Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 404. JUED1SCHE RUNDSCHAL No. 35. schlafen wir nicht allzu Neues vor. denn noch vor der türkischen Revolution bekämpften wir manche Bestimmungen des Baseler Programms, weil wir sie als unnütz oder gerade schädlich hielten. Aber jetzt selten cs viele ein, sogar Wolt'fsohn selbst. Von Anfang an bekämpften wir den Charteris־ mus und die Vorstellung, als ob wir den Zionisums durch die Hilfe der fremden Regierungen verwirklichen werden. Ebenso wiesen wir darauf hin, dass eine gegebene Autonomie nur ein papierener Titel ohne Wert ist, für den man keinen Heller geben kann. Jetzt selten es viele ein: die Tcrritorialistcn haben sich jetzt von dem ■ falschen Gedanken losgesugt, dass eine jüdische;Masscnkolonisaiion ohne vorher erlangte Auto• nomic unmöglich sei; die amerikanische Zionistisehe Federation hat sogar einen Beschluss { gefasst, eine entsprechende Änderung des Baseler Programmes zu verlangen «ml in seinem interview J (erschienen im Konstantiuopeier ״Le Courrier d’Oricut“, No. 85 vom 28. Juli 1909) hat Wolffsolm schon das Baseler Programm in wesentlichen Punkten abgeändert. Jedenfalls verlangen wir, dass diese Abündcrimgen in Harmonie mit dem Kern unseres Ideal gebracht werden und nicht vom nackten Opportiniismus diktiert werden sollen. Worin besteht dehn unser Ideal? Soziale und kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina — das ist der wahre Kern des Zionismus. Nichts anderes. Alles übrige ist Zutat zufälliger Natur. Niemals hatte der Zionismus politische Absichten, worauf schon llcrzl in seiner Rede am II. Kongress hingewiesen hat, als er sagte: ״Die Juden sind keine politische Macht und werden nie mehr eine politische Macht sein" (Protokoll des 11. Kongr., S. 7.) Denn geschichtlich betrachtet lud das Judentum niemals — mit Ausnahme der kurzen Periode des David-Salomonischen Königtums und während zweier Jahrzehnte der Makkubäcrcpoehe — eine politische Rolle gespielt. Und jetzt im XX. Jühr- Hundert einen Duodezstaat begründen zu wollen, das konnte keinem Juden einfallen. Denn die Grösse Israels liegt auf einem ganz anderen Ge* biete — auf dem Gebiete der sozialen und kulturellcn Schöpfung. Dazu ist keine politische Autonomie notwendig; dazu brauchen wir einfach allgemein rechtliche Grundlagen, die die Freiheit des Individuums, Sicherheit des Eigentums und Raum für nationale Entwicklung garantieren, j Vom wirtschaftlichen und politischen Stand■ punkte haben wir alles Interesse daran, unter dem Schutze eines starken, grossen Reiches zu stehen und ja nicht darauf angewiesen zu sein, uns gegen die Fresslust fremder Grossniäehtc vorleidigen zu müssen, Deshalb ist die ganze jetzt geltende Definition des Zionismus, wie sic im Baseler Programm steht ■— grundfalsch, indem sie im besten Palle nur die zufällige Form und nicht den Inhalt unseres Zieles angibt. Der Zionismus strebt nicht nach einer ״öffentlich־ rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk", sondern nach der sozialkulturcllcn Wiedergehurt des jüdischen Volkes, die unabhängig ist vom öffentlich-rechtlichen Charakter der Heim- Stätte." Und weiterhin sagt Pasmanik: ״Wenn auch die Baseler Porniel geschichtlich unrichtig ist, heutzutage ist cs allen klar geworden, dass wir nicht länger eine falsche Formulicrung des Zweckes unserer Bewegung bcwahren können. Sic muss geändert