Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-09-03 · Heft 36 (3.9.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651641--06595-2663697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

So Ist cs. Oder mit geringer Einschränkung ist es so. Die türkischen Juden haben im allgemeinen, genau wie die Juden aller anderen Länder, keine in ihnen lebendige nationale Sprache. Aciisscrlich besehen?,war scheint es anders. Der grössere Teil von ihnen spricht span io lisch; eine Meinte Zeitungen erscheinen In diesem Idiome; ihre alteingesessenen Schulen, die Talmud Torus und Jeschibas verwenden cs als Sprache des Unterrichts, die Nationalversammlung und Ihre Kanzlei als Amts- Mirache. Gleichwohl ist cs kein Organ der Gesamtheit. Syrien und Palästina kennen cs nur wenig; hier dominiert das Arabische, und naclt Norden und Osten hin bereiten ihm auch andere Mundarten Konklirren/״ Das gilt für die Verbreitung. Aber auch In der iiefc besehen, kann das Spaniolischc als nationale Sprache nicht gelten. Es hat keine Tradition und :.eine Kultur aufzuweisen. Die echt spanische Kultur, deren Form cs einst war, ist von den spauiolischcn Juden längst vergessen, und eine neue hat cs sich nicht geschaffen. Es war?.war im Anfang, vielleicht Jnltrhundcrtc noch, der Ausdruck einer höheren Ge- Mitling der Juden inmitten einer völlig barbarischen Umwelt, hat aber schliesslich doch eine gewisse Ausgleichung der ottomanischcn Juden an die Türken und vor allem die türkischen Griechen nicht vor-;!indem können, so dass seit lange bereits kaum noch von einem höheren Kuitnrniveau der Juden gegenüber dem umgebenden Milieu die Rede sein kann. £cit dieser Epoche ist das Spanische nur noch die Judcnsprachc geblieben aus alter Anhänglichkeit, aus Atavismus, wenn man will, aus Trägheit. Per Stempel dieser Trägheit Ist auch seiner Bildung aufgeprügt. Das Spaniolischc ist arm; wenigstens wird cs von seinen eigenen Adepten dafür ungesehen; türkische und griechische Sprachcicmcntc mikI in cs cingcdrungcn und ohne rechte Assimilierimg unvermittelt in ihm stehen geblieben. Es ist überaus arm an Begriffen; höhere Ideen lassen sich kaum in ihm wiedergeben. Es ist etwa der Stand des jüdisch-deutschen Idioms vor seiner Modernisierungs- und Nationalisicrungscpoche, vielleicht noch einige Stufen tiefer, da das ganze Kulturmilicu, in dem cs steht, ein viel tieferes ist als das des Jiddisch. Das Ergebnis dieser Erkenntnis ist, dass der Sephardi seine eigene Sprache missachtet, ja beinahe hasst. Und so ist eine steigende Entwicklung zur Aufgabe dieses Idioms ztt beobachten. Die gebiideteren Stünde hören auf, cs im Hause zu sprechen, die Jugend seine Prcssorganc zu lesen, von seinen anderen Litcraturcrzcugnissen ganz zu schweigen, da sic im Volke bereits völlig verloren gegangen zu sein scheinen. Was haben nun die spauiolischcn Juden dafür cingctausclit? Nach Analogie der Entwicklung der Juden Europas müsste die Landessprache cs sein, die das eigene Sprachgut verdrängte. Hier war es nicht so. Hier ist das Problem interessanter, verwickelter. Erstlich standen zwei oder gar mehr Sprachen auf einmal gleichwertig zur Annahme den Juden zur Verfiigung, und dieses Gleichgewicht verhinderte die ausschliessliche Bevorzugung einer bestimmten. Ausserdem bot die Aneignung einer von ihnen unter der Herrschaft der alten Zustände keine hervorragenden Vorteile. Das Türkische