Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 37-38 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 37/38. JUEPISCflg RUNDSCHAU Seite 427. ln dem deutschen Organ der Alliance. ״Ost und West" veröffentlicht soeben das deutsche Bureau der A. I. U. den von ihm bereits vor einigen Monaten der jüdischen und der nichtjüdischen Presse 2ucestellten Bericht über den Empfang der türkischen Deputation durch Herrn Leven, den Präsidenten der A. I. U. in Paris. Der betreffende Passus des Berichtes, den wir damals nicht veröffentlicht haben, lautet: ״Eine Andeutung auf die zionistische Bewegung beantwortete der Redner dahin, dass cs geraten sei, diese Bewegung nicht zu unterstützen. Die Türkei habe im Sinne, ihre Türen allen Verfolgten offen zu halten, die zu ihr kommen, um ihre Kräfte zu brauchen oder ihre Kapitalicn nutzbar zu machen. Slo würde eine Bewegang nicht dulden, dlo das Aufrollen einer In Wirklichkeit nicht existierenden jüdischen Frage bczwecke, einer Frage, die hervorzurufen nicht im Intcressc der Israeliten liege. Herr I.evcn erklärte, dass diese Auffassung den Ansichten der Alliance voll entspräche. Die Alliance habe es bisher verstanden, dem Zionismus fernzubleibcn, und habe vermieden, ihn in irgend einer Art zu ermutigen. Die Unterhaltung, die sich beinahe zwei Stunden hinzog, trug den Stempel grosser Herzlichkeit." Wir hatten in No. 32 im Anschluss an ein Lon- Joncr Interview des Dr. Riza Tewfik Boy zu dieser merkwürdigen Verlautbarung der Alliance nur bcmerkt, dass sie wohl stark ״frisiert" sei, und hatten die unglaubliche Kleinlichkeit betont, die darin liegt, miss sich eine Organisation wie die Alliance nicht scheut, mit sokleinlichen Mittelchen gegen den Zionismus zu operieren. Nachdem nunmehr dasselbe Bulletin auch im offiziellen Organ in wörtlich derselben Fassung veröffentlicht wird, müssen wir doch noch auf ein anderes hlnwciscn. Abgesehen von der groben Unzulässigkeit, eine unter Umständen so wichtige Acusscrung so nebenbei in Indirekter Redeform und unter Weglassung der sie provozierenden,Andeutung" des Herrn Leven wicdcrzugcbcn, dürfte cs wohl ln der ganzen jüdischen Geschichte einzig dastchcn, dass der Vorsitzende einer grossen weltumspannenden jüdischen Organisation Angriffe, die ihm gegenüber gegen eine andere jüdische Organisation gerichtet werden, nicht nur nicht zu mildern versucht, sondern sic sogar im Gegenteil noch verschärft. Und das Allcruncrhörtcstc, dass er alles aufbictct, um diese andere Jüdische Organisation als eine Qefahr für das türkische Reich bei der türkischen Regicrung zu denunzieren. Das scheint uns ein so krasser Fall von Volksverrat und Vor* I c um düng zugleich — denn Herr Leven muss cs besser wissen! —, dass wir die jüdische Oeffentlichkeit darauf aufmerksam machen müssen, nachdem die Alliance mit dieser ״Tat" ihres Präsidenten auch in ihrem eigenen Blatt sich noch brüstet. der Strasse und hat so die einzige recht spärliche Aussicht in der Gasse. Hast du nicht Lust, hinaufzusteigen zu ihr und von dem breiten Fenster aus die Gasse ent* lang zu schau’n? Du hörst derweilen Schimmele schwatzen und Miriam biblische Geschichten erzählen und merkst dabei, warum sie so stolz ist. Vielleicht sind ein altes Weib und ein Mcliii•!, Kind der l5cl1־M־l1hmg nlelit wert? Der Klatsch der Naeltl»,11*11׳ wird uns selion darüber Aufschluss geben. Am glaubwürdigsten ist wohl Rabbi ltzig Polack, der gerade des Weges kommt. ״Muhme Miriam“ schreit der, unter den ent* setzlichsten Grimassen und mit unnachahm* lichem Achselzucken; dann legt er den Finger gegen die Nase und pfeift durch seine aufge* krämpelten Lippen: ״Puh, die Muhme Miriam! Puh, das Schimmele.