Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der IX. Kongress Wtr selten In dieu־r Rubrik IcJer naclitlctici* Acuiicrun« •,1',er die C/0MC11 nnliiiu'lten und virUcliatiUclica l'rotilaue. die den IX. Koiinrcoe buHliilliiKcn. Raum olme um mit den Incr vors«• bntcliicn Meiminsen tu 1. dentili/icren. Red. d, ״J. R." Eine öffenilich-rechiliehe Sicherung Oie öfi’cntlich-rccli tlichen Garantien für eine Krosse jüdische SicdclunK in Palästina, die der Zionisrnus von vornherein erstrebte, lagen auf den beiden Krossen Gebieten des öffentlichen Rechts: dem Völkerrecht und dem Staatsrecht. Völkerrechtlich waren sic Kcdacht als Garantie einer einzelnen oder Kollcktivgarantic mehrerer nicht*tiirkischcn Mächte fur OrilnduiiK, Bestand und Sicherheit einer auto• i.omcii jiidisclicn SicdclunK. Hs mag sein, dass mit der Neuordnung der türkischen Dinge Völkerrecht• liehe Garantien überflüssig geworden sind; wissen kann das bis jetzt eigentlich niemand. Der letzte türkisch-griechische Konflikt hat jedenfalls gezeigt, dass die Türkei auch heute noch Vorstellungen aus* | würtiger Mächte zugänglich ist, wie kein?.weiter europäischer Staat von gleicher Grösse. Aber mit der Notwendigkeit völkerrechtlicher wäre keineswegs auch die Notwendigkeit staats• rechtlicher Garantien wcRgefallcn, die wir von der Türkei beanspruchen müssen, solange der Zionismus überhaupt noch im wesentlichen das sein will, als was Hcrzl Ilm schuf. Man begegnet aber in zio• nisti.Nchcn Kreisen häufig genug der seltsamen Auf• iassung, dass unter öficntlich-rcclttlichen nur Völker• rechtliche Garantien zu verstehen seien. Dine Auf• iassung, die weder dein Wortbegriff noch der Ent- Mchungsgcschichtc unseres Programms entspricht. Wir müssen — um ein jedem Laien plausibles Bei• spiel herauszugreifen — unbedingt auf der öffentlich• rechtlichen Garantie bestehen, dass der sog. rote Zettel, die Einwandcrungsbcschränkung für Juden in Palästina, beseitigt wird. Wir werden immer gegen jede Beschränkung oder Zurücksetzung der Juden in der Türkei offizicil auftreten müssen. Das alles si״' öffentlich-rechtliche Garantien, auf die der Zionismus nicht verzichten kann, ohne sich selber aufzugeben. Es gibt sogar erfreulicherweise noch Leute, die etwas wie einen Charter wünschen. Sollte cs wirk• lieh heute unmöglich sein, mit der türkischen Re• Kicrung einen — gewiss langfristigen — Vertrag zu schlicsscn. in dem bestimmte Rechte und Pflichten beider Kontrahenten festgesetzt werden? In dem genau gesagt wird, dass der zionistischen Organ(• sation, wenn sic gewisse, genau zu formulierende Leistungen in Palästina oder anderweit vollbracht hat, (etwa über eine bestimmte Mitgliederzahl verfügt, finanzielle Instrumente von nicht unbedeutender Grösse besitzt, mancherlei volksfürderndc Institute eröffnet, die Einwanderung fest organisiert hat) — j dann ebenso bestimmte obrigkeitliche Rechte — etwa konsularische und innerpolitische — von der Türkei zugestanden werden? Es ist klar, dass eine derartige Fixierung unseres nächsten Ziels unsere Arbeit viel lebendiger und intensiver machen würde. Und zum ersten Mal würden wir dann auch unbedingt daran glauben können, dass die viel empfohlene ״praktische Arbeit" uns unserem Ziele naher bringt; cs wäre tatsächlich