Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 37-38 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 420. No. 37/3S. Dann kommt ein Zweites; Die propagan* distischen Möglichkeiten, die das grosse Ereig* nis bietet, müssen bis aufs Letzte genutzt werden, durch Versammlungen, die gleichzeitig zu der so wichtigen Arbeit des Schekelsammelns Gelegenheit geben, und in der Propaganda von Mann zu Mann. Dann schlage aber auch ein jeder in Erinnerung an die oblf* gatorischcn Parteipflichten sich zuerst an die eigene Brust. Die finanzielle Ausstattung unserer Leitung ist ja seit langem eine der ernstesten Fragen unserer Bewegung. Es ist dringend zu wünschen, dass sie durch die politischen Fragen, die der Lösung harren, nicht allzusehr in den Hintergrund der Kongrcssverhandlungen gerückt werde. Der Vorschlag, den das Aktions• komitcc der letzten Jahreskonferenz machte — Besteuerung aller unserer Institutionen, die nur durch die Existenz der Bewegung lebensfähig er* halten werden — dürfte heute, da die Finanzkalamität akut geworden ist, nicht mehr von der Hand zu weisen sein. Ist es doch ein bei* nahe grotesker Gedanke, dass die Partei als solche in ihrem Wirken durch Mangel an Mitteln aufs änsserstc beengt ist, während unser rühriges N.-F.-Bureau von Monat zu Monat wachsende Einnahmen konstatiert. Hier sei dem Bureau der Mahnruf zur Selbstbcsteuerung einmal zurückgegeben. Welcher Modus auch gefunden werden mag, jedenfalls ist eine Finanz* refomi, — für die wir eben nur den einen Weg selicn —, unaufschiebbar. Die genauen Termine für die Wahlen und den Abschluss der Schckclsanunlungen sind in dem weiter unten folgenden Schreiben des E. A.-C. bekanntgegeben. Durch genaue und pünktliche Arbeit kann jeder an seinem Teile hier die schwierigen organisatorischen Vorbereituugen der Leitung erleichtern. Unsere Landsmannschaft wurde oftmals als eine wohldisziplinierte gepriesen. Die nächsten Monate sollen uns allen Gelegenheit geben, uns i 1 disziplinierter Arbeit zu bewähren. ln Deutschland werden wir und unser Streben ja noch immer mit skeptisch-spöttischer Miene angesehen — beweisen wir in I lamburg durch den sachlichen Ernst unserer Be* ratungen, dass unsere Arbeit es verdient, gcrade in Deutschland, wo man zähe, zielbewusste Arbeit im allgemeinen zu schätzen weiss, ernst genommen zu werden. Wir haben eine Feuerprobe zu bestehen ־־־־ da* rüber wollen wir uns schon bei den V 0 r a r * beiten zun! Hamburger Kongress klar sein 1 Jetzt feiern wir unsere höchsten Feste —־ und dann sofort ans Werk! JUEDISCHE RUNDSCHAU An die Landesorganisationen und Föderationen Köln, den 29. August 1909. Sehr geehrte Gesinnungsgenossen! Das Engere Aktionskomitee hat in seiner Sitzung vom heutigen Tage folgende Beschlüsse gefasst; 1. Der IX. Kongress findet vom 26. bis 31. Dezember 1909 (14. bis 19. Tebeth 5670) in Hamburg statt. 2. Die Schekelsammlungen müssen überall bis zum 15. Oktober 1909 beendet sein. 3. Die gesammelten Schckelgeldcr müssen bis zum 31. Oktober 1909 nach Köln oder an den Jewish Colonial Trust, London, überwiesen worden sein. 4. Die Wahlen zum Kongress sollen in der Zeit vom 1. bis 7. November 1909 statt* finden. 