“ Gehn wir lieber noch ein Häuschen weiter, da sitzt Frau Malka am Fenster, ruhig, umfang* reich und nüchtern, ganz das Gegengewicht zu dem übertriebenen Lobe Reb Itzigs, der so in Extremen schwelgt. ״Komm’ sie rein, komm’ sie rein,“ schreit Frau Malka, ״nehmen $je a Töppche Kaffee! Fradel, nu setzen Sic sich schon endlich! Von Miriam woll’n Sie was wissen? Wollt Ihr Es scheint in der Tat, als ob dio Pariser Herren alles Mess und Ziel verloren hätten, als ob sie nicht mehr wüssten, wozu eigentlich dlcA. I. U. da ist, und was ihre Gründer wollten. Es ist uns wahrlich kein Vergnügen, einer jüdischen Organisation und Ihrem Vorsitzenden derartige Dinge sagen zu müssen, aber wir würden unsererseits unsere Pflicht zu verletzen glauben, wenn wir zu derartigen Handlungen weiter schwiegen. Und den Herren von der A. I. U. ist ja selbst am besten bekannt, zu wie vielen anderen Sachen wir schweigen.Aber auch diese Langmut hat eine Orenze. Und die jüdische Öffentlich•־ kclt könnte eines Tages arg erstaunt sein zu erfahren, in welcher Weise in Paris und von Paris aus die Ocschäfto des jüdischen Volkes wahrgenommen werden. Eine gefallene Grösse Dem unrühmlichst bekannten Antiscmitcnhäupiling Wilhelm Schack, der leider auch Reichstagsabgeordneter ist, und der besonders bekannt ist als Führer des ״Dcutschnationalen Handlungsgchllfcn-Vcr• bandes", ist ein arges Missgeschick passiert. Wie die Tagespresso in der vergangenen Woche mittelltc, hat Herr Schack es erdulden müssen, in seinem Wohnort Hamburg unter dem Verdacht des Mädchenhandeis verhaftet zu werden. So schlimm war cs nun nicht, aber auch nicht viel besser. Herr Schack hat durch anonyme Inserate eine ״Reisebe* glcltcrin" für sich und seine Frau gesucht, der aber in Wahrheit wesentlich andere Aufgaben zugedacht waren. Herr und Frau Schack kamen an die Unrechte, und der Erfolg war ein öffentlicher Skandal, in dessen Folge Herr Schack sein Rcichstagsmandat und den Vorsitz im Dcutschnationalcn Handlungsgchilfcn-Verbande nieder legte, nachdem er noch einen Tag zuvor sehr grossspurig erklärt hatte, die ״gerichtliche Klarstellung״ ruhig abwarten zu wollen. Inzwischen dürfte Ihn! vor dieser gerichtlichen Klarstellung etwas bange geworden sein, denn am Montag dieser Woche wurde aus Hamburg gemeldet, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft gegen Schack die öffentliche Anklage wegen Beleidigung erhoben hat, sondern dass die Strafkammer, die das Verfahren gegen Schack zu eröffnen hatte, den Antrag der Staatsanwaltschaft, die Sache dem Schöffengericht zu überweisen, abgclehnt und vielmehr das Verfahren vor der Strafkammer eröffnet hat. Die Strafkammer hält also den Fall, der Ja durch die in allen Zeitungen veröffentlichten ״Trlolc"- Briefe sattsam charakterisiert ist. für so schwer, dass er die Zuständigkeit des Schöffengerichts Ubersteigt. Wäre Herr Schack eine beliebige Privatperson oder ein untergeordneter antisemitischer Radaumacher, so hätten seine sittlichen Verfehlungen für uns natürlieh nicht das geringste Interesse. Aber Herr Schack war cs, der sich als Vorsitzender des genannten antisemitischen Handlungsgchilfcn-Vcrbandcs stets als ״Hort der deutschen Sittlichkeit" feiern Hess und gegen Warenhausbesitzer und Juden seine schamlosen Hetzereien in die Welt setzte, In denen er kühn he- Hochzeitskuchen haben? Ihr könnt ihr alles anvertraun. Ich wette meinen Kopf, Ihr werd’ zufrieden sein. Solch Kochen gibt’s zehn Meilen im Umkreis nicht mehr. Habt Ihr nicht gehört, was der Graf gesagt hat? Er war mal an Scitlome da, wegen der neuen Pachtung zum Rechten zu sch'n. Frau Perl tischte ihm was auf: ein Olas Wein und ein Stück Torte, Nn woll’11 Hit•'« glauben, er hat keinen Krümel übrig gehe.M'11 und hat uleli 1101*11 den Sehmiri’• bart abgeleckt. Gar nicht so ohne, hat er 1׳e* sagt, gar nicht so ohne. Auf mein Wort, das hat er gesagt. Und das hatte Miriam gebacken. Aber was sic von ihrem Schimmele hermacht! So viel anzugeben, und in ihrem Alter, ist mehr als ich versteh’1 Soll ich leben, mcschugge. Aber also was wahr ist, sie ist doch klug. Kein Rabbi kann so paskenen wie sie. Ich weiss noch, wie klug sie mir mal geraten hat. Meine Schwiegermutter war bei mir zu Besuch. Und Ich hatte gerade eine schöne Satte Salme zum Abend besorgt. Und was glauben Sie wohl, was tut des Biest, meine Miezi? Sie springt auf mein Küchenbrett und nascht von der Sahne. Wai geschricn, rief ich, nu ist die Sahne treife. Denn Miezi hatte gerade ’nen Suppenkgochen vorgehabt. Nu mein Schreck! Die Milchfrau war fort und Schwiegermutter kann ohne Sahne keinen Kaffee trinken. Ich Hess den Rabbi hauptctc, die jüdischen Arbeitgeber bevorzugten nur deshalb das weibliche Personal, um sich eine ״gewisse Einrichtung leisten zu können, die den! Sultan gestattet. In Deutschland aber verboten ist." Und nun —-nun steht dieser selbe Herr Schack unter einer noch weit schlimmeren Anklage und ist in der Öffentlichkeit erledigt. Man hat plötzlich bei ihm eine schwere Nervenerkrankung fcstgcstclit. . . . Damit könnte der ״Fall Schack" und dieser teutonische Sittlichkeitsritter, der das Pech hatte, so schmählich zu straucheln, auch für uns erledigt sein. Die antisemitische Presse hat cs sich aber nicht nehmen lassen, ihre geradezu unglaubliche Verlogenheit auch in diesem Falle aufs neue zu beweisen, indem sic, trotz der vorliegenden klaren Beweise, ihren gefallenen Führer als einen von der ״Judcnprcssc" schändlich verleumdeten Mann hinzu* stellen versuchte. ״Staatsbllrgcrzeitung" und ״Reich*‘, neuerdings Ableger der ״Krcuzzcitimg", nutzen diese Sache sogar durch den Dcutscimationalcn Handlungs* gehilfenverband zum-Abonnentenfang aus. Damit scheint allerdings der Gipfel selbst antisemitischer Verdrehungskünste erreicht. Denn die Herren Antisemiten sind sich natürlich über die Affäre ihres Herren und Meisters völlig klar, wie folgende Briefkastennotiz der ״Deutsch-Sozialen Blätter" des Abgeordneten Licbcrmann von Sonnenberg beweist: ״Wir sehen die Briefe nicht als harmlos an und würden keinen Augenblick zögern, den Verfasser fallen zu lassen, wenn er voll verantwortlich für sie gemacht werden müsste. Alle Verdienste um die Sache, eine fleckenlose Vergangenheit, die Bande der Freundschaft, Achtung und Verehrung werden uns keine Minute abhaltcn, eines plötzlich unwürdig Gewordenen uns zu entledigen. Aber wir haben cs nach dem bisherigen, durch Tatsachen voll gestützten Urteil mit einem Unglücklichen zu tun, und darum bleibt nur Schmerz und Mitleid übrig." Und ein Blatt, wie der ״Tag", gibt einem Herrn Oskar A. H. Schmitz eine halbe Spalte Raum zur Verteidigung dieses ״Unglücklichen". Wahrlich, wenn der Antisemitismus in Deutschland totzukriegen wäre, die Begleitumstände des Falles Schack müssten ihn ruiniert haben. Aber was tangiert das alles die ״tcutsche Volksseele", die morgen Herrn Schacks Nachfolger zujubeln wird, auch wenn dieser ein noch viel erbärmlicherer Schubiack wäre wie dieser heuchlerische Schächer Schack. ZurPsychologie der Jungjuden Eine Entgegnung an Heinrich Margulies Von Dr. Loevy-Berlin. Im Stil einer leichten Feuilleton-Plauderei einen Beitrag ״Zur Psychologie der Jung-Juden liefern zu wollen, das war das erste, was mir ein leises Kopfschütteln verursachte, als ich den Artikel des Herrn Verfassers las. Ich halte das Thema für ein durch* aus ernstes, das, bei grosser Erfahrung, sehr durchdacht sein will, und bei dessen Ausführung auch die äussere Form durch korrektes Aneinanderreihen von Sätzen, durch korrekten Periodenbau, durch bcstimmtes Innehalten einer Disposition den würdigen um Rat fragen, aber der war zu einer Hochzeit gefahren. Da dachte ich an Miriam. ״Wenn Miezi ihre Schnauze nach dem Knochen ge* waschen hat, sagte Miriam, ist die Saline nicht treife.“ Ich weiss, Miezi wäscht sich immer nach dem Fressen und so hat sic mir meine Sahne ge״ rettet. Eine grossartige Frau, die Miriam! Die Leute sagen, dass sic deutsche Bücher liest, in (It'iicii gar kein Wort Jildlsclikeil (Iriiü.leht. Mel’ Soi'g'l Nu, c*1 Holl heilt zu ’läge nogar Ral1|1|:1 geben, die lernen Latein. Nu, warum soll’n sie’s nicht. Glauben Sie mir, sic hat ein echt jüdisches Herz. Nebbich, sie hat nicht viel zu brechen und zu beissen, und arbeitet schwer, um das bisschen. Aber so wahr ich leb’, sic verschenkt mehr, als sie für sielt behält. Wenn man sich mit ihr unterhält, glaubt man gar nicht, wie flink sie istl Von Katzen versteht sic zu reden 1 Stundenlang kann sie zuhören, wenn ich von meiner Miezi rede; so erzählte die kinderlose Frau Malka. Das ist so das übliche Nachbnrgeschwätz. Wir werden noch eine höhere Autorität zu Rate zieh’n und ein Stück Weges mit dem Lehrer Reb Josuah Levisohn gch’n. Sein langer, grauer grauer Bart hängt ihm bis auf die Brust herab; schwer stützte er sich auf seinen Stock, während seine Blicke zu Boden gerichtet sind, wäre er in Gedanken vertieft, und doch unterbricht er diese