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Jüdische Rundschau · 1909-09-15 · Heft 37-38 (15.9.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 37-38 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 37/38. JUED1SCH2 RUNDSCHAU, Seite 431. den uns die Hoffnung, dass auch jüdische Arbci 1 c r in grossen Scharen dort Anstellung fin werden, wo jüdische Techniker die Leitung von Arbeiten in Händen haben. Und das ist wieder natürlich von aller-grösster Bedeutung. Was ich hier ausgeführt habe, gilt im wesentlichen ebenso für die Verhältnisse der alten Türkei wie für die Verhältnisse der jetzt reformierten. Aber die Neugestaltung der Lage im Orient hat uns viel Neues und Wesentliches in dieser Hinsicht gebracht. Ihnen das zu er- Mären, muss ich mit ein paar Worten auf die /oliverhältnisse in der Türkei eingehen. Das türkische Reich stand bisher unter der Vormundsrhaft der Orossmächte des Westens. Diese 'dächte waren an der Einführung von Industrie-;utikeln nach der Türkei interessiert und haben < י nicht zugelassen, dass die Türkei aus dieser! infuhr von Industrieartikeln wesentliche Einnahmen erziele. Denn darin hätte es ja gelegen, j.kss die Ausfuhr der Industrieländer nach der liirkei erschwert würde. Die Türkei hat in den letzten Jahrzehnten Einfuhrzölle gehabt, die gleichmässig für alle Artikel 8 Vbetragen haben. Mit der allergrössten Mühe ist es den lürken vor 3 Jahren gelungen, diesen Zoll auf 11 zu erhöhen. Um das durchführen zu können, musste sich die Türkei allerlei demütiuenden Bedingungen unterwerfen. Aber schliesslieh waren die 3 % zumindest ein Anfang. Das starre System des Zolles von 8 %־ war damit gebrochen und konnte man nun einer weiteren Entwicklung entgegensehen. Und dies kam schneller als man glaubte. Die Türkei, die sich jetzt von der Vormundschaft der Grossmächte befreit hat, erreichte es, dass alle, die bisher ihre Entwicklung gehindert haben, jetzt um die Gunst der neuen Türkei wetteifern, um auf dem grossen Markte, den das türkische Reich ihnen bietet, eine erste Rolle zu spielen. Unter diesen Umständen ist es der Türkei jetzt möglich geworden, ihre Zölle so zu gestalten, wie sie es in ihrem Interesse für richtig hält und es ist kaum denkbar, dass die Mächte dagegen Stellung nehmen. Wir können also erwarten — und es sind diesbezüglich Vorschläge bereits in die Oeffentlichkeit gedrungen (und aucl» von einigen Staaten schon konzediert worden), dass die türkischen Zölle jetzt 15, 16 und 20 betragen werden. Diese Sätze sind einstweilen für Oebrauchs- und Luxusartikel vorgeschlagen worden. ln einer solchen Erhöhung der Zölle liegt eine ausserordentliche Möglichkeit für die Ent- Wickelung von Industrien im türkischen Reiche. Wenn die Türkei bis in die neueste Zeit fast aus* schliesslich ein Agrikulturstaat gewesen ist, so hat es m i t daran gelegen, dass eben der ausserordentlich niedrige Zoll es einem Lande, das bisher Industrie nicht gehabt hat, fast unmöglich macht, mit Industrie zu beginnen. Jetzt, da die Zölle erhöht werden, sind einer zu gründenden einheimischen Industrie die Wege geebnet. — Man könnte meinen, dass 8 oder 11 %• hätten hinreichen können, tim der Türkei eine industrieile Entwicklung zu ermöglichen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Türkei zu den andern Ländern nicht in einem derartigen Verhältnisse steht, wie irgendein Land des Westens zu irgendeinem anderen Lande des Westens. Hier stehen sich gegenüber einerseits ein Land und ein Volk, das industriell noch nie tätig war, andererseits Länder, die auf der höchsten Stufe