werden — auf dem bevorstehenden Kongress." Der Autor kommt dann zu einer neuen Forinulicrung des zionistischen Programms, die wir aber tür sehr wenig glücklich halten, und sagt dann am Schluss: , . ״Wir möchten noch darauf hinweisen, dass für uns diese Veränderung (vlcI inc 1»r duren den Inneren Inhalt unscrcs 'D״oa.1^• als durch die äusseren Vcrdndcrungen, speziell ln der , ,, S, bedingt sind. Deshalb kann 1 dem Umwand kommen, man müsse die K״nsolj> dicrung der eingetretenen Veränderungen ab'״‘'r* tcn. Eigentlich sollte unscf,״«*°* grainm von Anfang an so 'auten. wie wir cs jetzt Vorschlägen und wie Wolffsolm cs nun tu seiner Konstantinopclcr Unterredung kommentiert hat." Wir können uns natürlich keineswegs mit jeder Einzelheit der oben zitierten Äusserungen cinver• standen erklären — zweifellos aber ist hier in dankenswertester Weise Stoff zum Nachdenken geboten ~ znnt Nachdenken über notwendige Andcrungen in der zionistischen Auffassung und Praxis, die sich in der Setzten Zeit mehr und mehr vorbe־ Der IX. Kongress Eine Entgegnung Wie vor den früheren Kongresses, wird auch dies Jahr wieder die Diskussion über die zionistische Politik in den Spalten unserer Presse geführt werden. Diesmal wird sic darunter leiden, dass wir über die Stimmungen ' in Konstaiuinopel noch' wenig unterrichtet sind. Ob erst die Eröffnungs-Sitzung des Kon* gresses hierüber die dringend gewünschte Aufklärung bringen wird oder ob vorher Berichte des Präsidenten eine Klarstellung bringen, stellt noch dahin. Immerhin — die früher nicht immer harmonisch verlaufene Symphonie der Debatten hat begonnen — und zwar nicht mit einer Fanfare. Es klingt wie der Auftakt zu einem panisraclitischcn Konzert. Als der politische Zionismus seinen ersten schwcreu Schlag erlitten hatte durch den Tod seines unver« gcsslichcn Begründers, beeilten sich vicic seiner An-!länger, den zweiten schweren Schlag hinzuzufügen und seine Ideen ebenfalls zu tüten. Es führt eine gerade Linie von jener Zeit bis heute — nur keine vorwärts gerichtete. Das stärkere Betonen praktischer Arbeit in Palästina — wer hätte sich dem widersetzt? Nicht deshalb dlg grossen Stürme und Scpatationen. Aber der Ton war es, qui faisait ia musique. Ohne prophetisch veranlagt zu sein, wusste man, dass der grosse politische Gedanke Dr. Theodor Hcrzls in das Museum verbannt werden sollte. Aber nein. Nicht in ein Museum. In das Museum geht man, um die Werke der Früheren staunend zu betrachten mul sich an ihnen zu erbauen. In die Rumpelkammer war( man, was Hcrzl als sein Kostbarstes uns gegeben und man lächelt, wenn man cs sieht: . . . Politische Taten! Man lächelt, wie wenn man in der Rumpelkammer das altmodischste Vehikel stehen sieht: Damit glaubte man früher sein Ziel zu erreichen, bevor wir unser Automobil hatten! Nun ist cs so eine eigene Sache mit diesem Vorgleiche. Das Automobil ist in der Tut ein neues Fahrzeug, während man uns im Zionismus gerade das neue entreisst und uns mit begeistertem Augenaufschlag unseren lieben alten Schubkarren in die Hand drückt. Bei dem ist jede Panne uusgesehiossen. Unä wenn auch, man braucht nicht gelernt zu haben, um ihn reparieren zu können. Aber die neuen Verhältnisse in der Türkei, zwin. gen sic uns nicht zu neuen Arbeitsmethoden? Selbstverständlich! Das ist niemals geleugnet worden. Wir werden, wenn die Türkei ein Rechtsstaat ist und die geplanten