Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 41S. I JU ED ISCHE RUND SCHALL No. 36. nehmen wird, können aber jedenfalls unser Bedauern darüber nicht unterdrücken» dass ein jüdische Zeitung, die mit einem Ludwig Philipp soll n begann, nach über siebzig Jahren auf einen Ludwig Geiger kommen musste. # Angesichts des bevorstehenden L'rpresserpro* zesses Daliscl bringt die ״Lib. Korr." eine Menge interessanter Einzelheiten Über die bewegte Vergaiigenhcit dieses vielgewandtcn Mannes. Hs wird seine Verbindung mit Miqucl und dem Bunde der Landwirte, mit dem ״Wolirhcitsfanatikcr" Brulm und mit der Mohke-Partei im Hardcnprozess erwähnt. Daliscl hat aber noch hei viel mehr Affüren seine geschickten Finger im Spiel gehabt, als bisher auf■ gezahlt wurden, ßr Ist in den neunziger Jahren der ei g e n 11 i c 11 e Spiritus r c c t o r der a 1111 sc ml tisch eil Bewegung gewesen; beiden vielen Prozessen des unglücklichen Karl Paasch, des ehrgeizigen und Klugc.n aber haltlosen Erwin Bauer, des ..Rektors aller Deutschen" A111 wardt, beim Xanten-, beim Konltzheim Tausch* Prozess — überall spielte er seine unheimliche Rolle. Er ist es gewesen, der die blamable Verbindung der anUsemitisdieu Abgeordneten Wickel. Hirsche! und Werner mit einem jüdischen Parlamcutsjournalisten vermittelt hat. Der einzige■ wirklich begabte Journalist, den der Antisemitismus auf die Bauer 11c* sesscii hat. lachte eben innerlich über Ule antl* jüdischen Bestrebungen. Wenn er aber in jenem Lager tätig war. so leitete ihn seine Jargonaiur, die darauf hinauslief, überall Unfrieden und Verwirrung zu stiften, und das konnte er von der antiscmfti&licn Bewegung ans am besten. Die Beschichte DahsMs ist die Ochcimgcschicbtc der antisemitischen Be« wegung. Es wäre sehr erwünscht, wenn In dem Prozess recht scharf und unerbittlich die Karten aufgedeckt würden, wenn man tief hincinlciichtctc in den politischen und moralischen Sumpf, dem alle die vergiftenden, bisher in ihren treibenden Kräitteil noch nie Willig nufgeklürten hässlichen Affären der vergnngenen Jahre entsprossen sind. — All* das dürfte aber der antisemitischen Parteileitung von ihren Anhängern nicht im geringsten verargt werden. Die I cutc haben eben mal Pech gehabt — dass cs rauskam.-— naljiidisclien Parteien erörtert, wobei die Versamm* blieben und haben sieh durch die polizeilichen Muss tmg zu folgenden Beschlüssen gelangte: 1. Eine Verj nahmen nicht cinseliüclttcrn lassen. Selbst d•״ ״ -׳- '• .1a.»u1״i und er- I Arretierung einiger von ihnen konnte sie nicht h• wegen, die Aibeit wieder aufzunchmen. — \y״r . Jj* vor wenigen Jahren Gelegenheit hatte, die ״1 י'“־,ln1׳.״!׳ ,״״ hirsiircn Juden jn ׳!)len u״v,.,.1,.k['e hing ZU lOigciiuen uk'atiiiii:,:.».״ f.״״..«.. cinigung mit de» ״Seimlstcn“ Ist möglich und ersirebenswert, du die zwischen den beiden Parteien bestehenden Differenzen nicht tiefgehender Natur sind. 2. Eine völlige Verschmelzung mit den ״Foalei Zion" erscheint nicht möglich; dagegen ist ein Zusammen• arbeiten mit llincii auf ökonomischem, politischem, kulturellem und auf dem Gebiete der Auswanderung, wie auch in der Propaganda für Begründung einer jüdiselten Sektion in der ״Internationale" möglich und erwünscht. Dazu sei noch bemerkt, dass eine vorher in New York stattgehabte gcmcinstync Konferenz der genannten drei Parteien sich für eine Hinlcnkung der jüdischen Emigration nach Palästina und Meso• p 01 a