Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 403. JUEDISCIIE RUNDSCHAU No. 35. ־C l ו!0ט Saida Saida, das alte Sidon, Ist eine der grössten Städte des phünikisclicn Altertums gewesen. Seine Seefahrer wetteiferten mit denen von Tyrus, und bis zu den fernsten Kiistcn wusste man von Sidons grossem Reichtum und von der Macht seiner Könige. Heute ist Saida ein StUdtchen von noch nicht 15 001) Einwohnern, und gar Tyrus hat weniger als die Hälfte dieser Ziffer. Die einst berühmten Häfen sind versandet, und wären sie cs nicht, so würden sie den heutigen Schiffskolosscn auch keinen Raum bieten können. Die Weltstädte von einstmals sind zu ganz kleinen LandsUidtchcn herabgestmken, deren Bedeutung nicht weiter reicht als die allernächste Umgebung. Dennoch bicteil sic uns mehr als bloss historisches Interesse. in Saida gibt es auch eine kleine Judengemeinde von etwa 800 Seelen. Sie gehören zu den sogenannten arabischen Juden und hatten bis vor wenigen Jahren fast gar keinen Zusammenhang mit der jiidisehen Welt. Das Leben dieser Juden ist üusserst primitiv. Sic wohnen in einer Art Ghetto, — in einem Hänservicrtel. das nur einen Zugang in Oestalt eines niedrigen dunklen Torwegs hat. — Innerhalb dieses jüdischen Stadtteils sieht cs recht freundlich aus. Die Bewohner sind sehr ilcissig und arbeiten um einen sehr geringen Lohn. Besonders die Frauen und Mildeben beschäftigen sich mit der Verarbeitung der Seide, fe5TvN<,4*ln**u von —ו! ■.Q n ^•/*״״; 1 »«*•H ':י־.1.׳:־P-r v> g' ׳.'■ ׳n. •\\W die ein Hauptartikcl von Saida's näherer Umgebung, dem Siidwestabhaug des Libanon ist. — Die Männer sind meist kleine Kaulleute, die tagsüber im Basar sitzen, oder Hausierer, die ihre Waren in den bcnachharten Dörfern verkaufen. Der reichste Mann der Gemeinde hatte (vor etwa 5 Jahren) ein Einkommen von zwei Francs per Tag, und die meisten Familien, hatten einen wöchentlichen Verbrauch von etwa fünf Francs. Die Umgebung der Stadt ist herrlich. Sic liegt inmitten von üppigen Oürtcn, in denen Orangen und Zitronen, Granaten, Mandeln, Oliven und andere Früchte wachsen. I »v:r nahe Libanon blickt auf die Stadt hernieder, und spendet ihr auch das Wasser, mittelst dessen die Gärten bewässert und mich «he Bewohner der Stadt mit Trinkwasser versehen werden. Prachtvoll ist auch der alte Hafen mit der vorgelagerten Insel, die mit dem I\m• lnnde durch eine starke Steinbrüeke verblinden ist. Diese Insel war schon mi grauesten Altertum die Festung, auf die nie Sidonicr sich in Zeiten der Geiahr zuriuk• zogen. Die jetzigen Befestigungen gehe:! 1:1 ־־ der Hauptsache auf die Zeit der Kreuzfahrer zurück. Die alte InscUcstung Saidas lm׳.u ein wunderschönes Bild, besonders wenn ,110 Brandung stark ist und die Maste 'er kleinen Segelbarkeft im Hafen aufgeregt durchvi». audcrschaukeln. m m Statistisches von den russischen Juden Eine interessante Statistik der russischen Juden veröffentlicht D. B. Brutzkus in den Publikationen der Jewish CoJonisatlo» Association (JCA). Das Dncli ist reich an Tabellen und Diagrammen, die einen vollständigen Ucbeiblick über die Verteilung der Juden in Russland geben, über ihren Familienstand, ihre kulturelle und soziale Lng'c im Vergleich mit den andern Nationalitäten Russlands. Insgesamt gibt cs nach dieser Aufstellung in Russland 5 215 805 