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Jüdische Rundschau · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 35. JUÜDiSCi-iE RUNDSCHAU Seite 405. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp l. P, (Schluss,) Ein eigentümlicher Zufall hat cs gewollt, dass fast um dieselbe Zeit, in der mein Uueh erschien, sich die Vereinigung für das liberale Juden- <am in Deutschland gebildet hat. Auch in linglaitd mul Frankreich sind kleine Ansätze zu einer liberal religiösen.Bewegung gegeben. Trotz des guten Willens und einer gewissen Freudigkeit, mit der hier u-ul ua die Bewegung begriisst wurde, ist schon heute wenigstens soviel klar, dass diese letztere die Zukunft des Judentums in keiner Weise vorbildct und verbürgt, ja dass sic Schaltern muss. Schon dass sie 1׳ e!u aus sieh selbst geboren ist, sondern im Grunde um• die Antwort auf den Zusammenschluss der Ortiio* dnxeii bildet, ist ein böses Zeichen für die geringe Kraft ihres Eigenlebens. Ein anderes böses Zeichen dass der Bewegung jeder bestimmte positive Qelv.lt abgeiit: sic ist rein negativ gegen die Ansprüche der Orthodoxie auf ihre ausschliessliche Geltung und e gen den lndifferentisnius gerichtet. Das Programm :übst cntliiiit kein Wort über die Lehre, den Sinn mul die Aufgabe des Judentums nach liberaler Auf-!.־.snng. Ganz natürlich! Denn bei der fehlenden rinhcitlichkcit der Anschauung unter den Mitgliedern «Kr Vereinigung wäre cs völlig unmöglich gewesen, i.a Programm darüber etwas zu sagen. Nimmt man •ic Zeitschrift der Vereinigung zur Hand, dann wird ,lis alsbald offenbar. Dem einen Autor erscheint 1 ״s Judentum vor allein als sozialer Organismus, der ״is solcher für sich selbst und In sieli seihst wichtige \mgabcu zu lösen hat. (Heft IV S. 79—80.) Das ist eine Auffassung, die der des Zionismus immerhin i.ilakoimiit. Dem andern wieder ist das Judentum 1״ י.יוווeiitnationnllsiei'le Mcnschcngruppc", die sielt /׳na .,Träger der foziai-ctliischcn Interessen des Menschengeschlechts“ gemacht hat (Heft V S. 104); und einem dritten bereits seit der Zerstörung Jerus.ilems eine blosse Glaubensgemeinschaft mit dem geuugsain bekannten Missionsidcnl (Heft UI S. 63). Cherhaupt aber fehlt in der Theorie jede gemeinsame! ׳-'itive Grundlage. Nach dem Programm scheint nun die Stärke der Bewegung auf praktischem Gebiete liegen zu sollen. Aber wie ist cs denn nun z. U. mit der Sabbatlifragc? Ein Autor sagt: ״ohne Sabbatli und Fest* tage ist historisch das Judentum in der Vergangenheit und in der Zukunft undenkbar, alle anderen religiösen Zeremonien sind für seinen Bestand irrelevant, mit diesem stellt und fällt cs. vlieft V S. 111.) Ein anderer Autor, der die fundamentale Bedeutung der Sabbathfrage auch erkennt, erklärt letztere für die nächste Zeit als unlösbar (lieft 111 S. 57 ff.), während Stimmen aus der Lnicnwclt entschieden die Ver- Icgting des Sabbaths auf den Sonntag verlangen und deutlich zu verstehen geben, dass doch nur eine solche Lösung aus dem Programm der Vereinigung gefolgert werden könne und dass ln solchen Massnaim.cn ihre Existenzberechtigung begründet sei. (Heft VI S. 132ff.). Schon hat sich, um solcher praktischen Fragen willen, der Vorstand der liberalen '׳erci.iigung zu der Erklärung genötigt gesehen, dass die Vereinigung nicht beabsichtige, ״bestimmte Foröerungen auizustoilen." (Heft VII S. 145.) Allein wenn die Vereinigung unfähig ist, a 11 c 11 nur i 11 r