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Jüdische Rundschau · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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das was ich früher auszuführen ücleßculnit hatte, wird dadurch nicht umßestosscn; denn Yemen, der südlichste Teil des türkischen Arabien, ist bisher sehr wenig türkisch gewesen. So weit die türkische Autorität tatsächlich reicht, so weit waren die Juden beschützt, und wir können rechnen, dass, sobald die türkische Autorität sich auch auf diese fernen Gebiete er• strecken wird, auch die Juden dort allen Schutz finden werden. Vielleicht war es auch ein Hauptgrund mit für die Araber in Yemen, die Juden zu unter* drücken, weil sic wussten,, dass die Juden Freunde der Türken seien und für alle Bestre* bangen der Türkei in diesem, ihrem fernsten Gebiete, einen Rückhalt bilden würden. Indem ich also auf diese Ausnahmen hin• weise' und sic charakterisiere, glaube ich das Bild vervollständigt zu haben, das ich Ihnen vorher von der günstigen Lage der Juden über* all, wo die Türkei ihre Autorität ausübt, ent* worfen habe. Ich habe früher ganz kurz die Frage von Zahl und Art der Juden im türkischen Reiche gestreift; ich habe erwähnt, dass es dort eine halbe Million gibt; hiervon etwa 200 000 alt* cingewaiulcrte spanische Juden, ungefähr 200 000 alt eingesessene syrische, arabische und sonstige Juden und 100 000 neu eingewanderte. Damit ist die Aufzählung aber noch nicht völlig erschöpft, und wenn wir eben gesehen haben, dass in der mohammedanischen Gebieten, in Marokko, in Persien und in Yemen, die Juden unterdrückt sind, so kann ich jetzt hinzufiigen, dass aus diesen drei Gebieten ebenfalls eine jüdische Auswanderung nach den!türkischen. Ländern stattfindet, dass wir eine Menge marok* kanischer Juden in der Türkei haben, dass sich persische Juden in neuerer Zeit nach der Tür* kei wenden, und dass für die Juden Ycmens fast ausschliesslich Palästina als Einwandc* rungsland in Frage kommt, (Fortsetzung folgt.) Nicht abgehobene Dividenden Dieser Tage ging folgende Notiz durch die Presse: ln anerkennenswerter Weise maeliutcr bayerische Zciitrumsiimiin Dr. Heim, oh seiner demokratischen Gesinnung im Zentrum scheel angesehen, die Clcnosscnsclialtsbcwetnini{ unter den bayerisehen Bauern dem allgemeinen Wollte dienst• har. Sein Bestreben geht dahin, die Genossenschattier von der I n a n s p r 11 c 11 n a 11 in oder Dividende zu entwöhnen und mit den aus den Gesamtsummen dieser Dividende entstehenden Kapitulicn gemeinnützige U n t c r n c h nm n g e n zu fundieren. So gründete er aus den von den Bauern nicht abgehobenen Dividenden die Bauern- Universität in Regensburg, die jährlich im Winterhalbialir 1U0 Bauernsöhnen oder selbständigen Bauern Gelegenheit gibt, sieh eine gewisse Universaibildung fürs praktische Leben anzueignen. So hat Dr. Heim jetzt wieder eine neue Gründung im Werk: Er baut ein Altersversorgung heim und Sanatorium für Dienstboten und Bauern in dem bayerischen Dörleben Blankste!teu. Wieder liefert die Zurückhaltung der Dividenden dazu die Mittel. Die erste Rate zu 50 00(1 Mark ist zum Bau bereits angewiesen. Mit dem Bau wird demnächst begonnen. Zunächst wird ein Teil der Anstalt fertiggestcllt. Der weitere Ausbau erfolgt von Jahr zu Jahr. Und in zclm Jahren soll ein Unierkunftshcim fertig sein, das 100 Pfleglinge auf. ztmehmen in der Lage ist. Aber nicht allein der Bau selbst soll aus den gonosscnschaitlichcn Ucbcrschiisscn bestritten werden, sondern auch der Unterhalt und der ganze Betrieb! Vorläufig glaubt Hcittt neben den Baukosten jährlich 100 000 Mark als Bctricbskapitul