tu i c n ausgesprochen hatten. « Der Handclsminislcr hat kürzlich Vor• Schriften für jüdische Handelsreisende ausgearbeitet. Danach dürfen sich diese ausserhalb des Ansicdlungs• rayotis kurze Zeit aufltaltcn, und zwar: in den Gouvcrncmciitsstüdtcn vier Tage, in den Kreisstädten drei Tn ge, in Dörfern und Kolonien nicht mehr als 24 Stunden. Der Kultusminister hat In einem neuen Zirkular die Einführung von ״Prozentnormcn" bei der Aufnahme von Juden in Pr i va tgy 111 n as ien angeordnet. Bisher wurden Juden in denselben ohne jede Beschränkung aufgenommen. Galizien*; Aus verschiedenen S.tädteu Galiziens wird initgegeteilt, dass sich das Militär daselbst agressiv gegen die jüdische Bevölkerung verhält und jüdische l’assanten in den Strassen mit höhnischen und beleidigenden Bemerkungen überschüttet. Alle an die Militärverwaltungen jüdisch.ersclts gerichteten Beschwerden sind bisher erfolglos geblieben. und Indolenz der hiesigen Juden in allen Wirtschaft, liehen und politischen!׳ragen ׳zu beobachten, der wird sich dem erfreulichen Eindruck des plötzlichen Umschwunges nicht verschlicsscn können. Russland ׳'Eine Jüdische DejHitallon bei Slolyoin" Gelegentlich seiner Anwesenheit in Kowno empfing der Premierminister Stolynin eine jüdische Deputation in freundlichster Weise und hörte aufmerk• snm ihre Begrüssungsanspraclic an, worin sic die gegenwärtige Lage der russischen Juden berührte. In seiner Erwiderung drückte der Premierminister seine Überzeugung aus, dass sich die Lage der Juden in Russland allmählich bessern werde. Es sei aber unbedingt erforderlich, dass die Juden ihren .,Kurs" in der inneren Politik ändern. . . . Die Juden, so meinte Stolypin, müssten In ihren Handlungen ״vor sichtiger" sein; dadurch würde auch die Lösung der schweren Judenfrage erleichtert werden. . . . Es ist das alte Lied: Die Juden müssten ״patriotischer" sein. Der russische Premier scheint aber übersehen zu haben, dass Pogrome und bar• barischc Entrechtung nicht gerade besonders geeignet sind, als Erziehungsmittel zum Patriotismus zu wirken. Eine Uldlsclic!)umaUandMülur für Pelcrsburfl In den Petersburger Kadcttcnkrciscn wird eine Kandldatur des bekannten jüdischen Rechtsanwalts 0. 0. Grusen borg an Stelle des auf Verlangen des Justizministers von der Duma ausgeschlossenen Petersburger Abgeordneten Koljubakin ernstlich In Betracht gezogen. Ursprünglich war Kuttlcr als Kan• didat für die Ersatzwahl ln Aussicht genommen. Die radikalen Wühler wünschen aber die Aufstellung eines radikaleren Kandidaten und haben sich entschieden für Grusenbergs Kandidatur ausgesprochen, Seine Wahl ln die Reichsduma würde für die russlsehen Juden von grosser Bedeutung sein. Qrusenberg Ist ein hervorragender Jurist, glänzender Redner und mutlgor Kämpfer für Recht und Fortschritt. Er erfreut sich allgemeiner Achtung und Poaularitüt und Ist besonders unter den Juden sehr beliebt und hoch• geschätzt. — ויא Dieser Tage fand in Petersburg elno Sitzung des ״Vereines zur Regulierung der jüdischen Emigration" statt, in der Herr Dawidowitsch einen Vortrag Uber dioEtnberufung eines Weltkongrosses für Angelegenheiten der jüdischen Emigranten hielt. Nach eingehender Be• ratung fasste die Versammlung eine Resolution zu* gunsten eines solchen Kongresses und beschloss dem vorbereitenden Komitee ja Wien mitzutoilen, dass der genannte Verein bereit Ist, sich an dem Emigration*• kongress und an den