Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 37-38 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 37/38. J U£DISCI1E RUNDSCHAU Seite 420. Aus dieser Erklärung zieht endlich Dr. Pasmanik folgende interessante Konsequenzen: ״Soziale und kulturelle Wiedergeburt des sehen Volkes in Palästina — dies ist der wahre Kein des Zionismus. Nichts anderes. Alles übrige ist Zutat zufälliger Natur. Niemals hatte der Zionismus politische Absichten,' worauf schon HcrzPin seiner k'ede am II. Kongress hingewiesen hat: ״Die .luden Mild keine politische Macht und werden nie mehr eine politische Macht sein.“.denn die Grösst*. Israels liegt auf einem ganz andern Qcbictc — auf dem Gebiet der sozialen und kulturellen Schöpfung, ha/.u ist keine politische Autonomie notwendig. Dazu hraneheu wir einfach allgemein rechtliche Grundl. ecn. die die Freiheit des Individuums, Sicherheit des l.igeiitums und Raum für nationale Entwickelung garantieren.“ Man lese diese tiefsinnig klingenden Worte nicht;.;11• oberflächlich, sondern recht aufmerksam, um sich der heillosen Konfusion der Begriffe bewusst zu wer• den. Ich kann es mir ersparen, auf den Inhalt dieser >:׳t/.e nülicr cinzugehen, zumal es mich die Über- "imlting intensiven Schamgefühls kostete, über die selbstverständlichste der Selbstverständlichkeiten mit iiiteni Zionisten debattieren zu müssen. Zweifellos im jedenfalls der dunklen Rede oberflächlicher Sinn mlßcndcr: Nachdem in der konstitutionellen Türkei die Gleichberechtigung besteht, dürfen wir nicht mehr •׳eMHidere Forderungen stellen, sondern sollen allein me Immigration nach Palästina fördern. Das ist alles. Nun frage ich: Konnten wir das unter dem alten kVßimc nicht ebenso gut? Vielleicht wird der Landkauf — noch sind wir nicht so weit — leichter werden, vielleicht wird der rote Schein verschwinden. Aber was batte sich dann gegen früher wesentlich geändert? Sperrt man des Baseler Programms wegen den jüdischen Emigranten die Grenzen Palästinas? Oder kann man jetzt nicht ebenso wie früher mit oder ohne Baseler Programm trotz Einwandcrungsverbot soviel kolonisieren, wie man will, wenn man imr das erforderliche Geld und das willige Menschenmaterial besitzt? Wozu also die grossen politischen ('testen und die tiefsinnigen Mienen? ״Die politische Raison erfordert nun aber einmal die Prograinniünderuiiß" antwortet mir der ״Politiker“ mit überlegenem, nachsichtigem Lächeln. Leider bin ich nicht imstande, von der Warte der höheren politischen Einsicht die Dingo zu überschauen, ich meine aber auch mit dem ganz gemeinen sögenannten gesunden Menschenverstand dem schwierigen Problem der neuesten zionistischen Politik näher kommen zu können. Wenn A. von B. etwas haben will, so wird A. fiir das Geforderte dem B. etwas bieten müssen. Wenn A. nichts zu bieten hat, bekommt A. eben nichts von B. Dieser aus der gemeinen Erfahrung stammende Satz wird wohl von allen Politikern als richtig erkannt werden. Wie aber, wenn A. überhotipt nichts verlangt? Dann, sagt die gesunde Vcrmmft, bekommt er ebenso wenig. Der Politiker, wenigstens der zionistische, aber ist in diesem Falle anderer Ansicht. A. kann im Laufe der Zeit in den Besitz des Gewünschten kommen, wissenschaftlich nennt man das Evolution.- Zuerst fördern wir die Emigration nach Palästina, dann lassen wir die Kinder in türkischen Einheitsschulen erzogen werden, endlich haben wir die Autonomic oder, wie Pasmanik cs nennt, die soziale und kulturelle Schöpfung, Ist es wirklich möglich, dass man sich einem solchen Wahne hingeben kann? Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass dio Sucht nach Assimilation nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern zu allen Zeiten sich als eine Eigenschaft von deinentarcr Kraft im jüdischen Volke erwiesen hat? Bringen wir unser Volk nicht auf den von seinem besten und grössten Sohne gezeichneten Weg, so werden wir die Heimat 4er jüdischen Seele vergebens herbclgesebnt haben. Unter dem Banner der Gleichberechtigung werden auch ln Palästina Juden Zions vergessen und dessen, was sic ihrem Volke schulden. Und eine Jahrzehnte lange Kraftanstrcngung unerhörter Art wird das gewaltigc Ziel verwirklicht sehn, im besten Falle einige hunderttausend Juden von einen Qolus ins andere verpflanzt zu haben. Aber, selbst zugegeben, dass dio geäusserten Befürchtungcn gegenstandslos wären, dass unsere Evohitionisten die Situation richtig erfassten. Welche Acnderung frage ich, würde auch die völlige licscitigung des Baseler Programms im Verhältnis der Tür• kei zu den Juden bringen? Auf Privilegien hat man verzichtet, kolonisieren kann man schon seit Jjtlir• zehnten, worin um liimmclswillcn liegt das Neue, das man von der neuen Situation erhofft? Int Grundo Ist dio ganze Debatte iibor dio Notwendigkeit der Pro- «rammündoruiig olno lUcItorllcho Zelt- und Wortverscltwondung, da wir Im gegenwärtigen Zeitpunkt weder mit noch ohno Baseler Programm von der Türkei, dio mit sich gonug zu tun hat» etwas zu erwarten haben. Mir scheint cs vlelmohr dio Forderung efner, sagen wir einmal, naturgemttssen Politik zu sein, keino politischc Verhandlungen in einem Zeitpunkte zu führen, in dem sic sinn- und zwecklos sind, dafür aber die Taktik des Schweigens bis zur Virtuosität auszuiibcn. Inzwischen aber wollen wir unsere Kräfte sammeln, unser Volk in der Diaspora national organisieren, unscre Fonds mehre und last' not least die praktische Arbeit fördern. Vielleicht repräsentieren wir nach Jahrzehnten emsigster Arbeit einen Wert, den wir der Türkei zu bieten haben. Und dann wird cs Zeit sein, eventuell Zugeständnisse zu machen. Es wird auch dann noch Zeit sein, denn das Märchen von dem schon jetzt drohenden Verlust Palästinas an andere Nationen wollen wir doch nur zu agitatorischen Zwecken vcrwerten. Wenn die Programmfrago aber auch für den jiidischen Einfluss In Palästina völlig irreevant ist, so mögen doen unsere Politiker nicht vergessen, dass für das Judentum in der Diaspora mit dem Begriff der Autonomie dcrZionism us steht undfällt. Ob mit oder ohne Baseler Programm, nur mit der tatkräftigsten Unterstützung der Diasporajudenhcit wird sich, wenn überhaupt die Besicdclung Palästinas mit Juden vollziehen. Wird uns Zion zum beliebigen Immigrationsland degradiert, dann muss der Elan der Bewegung — Pessimisten glauben das schon jetzt konstatieren zu können — muss der Schwung der Begeisterung, muss das Suchen nach Werten, die unsere Seelen im Zionismus noch immer zu finden hoffen, einer utilitaristischen philantropischen Anschauung weichen, die in ihrer grauen Alltäglichkeit die kommenden Generationen abstosscu muss, ohne deren festen Willen zum Judentum ein neues Zion nicht werden kann. Ich fasse zusammen: Eine Programmändcrung im gegenwärtigen Augenblick ist völlig sinnlos, da sic unser Verhältnis zur Türkei in keiner Weise Hinzuändern geeignet ist, so ist der Ruin der zionistischen Bewegung überhaupt, da die ״reine Idee" des Zion, die noch in unzähligen Köpfen lebt, nirgends einen annähernd adäquaten organisatorischen Ausdruck mehr fände und mit Naturnotwendigkeit zur Gründung einer neuen zionistischen Organtsationsform drängte. Möge uns der Himmel vor solchem Ausgang bcwahrcnl Dr. G. Witkowsky. Nationale