Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651640--06588-2663689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 35. JUEDISCI1C RUNDSCHAU Seite 409. ein Kleines Malheur passiert.- Es stellt sich nämlich licraiis, dass die bisherigen Wählerlisten von Pelikan iclhst und anderen Vorstehern der icJ7-incn Stadtduma unterschrieben sind. ... Die ganze Heldentat dieses ״Patrioten״ sollte aber vergeblich sein. Die Vor- Schriften ftir die bevorstehende Ersatzwahl sind bereits offiziell publiziert worden, — und zwar in ,,״veränderter Form nach der bisher!• U c n W a h I o r d n u n g. Die hiesigen Vcrbändler werden nun wohl diese Hntiüiisehtmg durch cipe Verstärkung ihrer ״Tätigl.cit״ bei der bevorstehenden Ersatzwahlwettzumaehen suchen. ־ Der ״Hehl-russische Verein", dem cs vor den IVkcii und Hniliillhuigen des Hcrzcnstcln-Prozesses l'.mge ist, sucht mit seinen ״bewährten" Mitteln den Duo: der Prozcssvcrlinndlungcii gewaltsam zu stören, p. t nächste üerichtstermln ist auf den 20. August in rerjokim (Finnland) angesejzt. Am 15. d. Mts. Im; liier eine Sitzung des Hauptrats des ״Echt-russiscKen Vereins" stattgefunden.‘ auf der eine Massenvon Vcrbändlcrn nach Terioklm zum erwähnten 'l.iniiii beraten wurde. Bulazcl, der Verteidiger des Angeklagten Juskewitsch-Kraskowsky, machte den V.״ schlag, alle Provinzabteilungen des Verbandes zur Entsendung von Vertretern nach Tcrjoklm auf-;;:liordorn, um daselbst eine Demonstration gegen den 1! r/cnstein-Prozcss zu veranstalten. Ausserdem hat D. iiizel die Provinzabteilungen des Verbandes aufgeiordert, an einem bestimmten Tage in Telegrammen 1! ,eh Zarskoje Sjclo, an den Premierminister Stolypin und an den Justizministcr Sclitschcglowitow um die! u'ilassimg des in Haft befindlichen Juskewitsch- Kiaskowsky ״im Namen, des russischen Volkes" zu ersuchen. Mit Rücksicht auf die zu erwartenden Detnon- Stationen der Verhändlcr hat cs die finnlündischc Administration für nötig gehalten, besondere Mussnahmen zur Sicherung der Gerichtsverhandlung zu trciien. Der Wyborger Gouverneur hat die Eimendimg von 50 Soldaten nach Tcrjoklm zum 26. August;n.geordiict; ausserdem soll der Angeklagte Juskev itscli-Kraskowsky auf dem Wege vom Gefängnis zum Gerichte von einer besonderen aus 12 Soldaten bestehenden Wache begleitet werden. * Die Gouvernemcntsverwaitimg von W 010 g d a hat ¬ס Maudwcrksattcstc, welche von der Innunganjiidische Handwerker ausgestellt waren, für ungültig er klär t. Diese siebzig Juden, denen dadurch das Aufei.ihaltsrcclit entzogen ist, werden mm mit ilircn Famiken von liier ausgcwier.cn, und viele Werkstätten werden deswegen geschlossen werden müssen. * Der Geiieinlgmivcrneur von Jalta, General D u mb a d s c, hat eine Bestimmung erlassen, wonach die mit den Schiffen im hiesigen Port ankommenden Juden in Zukunft nicht das Recht haben, an Land zu gr.licn. Zur Besorgung von Lebensmitteln und dem notwendigen Speisenvorrat dürfen sic sich nur für kurze Zeit mit Polizeibegteitung bis an die in der Nähe des Hafens belesenen Geschäfte begeben. Die jüdischen Passagiere werden dabei von den Polizisten in der rohesten Weise behandelt und wie eine Herde gemeinsam vor sich hergetrieben. Aus A r m a w i r (Kubaner Bezirk) sind 12 jüdische Familien ausgewiesen worden. Ein von den Betroffenen an den Kriegsministcr gerichtetes Gesuch um Aufhebung dieser Massregcl ist mit der Motivicrtmg abschlägig bcschlcden worden, dass ״die hetreuenden Familien für die Ortsbevölkerung sciiädlieh" seien. Wie sehr die Ausgewiesenen für ihre Mitbürger ״schädlich" waren, geht daraus hervor, dass die