der Boden geschaffen, auf dem praktische und politische Zionisten sich zusammenfinden könnten. Und noch eins. Wenn die türkische Regierung sich dann bereit findet, uns im gedachten Sinne lie* dingun^eu zu setzen, so wären diese sclbstvcrsUnalieh vom Kongress mit Gesetzeskraft für unsere Organisation ausznstattcn. Dies wäre wahrscheinlich die einzige Wiiicnsäusscrung unseres Kongresses, auf die die türkische Regierung wirklich bauen könnte, ohne die Gebote staatsmännischer Vorsicht zu verletzen. Man glaube doch nicht, dass Irgend eine ״authentische Interpretation", Irgend eine lext• änderung unseres Programms als ernsthafte Leistung angesehen werden wird. Die Frage, ob heute irgend eine öffentlich-rechtliehe Sicherung unserer Arbeit möglich ist oder nicht, kann woiil nur unser Präsident beantworten. Hält er es für angebracht, uns die Antwort jc'zt schon (d. h. auf dem nächsten Kongress) zu geben, so werden wir sic ohne weiteres hinnchmcn. Wir sind überzeugt, dass er das Beste erreicht hat, was zu erreichen war. Ein Parlament mit vielen Mitgliedern kann nie auswärtige Politik machen und muss auch in seiner Kritik Uber sie vorsichtig sein. Mehr viel• leicht als Jede andere Staatstätigkeit muss die aus• würtige Politik ln den Händen weniger oder eines Einzelnen ruhen. Hat man einmal den Tüchtigstert gewählt, so kann man nichts Besseres tun, als Ver• trauen zu ihm haben. Wird uns gesagt, dass wir, wie die Dinge liegen, auf öffentlich-rechtliche Garantien für unser Werk verzichten müssen, so müssen wir auch das hin• nehmen. Wir würden cs tief bedauern, יס er nicht• entmutigt sein. Nun wollen wir uns denn wenigstens cingcstchcn, dass der Zionismus aufgehört hat, eine politische Bewegung zu sein, und zu einem Kolonisationsvcrcin geworden ist. Seine Geschichte garantiert dafür, dass er auch als solcher grösser sein wird als die anderen. Er fei! Cohn. Aus einer Zuschrift, die andere Gesichtspunkte als die bisher berührten behandelt, geben wir folgen• den Passus• wieder: Anlässlich des 1. Kongresses, am 29. Aug. 1897, sagte unser Theodor Hcrzl; ״Der Zionismus ist die Heimkehr zum J u ü c nt u 111 c nocli vor der Rückkehr ins Judcnland. Wir heimgckchrtcn Sühne finden im väterlichen Hause manches, was der Besserung bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends! M a n heisst uns aber in dem alten Hause will* U 0 m 111 e n, weil cs wohl bekannt ist, dass wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rü 11c 1 n.“ Und unser GesinnungsRenossc Herr Oberrabbiner Br. Ehrenpreis in Sofia erklärte in» Laufe einer Rede beim J. Kongress: ״Fragt unsere Söhne und Töchter, ob sie sich damit zufrieden gehen können, wenn sic den Schekel zahlen, wenn sic Kolonialbank-Akticn zeichnen? Glauben Sic, dass damit genug geschehen sei? Wird nicht nach alledem noch eine tiefe Leere in Ihren! Herzen übrig bleiben, wenn Sic sich fragen, wieso sind wir Juden, wieso hängen wir mit diesem historl* selten Gebilde zusammen? .... Wie können wir denn von unseren Frauen und unserer Jugend verlangen, dass sic an unseren Arbeiten tcilnchmcn, wie können wir von unseren Müttern verlangen, dass sic uns ein Geschlecht begeisterter, tatkräftiger, 0p!er. freudiger Jugend erziehen usw., wenn sic nur Aeusscrlichkeltcn