nicht, weil die Juden wie alle Nichtmohamcdaner nur wenig Zugang zu den öffentlichen Aemtern hatten und der Handel nicht in Händen der Türken lag; die Sprachen der christlichen Nationen nicht, weil einerseits die Kluft zwischen ihnen und den Juden zu gross war, anderscits weil die Stellung dieser Nationen dem herrschenden Element gegenüber durchaus nicht eine s» günstige war, dass ein näherer Anschluss an sie hätte erwünscht sein können. Diese Ursachen waren cs, die eine tiefergehende Assimilation, eine Assimilation mit Bewusstsein und .System, bei der grossen Mehrheit der ottomanischcn Juden, den spaniolischcn, bis'zum heutigen Tage ausgeschlossen haben und sic als unterschiedliche Volksgruppe f(U• nationale Empfindungen und Gedanken empfindlich erhalten haben. Von ganz anderer Seite her kam der Gcgcnciniluss, der ihnen zugleich einen Ersatz für die unbeholfcne und missachtete spaniolischc Sprache herbeischaffte, von der Alliance IsraGite, die den orieninlischen Juden das Französische vermittelte. Man kann nicht darüber hinwegsehen, dass das Französische beinahe zur?.weiten Muttersprache für einen Teil der sephardischcn Juden geworden ist. Dieser Teil sind die bemittelteren Stände. Denn nur für diese, und nicht für die armen, die sic vielmehr den verwahrlosten Talmud Torus oder der Strasse überlässt, hat die Alliance etwas geleistet. Alle Dick- .Billigkeit der Jahresberichte hilft darüber nicht hinweg. Diese bemittelteren Stände aber hat sic in erlieblichem Grade französiert. Die Missachtung des Spaniolischcn kam ihren Bemühungen entgegen, und in umgekehrter Richtung wirkend, hat wieder die Vorliebe für die moderne ״vornehme" Sprache des ״einzigen" Paris die Verachtung für das ererbte Idiom gesteigert. So ist es gekommen, dass heute die oberen jüdischen Zehntausend im Hause, im Familienverkehr, in Geschäften gern dem Französischen den Vorzug geben, dass so ziemlich jeder Spaniole, der überhaupt cuorpäische Lettern entziffern kann, das Französische liest und versteht, und dass ganz bcsonders die Jugend sich der Sprache der bewunderten ״grande nation" als Vermittlerin alles Wissens und aller höheren Lebensgenüsse bedient. Die spaniolischen Blätter selbst, die doch ein Zeugnis der Lebensfähigkeit des Spaniolischcn sein sollten, sind es nicht, sondern enthalten, genau wie die spaniolischen Reden der offiziellen jüdischen Versammiungun, ziemlich unverfälschtes, nur durch spanische Endungen unkenntlich gemachtes Französisch. Ein seltsamer Assimilationsversuch, der da durch eine importierte Sprache, der die importierte Pariser Kleider- und Tlicatcrmodc Unterstützung lieh, an den türkischen Juden vorgenommen wurde. Eine Assimilation an ein weit entferntes Land und Volk, ein Unikum unter den Assimilationen! Aber es gibt nichts so Unsinniges, das nicht auch ein Körnchen Vernunft In sich hätte. Dieser ausländische Import war doch bis zu einem gewissen Grade auch einheimischen Interessen dienlich. Ein Ersatz für die Landessprachen war das Französische nicht, und konnte cs nie werden; eine Brücke zum Verständnis der Volksart, in deren Mitte man lebte, war es nicht. Aber auf einem schmalen Umwege kam cs doch als gewisser Ersatz dafür in Geltung. Denn die Türken, wenigstens die Gebildeten unter ihnen, hatten selber aus einer gewissen Notwendigkeit und Vorliebe heraus sich das Französische angccignet; und so konnte der gebildete