minister des Innern, und dein Grossrabbincr statt. Gegenstand der Besprechungen war die Abschaiiung des rote« Zettels, Die Lösung der Angelegenheit ist zwar immer noch nicht erfolgt, erscheint aber auf guten• Wege. Der Minister erklärte, er habe bereits mit Subhi Bcy, dein Mutcssarif von Jerusalem, über da• (Portsetzung auf Seite 434.)