und Formen sehen, ein Inhalt Urnen aber nicht gegeben wird?" Diese beiden Zitate zeigen, was man schon auf den ersten Kongressen vom Zionismus erwartete. Nicht materielle Interessen, nicht politische Ziele allein sind es, welche die Basis der zionistischen lk•• wegung bilden; eine Heimkehr zum Judentum ist nicht minder nötig um unseren Idealen gerecht zu werden. Sorgen wir dafür, dass in unserer Jugend eine gründliche Vertiefung und Belebung des jüdischen Qeistes Platz greift; machen wir Jugend und ״!! wissendes Alter mit den Schriften unseres Volkes vertraut — die befruchtende Wirkung wird sich in allen unseren Arbeitsgebieten merkbar machen. Möchte nun beim erneuten Kongress diese Frage nicht nur besprochen, sondern auch derart euergisch dafür cingctrcten werden, dass jede 01 txgruppe verpflichtet ist, durch passende Vorträge, Lelirkurse usw. die Heimkehr zum Judentum ln die Wege zu leiten. Ivrl. Die Sprachen der ottomanischen Juden Von Dr. Israel Aucrbach-Konstantiuopel. Die Sprachenfrage ist im ottomanischen Reiche auf der Tagesordnung. Der Grundsatz des allen Regimes, das laisscr faire, laisser passer, regier: nicht mehr. Alles wird jetzt von den Herrschenden daraufhin geprüft, ob cs den Bestand des Reichsganzen fördert, gleichgültig lässt oder gefährdet. Und diese politische Wage müssen heute auch die Sprachen der ottomanischen Völker passieren. Stehen sic im Verdacht, einem separatistischem Oauvinix• mus als Werkzeug zu dienen, so werden Fesseln für sie geschmiedet und ihrer Kultiviert ng Hindernisse geschaffen. Darum gerade aber werden auf der undern Seite die nationalen Selbsterhaltungstriebe aufgcstachclt; der alte Väter- und Kulturstoiz tritt gewappnet den Angriffen auf die Sprachen entgegen, der nationale Ehrenstandpunkt steht geger die nivcllicrungssüchtigc Rcichsidcc. Daher der gewaltige Kulturkampf, der heute zwischen dem türkischen Herrscherstamfn und den christlichen Nationen ausgebrochen ist. Dieser Kampf ist nicht nur voll Brutalität, sondern auch voll Schönheit. Er zeigt ein edles Aufhüuntcn, ein Entsetzen nationaler Persönlichkeiten für edle nationale Werte. Die jüdische Nation, die kuUurältcstc aber un ottomanischen Reiche befindlichen und sicherlich nicht die kuitur- und übcrlicfcrungsärmstc, feint vollständig in diesem Kampfe. Neben den ihre Sprachen verteidigenden Griechen, Bulgaren und Armeniern sind die Juden nicht zu finden. Das ist vom praktischen Standpunkte zu begriissen; es erspart ihnen ein Renkontre mit den Türken, mit denen in ungctriibtestem Einvernehmen zu leben, in ihrem höchsten Interesse hegt. Aber in idealem Sinne ist das bedenklicli. Haben die ottomanischen Juden kein nationales Sprachgut, das angegriffen werden und dessen Verteidigung ein grosses nationales Erwecken herbeirufen könnte? Idyllen aus dem Ghetto. 