Juden, die also nach den Russen und den Polen die zalilrclclist vertretene Nation Russlands dar« stellen. Russland ist bekanntlich auch dasjenige Land, das die weitaus grösste Zahl von Juden überhaunt. fast die Hiilitc aller Juden der Welt, besitzt. Die Mehrzahl der russischen Juden, 75/» %. leben i im Gebiet des ehemaligen Königreichs Poien. wo sie \ im Durchschnitt 15׳/ der Gcsnmthcvölkcrmig bilden.; ln den südlichen, genauer süd-östllclicii Ooiivernc* ments erreichen die Juden nur 4—5 % der Gesamthevölkcrimg. Ausserhalb des Ansicdlimgsravons bilde״ die Juden wir einen verschwindend geringen Bruchteil der Bevölkerung. Sie zählen dort im ganzen 310 478 Seelen, d. h. 6.09% aller russischen Juden. Abgesehen vom K a 11 k n s 11 s. vom W c i c 11• s c I c e b i c t und Mittelasien gibt cs nach Brutzkus insgesamt nur ein Vicrtelmiilinn Juden in Russland, die einige Bewegungsfreiheit haben. Die Geburtenziffer der russischen Juden ist verhäUnistm’issig niedrig; die Sterblichkeit bei den Kindern ist zwar gering, aber dafür ist eine entsprechend grössere Sterblichkeit hei den Erwachseneu zu beobachten. Daher ist der Prozentsatz der Personen in arbeitsfähigem A i t e r bei de״ Juden nur 43,א% der Gesamtzahl, während bei den anderen Nationalitäten diese Ziffer zwischen 5" und 58%׳ schwankt. Man ersieht daraus, um wie viel schwieriger cs den Juden in Russland ist, den Kampf um das Dasein zu führen, als den anderen Bewohnern Russlands, obwohl deren Lage doch auch nicht e'änzend genannt werden kann. Der Prozentsatz der F raue 11 ist hei den Juden bedeutend höher als hei den anderen Völkern, was wohl durch die grosse Auswanderung jüdischer Männer seine Erklärung׳ findet. Im allgemeinen treten die Juden entgegen der allgemeinen Annahme ziemlieh spät in die Ehc. b'Acrcsscmtc Daten gibt Brutzkus Filier die Sprache der Juden. Trotz ihrer Zerstreutheit bilden die Juden in Russland doch eine homogene Masse, die im wesentlichen eine Sprache spricht. Als Muttersprache betrachten nämlich 96,9 % der russisehen Juden den 10d isc 1t •deutschen Jargon! Die übrigen 3,1 % bilden hauptsächlich die 23 000 Bergiuden, die grusinischen Juden und Krimtschki (Bewohner der Krim) und die 145 000 andern Juden, von denen 76000 russisch. 47 000 polnisch und 22782 deutsch als Muttersprache an• geben. I v » t% » AUS ALL6R W€LT England Der V o r stand des Jüdischen Frauen«, b u 11 d c s empfing von der englischen ״Union 01 Jewish Women" ein Schreiben, welches in deutscher Uebersetzung. wie folgt lautet: ״Die Union of Jewish Women in London erhält häuiig von Deutschland Anfragen wegen ״au palr“- Stellungen für junge Mädchen. Sic erachtet cs von grosser Wichtigkeit, bekannt zu geben, dass die ״au pair"*Stellen in England sehr selten von guten lüdi• .sehen Familien augeboten werden. Man verlangt von den ״au palr“ engagierten Mädchen häufig mehr Arbeit als von denen, weiche filr bezahlte Stellungen engagiert worden sind, Ueberluuipt sind die ״au pair"-Stcllunucn in England lange nicht so gm wie in Deutschland." Amerika Hin Kongress filr I*mlflral{onsfra,cjcn Die jüdische Emigration durchlebt jetzt eine schwere Krisis. Die F. i n wa nde r u n gs bc ־ s c 11 r ä n k u 11 g c n in Nordamerika, dem bisher wichtigsteu und fast ausschliesslichen Ziel der jüdischen Emigranten, nehmen