türkische Jude, der kein Türkisch verstand, mit dem gebildeten türkischen Mohammedancr, dem das Spaniolischc erst recht fremd war, sich durch Vermittlung des Französischen verstUndigen. Eine sonderbare Erscheinung, •für die in irgendeinem anderen Lande der Welt Analogien zu linden, wohl schwer fallen dürftet Und da will man noch von der besonderen Anpassungsfähigkeit der jüdischen Seele sprechen. Ein schwerfälligerer Weg war von der Assimilatlousgcschichtc nicht gut zu erdenken. Von höherer Warte aus gesellen, liegt ein grosser Glücksfall In dieser Entwicklung. Die Alliance Israelitc hat — natürlich ohne dass ihre kleinen Werkzeuge im Orient den Willen dazu gehabt hätten — eine gut jüdisch-nationale Mission volltiihrt. Das Französische, dies assimilatorische Werkzeug par cxccllencc, ist im Orient zum Assimilatioushiudcrnis pur cxccllencc geworden. Dass die Anühnlichung an das französische Wesen selbst nicht gelingen konnte, ist ja selbstverständlich. ln die unteren Volksschichten drang das Französische überhaupt nicht recht ein, und auch für die andern war das Vorbild-Milieu viel zu entfernt, als dass cs gründlich hätte wirksam sein können. Aber auch die Assimilicrung an die Landesart ist durch das Fnmzösiscnc unmöglich geworden. Es spiegelte den Assimilationsreifen einen Ersatz vor und fesselte sie durch die erlieblichen Vorteile im Broterwerb, die seine Kenntnis für Handel und Studium mit sich brachte. Es erweckte schliesslich den G0!‘1t für höhere Kultur, der wieder ein Hindernis fiir die restlose Annahme der Landessprache wurde, da diese mit ihrem niederen Kulturnivcau ihn keineswegs befriedigen konnte. Das Resultat des Prozesses also war, dass die halbe, un* möglich konsequent durchzufiihrcndc Franzüsicrung die mögliche vollkommene Turkisierung der ottomanischen Juden verhinderte. Die türkischen Juden sind dadurch, was sie waren, eine in sich geschlossenc, unbewusst national geprägte, einem nationalen Weck- und Sammelnde verhältnismässig zugängliche Volksmassc geblieben. Mit der Verkündigung• der Konstitution am 2-1. Juli 1908 ist eine ganze neue Situation auch für die Juden der Türkei entstanden. Bis dahin hatten sie, wie die andern nichtmohammedamschcn Elcmente des Reiches, ein von dem Gesamtlcben des Staates ziemlich abgeschiedenes Dasein geführt, die P.xistcn?. eines Staates, wenn auch eines höchst armseligen, im Staate. Religion, Sitte, politische Situation, Sprache, ökonomische Gliederung, alles sonderte sic ab und schloss sic in ein Ghetto obre Mauern. Unter diesen Umständen konnte ein Streben nach Ancignung der Sprache des Staates und des herrschenden Elements in höherem .Masse nicht aufkommen. Die eigenen zwei Idiome, das Spaniolischc fürs Volk und das Französische für die oberen Zehntausend, reichten aus. Das Türkis eile war Domäne der wenigen Glücklichen, durch Talent oder — hamidisclic Gunst Ausgezeichneten, der Militärärzte und Advokaten. Nicht einmal der oberste Chef der jüdischottomanischcn Gemeinschaft, der Cliachambaschi, hatte cs für nötig befunden, sieb die türkische Sprache anzucignen, und bediente sicli eines Dolmetschers vor seinem Souverän. Dass eine Aenderung der Dinge cintrcten könnte, die die Unkenntnis der Landessprache zu einem schweren Manko werden lassen könnte, fiel niemandem ein. Es waren merkwürdigerweise zu allererst die Zionisten, die von üraussen her zu näherer ■ auch über