5. Die Protokolle über die erfolgten Wahlen müssen spätestens bis zum 30. November 1909 in den Besitz des Zionistischen Zen* tralbureaus in Köln gelangt sein. Gemäss diesen Beschlüssen ersuchen wir Sie, alle Vorbereitungen zu treffen, damit die Einsammlung der Schckelgeldcr, die Durch* führung der Wahlen und die Uebersendung der Wahlprotokolle rechtzeitig erfolgen kann. Schekelgelder und Wahlprotokolle, die nach dem oben angegebenen Termine cinlaufen, können für die Wahlen zum Neunten Kongress nicht be* rücksichtigt werden. Wir machen darauf auf* merksam, dass die Wahlen zum Kongress nur dann gültig sind, wenn sie gemäss den unten angegebenen Bestimmungen (§§ 13 bis 15 des Organisationsstatuls) ausgeführt werden. Das Fonniilar des Walilprolokollcs ist in der vor* wöchigen Nummer der ״Welt“ abgedruckt. Exemplare dieses Wahlprotokollformulars kön* neu von uns bezogen werden. j Im übrigen erfolgen die Wahlen nach denselben Modalitäten, welche die einzelnen Lands*!Mannschaften und Föderationen schon bei den I früheren Wahlen mit Genehmigung des F.ngern Aktionskomitees befolgt haben. Föderationen, deren Wahlmodalitüten noch nicht genehmigt sind, werden ersucht, diese Modalitäten dem Engeren Aktionskomitee sofort zur Gcnebmi* gung vorzulcgen. Proteste gegen vorgenommene Wahlen sind sofort nach der Wahl gleichzeitig bei der Lands* mannschaft und beim Aktionskomitee mit aus* fiihrlichcr Begründung einzureichen. Nach dem 30. November cinlaufeiule Proteste können nicht berücksichtigt werden. Wir geben uns der festen Hoffnung hin, dass alle Landsmannschaften und Föderationen Idyllen aus dem Ghetto. Von Martha W o 1 f f e n s t c i n. (Originalübertragung aus dem Englischen.) (Schluss.) Bekanntermassen bezeichnet das Sabbath* licd diesen Festtag als liebe Braut, lind obgleich ich um nichts in der Welt die Frömmigkeit un* scres Bochars in Frage stellen möchte, so glaube ich doch mit Bestimmtheit, dass er eine ganz andere Braut im Sinne hat. ״Komm׳, Geliebter, grüss’ die Braut“ trompetet er in die Luft hinaus, während er seine Augen direkt nach der Plumpe mitten in der Strasse wandern lässt und dort steht.-Ich habe euch vorher gesagt, dass ich euch von lauter Gemeinplätzen erzählen würde; ganz gewöhnliche Courmacherei im allerersten Stadium dieser Krankheit und noch dazu auf offener Strasse bei hellerlielucm Tag. Er ist ein hungriger Student der plcttessen geht und sie die Tochter einer armen Fcderhändlcrin, die für die Besten der Reichen Federn ausschält, und doch kokettieren die beiden, als wäre er ein Familiant, und als hätte seine Braut wie irgend eine Prinzessin eine Aussteuer aufzuweisen. Die mcistcn Männer sind fort; sie sind Trödler oder kleine Handwerker und bieten ihre Waren im nächsten Markt Hecken feil, die Frauen versorgen Laden und Haus und so ist die Strasse fast leer. Aber mit dem Glockenschlage, mit dein die Schule schlicsst, wimmelt die Strasse von Kin* dern. Sic streiten laut und energisch um die Regeln des Fangballs und des Zcckspieics und alles das mit gravitätischem Ernst, als handele cs sich um Lebensfragen. Einer von den Jungcns spielt nicht mit den anderen, sondern schreitet ernsthaft an der Hand einer alten Frau, die so klein ist, dass viele der Knaben sie überragen, aber sie geht so gerade und aufrecht, als nur einer unter ihnen, und der Bursche ist so klein, dass seine dicken Beinchcn mehrmals stolpern, bei dem Versuche, mit ihr Schritt zu halten. Sie schmunzelt selbstzufrieden, während sie ihren Blick nach allen Seiten schweifen lässt. Ihr ganzes Wesen trägt den Ausdruck von Eitelkeit, gerade, als hätte sie ein nagelneues Tuch und eine goldene Kette von einem Meter Länge, und doch hat sie nur ihr altes braunes Kleid mit der schwarzen Haube, die jeder so lange kennt, als die alte Miriam selbst! Worauf ist sie nun aber so stolz? Vielleicht ist es der kleine Knabe, den sie führt? Sic hält ihn so vorsichtig bei der Hand, als wär’ er aus Glas. Begegnet ihr ein Nachbar, so sieht ihr an die Einsammlung der Schckelgeldcr und an die Ausführung der Wahlen mit grösstem Nach• druck herantreten werden. Mit Zionsgruss Hochachtungsvoll Das Engere Aktionskomitee. David W01 ffsohn. Auszug aus Uciu Orgaidsatlonsstatut. § 13. Jeder Schvkclzalilcr hat das aktive Wahlrecht zum Kongresse bei erreichtem t«. und das passive Wahlrecht bei erreichtem 24. Lebensjahr, Die Wahlen sind spätestens einen Monat vor Beginn des Kongresses möglichst gleichzeitig vorzunchmen. Die Wahlprotokolle sind innerhalb zwei Wochen nacli Vornahme der Wahl dem Engeren A.