Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 406. J UKDISCH2 RUNDSCHAU No. 35. Josef Nasi und unter dem Namen des «Gross. Jude» J oscl“ lebt er in der türkische» Geschichte fort. Dein Thronfolger wurde er einfach uneutbehr• lieh, da er ihm nicht mir Darlehen uewührte und Ju* welcii verkaufte, sondern vor allem edlen Cypernwein besorgte. den Selim bald Icldenscbaftlieh liebte, ob• wohl der Koran den Weimjeimss •strem! verpönt. Diese Schwache für Cvpermvein l)cnutzeud. drümrlc Josef beständig zur Krobenuur der Insel Apliroditcns. 1111 Rausche war es. als Selim einst den drängenden Josef uniannte mit dem Ausrufe: ״l־'ilrwahr. werde ich Sulla» und erobere ich Cvnern, so sollst du König v<»1 Cypern werdenI" Voll Ulilck ging Josef heim und liess in seinem Hause das gemalte Wappen Cpveriis aufhiimjen mit der Umschrift: Josef, Kopie von Cvpern, Als Solinnm der Grosse vor den Mauern des von Ziiiiv iieklciiiniitig verteidigte» Sigeth gestorben war und Selim den Thron bestiar. vermiss er seinen alten Vertrauten nicht. Kr verlieh dem letzt zum Islam mit seinem Bruder übcrgetrcteiien Josef den Raue eines Deftcrdars. ihn damit unter die ..vier Säulen" cinreihend. die das türkische Staatsgebiiude trugen. Auf der Rückkehr von Belgrad ging Josef seinem •״Iten (immer entgegen, ihm durch!Missfall huldigend. Selim II. hob ihn iremullieh auf und machte ihn zum Herzog von Naxos und der zwölf Cvkladen. Als Trihnt hatte der neue Herzog mir 11000 Dukaten zu emricliten. und für den Weiuzehut. den ihm Seliiu II, dazu verlieh, rar mtr 20110. So ist es kein Wunder, dass Josef. letzt Herzog von Naxos, ungeheure Reich• tinner saunncln konnte. Cypern indes, das Sei im err.berte, wurde .loset trotz alten Versprechens nicht /uni Lehen übergebe». Die Hinkünfte dieser neuen Besitzung erhielt die jeweilige Sultanii-Valide (•Mutter). Die Grossen des Reiches murrten über die Stellung dieses Juden und die unerhörten Vereiinstigmigeu. Selim verschanzte sich hinter der Aus* rede, sein grosser Vater habe alles so_ gewünscht, mul er iiilire nur dessen Befehle aus. סיג war und blieb Josef der mächtigste Mann im Staate nächst dem Sultan. Alle Versuche, ihn zu stürze», schlugen fehl: selbst der «rosste Vesir. den die osmanisehe Geschichte kennt. Sokolli. der eine Maelm'iiilc hcsnss, wie sie in unserer Zeit Bismarck, und in vereungener vielleicht Richelieu unter Ludwig XIII. echabt haben, vermochte nichts gegen den Humorkommliiu׳ nuszurichteii.So «ross war Josefs Ansehen, dass selbst nach seines Beschützers Tode niemand ihn anzutasteii wa«te. Der letzte Herzog von Naxos starh töT» eines natürlichen Todes. Allerdings wurde naeli seinem Ableben sein «anzes Vermögen von Sokolli cingezoeem Doch geschah dieses weniger aus Hass als auf Grund eines verderblichen, im Lanic der Zeit entstandenen Gewohnheitsrechtes, nach welchem die Sultane hezw. der!•'iskus sich einfadi Hrbrechte über die Besitztümer der reichsten Untertanen nnmassten. besonders über diejenigen reicher,!»»gerichteter. hoher Würdenträger, wie (irossvcMcre und Statthalter. Josef Nnsi ist eine der «läiiH’mlstcn und eigenartigsten Erscheinungen nicht nur des osimmiselieii. sondern des Jiidentunis überhaupt, Man kann ruhi« lieliaupten. dass er unter Selim II. indirekt ein auf der Höhe seiner Macht stellendes Weltreich beherrscht hat.“ Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTrietsch (Berlin). (Fortsetzung.) Im Palle von Persien und Marokko handelt es sich um eine Einwanderung nach der Türkei aus andere וו Ländern im Falle der yetnenitischen .luden um eine Einwanderung von Juden aus türkischen Gebieten nach Palästina. Wir haben aber auch aus dem Kern lande der Türkei eine merkwürdige Konzentration zu verzeichnen, die nach Palästina tendiert. Juden von der Ettphratgegend u. z. vom oberen und unteren Euphrat, von Kurdistan und von Bagdad, Juden aus allen Gegenden der Türkei kommen immer mehr und mehr nach Palästina, Das ist eine Tatsache, die für uns von ziemlicher Bcdcu* tung ist; denn bisher hat cs eigentlich in unseren Kolonien in Palästina sehr an einem jüdischen Arbeitermaterial gefehlt. Ein solches konnte nun von diesen völlig akklimatisierten, völlig anspruchslosen Juden aus anderen Teilen der Türkei gestellt werden und kann den ungesunden Zustand