Reformen durehgeführt hat, in PaläMina als türkische Bürger leben können, ohne des intcrnationalen Schutzes zu bedürfen. Das haben wir aus den Ereignissen der letzten Zeit gelernt. Das aber ist himmelweit verschieden von dem, was uns zugemutet wird: Verzicht auf die Forderung einer Selbstverwaltung. Wenn wir diesen Punkt fallen lassen sollten —• was Gott verhüten möge ״. daun hätten wir mit ruhiger Hand und nach vor.,״s. gegangener Diskussion unsere Hoffnung umgebt acht. Man sollte, wenn man als Zionist jüdische Oeseliicla• studiert und dem Judcneleud auf seinem Dornenwege durch das Qolus ins Herz gesehen hat, nicht meinen, dass wir gerettet sind, wenn wir ein Golus mit dem andern vertauscht halten. Das eben hat uns der Zi<>. nismus gelehrt, dass wir eine jüdische Heimat braudien• in der wir als Juden frei nach unseren Gese./.n leben können, dass wir wie jedes Volk, auch das ärmste und vcrachtctstc, ein Fleckchen Erde!ulen müssen, in dem wir wurzeln können und wo wir :r-a sind, wo wir freie Mcnsclien sein können. Dies ganz allein ist cs. was uns der Zion;• ums gegeben hat, alles andere ist Kommentar, sind Ausfültrungsbestimimingen dazu. Nationale Erziehung wollt ihr als Gcgcnwartsarbeit? Wozu? Um Iwvv.re Türken sein zu können? In aller Welt wozu? Als nicht vielmehr dazu, damit man besser erkenne, als es jetzt leider geschieht, was uns not tut, und liu.mt man mehr Mut habe, cs gerade heraus zu sagen. •Im vorigen Artikel stand, man solle keine Sclbstverv.nl. tung fordern, weil man damit Anstoss erregt hat. mal nachher, sic würde von selbst kommen, wenn wir nach dem dort behandelten Plane vorgingen.) Mat gehört nicht etwa dazu, weil ich glaube, dass man in der Türkei Anstoss mit unserer richtig interpretierten Forderung erregt. In unseren trüberen Kundgebungen wurde der Begriff der municipalcn Autonomie gen»• gend erörtert und die feigen Verdächtigungen der Alliance werden nicht allzu lange gläubige Ohren finden. Wenn aber auch, wenigstens in unseren Reihen sollte das nicht der Fall sein. Sollte man es nicht so hinstellcn, als müsse man sich dagegen verteidigen oder sogar davor kapitulieren. Verzichten wir aul die Hofinung. dass die . •elie Heimstätte für uns alle, auch für die innerlich lieimat• losen, ein echt jüdisches Hei m werde, dann können wir den Zionismus zu Grabe tragen — einen Zionismus, um den cs dann nicht schade wäre. W.1s sonst bleibt, das haben auch die andern und nicht schlechter als wir: praktische Arbeit durch K<׳!׳mi• sation und Schulen, durch Errichtung von finanziellen Instituten und durch Schaffung von Erwcrbsmöglic'n• keiten. Nur ein einziges fehlt ihnen, das. was sich uns in einer weihevollen Stunde offenbart hat. die grosse Idee der Freiheit unseres Volkes. Und ich glaube, die Schüler Hp״׳>'s werden weiter dafür kümpien, auch nach d.r Rewe von Riza Tcwfik Bey. Lazarus Barth. Beobachtungen. Gruppe H, Scxualia, wollen wir, ohne etwas daraus zu zitieren, übergehen. ״Von ihnen sprechen Ist Verlegenheit."