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Jüdische Rundschau · 1909-08-27 · Heft 35 (27.8.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 402. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 35. wirtschaftlich starke bäuerliche Bevölkerung und zahlreiche, mit .de» vollkommensten wirt• schaülichen Wohlfahrtscinrichtungen ausgc• stattete Gemeinwesen (Kolonien) zu scliaffen. Die Umwandlung von Grossgrund• besitz in bäuerliche Dörfer ist ein Pro* zess von einiger Dauer. Die Ansiedlungs* konunission beginnt nicht sofort, nachdem sie ein Gut erworben hat, mit der Parzellierung. Das Gut wird vielmehr zunächst im Aufträge der Kommission von einem Verwalter weiter bewirtschaftet, der zugleich die notwendigen Vorbereitungen für die Parzellierung zu treffen hat. Je nach der Lage, der Qualität des Bodens etc. werden während dieser sogenannten ״Zwischenwirtschaft״ ßodeuverbesserun״en durch Düngung vorgenommen, Wege angelegt, Gräben gezogen, Drainagen durchgeführt: alles Dinge, die von einer einheitlichen Zentralstelle aus am zweckmäßigsten getan werden körnten. Dann wird der Boden in kleine bäuerliche Par* zellen geteilt, die in der Regel 10 bis 15 Hektar gross sind. Um eine solche Ansicdlerstellc zu übernehmen und mit Gebäuden zu versehen, ist eine Anzahlung von 7000 bis 8000 Mark not• wendig. Wer nur etwa 4000 Mark hat, wird als Pächter eingesetzt. Endlich siedelt die Kom• mission auch Arbeiter an. Eine Arbeiterstclle umfasst 1 bis r־> Hektar, und um eine solche zu erwerben, bedarf es eines Kapitals von nur 225 Mark. Bei dem Aufbau der Gebäude hilft die Kommission durch Gespannleistung, und sie überlasst die Baumaterialien zum Selbst* kosten preis. Nach dieser Methode gedenkt auch die IM״ D.C. zu verfahren. Auch sie will ein ge• kauftes grösseres Grundstück zuerst durch eitlen landwirtschaftlichen Verwalter bewirt• schäften lassen, der mit Lohnarbeitern den Boden in bessere Kultur bringt und ihn durch Anlegung von Wegen und Brunnen, durch Feststellung der Grenzen usw. für die Par* zellierung vorbereitet. Je nach der Lage und Beschaffenheit des Bodens ist innerhalb der Ver* waltungszeit zugleich für Regulierung der Be* Wässerung und für die Anlage von Frücht* bäumen zu sorgen, damit der Körnerbau die in Palästina so wertvolle Ergänzung durch den Pflanz.ungshau erfährt. Bei der Parzellierung wird die IM.. D.C. bestrebt sein, neben den eigentlichen Bauemstellen von 200 bis 250 Dimam und den Arbeiterstellen von 10 bis 20 Dunam auch eine grössere Wirtschaft von etwa 1000 Dunam unter Leitung eines tiicluigen Landwirts zu 'schaffen, damit die neu an• gesiedelten Kolonisten an dieser grösseren Wirtschaft einen Rückhalt haben und durch iltr Beispiel landwirtschaftlich geschult werden. Auch bei der Ansiedlung von Bauern in den prcussischcn Otsprovinzen wird durch Bildung eines sogenannten ״Restgutes“ darauf Rücksicht Seite unterscheidet sich diese Kolonisations• inethode von allen philanthropischen Metho• den dadurch, dass sie durchaus auf geschält• lieber Basis beruht und dem Arbeiter nichts gäbt, wofür sie nicht von ihm einen nach gcschäftlichen Grundsätzen berechneten Gegen• wert erhält! Es sei hierbei erwähnt, dass die JewKh Colonization Association einen ähnlichen wie den hier bezcichneten Weg zur Sesshaftmaclumg ..t .v״w ... _ _ o״־— - , vo״ Arbeitern in Palästina bereits ein geschlagen rcchnung einer mässigen Koinmissionsgebtihr 1 hat, und zwar auf der Farm Sedschera in Gali• für Rechnung fremder Auftraggeber besorgen, j läu. Die landwirtschaftlichen Bedingun'am Sie wird cs auf diese Weise den europäischen! waren in Sedschera durch Mangel an Wass •r, genommen, neben den Bauernwirtschaften auch eine grössere Gutswirtschaft entstehen zu lassen, damit diese als Mustergut den kleinen Besitzern in der richtigen Bearbeitung des Bodens und in der Aufzeigung der besten landwirtschaftlichen Methoden mit gutem Bcisniel vorangeht. c) Parzellierung