beseitigen helfen, dass bisher in jüdischen Kolonien mehr Araber Beschäftigung gefunden haben, als es dort Juden Pb. Zum Thema von Zahl und Art der Juden gehört auch die Verteilung auf Stadt und Land und da sehen wir, dass bis auf die noch nicht ganz 8000 jüdischen Kolonisten in Pa• lästina und die etwa 500 jüdischen Kolonisten rumänischen Ursprungs, die in Kleinasien leben, alle über 500 000 Juden der Türkei Städter sind. Das ist eine der wichtigsten Erscheinungen ces jüdischen Lebens in der Türkei. Einstweilen benütze ich diese Feststellung nur, uin darauf hinzuweisen, welche Rolle die Juden im türkisehen Parlament spielen und welches ihre allge* meinen politischen Aussichten in der Türkei wären. Ich bin der Ansicht, dass die Klarheit hierüber zu den Grundlagen der Erörterungen gehört, welche wir pflegen wollen. Wir haben also 500 000 Juden in der Türkei. Von diesen sind ungefähr 1000ÜÜ eingewanderte ostcuropüische Juden, die zum grössten Teile die türkischo Untertanenschaft noch nicht erworben haben. Türkische, wahlberechtigte Juden gibt cs also ungefähr 400000 und da nach dem tür* kischen Wahlgesetz je 100000 Einwohner einen Deputierten wählen können, so würden auf die Juden 4 Deputierte entfallen. So viele haben sie auch. Aber trotzdem ist dieser Zustand als ein ausnahmsxveiser zu bezeichnen, denn die Juden sollten m eh r haben als ihnen rein nume* risch ziikommt. Das mag nun sonderbar klingen. Aber ich habe eben erwähnt, dass die Juden ein fast durchweg städtisches Element bilden; und in allen Volksvertretungen der Welt sehen wir, dass die Städte mehr Deputierte in den vcrschie• denen Volksvertretungen haben als das flache L and. Ausserdem schickt man in die Volksver• tretungen Leute mit gewissen geistjgcn Fähig• keiten, die in den Städten, in den Zentren des Handels und Verkehrs häufiger und ausgeprä־״ tcr zu finden sind als auf dem flache Laude nut seinen primitiveren Einrichtungen, primitiveren Lcbensverliälfnissen, primitiveren Kenntnissen. — ln allen Ländern, in denen die Juden auch nur einen Schein von Gleichberechtigung besitzen, sind sie in grösserer Zahl, als dies der Verhält• nisziffer entspräche, in den Parlamenten zu finden. Wir können darauf rechnen, dass im zweiten, sowie in den folgenden türkischen Par* lamenten Juden in grösserer Zahl zu finden sein werden. Wenn die türkische Regierung, wie bereits vorher erwähnt wurde, gern Arme* nier in verhältnismässig grosser Zahl im Staats* dienst verwendete — bei Griechen und Juden war das ähnlich der Fall — so erhellt ja auch hieraus, wie natürlich es ist, dass auch die B c v ö l k e r u n g ihre eigengcwählten Vertreter mehr aus den Kreisen entsendet, die aus den erwähnten Ursachen auch die Bevorzugung sei• teils der Regierung gemessen. Ich glaube also sagen zu können, dass in den späteren Parlamenten Juden in erheblich grösserer Zahl vertreten sein werden. Und wenn dies bis jetzt nicht der Fall war, so hat dies merkwürdige Gründe. Die Türkei trat an die Parlamcntswahlon recht wenig vorbereitet her• an. Wählerlisten bestanden fast gar nicht oder nur sehr unvollständig, und waren in der File sehr schwer zu vervollständigen. Dazu kam noch, das bei den eigenartigen türkischen Zu• ständen das flache Land in statistischer Beziehung der Regierung besser bekannt war. Die Städte waren viel weniger leicht zu kon• trollieren. Auf dem Lande bestand durch die Be• steucrungsvcrhältnissc ein enger Konnex zwi• sehen Beamten und Volk, ln den Städten, deren Berufe der Besteuerung viel weniger unterlagen und wo auch zahlreiche nicht-ottomanische Be* wohn er leben, war dieses Verhältnis ein viel lockereres. Man wusste sogar von Vielen nicht, ob sie türkische oder andere Untertanen seien. So kam es, dass die Wählerlisten für das Land ziemlich verlässlich gemacht werden konnten, während die Städter zu kurz gekommen sind, und damit auch die Juden, die fast ausschliess• lieh Städter sind. Nun gehe ich zu einem weiteren mate« Ti eilen Punkte über, nachdem ich von einem andern, den Kosten der ׳Uebersiedlung, schon früher eingehend gesprochen habe. Ich habe da gezeigt, dass bei entsprechender Organisation und unter der Voraussetzung, dass wir das gleiche Element von Auswanderern zum Orient lenken können, das heute nach dem Westen geht, eine