- Gruppe III hingegen zeigt in amüsanter Welse den christlich-germanischen Aussichtsturmbesucher von einer anderen Seite; vor allem fiel mir da ein QcdlcUt las Awge, dass, wie die geehrten Leser gleich selbst entscheiden werden, keineswegs den Goethe- י sehen Versen etwas an Tiefe der Gedanken und Schiller nichts an Erhabenheit der Ausdruckswclso nachgibt. Es heisst folgcndcrmasscn: ״Herr sende doch den Moses wieder, Auf dass er seine GlaubcnsbrUdcr Hinführc ins gelobte Landl Lass auch das Meer sich wieder teilen Und lass die tiefen Wasser eilen, Feststem wie eine Pclsenwand! Und wenn dann in der Wasserrinne Die ganze Judenschaft Ist drinne, Dann mach, 0 Herr, die Klappe zu Und alle Völker haben Ruh!" Heil dir GermaniaI In dem Dichter, der leid bescheiden seinen Namen verschweigt* ist dir c neuer wirklich Grosser erstanden I — Ich muss g stehen, dass mich die Tendenz des ersten Teils d sympatisch berührte, die des zweiten jedo nicht, da ich Nichtschwimmer bin, — Doch weite Hnhkan׳]tcr,Autor fordert seine Qia ant* m *!°tecndcn Worten zur Turmbcstcigu ״Ob Mann, ob Wclb, ob kleines Kind, Dort unten alles Juden sind! Herauf ihr Christen! Kommet auch! Hier ist die Luft frei von Knoblauch!“ Grandios, was? Den anderen Herren Autoren ist cs leider nicht gelungen, ihre Gedanken in Verse zu kleiden, sic zetern munter in Prosa drauf los: ״Die Judenfrcchlicit ist doch stark!" und so fort ohne Grazie in infinittim. Ich hatte genug, mir schwirrte schon, der ich ganz allein inmitten dieser blutrünstigen Sprüche sand, etwas von Pogrom und dergleichen. Und ״die Angst beflügelt den eilenden Fuss," schneller, wie Ich gekommen, war ich wieder unten am Strande. — Dort gingen mir allerlei Gedanken durch den Kopf. — Von wem mögen wohl diese von so nobler Qcsinnungsart zeugenden Gcdankcnsprüchc herrühren? ״Proleten," Rote und ähnliche Schrecknisse, mit denen man schreiende blaubllitigc Wickclkinder cinschüchtert, kommen wohl kaum hier herauf; vielmehr sind cs ja wohl durchschnittlich Angehörige der begütertcn und — wie Excmplum zeigt — gebildeten Kreise, die sich Swinemtindc für einige Zeit zum Aufenthalte wählen und die AusslchtsUIrmc heimsuchcn. Demr.aeh wären also die von unglaublicher Qcsinnungsroheit, wie von widerlich schmutzigem Scxualgcfühl zeugenden Schreibereien Produkte unserer ״Bildung" unserer ״modernen Bildung", auf die wir so stolz sind. ־־ Ich will es nicht glauben — — Jedoch die Wändo — sie• reden eino zu deutliche Sprache. Hans Qosiar. ־־ \ t * MsceueN 9 Das Goldland Optiir Durch vergleichende Sprachforschung scheint der Missionar Dr. M a t c c r in seinem Buche ״Land ״f CUarity" die ofiene Frage nach der Lage des biblischen Goldlandes Ophir zu entscheiden. Dr. Matccr bereiste lange Jahre Indien und berichtete in seinem Kapitel über die Naturgeschichte Travancorcs: ״Eine ganz merkwürdige Tatsache knüpft sich an den Namen des Pfaues, der ein geschichtliches Strciiäeüt auf die Bibel wirft. König Salomo (I. Könige X. 22.) sandte seine Flotte nach Tarshish, die nach drei Jahren wieder zuriiekkehrte, beladen mit Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen. Nun lautet das im hebräischen Text der Bibel für Pfau gebrauchte Wort ״tukki“ und da die Juden natürlich keine Bc• Zeichnung für diese schönen Vögel hatten bis zu der Zeit, wo sie von König Salomo nach Judäa cinge• führt wurden, so unterliegt cs keinem Zweifel, dass ״tukkl" einfach das alte Tamllwort ״toki״ (Pfau) Nt. Der Affe heisst auch im Hebräischen ״koph", das Tamilwort hierfür lautet ״kaphl". Elfenbein ist in Slidindlcn Im Ucbcrfluss vorhanden, Gold Ist in den Flüssen der Westküste weithin verteilt. Daher war das Salomoscho ״Tarshish" zweifellos an der West• kllstc Indiens gelegen und Salomos Schiffe waren alto Ostindfcnfahrer."