Vorsteher der grössten Bank- und Handelsfirmen in Armawir den Kriegsministcr ersucht haben, den betreffenden 12 Familien den ferneren Aufenthalt in ihrer Stadt zu gestatten, da sie stets dem Handelsbetrieb im Orte grossen Nutzen gebracht und mit der christlichen Einwohnerschaft im besten Einvernehmen gelebt haben. Aber auch dieses Gesuch ist erfolglos geblieben. Die Zentralrcgicrung glaubt die Bedürfnisse und den Nutzen der örtlichen Bevölkcrung besser zu verstehen als diese selbst! Türkei Der alle und der neue Minister Je mehr die Schleier des Geheimnisses von der Tätigkeit des gestürzten Ministers IFcrid Pascha fallen, desto verhängnisvoller erscheint sie für uns. Wie die neuesten Informationen der hiesigen Presse ergehen, hat der Exmlnlstcr des Innern sich nicht damit begnügt, die Aufhebung der Beschränkungen der Judcncinwandcrung in Palästina zu hintertreiben, sondern sogar den Versuch gemacht, neue, ungleich schwerwiegende Hindernisse zu schaffen. Er hat dem Staatsrat den Entwurf eines Qesetzes vorgeiegt, das Palästina den Juden absolut, auch den Ottomanischcn, vcrschlicssen sollte. InsbcsondeVc sollten alle weiteren Bodenkäufo In Palästina von oder für Juden Inhibiert werden. Mit einem solchen Gesetze wäre nicht nur Jede Fortarbeit an der Besiedlung des heiligen Landes unterbunden, sondern auch das erste antisemitische Gesetz in der Türkei (In der konstitutionellen!) geschaffen worden, das die Juden zu Bürgern niederen Ranges gestempelt und sic der Freizügigkeit beraubt 1 hätte. Dem russischen Ansicdlungsruyon hätte die | Türkei ihren Nicht-Ansicdlungsrayon gcgcnübcrsctzcn j können. Glücklicherweise Ist der ministerielle Intrigant mit seinen Absichten nicht durchgedrungen. Der Staatsrat hat der neuen türkischen Frcihcitscpoche Ehre gemacht, und diesen Versuch zur Etablierung der bürgerlichen Ungleichheit und Unfreiheit ganz entschieden zurückgcwicscn. So ist einstweilen die Türkei kein antisemitisches und kein — antizionistisclics!.and geworden. Dieser historische Vorgang verdiente von der jüdischen Ocücmlichkcit Europas zur Kenntnis genommen zu werden. Er zerstört gründlich das ganze, durch eine I.ügenkorrcspondcnz und ein gefälschtes Telegramm erzeugte Vorurteil, als ob die offizielle Türkei die geschworene Feindin unserer Bestrebungen sei und ihnen einen Riegel vorzusciiiebcn gedenke, wie insbesondere die verleumderische Auslegung, als ob eine verkehrte zionistische Agitation in türkischen Landen die Veranlassung zu solchen Repressalien geschaffen habe. Was von diesem ganzen Kartenhaus bleibt, ist das Treiben eines einzelnen Mannes, der als Judenfeind bekannt war, als er zur Macht kam, und der einen missglückten judcnfcindlichcn Vorstoss versuchte. Das ist alles. Und noch einmal muss an dieser Stelle wiederholt werden: dass man sehr irrt, wenn man glaubt, dass unter dem neuen Regime schon alles dem klaren kollektiven Volkswillc» gemäss geschehe, und das die persönliche Politik oder die persönliche politische Intriguc, weil Abdul Hamid vom Schauplätze verschwand, nicht mehr existiere. Die Juden im allgemeinen, wie eile Zionisten im besonderen, werden noch genug mit ihr zu rechnen haben. Der Amtsantritt des neuen Ministers des Innern, Talaat Bi), darf in dieser Hinsicht Hoffnungen erwecken. Wir wollen nicht prophezeien. Aber es leuchtet ein, dass von einem Manne, der zu den jugendlichen Vorkämpfern der neuen Gedanken gehört, und den seine parlamentarische Reise durch Europa jüngst erst überzeugen musste, dass nur die volle Realisierung dieses neuen Gedankens der Türkei in der europäischen Welt Kredit