immer schärfere Formen an. ln den grossen jüdischen Zentren dieses Landes, in New-York, Philadelphia etc., verschlechtern sieh iiimiermelir die wirtschaftlichen Aussichten fiir die Neuaiikoiuinendeu; in diesen Ghettos herrscht eine erschreckende Ueberfiillinu׳ und erstickende Enge. Aller die Zustände in den russischen, rumänischen und galizischcn Ghettos sind noch schlimmere, und das 1m111enlo.se .Itidcneleiul daseihst treibt jährlich lumdertiausemie Juden aus ihrer Heimat. Wohin sollen sielt diese Unglücklichen wenden, wenn — was durchaus im Bereiche der Möglichkeit liegt — Nordamerika seine Tore vor ihnen gänzlich scliliesst? Eine solche Katastrophe darf uns nicht unvqr* bereitet treffen. Die gesamte Jitdenlicit muss ihr rechtzeitig vorzubengen suchen, ln erster Reihe müssten andere liiiinigrationsgcbiete in Aussicht genominell, auf ihre sozialen und ökonomischen Mög-׳ liclikeitcit geprüft und die entsprechenden Vorberei* timgeu zu diesem Zwecke gemacht werden. Vor allem erscheint die Türkei dazu berufen, eine bedeutynde Rolle iiir die jüdische Emigration schon in der nächsten Zukunft zu erlangen. Von grosser Wichtigkeit wäre auch die Schäftung von finanziellen IttstitutIonen zur Regulierung der jüdischen Emigration nach Muster der E in i g r a t i o 1t s b a n k c n bei den Italienern, Tschechen, Slowaken etc. Eine solche grossziigige Arbeit kann aber nicht von einzelnen Parteien und Verbänden geleistet werden: dazu hedarf es des Zusammenschlusses aller Kräfte, der Schaffung einer alle Parteien und Richtungen ,der Gesamtiudcuheii umfassenden Organisation. Zwecks Begründung einer solchen Organisation wird von hiesigeit massgebenden Kreisen die Einberufung eines Welt k 011 g r c s s c s für j ü d i s c 11 e E m I g r a ttou gonlutu und propottwrb Dieser Plan, welcher auf der im März d. Js. hier stattgehabten jüdischen Immigrationskonferenz entstanden ist. iindet immer mehr Anhänger auch in anderen Ländern und dürfte auch verwirklicht werden. Der Eniigratioiiskongress soll aus Vertretern sämtlicher jüdischen Orgattisationen in der Alten und Neuen Welt, wie auch aus Wortführern der jüdischen Auswanderermüssen selbst zusammengesetzt sein., Es sollen auf ihm die verwickelten und komplizierten Fragen der jüdischen Emigrationspolitik von Sachverständigen eingehend erörtert werden. Nach Feststellung der Arbeitsmethoden und Richtlinien für eine plantnässige Regulierung der jüdischen Emigration soll der Kongress die gekennzeichnete Organisation gründen. Es ist ein Unternehmen von weittragender dcutnng fiir die gesamte Judenheit. Denn die schicke der jüdischen Emigration berühren nicht allein üie von ihr direkt Betroffenen, sondern alle Teile der Judenheit. Es ist daher zu hoffen, dass sich wirklieh alle jüdischen Kreise zu einer einheitlichen Tätigkeit auf diesem Gebiete zusamincnsclilicsscn und sielt in ihrer Stellungnahme zu dieser brennendsten jüdlsclicn Frage von keinen engherzigen Sonderbestre* bungen beeinflussen lassen werden, he- Bc- Ge- Die jüdische Einwanderung nach Amerika bcirv.g im amerikanischen Fiskaljahr vom L Juli 1907;>is 30. Juni 1908; 103 387 Personen, d. i. gegen ö!s Vorjahr (149 182) eine Abnahme von 35 795. 