zuschicssen zu können. Das sind Erfolge einer klug erwogenen und wohlorganisierten Selbsthilfe, die von der Arbeiterschnft nicht übersehen werden sollten...... * Auch w i r sollten an dieser unscheinbaren aber doch bedeutsamen Tatsache nicht vorübergehen. — Die Sharcholdcrs unseres ״Jcwish Colonial Trust" zählen bekanntlich nach Hunderttausenden, und weitaus die meisten von ihnen sind Besitzer einer Pfund-Akti?. Bei einer Dividende von 2%—4%■•) *) Die soeben erklärte Dividende des Jewish Colontal Trust und der ״Anglo Paicstine Company“ betragen de facto 2W4%-׳, wobei die 4% für die A P.C. gelten. Dic Rcd>. entfallt auf jeden Inhaber einer Aktie ein Betrag von 50 bis 80 Pfennigen, der also kaum der Mühe des Alilicbeus wert ist. Die Anteile und auch dic Dividciidcn der. Baucrngenosscnschaftlcr sind sicherlich grösser und wenn es möglich war, dort cincrt grösseren Jahresertrag aus nicht abgehobenen Divideiiden zu erzielen, so dürfte das auch bei uns ein Leichtes sein, ohne dass damit der geschäftliche Cbaraktcr der Bank irgendwie beeinträchtigt würde; dieser besteht ja ohnehin ernstlich nur bei den — ebenfalls recht zahlreichen - Inhabern einer An* z a h I von Aktien. Ilinulerttaiisend Inhnbcr einzelner Aktien merken recht wenig von den 50—80 Pfennigen — zusammen aber ergaben!00 000 nicht abgehobene Dividenden 50—80 000 Mark im Jaltrt Davon Bildungs-Anstalten Altersheime und andere Wohlfahrts-Institutionen zu schaffen, wäre ein Programm, das sicherlich Jedem j sympathisch genug erscheinen würde um auf seine! paar Groschen mit Freuden zu verzichten. Und die I Institute, die wir damit Jahr für Jahr in Jerusalem und anderen Plätzen Palästinas errichten und erhalten könnten, würden selber weiter eine Propaganda machen, die auch unseren Bank-Instituten Nutzen ׳ bringen würde. Solche Anregungen, dic darauf basieren, dass ״viele Wenig ein Viel machen“, sind im allgemeinen so billig wie Brombeeren. Die Schwierigkeit pflegt darin zu bestellen, dass man trotz der unleugbaren Richtigkeit des Prinzips die ״Vielen" eben nicht ״herankriegen" kann. —Das liegt aber hier gerade scltr günstig. Denn dic Vielen s i n d s c 11011 — wenn auch filr den anderen Zweck der Akticnzelchming — gcfunden, und da also mit einem schon gegebenen Publikum zu rechnen ist, so wird cs sicherlich nicht schwer halten, diese Anregung auch durch zut ü 11 re n! Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp i. P. (Fortsetzung.) Roscuthal: Kautz findet in meinem Buche ..nur ein paar interessante zionistische Aufsätze," ..nur ein paar geistreiche zionistische Predigten,“ überhaupt nur Landläufiges, vielfach sogar Naeltgcsprocheucs, Gemeinplätze. Ludwig Rosentlial beginnt .‘eine Besprechung meines Bm’lics (Jüdisches Litera* tnrblatt, ,11. Jahrgang. No. J) mit den Worten: ״Keine Gemciimliitze! Das scheint dic Losung im vorliegen* den Buche zu sein." Auch später lieht er noch einmal hervor, dass mein Buch ״mit dem Landläufigen . und Selbstverständlichen wenig zu tun hat." Ich bin jedenfalls zufrieden dass es nicht umgckehrt ist, da Rosenthars grosse Belesenheit und Ge- Ichrsamkcit ausser Zweifel stellt.!