für fremde Rechnung, Die P. L. D. C. will die Parzellierung von Grundstücken sowohl mit angemessenem Gc* winn für eigene Rcchnung als auch gegen Be* Bodenpreisen ministration in Palästina zu unterhalten. d) Ucbcrnahme aller landwirtschaftlichen Arbeiten. Ausser dem eigentlichen Parzellierung$״e* schäft wird die P. L.. D. C. auch sonstige land* wirtschaftliche Arbeiten, z. B. Einrichtung von Wirtschaften. Anlage von Pflanzungen für eigene und für• fremde Rechnung unternehmen. methode von Sedschera neuerdings Leloir (Argentinien) wiederholt. Die P. L. D.C. hat ähre Arbeit in lästina bereits begonnen. Sic hat vom Jüdischen N’alionalfonds dessen Land in Kincreth am Tibcriassee gepachtet, das 6500 Dunam bo:.׳n e) Ausbildung und Ansiedlung von Arbeitern. Ackerbodens umfasst, und dort eine Gutswift• Auf den Ländereien, welche die P.L.D.C.; f^aft eingerichtet, auf der bis 40 jüdische \r• auf die oben beschriebene Weise für die Par* j beiter beschäftigt werden. Der Jüdische Na1«> zellierung vorbereitet oder für eigene oder j ״i!lfo!1d$ hat sein Interesse für die P. L. 1) l. fremd׳? Rechnung bewirtschaftet, wird zugleich 111' ) ,׳n1', .erJ^. ^,c^nwen uir jüdischen Arbeitern die Gelegenheit gegeben , Pachtrecht Grunderaktien der sein, sicii unter der Leitung eines erfahrenen j 1 L. D.C. übernommen hat. Landwirtes gute landwirtschaftliche Kenntnisse! Die P. L. D. C. ist als englische Aktien-c־ anzueignen. Dabei wird die P. L. D. C. darauf j Seilschaft mit einem Nominalkapital von Bedacht nehmen, den Eifer der Arbeiter durch; 50 000 Pfund Sterling (eingcteilt in Gründcrak• eine Beteiligung am Ertrage des Bodens und 1 tien a 50 Pfund Sterling und gewöhnliche Ak• du־ Vieh Wirtschaft au/.uspomen und ihnen : tien a 1 Pfund Sterling) eingetragen. Alle durch die Erträge aus der Gewinnbeteiligung | äusseren Bedingungen, nicht zum wenigsten die allmähliche Aufsparung eines kleinen Kaoi* *als zu ermöglichen. Denjenigen Arbeitern, die auf diese Weise sich so viel Geld gespart haben, um das lebende und tote Inventar für eine kleine Wirtschaft aus eigenen Mitteln anzu* schaffen, will die P.L.D.C. später dazu ver* liehen, ein Stück Land als Pächter zu bewirt* schäften — ev. durch Bildung von Pächterge* nossenschnften — und auch in Ratenzahlungen als Eigentum zu erwerben. Diese Methode der Selbständigmachung von Arbeitern bietet deshalb eine bessere Aus• sicht als ähnliche bisher vorgenommene Ver* suche, weil die p, L. D. C. die Möglichkeit hat, die Tüchtigkeit des einzelnen Arbeiters während, seiner mehrjährigen Tätigkeit kennen zu lernen und so nur wirklich geeignete Personen der Landwirtschaft zttzuführcn. Auf der anderen die konstitutionelle Ära in der Türkei, sind ihrer Arbeit günstig. So wird sie hoffentlich imstande sein, nicht nur ihren Aktionären eine angemessene Dividende zu gewähren, sondern auch der von allen Seiten lierbeigcsd!1: :״ stärkeren landwirtschaftlichen Besiedlung Pa• lästinas durch Juden einen neuen Anstoss zu geben. * * *K Int Anschluss daran geht uns folgende Mitteilung des Berliner Bureaus der P.L.D.C. zu: Auf verschiedene Anfragen leiten wir hierdurch mit. dass die Zertifikate über die Aktien, deren Oe^u• wert bis /.um 1. Juli d, Js. hei den endgültigen Zahl• stellen angegangen ist, den Aktionären bereits s.imt• lieh /.»gestellt wurden. Sollte irgend ein Aktionär (N’Kiiilruck verholen.) Ein Brief i Von 1-11 d w i g l.cwi u (Königsberg i. Pr.) 1 Sie werden sicii wundern, geehrter Herr, von mir diese Zeilen zu erhalten, doch ieli konnte nicht unterlassen, Ihnen nochmals hcrzliehst zu danken. Es war sehr stürmisch vorgestern Abend — für eine alte Brau ein Wagnis, auf die Strasse zu gehen — und wer weiss, 011 ich nicht tiiukohrcn und den Erew Sehabbos allein in meinem Stübchen hätte verbringen müssen, wenn Sic mich nicht so freundlich begleitet hätten. Sehr bitter wäre mir das gewesen, denn — sehen Sic — seit neun Jahren, seit dem Tode meines