schaffen kann, gewisslich mehr zu erwarten ist, als von einem Roulinier der hamidischen Politik. Talaat Bej hat die Juden an der Mitarbeit für die Herbeiführung der Konstitution gesellen. Er hat grosses Vertrauen in die Treue wie in die Fähigkeiten der Juden. Einem Manne wie ihm müssen auch die zionistischen Pläne verständlich werden. Wenn die Abschaffung des roten Zettels — dieses Minimum zionistischer Forderungen — unaer Ferid, und nach seinen! Fortgang in den Tagen des ministcricllcn Interregnums auf sich warten Hess, so hoffen war sic unter Talaat Bej unter den ersten seiner selbstverständlichsten konstitutionellen Akte sofort verschwinden zu sehen. Am Chachambaschi ist cs, keine weitere Verzögerung cinrcisscn zu lassen. Von der ,Jüdischen Nation“ In Demotika, einem Orte, der wenige Stunden von Adrianopcl entfernt liegt, und eine Jüdische Bevölkcrung von etwa hundert Familien aufweist, war bisher allwöchentlich am Donnerstag Markttag. Vor einigen Wochen richteten, nun die nichtjüdischcn Teil, nehmer an den Gouverneur des Viiajcts Adrianopel ein Gesuch, den Markt auf den Sonnabend fcstzusetzen. Obwohl cs auf der Hand lag, dass cs sich hier um einen illoyalen Versuch handele, die jüdische Konkurrenz auszuschaltcn, die aus religiösen Gründen am Sonnabend dem Markt fern bleiben muss, gab der Gouverneur dem Ansuchen ohne weiteres statt. Das Bedauerlichste an dem Fall ist nun, dass der Chief-Rabbi von Adrianopcl, der in dieser Eigenschaft in der Verwaltungsbehörde Sitz und Stimme hat. gegen diese Neuerung nicht den geringsten Protest erhob. Aus diesem Grunde erhielt er von Chief- Rabbi Nahum der türkischen Judcnlicit eine Rüge und wurde durch die entschiedenen Missfaliensäusscrungcn der Juden von Demotika und der benachbarten Städte zum Rücktritt gezwungen. Nunmehr hat sich der Grossrabbi an den jüngst ernannten Minister des Inneren gewandt, der versproclicn bat, den Juden In diesem Falle Genugtuung zu verschaffen. Eino fernere Ungebühr des Adriano• pclcr Rabbis war cs, dass er sein Rücktrittsgcsucl! nicht an die ihm vorgesetzto Behörde, den erwählten Führer der ״jüdischen Nation," den Konstatinopcicr Qrossrabblner, richtete, sondern an den Gouverneur von Adrianopcl, der in rechtswidriger Weise die Demisslon offiziell zur Kenntnis nahm. Auch gegen dieses Vorgehen wurdo beim Minister des Innern Beschwcrdc geführt. Der Alinistcr erkannto daraufhin die alleinige Befugnis des Grosstab.bincrs zur Ernonnung und Absetzung der türkischen Rabbiner ausd'rückllch au und erteilte dem Gouverneur, der seine Kompetenz in unzulässiger Weise überschritten hatte, eine Rüge. Türkische Floltcnvercmig ung Die Schwierigkeiten der. äusseren Politik scheinen fürs erste dafür zu sorgen, dass die zentripetale, patriotische Tendenz, welche die verschiedenen Nationalitäten des Reiches im ersten Verbrüderungstaumcl der Koustitutionstagc ergriffen hat, wenigstens vorläufig die Uoberhand behält gegenüber der nationalcn intcrcsscnpolitik. Das haben die letzten Sitzungen der Deputiertenkammer gezeigt, in denen mit imponierender Einmütigkeit gefordert wurde, dass die Regierung in der Kretafrage unter allen Umständen das Prestige des Reichs aufs energischste zu wahre!! habe, und das zeigt siel! auch neuerdings in Aufrufen der hiesigen Blätter zu freiwilligen Saminliügcn ftir einen Flottenbaufonds, dem allüberall freudig Folge gegeben wird. Ein hiesiges jüdisches Blatt hat einen besonderen Aufruf an die Juden des Reiches erlassen und damit ganz bedeutende Erfolge erzielt. Die Juden der Türkei, die im vorigen Jahre an der Freiheitsbewegung einen so