1. Die Judengasse Von Martha Wolffcnstein. (Originalübertragung aus dem Englischen.) Wo das Dorf sich am tiefsten bis ׳/um Flusse himmtcr/icht, da schlängelt sich längs des Ufers, endlos winklig und eng, eine Häuserreihe־. Die Judengasse. Die Talmulde des Dorfes ähnelt einer Schale, in die Hausfrauen die Reste von Milch ausgiessen. Und auch auf die Häuser der Einwohner übertragen, mag das Gleichnis mit der Schale stimmen: wie der Schaum der Schlagsahne hoch am Rande schwimmt, so wohnt der Herr Stadtgcwaltigc mit der Aristokratic des Ortes auf der höchsten Höhe, und die Wohnungen des gewöhnlichen Sterblichen steigen stufenweise abwärts als Thermometer für den Grad ihrer Armut, so dass ganz unten als Hefe die Häuser der Judengasse zu stehen kommen. Das Märchen vom ״reichen“ Juden ist zum Sprichwort geworden. Und doch drohen diese grauen windschiefen Häuser unter der Last ihrer Armut cinzustürzen. Die Juden als Volk sind arm, das ist eine Tatsache, die sich trotz fahrhundcrtelangcm Irrtum jetzt Qeltung verschafft hat. Aber trotzdem lebten ganz selbstverständlieh im Ghetto Leute, die in rricdenszciten, wenn die Judenverfolgungen ruhten, Reichtum erwor* ben hatten viel, viel mehr als der Herr Bürgermeistcr mitsamt seinem Gefolge je bcsass. Der gegenwärtige Croesus war Reb Noah und auch er wäre imstande gewesen, sich von seinen Rcichtiimcrn einen Rentiersitz auf dem Hügel zu schaffen (mit 4 Fenstern nach der Strasse, einem Klmgel7.UK und zwei Stuckhunden im Garten) und immer wäre noch genug geblieben, um Schabbcs davon zu machen. Aber die Juden von Maritz haben seit Generationen in der winkligen Gasse gewohnt und sind, wie ihre vorsindflutlichen Wohnungen und die alte Kastanie an der Pumpe, mit dem Boden eins geworden auf dem sie stellen und, dieses Verwachsensein verdanken sie einer väterlieh fürsorgenden Regierung, die seit den ent• fern testen Jahrhunderten, von denen selbst die Chronik des Ghettos nichts weiss, für sie sowohl die alltäglichsten als die wichtigsten Lebensbedingungen abgegrenzt hat. Und sie tat dies mit konsequenter Ausdauer, wenn auch nach wech• sein den Grundsätzen: was sie arbeiten sollten und was nicht; was sie lernen sollten und was nicht; wie sie sich kleiden sollten und wie nicht; wann, wo und wie sic beten sollten; und dann versuchte man, wenn auch mit geringerem Er• folg, ihnen vorzuschreiben, was sie glauben sollten; und zu diesen unzähligen Freundlichkeiten gehört auch die Bestimmung, wo sie wohnen sollten. Und bis vor nicht allzulangcr Zeit hing am Ende der Strasse noch ein fest verschlossenes Gitter in den jetzt verrosteten Angeln. Christoph lachte; denn er begriff nicht in seinem Bauernverstände, wenn Anschel von diesen Angeln, als von historischen Denkwürdigkeiten sprach .־ ״Hihi, man denke sich alles was dem buckligen hzig dem gelähmten Reb Jonas und dem verängstigten kleinen Mansche ähnelte wie in einem Raubtierkäfig verschlossen Christoph, stell' der vor, meinte Anschel, ein Wolf wittert deinen Schafstall; gehst du dann auf die Wolfsjagd? Nicht wahr, nein? Aber deinen Schafstall den schliesst du recht fest zu. Hab’ ich recht? Christopi! vergass vor Erstaunen sein weit geöffnetes Maul zu schlicsscn; aber Anschel verzog blinzelnd sein Gesicht in merkwürdige Fallen, als hätte er mit seinen! Gleichnis das ganze Wesen Ghettos erklärt. Wer Sensationslüsten! ist. für den wäre cs gut, wenn das Tor noch in seinen Angeln hinge, denn seiner wartet harte Enttäuschung. Er rindet dort bestenfalls ganz landläufige Armut. Ich höre dich im Geiste lachen über ihre Pfennigmillionärc und über den Spottpreis, für den man mit sechs Sprösslingen lebt, und sie noch zur Schule schickt. Du lachst