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Jüdische Rundschau · 1909-09-15 · Heft 37-38 (15.9.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 37-38 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 430. JUEDISCHK RUNDSCHAU. No. 37/38. wurden. Ich habe in meiner 1ran7.cn Dienstzeit keinen israelitischen Offizier kennen gelernt, der seinen Platz, nicht ganz, ausgefüllt li.'ittc; sic verbinden durchweg mit viel Wissen grossen Eifer und .höchstes Pfllchtgcfüllt *־־ letzteres vor den» Feinde bis zur Sclbstauf* Opferung.״ Wenn in Preussen der Jude hier die Verfassung«• mässig ihm z.u.stehcmle Zulassung /.um Ofiiz.ierkorps nicht erreichen kann, so beruht dies lediglich auf den exkulsiven Standesanschauungen unserer Junker, die das Heer als ihre Domäne anschcn und sogar den christlichen, bürgerlichen Offizier nur ais ein notwen« diges Ucbel dulden. Wie souverän und vcriichtlich sic hierbei mit Ge• setz, und Recht umsDringen, dafür liefert die ״Deutsche Tageszeitung" wieder ein klassisches Beispiel. Ich hatte jene Kabinettsorder, die den christlichen Cha• raktcr der zum Offizierberuf zuzulassenUen jungen Leute betont, für ungesetzlich erklärt. Das agrarisch!: Organ, in dessen Besitz sich wahrscheinlich die preus• sischc Verfassungsurkunde niemals befunden hat, bc• lumptet demgegenüber einfach, dass jede Kabinetts• order, so lange sie nicht aufgehoben, gültig sei. *Man sieht: sic lebt und webt noch in den Vorstellungen des Absolutismus, mit der stillschweigenden Voraussetzung natürlich, dass die Vollgcwalt der Krone an dem Uebermut und an den materiellen Interessen der Junker ihre selbstverständliche Schranke findet. Dass aber die Verfassung jede in der gehörigen Form verofieiiiliehte Kabinettsorder nur den Behörden, aber keineswegs dem Landtage gegenüber filr verbindlich erklärt, davon hat sie natürlich keine Ahnung. Es lohnte sich in der Tat, eine Volksvertretung zu haben, wenn diese nicht einmal die Verfassungsmässigkeit königlicher Kabinettsorders prüfen dürfte. Im übrigen ist jene Kabinettsorder dadurch aufgehoben, dass eine »euere allerhöchste Verfügung vom April 190S cs ausdrücklich für unstatthaft erklärt, jenun* den nur um deswillen von der Beförderung bczichungs» weise der Wahl /.um Offizier auszuschiicssen, weil er Jude sei. Man darf bei einer Kabinettsorder doch nie voraussetzen, dass sie mir erlassen sei, um die Öffentliehe Meinung zu beruhigen, darf also erwarten, dass endlich auch bei uns das verfassungsmässige Recht 7.11m Siege gelange! Oie Abhängigkeit und Untertänig• keil unserer Offiz.ierkorps ist eine so unbedingte, dass die massgebenden Behörden keinen Widerstand finden werden, wenn sic ernsthaft geeigneten uiuj be• fähigten Juden den Otfizlcrstand eröffnen wollen. Nur von ihrem guten Willen hängt cs ab. Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass wir in der ״Ofiiziersfrage" durchaus keinen wesent• liehe «Teil der deutschen Judenfragc zu erblicken vermögen, nicht einmal der Frage der ״Juden im deutschen Heere", die ja durch den Fall Bloch erst wieder eine so traurige Beleuchtung erfahren hat. Ob ein Bankierssolm, der sich mit Rücksicht auf seine Erbgrossmama nicht taufen lassen darf, Reserve- — oder gar aktiver Offizier wird oder nicht — das halten wir an sich für absolut belanglos! Aber dass die ״massgebenden Behörden" gegenüber dem fürchterlichen liberalen Geschrei nicht einmal diese winzige Konzession machen, irgend ein paar Konzessk>ns־Levys zuz.ulasscn, das ist allerdings eine Tatsache, die für den alle Verfassungsbe* denken glatt übersteigenden Judenhass der Re• gicrung so charnkt ist wie kaum eine andere. Arme Kommerzicuratssühue! Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTrietsch (Berlin). (Fortsetzung.) Wie ist cs nun mit unsern Mitteln bestellt? — Unsere Mittel sind ausserordentlich gering. Wir haben nichts. Wir haben ein absolutes Minimum den gewaltigen Erfordernissen gegcnübcrzustellen, und da wäre es der G i p f e 1 der Verschwendung und des Luxus, die teuerste Art der Uebcrsiedlung und Ansässigmachung zu wählen, die Art, die in der landwirtschaftlichen Kolonisation liegt. Wer c$ will und die Mittel dazu hat, soll als Landwirt dorthin gehen. Die Gesellschaften, die zu diesen Zwecken gegründet wurden, sollen diesen Zweck weiter verfolgen. Wir wün• sehen alles Glück dazu und das ist keine Redensart, soweit ich von den Kreisen sprechen kann, die meinem Ideengange nahestehen und von mir selbst. Wir tun alles mögliche, die landwirtscl liehe Kolonisation zu fördern, wo es geht. Aber wenn wir vor der Frage stehen: 1 ist praktischer, was ist der Weg für Zukunft, was haben wir zu tun, um in m liehst kurzer Zeit mit den ן ringen Mitteln, die uns zur V fügung stehen, ein Maxim von Leistung zu erzielen, da k die Antwort nur sein: Dieser Weg ist ein d u s t r i e 11 c 1־ Weg. Die Kosten der in* * dustricilcn Ansicdlung habe ich ihnen in dem Beispiele von Amerika an gedeutet. Wie wird es im Orient sein? Das kommt natürlich auf die Art der Industrie au. Es hat sicherlich etwas gegen sich, einzelne Beispiele zu wählen, weil das sehr einseitig ausschcn kann; icli will Ihnen aber doch einige ßcisipele zeigen und es wird ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, dass die Zahl der Beispiele weit ausgedehnt werden könnte, so dass von Einseitigkeit keine Rede sein kann. Ich habe einnmal in irgend einer Zeitung eine Notiz von ein paar Zeilen gelesen, wonach eine russische Zigarettenfabrik eine neue Filiale in Moskau mit 3000 Arbeitern aufmachen will. Das ist eine Sache, die täglich vorkommt, an der gar nichts Besonderes ist. Aber überlegen Sie einmal, was dieses alltägliche Ereignis für uns bedeuten würde: Es würde für uns bedeuten eine Arbeitsgelegenheit für 3000 Leute, mit den Familien gerechnet, den Unterhalt für 10000 Seelen. Diese kleine alltägliche Sache ist also in ihrer ziffernmässigen Wirkung grösser, als alle unsere bisherige landwirtschaftliehe Kolonisation in Palästina, einer Sache, bei der wir von keiner Krise zu hören brauchen. Ein reicher Kaufmann'; eine Aktiengesellschft, kann sich so Etwas, leisten, und die Sache würde sofort auf gesunder Basis stehen. Ich fand weiter einmal in einem Konsularberichte, dass eine ״weibliche Handarbeit“, die auf einer kleinen, fernen Insel, in Teneriffa, geübt wird, dort jetzt 15• bis 20000 Arbeitskräfte be• scliäfugt. Diese kleine Hausindustrie ist erst wenige Jahre alt und war vor Kurzem noch bedeutungslos. Einige entlegene Dörfer der Insei hatten einige Spezialitäten ausgebildet, die recht nett waren, aber nur dem Zeitvertreib und dem eigenen Bedarf der Leute dienten, und gelegentlieh auch einmal Touristen in die Hände kamen. Da kam einer hin, der die Sache mit den Augen eines Kaufmannes ansah und innerhalb weniger Jahre sind aus den einigen hundert Leuten, welche diese kleinen Dinge des Zeitvertieibes halber poduziert hatten, 15• bis 20000 Arbeitskräfte geworden, die Monat für Monat eine Million Mark an Arbeitslohn ins Land ziehen. Hier sehen wir, was gewisse industrielle Dinge uns geben können, ln den Fällen, die ich als vereinzelte Beispiele gezeigt habe, ist die Installation eine ganz minimale. Mir selbst ist einmal für 20 Mark eine komplette Zigarrettenfabrik ungeboten worden. Sie war freilich nicht gross, aber ein Mann hatte doch einen guten Unterhalt davon; die Einrichtung war etwa 3—4 Mark wert. In Südrussland leben tausende von Leuten — auch Juden — von dieser Indusirie. In Aegypten ist es eine der grössten Industrien, und zwar in diesem Falle sogar eine Industrie, die aller natürlichen Voraussetzungen entbehren muss. In Aegypten wachst kein Tabak; der Tabakbau ist verboten. Aller Tabak, der in Aegypten für diese Industrie gebraucht wird, wird von anderen Ländern der Levante importiert. (Auf diese Weise hat die Regierung die Steuerkontrolle sehr leicht, während die Besteuerung der landwirt* schädlichen Tabakkultur, wenn jeder Fellache im Niltale bauen dürfte, sehr viel schwerer wäre.) Eine spezielle Papierfabrik gibt es auch noch nicht in Aegypten; die Kartons kommen auch aus dem Auslande, das Holz und das Blech für Emballagezwecke werden ebenfalls importiert, und was das Merkwürdigste ist: auch die Arbeiter kommen aus dem Aus• lande und sind nicht einmal billig. Wir rechnen in Palästina damit, dass wir mit billigeren Arbeitslöhnen operieren können. Der ägyptische Arbeiter bekommt aber sehr hohen Lohn, ungefähr zwischen 5 und 15 Francs. Die Arbeiter sind meist Griechen und Juden, vielfach Eingewanderte, und wir haben es hier mit einer der unwahrscheinlichsten