Vorarbeiten jyt beteiligen. Ein ähnlicher Beschluss wurde auch In einer Be* ratung der zionistisch-sozialistischen Partei gefasst .1**11״י® ausserdü® noch das Vorhäitnis dieser Partei zu den anderen radikalen naüo* Amerika Vor kurzem tagte In New York eine zweite Emlgratlonsko/ifcreiiz. an der sieh Vertreter von öOjÜdischcn Organisationen In New York und benachbarten Städten beteiligten. Es wurde ein Komitee gewählt, dem von der Konferenz die Aufgaoe erteilt wurde, eine Agitation «egen den Kommissar Williams und dessen burbarlsclies Verhalten gegen die Uluwwiueicr in die Wege zu leiten und sich zum Zwecke eines ge•!»einsamen Vorgehens mit Vertretern anderer Stauten in Verbindung zu setzen. Kanada RUNDSCHAU D6R PR65S(־ ״Welt am Montag Jn einem temperamentvollen Artikel ״Preussisches Scharlach“ kommt H. von Q c r I a c h auf den Aus- Schluss der Juden vom Offiziers* stände zu sprechen: In Preusseu wird kein Jude Offizier, ünm.! sätzlich? Behüte 1 Damit würde man ja ufknei Verfassungsbruch cingcstchcn. Es stellt sich nur!1 jedem einzelnen Falle heraus, dass ungetuufte Personen nicht die z«m Olfizicrsbcruf nötigen Eigei! schäften besitzen. Nicht 11ns Ist das Abscheulichste an der preusss sehen Reaktion, dass sic Reaktion ist, sondern du׳, dass sie nicht den Mut hat, sich offen als Rcakti■•׳. zu gerieren. Dazu ist sie zu feige und zu sclilo«: Sic weiss, selbst das laimnesmiitige preussise!» Volk würde sich ein« offene Reaktion nicht gefall•;,) lassen. Darum »hiss ihm etwas vorgemacht werde:». ״Al Dustur", Kairo Die Renaissance der Türkei und Persiens schein! wirklich allgemach einer Realisierung des grossislamitischen Gedankens näher zu führen, der, eins־,- weilen wohl noch utopisch, doch in fernerer Zukunft durchaus zu einem ungeheurem Problem für die europäische Welt sieh auswuchsm kann. — Das ägyptische Blatt schreibt; ״Es ist ganz und gar nicht mehr Chimäre, nach dem glänzenden Triumphe, in dem die persische Nation ihre Kruft bewies, an die Gründung des grossen Islamischen Reiches zu denken, das sich dem Vormarschc Europas entgegcnstemnien und das beste Mittel dazu sein wird, um das für uns zu retten, «as von unserem Huden in die l ange der ImperiahMii! geraten ist. Die Vereinigung der!*erscr mit den Türken, den Arabern, Ägyptern und Afghanen, deren Länder einen homogenen Block darstcllcn, würde eine mäch* tige islamische Nation darstcllcn, die mit einen! Fusse Tn— ״״״ sind in den Häfen I in Asien, mit dem anderen in Afrika stände und die Kanadas'wesentliche Jmmlgratlonscrschwcrungcn ein- I wichtigsten Seewege der Welt beherrschen wurde, geführt worden. Die Nachricht hat in hiesigen jüdischen Kreisen, namentlich im East End, einen nicderdrückemlcn Eindruck gemacht. Türkei ln dem Lokale des jungtürkischcn Komitees ln Saloniki fartd eine Versammlung statt zum Zwecke einer Versöhnung der Nationalitäten. Der Vorsitzende, Dr. Näsln! Bei, schilderte׳ die Ge- Ehrlichkeit der Lage, der gegenüber es angebracht sei. dass sich nllo türkischen Völkerschaften verhinderten. Als aber Ule Vertreter der Bulgaren auf die Abwesenheit der Rumänen, nnd die Griechen aut die Abwesenheit der Anlauten aufmerksam!nachten, wurde die Sitzung vertagt, damit auch die Vertreter der genannten Völkerschaften eingcladcn würden. Auf Vorschlag Dr. Nasiin Dejs wurde der Vorsitz der gemischten Kommission, die gebildet wurde, dem Israeliten Vitalis aus Strumnitza übertragen. Diese