Erziehung Antwort au! dio Entgegnung des Herrn Lazaraus Barth. Gestatten Sie, verehrter Herr, einem jungen Zionisten, sich nochmals zu seiner in No. 34 der ״Jüdischen Rundschau" dargelegten Meinung zu äussern: Ich gehe von der feststehenden Tatsache aus, dass die Pforte gegenüber der Forderung eines Teils der Zionisten den in Palästina anzusiedclndcn Juden eine völlig autonome Selbstverwaltung zu gewähren sich vorliiuiig ablehnend verhält. Es gehört nicht hierher, zu untersuchen, ob und welche Gründe die Türkei fiir diese Haltung hat . Wir können indessen die Türkei nicht zwingen, ihre Haltung zu ändern, und wenn der Zionismus auf der Forderung der Autonomie besteht, so wird dio Pforte mit der Verschärfung der Einwandertingsbcstlmmungcn, möglicherweise mit dem Einwanderungsverbot antworten. Dies wäre zwar nicht die unbedingte Folge, aber immerhin eine Mögliclikcit, mit der wir rechnen müssen. Was aber ein Einwandcrungsvcrbot für den Zionismus bedeutet, darüber sind wir uns wohl alle klar. Es bedeutet für unsere Bewegung nämlich dio Entziehung i h r c r r ea lc 11 01׳ u ndIa gc, mit einem Wort, ihren Tod. Sic selten also, nicht der Verzicht au! dio Forderung der Autonomie a priori bringt den Zionismus ins Grab, sondern umgekehrt, das Bestehen auf dieser Forderung. Das Bestehen des Zionismus auf der Förderung der Selbstverwaltung ohne Rücksicht auf dio sielt ergebenden Folgen, wäre nur in einem Falle zu rechtfertigen, nämlich, wenn die Autonontic zur Sarnicrung unserer Existcnzvcrhältnissc unbedingt notwendig wäre. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, nichts in unserer gegenwärtigen Lage rcciitfertigt diese Annahme. Wir brauchen als Einzel- Individuen tatsächliche Gleichberechtigung, wir braudien als Nation Raunt für nationale Entwickelung. Wenn der grösste oder auch nur ein grosser Teil unseres Volkes geschlossen in Palästina angcsicdclt ist, dann haben wir die Möglichkeit für nationale Eilt- Wicklung, und damit das, was wir zur Sanierung unserer Existcnzvcrhältnissc und zur Sicherung unseres Bestehens als Volk brauchen. — Durch diesen Gedankengang komme ich zu der Meinung, dass die Selbstverwaltung keine Notwendigkeit Ist, wenn sic auch sehr wünschenswert wäre. Da aber das Wünschenswerte vor dem Notwendigen zurückircten muss, ihm vor allem nicht hindernd int Wege stehen darf, so muss der Zionismus die Forderung der Autonomie fallen lassen, obgleich wir die Hoffnung auf Erlangung der Selbstverwaltung aus den ln mölncm vorigen Artikel angeführten Gründen nicht aufzugeben brauchen. Rollen wir also dio Frage der Autonomie erst dann wieder auf, wenn sic aktuell geworden sein wird. Ich sagte oben, dass durch die geschlossene An- Siedlung eines grossen Teils des jüdischen Volks in Palästina die Möglichkeit zu nationaler Entwicklung gegeben sei. Die Sicherheit hierfür haben wir indessen nur dann, wenn die in Palütstina lebenden Juden unter sich eine nationale Einheit bilden. Damit diese Bedingung erfüllt wird, ist cs nötig, die gesamte Judcnhcit national zu erziehen, und deshalb ist nationale Erziehung — noch einmal sei es betont — einederbeidcnwichtigstcnAufgaben des Zionismus. Die andere ist die Rückvcrpflanzung des jüdischen Volkes nach Palästina, und die dritte, cbcnfall sehr wichtige Aufgabe ist die Schaffung, Stärkung und Erhaltung möglichst guter Beziehungen des Zionismus zur Türkei. Und damit komme ich zu der Frage, die Sic, vorclirter Herr, aufwerfen, nachdem Sic mit dem grossen Ganzen meiner Meinung fertig zu sein ,glauben, zu der Frage, wozu wir nationale Erziehung als Gcgcnwartsarbcit brauchen. Die