industrieller Entwickelung stehen. So war der Kampf zu ungleich und aussichtslos und das ist der Hauptgrund, weshalb bisher von einer grösseren Industrie in der Türkei bisher nicht die Rede sein kann. Das wird, wie gesagt, jetzt anders, aber mit der Möglichkeit entsprechender Zollverhältnisse mtd einer genügenden Konkurrenzfähigkeit haben wir noch lange nicht alle Möglichkeiten, mit uner Industrie zu beginnen. Zur Industrie gehören diese Möglichkeiten auch, aber vor allen Dingen gehört dazu ein industrieeil veranlagtes Volk und überhaupt ein disponibles Menschenmaterial. Nun ist die Bevölkerung des türkisehen Reiches agrikulturell beschäftigt. Und wenn es möglich wäre, heute einen wesentlichen Teil der türkischen Bevölkerung in industrielle Berufe zu bringen, so würde der Landwirtschaft Yo: gen Arbeith; er entaegen werden* und mit den;!die c «•J Industrie der Tü i״Ci brinrcl ein Nach teil verbunden sein für;chaftlichc Tätigkeit. Nun aber ein :*teilen, w mag, \v die lanciwirt_ liegt die Sache gar nicht einmal so günstig für die Türkei. Denn das Bevölkerungselement, über das sie verfügt, ist durchaus. nicht industriell veranlagt. Nun ist es unmöglich, ungeeignete Leute über Nacht zu geeigneten Leuten zu machen, und so ist die Türkei beinahe darauf angewiesen, die industriellen Möglichkeiten, die sich ihr jetzt erschlossen, durch Einwanderer ausbouten zu lassen. Und nun fragt es sich, wer wird nach der Türkei ein wandern? Man kann wohl sagen: niemand. Kapital wird kommen, einzelne Kapitalisteri und Unternehmer werden aufkommen, aber das geeignete Bevölkerungselement wird nicht von irgend woher kommen. Die Aus* Wanderung aus europäischen Ländern wie Ir* land, Oesterreich-Ungarn und Italien hat dazu viel zu bestimmte — ihre sozusagen natürlichen — Richtungen angenommen, und diese Richtungen weisen nicht nach der Türkei! Möglich ist, dass die Auswander u n g aus der Türkei, die schon ziemlich grosse Dimensionen angenommen hat, besonders aus solchen Gegenden, wie dem Libanon, wieder zurückschwellen wird. Es ist möglich, die mohammedanischen Einwohner von benachbarten Ländern, die früher türkisch waren und später unter christliche Herrschaft gelangten, nach der eigentlichen Türkei zurückkehren werden, nachdem eine gedeihlichere Entwicklung dort gesichert erscheint. Aber auch das sind nicht besonders industriell veranlagte oder tätige Leute. So würde also der Türkei damit gedient sein, wenn Juden in grosser Zahl nach der Türkei kommen. (Fortsetzung folgt.) Die Tätigkeit des* JCfi. Die Jewish Colonisation Association, allgemein JCA genannt, hat nach ihrer diesjährigen Gcneralver Sammlung den Bericht ihr das Jahr 1908 in der üblichen Weise in einem stattlichen Bande erscheinen lassen. In der Eröffnungsrede zur Qcneralvcrsamm lung erstattete der Vorsitzende Herr N. Leven, einen summarischen Bericht über das Kolonisation werk der JCA, aus dem wir, •— da wir au( eine Wiedergabe des ausführlichen Berichtes natürlich verzichtcn müssen. — das Folgende hervorheben: Die Kolonisation Ist nach wie vor unser Hpupt werk. In A r g c n 11 n i e n nimmt s|c stetig von Jahr zu Jahr zu, Die Gesamtbevölkerung unserer Kolonien ־ ' ־ ־־" Fa* dort umfasste am jüngsten 31. Dezember 2875 milien mit 15 771 Seelen, das ist 500 Familien mit 2500 Familien mehr als Ende 1907. Alle diese Israeliten sind in der Landwirtschaft tätig. Sic haben während des vergangenen Jahres 81507־ Hektar unter Kultur genommen. Die befriedigenden Ergebnisse ihrer Arbeit haben ihnen nicht allein den Lebensunter• halt geliefert, sondern ihnen überdies