*K. und der Lnndcsorgunisütion (Föderation) einzureichen. Aus dem Protokoll müssen die Zahl der Wühler, die au! die Kandidaten entfallenden Stimmen und die Art ersichtlich sein, in der die Wahl vorgenommen wurde. Bei Verhinderung eines Gewählten ist bis zum Beginn des Kongresses eine Ersatzwahl zulässig. Die Vereine weiden ermächtigt, zur Vermeidung von Un- Zuträglichkeiten gleich beim Wahlakt für den Fall der Verhinderung der Delegierten Ersatzmänner mitzuwählen, welche gleichzeitig anzumcidcn sind. § 14. Zwei volle Hundertschaften von Schekel- Zahlern bilden eine Wahlgruppc, sofern für sic die Schekel an das A.-K. abgeführt worden sind. § 15. Die Wahl der Delegierten für den Kongress ist eine direkte und geheime. Die sonstigen Wahl• iiiodalitUteii sowie die Termine für die Wahlen setr: das Engere a.־K. nach Anhörung der Landesorgamsationen (Föderationen) fest. Die Landesorganisation (Föderation) hat dein Gcwühlten eine Legitimation über die erfolgte Wahl aus•?!!stellen. Jüdische Solidarität Herr Leven als Vertreter des jüdischen Volkes. Wenn irgendwo einmal in mchtjüdisclicn Kreisen von der Solidarität der Juden gesprochen wird, so pflegt man — in rühmendem oder in hämischem Sinne — .sofort auf diu Alliance zu verweisen. Und in der Tat war diese Organisation auch von ihren Gründern als eine Repräsentanz alljüdischer Solidarität gedacht, lind alle die tausende von Juden in den emlegeneu ProvinzstäJtchen und Dörfern, die ihren Iki• trag zur Alliance zahlen, meinen gewiss, dass sie da eine gute jüdische Sache unterstützen. Sollten die Herren von der Alliance aber fortfahren, in einer seit einiger Zeit beliebten Art gegen den Zionismus zu intriguicrcn und zu Willi len, so wird man dem harmlosen jüdischen Publikum einmal klar machen müssen, dass der alte Traum von der Alliance Israelitc Uni verscllc, deren Sinnbild die jürdischc Solidarit ü t zum Ausdruck bringen soll, nun d c f i u i t i v v 0 rb c i ist. Dass die Alliance jetzt von Herren geleitet wird, die in jüdischen Dingen die Herren sein ■ wollen lind jeden anderen, der sich auch um der- 1 gleichen kümmert, als Eindringling betrachten, der nur j ihre Kreise stören kann. Wir glauben nicht, dass das 1 jüdische Publikum diese ״Herrcnnioral" gutzuheissen ' geneigt sein wird. 1 Gesicht fast traurig aus, weil sic ihren Stolz, unterdrücke» muss. 1 ״Guten Tag, Miriam“, begrüsst sic einer, | ״wie geilt es. dem Burschen?“! ״UnbcrtiFen! Gott erhalt* ihn mir,“ sagt sie laut, und dann fügt sie im Flüsterton hinzu: ״Er lernt jetzt schon die Sintflut.“ Die Leute an den Haustüren scli’n ihr nach. Solch Blöcls|nn! Sie macht sich ja rein meschugge mit dem Jüngelchen. Was 1101t sie ihn von der Schule ab, als ob ihn einer frisst! Was sind doch die Leute blind, ihren Neben* nienschen gegenüber. Sie verstellen alle nicht, das Miriam ihren Enkel Schimmele, den man allgemein nur das üocherle nennt, über die Strasse führt mit demselben Recht, mit dem Frau Malka zur Synagoge geht, wenn sie eine neue Haube hat. Die Beiden bewohnen ein kleines Haus, noch älter, grauer und baufälliger als die meisten seinesgleichen, seine einzige Schönheit bildet ein Fensterkasten, mit grünen Kräutern. Solei! grüner Kasten ist selten in der Judengasse, und wird deshalb wohl oder übel für eine Zierde angesehen, enthält aber nur Petersilie und Schnittlauch, beides als Charakteristikum für Miriams Küche. Einen wirklichen Vorteil aber hat das Haus doch, cs liegt an einer Biegung