Notwendigkeit der nationalen Erziehung glaube ich soeben bewiesen zu haben, und ich kann cs — milde gesagt — nicht begreifen, wie ein Zionist, besonders einer, der unsere Bewegung von ihren ersten Anfängen an, aus eigner Anschauung kennt, der siel« rühmt, ein Schüler Herzls zu sein, gerade diese Frage aufwerfen kann. Nicht um bessere Türken zu sein, sondern um über mehr gute Juden zu verfügen, brauchen wir nationale Erzieliung. Die nationale Erziehung ״die Stärkung des jüdischen Volksgefülils und Volksbcwusstsci n", ist sicher eins der wichtigsten Mittel von denen die der erste Kong riess Verwirklichung des zionistischen Ideals in Aussicht nimmt. In der nationalen Erziehung — soweit sie bis heute erfolgt ist — liegen die ersten und schönsten tatsächlichen Erfolge des Zionismus, Erfolge auf die unsere junge Bewegung allen Grund hat, stolz zu sein. Die n a t i 0 n a I c T e n d c ח z ist endlich, nach meiner Meinung, das Charakteristische am Zionismus, das Moment, das ilm über jene anderen jüdischen Bestrebungen turmhoch hinaushebt, über jene Bestrebungen, die die osteuropäischen Juden in Palästina ansiedeln wollen, um ilircr Notlage abzuhelfen, um ihnen die tatsächliche Gleichberechtigung zu verschaffen, — und nicht, wie Sie meinen, das Streben nach der Verwirklichung eines schönen Gedankens, wie ihn der Wunsch nach Selbstverwaltung darstellt. — J. K. II. Jüdische Offiziere in Oesterreich Unter diesem Titel linden wir in der letzten Montagnummer des ״B. T." einen kleinen Artikel des bekannten Obersten a. D. Gädke, den wir unseren Lesern aus verschiedenen Gründen nicht vorenthaiten zu dürfen glauben. Gädke schreibt: Wir sind immer geneigt, Österreich als das Land der Reaktion, des Behairungsvermögeits, des Still- Standes zu betrachten. In vielen Beziehungen trifft dies heutzutage zweifellos nicht mehr zu; man wird vielmehr ohne weiteres zugeben müssen, dass Prcussen-Deutschland auf manchen Gebieten von der Donaumonarchie überflügelt worden ist, dass dort liier und da schon modernere Anschauungen zur Herrschuft gekommen sind als in unserem junkerlich regierten Staate. Prcusscn gonicsst heutzutage den wohlverdienten Ruf, zwischen Russland und Spanien in der Mitte zu stehen. ״Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dj-ittc!" Das gilt sogar auf dem Gebiete des Konfcssiottalismus. Das streng katholische Oesterreich denkt hier liberaler und weitherziger als Preusseii. das sich auf seine ״Bildung" so viel zugute tut. Mit ihrem Bil- (hmgsdünkel sollten unsere Junker wirklich bescheidener sein, er hat pathologische Züge aufzuweisen. Angeregt durch meinen Aufsatz über das Militärkablnctt, in dem ich die Ausscliliessung der Juden aus dem Ofiizicrkorps als verfassungswidrig nacliwies, teilt mir ein österreichischer Schriftsteller eine Liste jüdischer höherer und höchster Offiziere mit, die teils noch im österreichischen Heere Dienste tun, teils vot nicht langer Zeit dur.ch Tod oder Verabschiedung ausgeschieden sind: Es sind dies: I Fcldmarschalllcutnant (Generalleutnant), 3 Generalmajore, 10 Obersten einschliesslich eines Linienschiffskapitäns, II Oberstleutnants, 17 Majore. Es sei bemerkt, dass die Angaben auf amtlicher Auskunft beruhen, wobei das RcichskricgsmlnlstQtjuin dem österreichischen Verfasser das grösste Entgegenkommen bewiesen hat. Ein christlicher Fcldmarschallleutnant aber schreibt ihm bei dieser Qcicgcnhcit: ״Dio Zahl israelitischer Oliiziere war und Ist relativ auch Jetzt noch keine grosse; umso erstaunlicher ist dio Menge hervorragender Waffentaten, für die solche Offiziere mit allerhöchsten Dekorationen begnadigt