ausschliesslich prakt i s c 11 c s Programm durchzuführen, was bann sie dann Ui ז die Erhaltung und die Zukunft d c s Judentums bedeuten? l'ml das liegt, wie wir gcrcchtermasscn zugeben :missen, nicht an der Vereinigung, sondern, wie jedermann weiss, an den Verhältnissen, und in der so wichtigen Sabbathfrage vor allem an dem Konflikt mul nicht aufzulösenden Widerspruch zwischen den unabänderlichen Verhältnissen des Diasporajudentunis mit dem jüdischen Bewusstsein. Ist dem aber so, daun können wir cs doch nur als eine leere Phrase bezeichnen, wenn in der Zeitschrift der Vereinigung, mit Variierung eines bekannten, wirklich wahren Wortes, gesagt wird, das Judentum werde entweder liberal sein oder es werde nicht sein. Ein schon zitierter Autor sicht das Judentum zunächst als sozialen Organismus an und kommt dadurch der Wahrheit schon näher. Es ist, wie auch er richtig erkennt, unmöglich, die grossen Massen des Diasporajudentums lediglich durch ein paar abstrakte religiös-sittliche Ideen dauernd zusammen zu halten und also die Erhaltung des Judentums auf rein ideeller Grundlage zu sichern. Claude Montefiore, das Haupt der religiösen Liberalen in England, gibt die hierin liegende grosso Schwierigkeit zu, um so mehr, als er der Wahrheit gemäss clnräumcn muss, dass das Judentum bisher In seiner nnjlirtausendjährigen Geschichte auf nationalen Grundlagen geruht habe. Man muss sich nur wundern, dass er trotzalledem zu einem so halsbrecherischen Experiment, wie das liberal-assimilatorische Judentum cs darstcllt, raten kann, wo es sich um das Wohl und die Zukunft von Millionen Menschen handelt, um das Heil eines Volkes, das der Welt schon einmal so Grosses geleistet hat und auch für die Zukunft Erspriessliches zu leisten verspricht. Nicht einmal der geniale und heroische Prophetismus hätte allein‘ durcli seine erhabenen religiös-ethischen Ideen die Zukunft des Judentums sichern können. Seihst er bedurfte, wie Montefiore nicht nnbekannt sein kann, zur Erhaltung des Jüdischen Volkes für seine Ideen, der national-nicsräanisclien Hoffnung: und da sollte uns schwächlichen Epigonen gelingen, was jenen Feuergeistern unmöglich gewesen ist?! Ist die Sachlage für eine richtige Stellungnahme'denn gar so schwer zu fassen? Ein paar abstrakte religiös-ethische Ideen sollen das Diasporajudentum tragen, tragen trotz des in den Massen, nicht zuletzt in der grossen Masse tjer Gebildeten, oifen zutage liegenden und vielbcklagten religiösen ltuliifercntismus! Tragen in einer Zeit, die zwar in tieferen Geistern viel religiöse Selmsucht, aber infolge der allgemeinen wissenschaftlichen und kulturellen Lago wenig religiöse Kraft besitzt! Religiöse Ideen sollen in einer solchen Zelt das Judentum bei seiner beengten, bedrückten und bedrückenden, .selimiielivoll-traiirlgen und verzweifelten Lage tragen! Bei einer Lage, die den Abfall so vieler Oebildeten zeitigt, bei einer Lage, die eine konkrete Gestaltung des religiösen Lebens durchaus nicht ׳zulässt! Wenn trotz der traurigen Lage des Diaspora- Judentums noch viele Gebildete unter uns Juden Blei- Den, so geschieht cs, wie jedermann weiss, doch nicht, oder doch nur ganz ausnahmsweise, wegen der Kraft der sic beherrschenden religiösen Ideen, sondern aus einer gewissen Anständigkeit der Gesinnung, die öfters von dem wachsenden Jüdischen Selbstgefühl begleitet ist und sielt manchmal auch nocli mit dem dunklen oder starken Glauben