gestattet, 879 204 Francs auf die Summe a b z u z a h I c n, die ihnen bei ihrer ersten Niederlassung für Grund und Boden und für Einrichtungszweckc geliehen worden war. Es mag hinzugcfllgt werden, was vielleicht von Interesse ist, dass die Kolonisten ohne Schwierigkeit noch andere Lasten tragen: Steuern, Schulabgaben usw. I Auch alle Kosten des Gesundheitsdienstes! werden von Ihnen bestritten. Unsere Gesellschaft ' organisiert, verwaltet und stattet aus den Volksschulunterricht. Sic unterhält 37 Schulen mit 1(D Lchrem und 2529 Zöglingen, Alle Übrigen Vcrwaltungsangclcgcnhcltcn werden von den Kolonisten selbst versehen. Sie haben sich mit Geschicklichkeit eingcrichtet. Das Kooperativsystem findet auf die notwendigen Einkäufe Anwendung und auch auf den Verkauf der Produkte. Die Entwicklung der jüdischen Kolonisation in den Vereinigten Staaten und Kanada ist nicht minder interessant. In den V c r e i n i g t c n S t a a t e n ist sic bereits alten Datums, ist sie älter als unsere Gesellschaft. Die offizielle Statistik von 1900 stellte eine jüdische Bevölkerung von 1043800 Seelen fest. Seitdem hat jedes Jahr eine Anzahl israelitischer Einwanderer herbeigeführt, die der von 1907 in Höhe von 109 603 nahe kam. Im Jahre 1903, während der kommerziellen Krise in den Vereinigten Staaten, bctrug sic nur 62 326. Die Kahlen der Gesammteinwanderung ln dop Jahren )907 und 1908 waren 1160195 und 393 753. Die jüdische Kolonisation in den Vereinigten Staaten hat verschiedene Formen. Es gibt dort einzelne Anslcdlungen und Gruppen von etwa 2000 Familien mit etwa 12 000 Seelen. Diese Ansiedler erhalten Vorschüsse von uns durch die amerikanisch© Gesellschaft, die cs übernommen hat, die Ansicdlung der Einwanderer zu leiten, und die mit einer über jedes Lob erhabenen Hingebung ihrer Arbeit sich unterzieht.' Ausser digssn. Kolonisten haben unsere Freunde in den Vereinigten Staaten in fast allen 1 eilen der Republik das Vonhandcnsein von jüdischen Einzelfarmen fcstgcstcllt, deren Kahl nicht gcmpi angegeben werden kann. Wir bemühen uns gegenwärtig, die amerikanische Einwanderung auf ausgesuchte Gegenden zu lenken ln denen Eintracht und Gegenseitigkeit besondere Vorteile gewähren. Unsere amerikanisehen Freunde haben dieses System, von dem wir die glücklichsten Ergebnisse erwarten, angenommen. Bis auf diesen Augenblick ist das Anwachsen der Industriellen Bevölkerung immer noch stärker als das der landwirtschaftlichen. Die Erziehung, die die Israeliten in ihrem Hcimatlande erhalten haben, erklärt das in ausreichender Weise, ln New York haben die Einwanderer manchen!Berufen eine starke Ausdehnung gegeben. Die KlciJerkonfektion verdankt ihnen eine solche Entwicklung, dass jetzt bereits für beträchtliche. Summen solche Waren ausgeführt werden, die man früher vorn Ausland bczogen hat. Wir haben erhebliche Beiträge geleistet zur Schaffung von i.n d u s t r i c 11 e n und landwirtschaftiichcnUnterrichtsanstalten, einer besonderen Landsvirtschaltsschule, haben auch zur Ausdehnung einer Handwcrkcrschulc in New York beigetragen, die jährlich 275—300 junge Leute mit ausreichender Ausbildung entlässt. Eine Schöpfung verdient besondere Erwähnung: die ״Dollarbanken", ein populäres Kreditinstitut,.das der Initiative der Einwanderer zu danken »St. In Kanada, Quebec, Montreal״ Halifax und Sankt Jean sind im vergangenen Jahr 2364 Israeliten gelandet. Hier ist die jüdische Ein- Wanderung nicht so alt wie in den Vereinigten Staaten; sie hat erst vor kaum 20 Jahren begonnen. Die Einwanderer haben beträchtliche Anstrengungen gemacht, um sich