ihre Vergnügungen, über ihre Possenrcisser und über ihre Musikanten, ja du lachst ebenso wie du über ihre Schnbbesgerichte vorächtlich lächelst, deren geistiger Vorgeschmack sie doch während der ganzen Woche über das trockene Brod mit Käse tröstet. Nicht wahr, es ist dir ebenso unbegreiflich, wie das bischen Talmudstudium sie freut, wie sie von irgend einem guten Worte zehren, das der Rabbi in seinem wöchentlichen Schiur zum besten gibt. Glaube nur nicht, dass du spitzfindige Probleme bei ihnen findest. Probleme sind ja jetzt so in Mode, dass man jedes Laster mit diesem Namen bemäntelt. Nein, wenn du solch gepfefferte Ware erwartest, betritt das Ghetto lieber nicht. Die Probleme, die dort die Bevölkerung beschuftigen, sind Nahrungssorgen und auch Ge• setz und Uebcrlicferung sind noch so einfach, wie an den Tagen, als sic es am Berge Sinai empfingen. Das Mittelalter ist jetzt sehr ״en voge“, aber das süssliche, vergoldete, wo die Frauen immer in Seide rauschen, und die Sporen der Männer nur wegen des Wirrens da sind, und in den Büchern, ■die man schreibt, rasselt es vom Schwertergeklirr. Schwertergeklirr! Wenn irgend ein Mensch Im Ghetto je solch ein Ding gesehen hat, so ist es das Schwert von dem Scheie Wächter, das auf dem höchsten Schranke seiner Wohnung seinen Platz hat und nur mit Zittern und Beben betrachtet wird, wenn er es zum Ausgange heruntcrholt. Und seidene Schleppen. Ohne Frau Blumele und Frau Malka zu nahe zu treten, die beide in Ripps und gepunkter Seide einherstolzieren, sie tragen aber beide die Kleider ängstlich bis zum Knöchel gerafft. Also für vornehme Herrschaften gibts hier nichts zu sehen; nur eine alte verwinkelte Strasse, in die nur um die Mittagsstunde mit Mühe ein Sonnenstrahl eindringt, und in deren holprigern Pflaster sich bei Regen grosse Lachen bilden, um niemals ganz auszutrocknen. Und in dieser Strasse hasten arme abgearbeitete Juden durch• einander, mit Augen, Ohren und Händen, genau wie alle anderen Geschöpfe Gottes, lieben und hassen, genau wie alle anderen Menschen unter der Sonne, und doch nehmen sie eine Sonderstellung in der Welt ein: Männer, Frauen und Kinder, wie sie zu Tausenden alle Ghettos in Dorf und Stadt bevölkern. (Fortsetzung folgt.) 1 Nach der Reise Von E. L. Wochenlang bin ich ausgewesen, in fremden Ländern und unter fremden Menschen. Und neue, unerhörte Eindrücke hat meine dürstendc Seele eingesogen, den Zauber einer herrliehen, jungfräulichen Landschaft. Wie in einem zweiten Gesicht sehe ich die gewaltigen Granitgebirge des Nordens kolossal gelagert; ich fahre auf tief cingcschnittencn Fjorden und mein Auge blenden Schnccfeldcr von riesenhaften Dimensionen; ich gewahre die Gletscherzungen, die bis zum Meeresspiegel hcrabdräucn, wildschäumende Wasserfälle in nie geahnter Fülle, den sonderbar bewegten, gespensterhaften Wetterhimmel.- Im vorigen Jahre wanderte ich in Kanaan über Berg und Tal, — welch ein ungeheurer Gegensatz im Landschaftsbilde! — Nichts in diesem Sommer, was an Zion gemahnte und an den Orient. Statt der wehenden Palmen endlose Tannenwälder, und statt grüssender Minarcts die norwegischen Holzhäuser. Und doch wogte es während der ganzen Reise im Busen wie Heimweh. Auf der Höhe des ״Holmenkollen“, während das Auge über die märchenhafte Fjordlandschaft Christianias schweifte, bohrte die Sehnsucht in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.