bedeutende Summe für die Installation, für die Selbständigmachung der Einwanderung gespart werden kann. Sic wissen bereits, dass eine halbe Million Juden im türkischen Reiche bis auf uno׳efahr 8500 Städter sind. Ich will hinzufügen, dass auch unter den Juden, die mit der Und• wirtschaftlichen Kolonisation auf ihrem Banner nach P a 1 ä s t i n a gezogen sind, die grosse Mehrzahl heute städtische Juden sind. Dies ist nicht nur eine Erscheinung Palästinas oder der Türkei allein; a 11 e jüdi• sehen Ansiedlungsbcstrebungen, die darauf aus• gingen, landwirtschaftliche Kolonien anzusie• dein, haben bisher ähnliche Resultate gezeitigt. Ich kann Ihnen das an einem Beispiel iliuHtricren, das — hei uns wenigstens nicht so im Kampfe der Meinungen stellt als die Kolonisa• tion in Palästina, das ist die Kolonisation in Argentinien. Baron Hirsch hat de» ausserordentlich grossen Plan gefasst, Osten• ropa von Juden zu evakuvieren, indem er eine grosse Auswanderung unterstützte und dies!• Auswanderung nach dem Süden Amerika י lenkte, um dort die Juden wieder ״der Scholle zuzuführen‘*, wie man so schön sagt. Die lea, die jüdische Kolonisationsges־׳!!• schuft, die mit der Ausführung der Absichten des Baron Hirsch betraut wurde, hat in der *hu über 60 000 Juden nach Argentinien gebrach! und mit ganz wenigen Ausnahmen kann man sagen, dass alle diese Juden mit Unterstützung der lea dorthin gegangen sind, und dass sie a!־ eigenen Mitteln verschwindend wenig dazu beigetragen haben. Alle diese Juden sind auch dort hingebracht worden, u n t c r d e r Vor• a u s s e t z u n g, dass sie dort L a n d w i r 1 schalt treiben würden. Alle hatten sich die• vorgenommen und wahrscheinlich haben alle m jeder möglichen Weise beteuert, dass sie von 1 lause aus die Landwirtschaft kennen oder kein anderes Ziel haben, als 1 a n d w i ri schaft lieh zu arbeiten. Und trotz, alledem, trotz der ungezählten Millionen, die dort zur Verfügung standen, trotz der grossen und mühe• vollen Arbeit, die dort geleistet worden ist, gibt es jetzt in Argentinien bloss etwa 13 000 Juden, die in den Kolonien auf dem Lande wohnen und in ß u e n 0 s Aires hingegen gibt es ein frei• williges Ghetto von etwa 50 000! Also die jüdische Kolonisation, die daran! ausgeht, die Juden aus Osteuropa, die dort nicht Landwirte waren, in einem neuen Lande zu solchen zu machen, muss fehlschlu^u. schlug fehl in Argentinien und sc hing auch in Palästina fehl. Die Zahl der palästiueu• sischen ״Kolonisten“, die heute in den S t ä d t e 11 wohnen und irgendwelchen Berufen nachgehen, ist v i e l grösser, als die Zahl derer, die in den Kolonien geblieben sind, obwohl es an Unter• Stützung, an Hilfe verschiedener Art und vor allen Dingen an der ״grossen Idee“ doch nicht gefehlt hat. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass auch die landwirtschaftliche Ko־ Ionisation ihre grosse Bedeutung hat und ich möchte sagen, es ist ein Erfolg, wenn, trotz der grossen Schwierigkeiten, die diesem Werk entgegenstchcn, doch über 10 000 Juden Argentiniens auf den Kolonien tätig sind, und ein noch grösserer Erfolg, dass in Palästina an 8000 Juden in über 30 Dörfern zerstreut Ko• 1 o n i s t e n geblieben sind. Es ist sogar inso• fern in Palästina ein grösserer Erfolg, als wir ziemlich sicher sein können, dass, wer b i s heute Kolonist ist, es auch bleiben wird, während wir in Argentinien, trotz der sehsvan* kenden Berichte der lea, nicht sicher sind, oh nicht auch sehr viele der jetzigen Kolnisten bald in Buenos*Aires sein und in den Kolonien durch neue Zuzügler ersetzt werden. Es ist also ein Faktum, dass in der Mehrzahl der Fälle die mit grossen Mitteln insze* niertc landwirtschaftliche Organisation nur ein Uebergang war zu städtischer Ansiedelung, die man viel billiger hätte haben können. Aber, wie gesagt, in Palästina sind wird unse• rer Kolonisten sicher. Ihre Zahl ist im Steigen, und es ist eine interessante und ermutigende Tatsache, dass gerade in den letzten Jahren, wo wir weniger über die Kolonisation ge• sprochen haben, grössere Erfolge er* zielt worden sind, als in der Zeit, wo man so viel sprach, aber weniger reale Arbeit geleistet hat. Allerdings ist das zum Teil ein Erfolg der Zeit und der Erfahrung. (Fortsetzung folgt) (Fortsetzung auf Seite 408.)