seligen Mannes, bin ich bei meinem Schwager am Erew Schabbos zu Gast. Night eine Woche, die ich versäumt hätte in all den Jahren. Da sollte ich mich vor einem bischen Sturm fürchten! Was bliebe mir auch übrig? Ich habe niemand, der mir zu Hause Kiddusch macht. Noch nicht zwanzig Jahre sind es her, da drängten sich um mich und meinen Mann fünf geliebte Kinder. Drei sind noch iung bei einer Kahnfahrt ums Leben gekommen - ich will mir die Zelt nicht in Erinnerung bringen — die beiden anderen, ein Solm und eine Tochter, sind verheiratet und wohnen in Süddcutschlnnd, Bei ihnen zu leben ist mir unmög« öc 1 0״, j ch sl° habc׳ s0 sehr ich mich nach den Enkctkindcrchcn bange. Denn sehen Sie, ich bin trotz meiner siebzig Jahre noch keine von denen, welche, die Hände im Schoss, ruhig sitzen und dem Leben znscltmicn können. Meine Tochter ist ja ein liebes gutes Kind, aller liincinrcdcn will sic sicii von mir 11ie.i1( lassen: bald tadle ich ihr zu viel, bald verwähne ich ihr die Kinder׳ — verpfusche die Erziehung, wie sic das nennt - mein Gott, man ist doch schiiesslieh die Grossimutcr. Und mein Sohn! Auch er ist wie mein Schwiegersohn sehr fromm; ach, wie mein kleines EttUeljungchen, ii'm! Jahr ist er alt, Krischma leint, sollten Sic hären! Pie Schwiegertochter spricht gar mit Gott — und doch halte ich cs dort nicht aus. Meinem Solm ist das Judentum etwas Geheimes, Privates: sein jüdisches Leben kommt mir — ich weiss nicht — so nüchtern, so tot vor. Es ist wahr, wir haben ihn dazu erzogen, aber unsere Frömmigkeit sah doch anders aus. Wenn Gewitter war, zum Beispiel, sassen wir angstvoll im Zimmer mit besorgten Mienen und sagten bebenden Herzens die Brochaus über Donner und Blitz. Auch mein Solm versäumt nie, die Brochaus zu sagen, aber wenn er sie gesprochen hat. Hisst er Gewitter Gewitter sein und geht! ruhig an seine Arbeit.! Seiicn Sic, da liegt der Unterschied. Wir Alten, I die wir abseits von dem Treiben der Welt ruhig In | unserem Städtchen wohnten, wir durften das Judentum nur als Religion auffassen, wir waren mit dem Herzen fromm, wir konnten auch in der Religion Be* friedigung unseres jüdischen Gefühls finden, aber jetzt habe ich erkannt, dass das Judentum mehr ist als Religion. Im Hause meines Schwagers nümlldt spricht man Uber Judentum anders als bei meinen Kindern. Mein Schwager ist Zionist und seine Frau tmd seine S״!,nc mit ihm. Ich verstehe nicht viel von alledem, w.«s da hin- und liergercdet wird, aber das Herz geht mir auf, so oft ich Zeuge bin, wie den jungen Me11.sc.iui. meinen Neuen — wenn cs sieh um jüdische Bu ge handelt — das Blut in Wallung gerät. Diese zoriü;• blitzenden Augen sollten Sie selten: das ist meine ScUuhUosUcmic. Mir ist so allmählich vor den ai'.ea Augen licht geworden: als oh ein kunstvoll bemalter Vorhang aufgeht, dahinter in der Ferne, am äusserst;•!! Ende der Bühne winkende Jünglinge und Jungfr.uui mit Frühlingsblumen geschmückt, einen jauchzend, u Reigen tanzen, so kam cs mir vor. Nacli dem Tode meines Mannes war ich in meinem einsamen Sclimcrz auch nalie daran, die Welt zu verlassen. Wir hatten in der grossen St alt ein still beschauliches!.eben geführt und uns nicht viel um die Menschen gekümmert, aber mein Seliger und ich waren treue Genossen gewesen. Als ieli :»m allein blieb, ruhte mein Schwager nicht eher, als bis ieli ihm zusagte, jeden Schabbos sein Gast zu sein: ich versprach cs ungern, doch jetzt bereue ieli nicht, es getan zu haben, denn dadurcli wurde ich noch in den alten Jahren ein anderer Mensch. Sie wissen ja gar nicht bei meinem Schwager, was aus mir geworden ist. Sic haben mich alle gern, sic gehen nicht zu Tisch, che ich da bin. Aber merken Sie: nur bei Tisch fehle ich ihnen. Man ist gut zu mir, aber man kümmert sich nicht viel um mich, und — sehen Sic — sagen kann ich niemand dort, wie glücklich ich bin: cs ist 80 sciiwcr das zu sagen.

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