an eine so oder so irgendwie gestaltete Zukunft des Judentums verbindet. Die Itis t o r i s eitc Bedeutung des Judentums ist ihnen mehr oder weniger aufgegangen. Diese Einsicht hilft mit, neben dem als berechtigt empfundenen Vorwurf der Fahnenflucht, der Unehriiclikcit und des niedrigen Strebertums, neben der Pictiit, dc:h gegebenen gescllschaftlichcu und verwandtschaftlichen Zusammenhang und der auf dem Rasseninstinkt beruhenden Zuncigung zu den Stammesgenossen. Die Religion selbst spielt bei dieser Treue nur eine sehr beiläufige oder gar keine, Jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle. Die Religion an und für sich trägt das neue Judentum nicht: darüber ist bei ehrlicher und bcsonnener Beurteilung eine Täuschung gar nicht müglieh; sic hätte D selbst das alte, innerlich starke Judentum ohne die »ational-mcssianischc Hoffnung nicht getragen. Das llinsehwinden der alten jüdischen Ghettokultur und die Erfüllung der Juden mit modernen Ideen muss die Erhaltung des hart um seine Existenz ringenden religiösen Judentums nur noch schwerer, nur noch unmöglicher machen. Das religiöse Bewusstsein der Juden steigt und füllt in 1 der Diaspora im allcrgünstigstcn Falle mit dem der I Umgebung. Die Religion .kann nun und nimmer allein die Grundlage des zerstreuten, jetzt auch geistig auscinandergeworfen cn Judentums bilden, sie kann nur wieder einmal die höchste Blüte eines eigenen Kulturlebens werden, und das fordert die Verwirk- 1 i c 11 u n g des Zionismus. Während man theoretisch noch immer an dem Phantom einer blossen Religionsgemeinschaft festhält, findet praktisch in den letzten Jahren eine wachsendo Annäherung an die Bestrebungen des Zionismus statt. Die drängende Not der Juden des Ostens verlangt, gebieterisch nach neuen Einwanderungsländern. Längst haben grosse Hilfsorganisationen in Palästina mit grösserer Intensität zu arbeiten bcgönnen, und insbesondere der. Hilfsvcrcin der deutsehen Juden arbeitet dort in einer Richtung, die auch in zionistischen Kreisen Zustimmung findet. Der Tcrritorlalismus war ein historisch immerhin intcrcssantcr erster Versuch, national und nicht national gesinnte Elemente im Judentum zu gemeinsamen praktischen Zielen zusammcnzuschiicsscn. Es sollten Gebiete gefunden werden, die für jüdische Siedclungcn naturnotwendig von innen heraus nationalen Charak« tcr annchmcn müssten. Die ״Allgcm. indische Kolonisations-Organisation“, deren Gründung infolge der türkischen Revolution im vorigen Jahre in die Wege geleitet wurde, ist ein zweiter ähnlicher Versuch, der praktisch in mancher Beziehung noch näher an den Zionismus hcrankommt. Diese Organisation soll reichere Geldmittel für ciao grossangelegtc jüdische Kolonisation der Türkei und natürlich besonders Palästinas aufbringen. Bisher hat man von Erfolgen des Territorialismus noch nichts gehört. Dagegen ist dieser nach langer Irrfahrt durch sein Mesopotamien-Projekt dem Zionismus wieder näher gerückt. Wir begrüssen diese Annäherung an die praktischen Ziele des Zionismus mit aufrichtiger Genugtuung. Ebenso freuen wir uns, dass die ..Aitgemeine jüdische Kolonisations-Organisation", von der cs so rasch wieder still geworden war, nun doch wirklich ins Leben treten soll. Allein wir müssen doch wiederholen, was wir im Dezember vorigen Jahres in einem Artikel der ״Weit" geschrieben haben. Wir sagten dort, die neue Organisation werde sieb, falls sic wirklich in Aktion