1,n Verhältnis zur Oesamteinwanderung, die n 0 c h mehr als die jüdische gefallen ist, und sich in diesem Jahre auf 782 870 bezr gegen 1285 349 im Vorjahre, ist die jüdische Lut* Wanderung von 11,02'1906/07) ״) auf 13,20'׳'• gestiegen. — Unter den eingewanderten Raswit nehmen die Juden, wie im Vorjahre, den zweiten Platz ein. Nur die Siiüitalicucr sind in grösserer Zahl 010 547) cingcwandcrt. Von den jüdischen Ein• Wanderern kamen aus Russland 71978, Österreich- Ungarn 15 293, England 6 260, Rumänien 4 455, Deutschland 869, Aus anderen Ländern 4 532. Russland Per Handelsministcr hat int Ministerrat den Y״r• schlag gemacht, über die Ausarbeitung eines heson• deren Emlgraiioiisgcsclzes zu beraten. Nach der Meinung des Ministers sind dabei namentlich folge.!Je Punkte zu erwägen: I) das freie Eniigratiousrcchi. 2) Erleichterungen beim Ausstcllcn von Au:•',. ■׳ 's• Pässen fiir Auswanderer. 3) Die Bedingungen ,..1 Begründung von Einigrationsburcaus und die Bc.uii• siclttigtmg derselben. 4) Vorschriften für die Trans• portierung von Emigranten durch Schitisgoscllschaiwn. 5) Schutz der Auswanderer vor Scliiifskatastrophcn. medizinische Hilfeleistung unterwegs. Verpflegung .u!s den Schiffen etc. 6) Bestrafung der Emigration*• kontors wegen Ueberschrcitung der sie bctreffcinkn Vorschriften. Das Zustandekommen eines solchen Ge• setzprojektes würde natiirlieh auch für die jüdischen Auswanderer aus Russland von besonderer Beden;.:״; , sein, — vorausgesetzt, dass keine beschränkenden i Bestimmungen für sie, dabei cingcfügt werden. Russische Wahlen Die Stadtduma von Odessa hat zu einen grossen Schlage gegen die jüdische Bevölkerung aas geholt. Sie hat in einem Gesuch an den Zaren na Ausschluss der Juden von den Wahlen zur Reicliv dimia gebeten, sowie um Aufstellung von »cue׳. Wählerlisten fiir die bevorstehende Ersatzwahl u Odessa an Stelle des verstorbenen Abgconlnn c: Pergament, ln der betreffenden Sitzung waren du jüdischen Stadtverordneten nicht anwesend. Für Gesuch an den Zaren wurden drei verschiedene Te .6 vorgelegt. Der eine enthielt die Bitte um dje IH düng einer besonderen jüdischen WaUlkucic — v,..־ wurde als ״zu liberal“ befunden und verworfen. » n anderer, vom Militärrichter a. D. General י Karöi.1.. lowski ausgearbeiteter Text empfahl die Zulass׳::: von Juden zu 10 Prozent der gesamten Wälder׳׳ .:׳ Der dritte, vom Vorsitzenden der hiesigen Abtedu:. des Vereins ״Engel Michael", Pelikan, eingebrac'.r.c Text enthielt den Vorschlag, die Juden von ״ Wahlen zur Rcichsduma gänzlich anszusclilicss•׳: Gegen diesen Vorschlag sprach sich nur ein einzige Stadtverordneter, Professor Korscii. aus. der d;u;1׳ hin wies, dass eine Acmlerung der Wahlordnung 1״ auf gesetzgeberischem Wege, durch die Reiclisd 1;״ und den Rciclisrat, erfolgen könne. Prof. Kurs, hob ferner hervor, dass an der Sitzung nur 32 St.״: verordnte teilnaluucii, die nicht befugt wiirgn. a Namen der Mehrheit der Stadtbevölkerung .׳ sprechen. Pelikan überschüttete darauf den rech/, denkenden Professor mit Vorwürfen und Besclii.m fangen, und empfahl seinen eigenen Vorschlag als 0:1 zige Rettung vor der ,.jüdisch-revolutionären Gefahr. Dieser wurde sodann auch mit 20 gegen 12 Stimm•' angenommen. 111 der Motivierung wegen Neuaufstellung <k Wählerlisten heisst cs, die alten Listen wären va der früheren ״revolutionären Stadtduma" aufgestei worden. Dabei ist aber den Pelikan und Genosse