Wahl darf als symptomatisch gelten für das Vertrauen, das die rivalisierenden Völker in die Loyalität der ״jüdischen Nation“ setzen. Oeradc in der Türkei dürBcn die Juden dank Ihrer cigentüm« liehen Steilung, die sic vielfach über den Parteien stehen lässt, berufen sein, auf das öffentliche Leben einen bedeutsamen Einfluss zu gewinnen. Dass sio diesen Einfluss nur zum besten dos osmanfschon Rclchsgedankens verwenden worden, lässt sich aus Ihrem patriotischen Verhalten während der Geburtswehen der jungen türkischen Freiheit mit Sicherheit schlicsscn. Tunis wichtigsten Seewege der Welt beherrschen würde. Kann nach einer solchen Verbrüderung noch an dem Erwachen der in Asien benachbarten Völker, wie der Turkmenen und aller mohammedanischen Gegenden Afrikas gezwcilelt werden und an ihrem Eifer, eben• falls den Anschluss an uns zu verlangen? Kein Zweifei auch, dass dann beide Indien, die siebzig Millionen Muselmanen umfassen, auch ihrerseits begehren werden. sich unserer gewaltigen islamischen Förderaiimi zu verbünden, die mehr als dreihundert Millionen Einwolincr zählen und folglich das furchtbarste Volk der Erde sein wird. Das ist kein Traum, sondern natürliche l״׳Re realer Prämissen, l'.s genügt, dass die Moslemin! sieh dessen bewusst werden, dass die Zerklüftung ihrer Schwäche atismaclit — dann werden sie er• wachen, und der Traum wird Wahrheit.“ Bis das geschieht, mag noch viel Wasser dar•'! den Bosporus lliesscn, Aber, wenn auch nur der erste Teil dieses Ausblicks sich soweit realisier:, dass eine gestärkte Türkei sielt einem erstarkte׳! Persien verbündet, so können sich grosse hist יי• rische Umwälzungen voTbomten. ״Qrenzboten", Leipzig, "*mmmmmmhmmmmmm Im letzten Heft der Zeitschrift schreibt Dr. K• Dieterich über ״die Stellung des Griechentums auf der Balkanlialbinscl": ״Die lange einseitige Betonung des Handels h.a die Griechen, ähnlich den Juden, über den ganzen Erdball getrieben und enett kosmopolitischen Zug •« ihnen ausgcbildet, auf den sie so stolz sind, der aber ihrer Stellung als Nation nicht günstig ist. Noch in den letzten Jahren hat die Auswanderung aus Griechenland einen beängstigenden Umfang angcnonimcn, so dass in sechs Provinzen (drei im Pclo- Von der neuerlichen Entwicklung des Selbstbcwusatcclns der tunesischen Juden geben einige! י * ״״ ״•״ *״«•» «״ «׳•״*י ״ ׳״׳״״״׳•'יי symptomatische. Vorfälle aus _ der jüngsten Zeit ein j iS 1« “&en et treuliches Bild: Ais ein hiesiger Jude, Bessebi, unter der Beschuldigung eines Angriffes auf ein muselmanisches junges Mädchen von den Arabern unrechtmässig arretiert wurde, empörten sich sämtliehe Juden gegen diesen Gcwaltsakt und gaben ihren Willen kund, veraltete Gesetze nicht mehr gelten zu lassen. — Jetzt sind elno grosso Anzahl jüdischer Arbeiter in den Streik getreten• Die Arbeitgeber *;:•״־r, י••'■ «M• ..—.11, M.V ..״ ״LnJ o clMahrcn abgenommen hat, in einige« Um J f r®2cnt*Jm ganzen um mehr als 20 000 Seele» ״®* *•mff, pesamtbevölkerung von 2% Millionen fin״6״«bCt״nr,1 ^°*1c ^ahl. ־־־ Sollte cs nicht ge• JüooiLa״, diesen Auswanderungsstroni in die nno ^rf!clen GebiIcte der Türkei zu lenken, wo er der geh n *' ^aC^° zusu*c käme, statt Ihr verloren zu wollten diese berechtigte Bewegung gewaltsam unter- ' _ Welche Verschiedenheit der Auhassung und drücken. Trotzdem sind die Arbeiter standhaft ge* | Temperaments! — In einem Bericht dcf^, (Portsetzung auf Seite 420)