treten und lohnende Arbeit verrichten werde, je länger, desto mehr überzeugen, dass die Sache mit Geld allein, ohne die Triebkraft der nationalen Idee nicht zu machen ist. Man verkennt eben in nichtzionistischen Kreisen noch immer gar zu sehr den Wert, die Kraft und die Bedeutung der nationalen Idee und ist dort stets geneigt, der jeweiligen Konstellation am politischen Himmel, mehr als der heiligen Sache unseres Volkes und seiner Zukunft zuträglich und bei einer besonnenen, furciitlo.sen Beurteilung der Dinge nou wendig ist, Rechnung zu tragen. Das Fehlen der nationalen Idee lastet als ein schweres Hemmnis und ein wahrer Unsegen auf allem, was für die Zukunft des Judentums und zu seiner Förderung unternommen wird. Das nationale Bewusstsein ist, zumal in unseren Tagen, der stärkste Krafterzeuger und darum die unerlässliche Vorbedingung fiir dio Wiedergeburt des Judentums. Das Fehlen der nationalen Idee bedeutet praktisch den Verfall und dio Auflösung des Judentums, während cs moralisch und wissenschaftlich, subjektiv nicht immer, aber objektiv, stets, eine Verunreinigung und Vergiftung der Atmo, Sphäre bedeutet, in der das Judentum sich geistig bewegt. Der wahre Weg zum Heile kann mir in der, geschichtlichen Entwicklungslinie des Judentums liegen. An diesem Wege müsst n die ideale als richtunggebend aufgcpflauzt sein, die das Judentum, nach unserer Kenntnis der jüdischen Volksseele und ’.er, Verlaufs der jüdischen Geschichte, durch ali<> Zeiten und Stürme getragen haben. Nur dann, wenn wir an die nationale Zukunft des jüdischen Volker, glauben und für sic arbeiten werden, nur dann wird das Judentum, und insbesondere auch das religiöse, eine Zukunft haben. Das Judentum wird zionistisch sein oder cs wird nicht sein. Don Joseph Nasi Unter dem Titel ״Dic Juden am a 11-os - manischen Hofe“ bringt die .,Frankfurter Ztg.“ einen Artikel von Dr. E. Schulz (Hamburg), in dem auch die eigenartige Figur des iitdi sehen Herzogs von Naxos behandelt wird, — allerdings in einer Weise, die unserer Kenntnis der Dinge wenig entspricht, vielmehr den zeitgenössischen (mittelaitcrliehen) Quellen entlehnt scheint, die sich den Juden nicht anders vorstclleii konnten, als geldgierig, hinterlistig und eitel. -־•Darauf sind auch die Märchen von der Entführung der reichen Verwandten, der Betürmig des Thronfolgers und die Geschichte mit dem Wappen zuriic);zt1fiihrcn. Audi der erwähnte Uchcrtritt zum Islam entspricht bekanntlich keineswegs den Tatsachen. Wir lassen jedenfalls das Wesentliche mis dem oben erwähnten Artikel folgen und können unseren Lesern für eine der nächsten Nummern eine andere Behandlung desselben Themas in Aussicht stellen. Dr. Schulz schreibt jn seinem Artikel: .... •Unter Scilnis Sohn mul gVossem Nachmlgcr taucht in Konstantinopel ein Maranne Don Miquez aus Spanien auf. Er war vor der Inquisition zunächst nach Antwerpen entflohen. Dort entilihrtc er eine sehr reiche Jüdin, der zu Liebe er zum Glauben seiner Väter zuriickkchrtc. Da Venodig ihm ein Gesuch zur Niederlassung .׳!!»schlug. begab er sich in die Türkei, Durch seine Bildung, seine Klugheit und sein schönes Aeusscre zog er die Aufmerksam- Reit des Thronfolgers auf sich, des späteren S e i i m II. Bei diesem stieg er so in Gunst, dass er sämtliche Nebenbuhler bald aus dem Felde schlug. Seinen spanischen Namen legte er ab und nannte sich

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