Industrien zu tun, die man sich überhaupt denken kann. Diese Industrie ist aber trotzdem eine der grössten von ganz Aegypten und sicherlich .die, die die meisten Hände beschäftigt. Wir־sehen an diesem Beispiel, es kann nichts so unnatürlich sein, dass cs nicht für gewisse Ausnalnnefälle in Frage kommen könnte. Diese Zigarettenindustrie wäre eine Industrie für Palästina und würde im Verhältnis zum Resultat minimale Ausgaben erfordern. Die Spitzcniiulustrie, Uie ich früher erwähnte,' kostet an ״Maschinen״ einen Bruchteil eines Pfennigs. Und wir haben schon jetzt in Palästina Anfänge davon, l.s gibt wundervoll gearbeitete Spitzen, die von Arabern gemacht werden, in Europa aber gar nicht bekannt sind, und wo man sie kennt, nennt man sie arabische Spitzen. Sie erfordern eine Nähnadel als Werkzeug und an Material cm Minimum, wie man es sich kleiner kaum denken kann, so dass fast alles Geld, das man dort hin• cinsteckcn müsste, auf Arbeitslohn geht. Man wäre auch bei diesem Beispiel also in.- stände, mit einem Minimum von Geld ein Maxi• mum an Leistung zu erzielen. Gegenwärtig aber wird in Palästina vielfach noch nach dem alten System mit einem Maximum an Mittel, ein Minimum an Leistungen erzielt!*) Das sind Dinge, die mit der Zeit gcänden werden können. Heute können wir nut der Alliance sehr wenig rechnen, immerhin sind aber Zeichen der Besserung zu bemerken, ln den Mädchenschulen der Alliance wird Handarbeit•■■ unterricht eingeführt, um wenigstens die Mo;:- hehkeit zu geben, dass ein Erwerbsleben da Pia:/, greift, wo heute mehr oder weniger ein Faulen• /.erleben in tiefster Armut besteht. ln den letzten Monaten ist noch eine Reihe jüdischer Kolonien gegründet worden. In Wirk• lichkcit wird die jüdische Kolonisation in diesen ruhigen Tagen mehr ausgedehnt ais vielfach zu Zeilen, in denen alle Blätter und Versammlungen voll davon waren. Auch Baron Rotschild lim sich nicht ganz von der Palästinaarbeit zurück• gezogen, wenn er sie auch jetzt nicht ostentativ betreibt, sondern sie meist den Organen der lea anvertraut hat. Grosse Bundesgenossen• schalt haben wir seitens des ״H i i f s v c r e i n •> der deutschen Juden“ erfahren, der zur Zeit seiner Gründung durchaus nicht zu den Hoffnungen zu berechtigen schien, die er jet/t erfüllt. Die Institutionen, die der Hilfsverein in Palästina geschaffen hat, sind Musteranstalten. Die Ausdehnung dieses Werkes ist nur eine Frage der Mittel und es ist bekannt, dass schon jetzt an der Errichtung eines Technikums in H aif a gearbeitet wird. Dieses Technikum kann für die indischen Positionen in Palästina, in der T ii r k e i und überhaupt im Orient von aller* grösster Bedeutung werden. Denn cs gibt heute im ganzen türkischen Reiche keine technische Hochschule. Ich habe eben vorher erwähnt, dass jetzt grosse Balm• bauten, Elektrizitätswerke, Wasserkraftwerke. Bewässerungsanlagen, Strassenbauten und der• gleichen in ganz anderem Tempo vorgenom• men werden sollen, als wir noch vor kurzer Zeit hätten erwarten können. Fiir all das sind technisch geschulte Kräfte notwendig. Und die Türken haben von früher her cm wohlbegründetes Misstrauen dagegen, für die technische und industrielle Erschliessung ihrer Länder westeuropäische Kräfte aiuusteUen, die mit westeuropäischem Kapital und westeuronii• ischen Grossmachtsschutz in’s Land kommen. Wohl haben sich die Verhältnisse insofern geändert, dass die Türkei heute freier geworden ist als sie es früher war, aber ein tief eingewur* Zelter Missbrauch und eine Abneigung, wie sie dort bestand, lässt sich nicht von einem Tage auf den anderen ausschalten. Wenn nun jüdische Techniker auf den Plan treten und der Türkei die Kräfte bringen, die sie braucht, so besteht kein Zweifel, dass wir einen Vorrang erringen können, den niemand uns wieder so leicht streitig machen wird. Die Ausbildung von jüdischen Technikern, die in den türkischen Staatsdienst treten oder für die grossen Ge* Seilschaften Arbeiten ausführen werden, bringt *) Urn noch einige Beispiele von liir Juden geeigneten Industrien 7,u erwähnen, sei auf die grosse y״fcnIndustrie der Schweiz wie auch auf ihre Stickerei-Industrie hingewiesen — zwei Erwerbs• *Ur ^ie die Schweiz jährlich hundertevon Millionen vereinnahmt!

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