bedeutsamen Anteil genommen haben, zeigen jetzt, dass sie auch auf dem Posten sind, wenn es gilt, durch Wchrbarmachung des Vaterlandes das Gewonnene gegen Angriffe von aussen zu schützen und zu wahren. Die Jungtürkenführer sehen denn auch in den Juden das zuverlässigste Element des Landes und haben dieser Ansicht wiederholt unumwunden Ausdruck gegeben RUNDSCHAU DeR~PRe556 Berliner Tageblatt Ueber die Dünntes von Saloniki berichtet Dr. L. S o f c r: Saloniki hat in der jungtürkischen Umwälzung eine wichtige Rolle gespielt. Es ist kein Zufall, dass hier das jungtürkischc Komitee seinen Sitz aufsclilug und noch heute in Saloniki sein Zentrum hat. Saloniki ist nämlich eine türkische Stadt, in der aber nur wenige Türken wohnen. Von den 130 000 Einwohnern sind über die Hälfte spnniolischc Juden, die Nachkommen der im Jahre 1492 aus der pyrenäischcn Halbinsel Vertriebenen; ausserdem wohnen in Saloniki Griechen und Bulgaren, so dass die tiirkisehen Offiziere und Beamten ohne die Störungen ihre Verschwörung ausbnucn konnten, denen sic in Städten mit rein oder überwiegend türkischer Bevölkcrung ausgesetzt waren. Damit sind aber die inneren Beziehungen zwischen der letzten Revolution und der Stadt Saloniki nicht erschöpit. In der konstitutionclien Bewegung spielten nämlich auch die Dönmes von Saloniki eine wichtige Rolle. 1111 Jahre 1666 nahm Sabbatai Zewi, der unter den Juden des Abend- und Morgenlandes eine müchtige, aber phantastische mcssianische Bewegung entfesselt hatte, vor dem Sultan Mohammed IV., der ihn wegen der Unruhen seiner Anhänger in der Türkei zur Verantwortung zog, den Islam an, um sich vor der strengen Strafe, die ihn! angedroht wurde, zu retten. Er warf seine jüdische Kopfbedeckung zur Erde, setzte einen weissen Turban auf und legte ein grünes Obcrkleid statt des schwarzen an. Der Sultan gab ihm den Namen Mclmtcd Effendi und ernannt© ilm zu seinem Türhüter, Capigi Baschi Otorak. Mit ihm nahmen viele seiner Anhänger, der Sabbatiner, ״den Turban an," das heisst, sic traten zum Islam über. Doch sie verschwanden im türkischen Volke, und die Sekte der Dönmes, von der hier die Redp sein soll, hat einen eigenen Ursprung. Sabbatai Zewi heiratete kurz vor seinen! Tode die Tochter eines seiner Anhänger in Saloniki, des Josef Philosoph. Nach dem Tode Zewis, 1676, begab sich seine letzte Frau, ihr Bruder Jakob Querido und mehrere Anhänger nach Smyrna, da die Familie aus dieser Stadt stammte und die sabbatianischc Bewegung dort immer stark war. Sic wurden alter ausgewiesen und ״zogen nun nach Saloniki. Hier sagten sie siel!, 200 bis 400 Personen, im Jahre 16S7 öffentlich vom Judentum los, an dein sic bis dahin, wenn auch nur lose, gehangen hatten, und nahmen den Turban. Um seine Rcclitgläubigkcit darzutun, begab sich das Haupt der Dönmes (so genannt von Dönmek, türkisch wechseln [den Glauben]), Querido zur Wallfahrt nacl! Mekka. N f c b u I! r berichtet im Deutschen Museum, Jahrgang 1774, von den Salonikcrn Judentürken: ״Nach Zewis Flucht (richtiger nach seinem Tode) war sein Schwager Jakob und nach dessen Tod Barochja, Jakobs Sohn, das Oberhaupt der neuen Sektierer, und von diesen soll letzterer eine ganz neue Religion gestiftet haben. Ihr vornehmster Aufenthalt ist Salonik, Jakobs Geburtsstadt, Daselbst findet man wohl (damals 1789) 600 Familien, genannt Donmäh, das heisst Abtrünnige, die sich untereinander vor hei raten." (Zitiert nach Qraetz. Geschichte der Juden.) Trotzdem cs nun dritthalb Jahrhunderto her ist, dass die Sekte entstand, verhält sich der Alttürke ihnen gegenüber voller Zweifel und Misstrauen. Sie