in Kanada fcst/.usctzcn. Das Klima ist rauh, Handel und Industrie sind erst im Entstehen. Etwa 30 000 Juden haben sich in Montreal niedergelassen; die Kali! der int übrigen Land verstreuten wird ebenfalls auf 30000 geschätzt, ln Montreal widmen sieh die Israeliten verschiedenen Berufen, im Jahr 1908 hat unser Komitee 23S0 in Kleiderfabriken, Manufakturen usw, untcrgebracht. Der Erfolg der Auswanderer, die sich der Land- Wirtschaft widmen, verdient um so mehr hervorgehoben zu werden, als er ih/cr eigenen Initiative und Ausdauer zuzuschrciben ist. Die älteste Kolonie ist die von Hirsch, die mancherlei Wcchsviiälle durchgemacht hat. Die ersten Kolonisten von Wa.ueUa Hessen sich zwischen 1886 und 1890 nieder. Die meisten von ihnen hatten keine Existcn/.mittcl. Sie bedurften ausscrgcwöhnlichcr Energie, um sich zu erhalten. Im Winter, bei 40 Grad Käite, mussten sic 32 Kilometer weit auf ihrem Kücken Holz heran- Holen, dessen sie zum Ban ihrer Hutten bedurften. Dann machten sic das Feld urbar. Für ihren Unterhalt arbeiteten sie als Tagelöhner bei anderen. Diese Einwanderer brachten es daliin, in Qu* Apclie (.,wie heisst*‘), in Hirsch, in Bender, in Oxbow 260 landwirtschaftliche Niederlassungen zu schaffen umi in vollen Betrieb zu sepm Jetzt besitzen sic 19 303 Hektar Landes. Eine Fläche von 6972 Hektar h.iben sic urbar gemacht und in Betrieb genommen. Ihr Land hat einen Wert von 492 900 Dollars. Ihr ganzer Besitz bewertet sieh auf 769 845 Dollars. Bei Winipeg sind etwa 300, dje der Stadt Uemüsc, Milch, Butter liefern. Ich habe noch nichts von einem andern Kolon i sa t i o n s z c n t r u m gesagt, das ebenso alt ist, wie das älteste von Amerika: Palästina. Die Zahl der Niederlassungen dort ist 20 mit mehr als 6600 Seelen. Sic alle verdanken, wenn schon nicht ihre Existenz, so doch ihre Erhal« tting der herrlichen Freigebigkeit E d m o n d s von Rothschild. Die yon ihnen angenommene ücwohnheit, auf ihren Wohltäter zu rechnen, überhob die Ansiedler luiuiig d§r persönlichen Anstrengung bei der Erdbearbeitnng. Man musste diesen Zusjand ändern und ein Vcrwaltungssystem beseitigen, das die Ansiedler unselbständig erhielt. Man musste auch 1 die Landverteilung ändern und jedem Kolonisten so I viel Land geben, als für seinen Unterhalt erforderlich | war. Das gab eine vollständige Umwälzung der Kolonien, die jetzt glücklich beendet ist. Herr von Rothschild hat sie geleitet. Das Auffälligste in der Umgestaltung ist die Überweisung der Fabrikation und des Verkaufs der Wcinprodukte aus den Kellereien von Rischon lc Zion und Sichron Jacob an die zu einer Kooperativ genossen schuft vereinigten Kolonisten. Die Ansiedler haben dabei besseren Erfolg als die vorherige Verwaltung. Wieder einmal hat sich die Vorzüglichkeit der Selbst- Verwaltung bewährt. Die Kolonien sind ebenso zufrieden wie wir; nur auf sich selbst zählend, arbeiten sie eifrig, und fast alle Kolonien gedeihen. Ausserhalb Palästinas würden die kleinen Kolonien von Karaga und Sasilar, die von rumänischen Auswanderern unzureichend eingerichtet waren, ohne unsere Hilfe zugrunde gegangen sein. Sic heben sich, und cs scheint, dass sic sich halten können. Wir erhoffen aber besseres in der Türkei, ln Or Jehuda, unserer Ackerbauschulc, ziehen wir Arbeiter heran, die bisher ihr Vaterland verlassen mussten, um von ihrem Beruf leben zu können. Unter dem neuen türkisehen Regime werden sie, wie wir glauben, im Lande bleiben und dort ihre Kenntnisse und ihren Flciss nutzen• dürfen. Wir beschädigen uns schon

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