•'rcilich kann ich nicht sagen, dass mich je irgend ein Verlangen erfüllt hat durchaus ,originell zu sein. Auch habe ich stets gefunden, dass cs kein Vergnügen ist, von dem allgemein Geltenden, Landläufigen abzuweichen. Was mich treibt, ist allein die Wahrheit und dic Liebe zur Religion,;:um Judentum und zu meinem Volke. Wenn Rosentlial. in diesem einen Punkte mit Kaalz Zusammentreffen(! fragt, welches mein positives Programm für die innere geistige, rcllgiös-ctltischo Hutwieklimg des .Ittdeiuums sei so habe ich die Ant* wort darauf bereits gegeben. Rosentlial sagt: ״Es ist scltr schön, wenn das Allgcmcinmcnschliclic als jüdische Volkscigcntümlichkcit ■ liingcstellt wird. Aber die Betonung dieses Triebes muss als unentbehrlich liingcstellt werden. Ebenso halte ich cs für eine Verengung des Gesichtskreises, wenn das Vaterländische nur als mit dem jüdischen Volkstum vereinbar nebenher läuft, wenn cs nicht als Lebenstrieb hervortreten soll.” Dass ich das Ailgcmeinmcnsclilichc nicht nur als jüdische Volkscigcntümlichkcit, sondern auch als ein hohes, unveräusserliches Qut der jüdischen Religion ( betone, ist, denke ich, daraus deutlich genug ersieht- , lieh, dass ich Seite 47 meines Buches ausdrücklich! sage, der univcrsnlistisch-mcssianischc Glaube sei ״ein konstitutiver Bestandteil der jüdischen Religion." י Über diesen Gegenstand ausführlich zu sein, das ge-; hörte nicht zu meinem Thema und würde den Qang■ der Untersuchung nur unliebsam unterbrochen haben. Ebenspwcnig lag fiir mich ein Anlass vor, dic vaterländische Gesinnung besonders hervorzukehren. Notwendig wnr und ist cs vielmehr, wegen der furchtbaren Verheerung die in der nachmcndclssolinschcn Zeit dic Assimilation unter uns Juden angerichtet hat, das jüdische Volkstum als unentbehrliche Qrundlagc filr das Gedeihen des Judentums nachdrücklich m betonen. Zur Sache selbst aber mochte ich bcmerken: Es geht mir wider den guten Uesehm.ick, dass Juden es wegen der öden, um'riielubarcii \׳crteidigungssneht für nötig halten, nach dratisse״ ihrem Patriotismus zu paradieren. Es ist für je,!,.״ moralisch gesund empfindenden Menschen ebenso selbstverständlich ,wie natürlich, dass er das i״,״d licht, in dem er geboren und dessen Bürger er!st, und dass er die Interessen desselben zu den se!n!.:c!1 macht. Dass es überdies für uns Juden nach unsrer religiösen Tradition!,(licht ist, das Vaterland m lieben, ist Seite 157 'mcinetl Buches bei der U! Stichling der Präge, wie sich der jüdische Nation ]lins zum Patriotismus verhalte, deutlich gesagt Gleich nach der zitierten Stelle schreibt kV Heil: ״Die Sendung Israels zu leugnen, seinen L1;> Ss auf dic menschliche Entwicklung seit der biblisc um Zeit als gering hcrabzudräcken — das kann ich ....,״ Verfasser auch nicht so hingehen lassen, weil!,0 Tatsachen das Gegenteil zeigen" Es ist nicht! bt ersichtlich, wogegen sich Rosentlial hier wen et. Dass dic Juden in der Zerstreuung trotz ihrer Ab» hüngigkeit von der Kultur ihrer Umgebung auf d!,sc gelegentlich auch wieder zurückgewirkt haben,;st Seite 41 meiner Schrift ausdrücklich zu lesen. dass in irgend erheblichem Masse von einer k• 1!. g lösen Mission des Diaspoiajudentums nach ,׳,.!• Entstehung des Christentums und des Islams >c. sprachen werden könne wird von mir geleti,; vt. Welche historischen Tatsachen gegen diese meine hnnptung zeugen sollen, ist mir dunkel geblieber.. ],, Rosentlial sich leider damit begnügt hat. meiner l:chauptung dic scinigo nur cntgcgcnznstelleii. Rosentlial stimmt in der grundwesentlichen a;!!. fassung des Judentums mit mir überein, wenn er . auch nicht ausdrücklich als Zionist bekennen mag. Ich befinde mich ihm gegenüber daher in der a!;^• nehmen Lage, mich auf die wenigen vorstehc, Bemerkungen beschränken zu können. Mit der Kritik der Besprechungen meines B1:c u:> bin ich nun zu Ende. Werfen wir noch einmal uun Blick auf das Ganze! Der gewöhnliche mul bei den Gegnern des Z!׳•; inus unzweifelhaft wirksamste Einwand, der Patriotismus hergenommen wird und ja erst knr/:!;״ wieder einmal eine l'.ikl.inim׳ einiger besondei־, »v sorgten englischen Jaden iiervorgerufcn hat, fehl: wrfreulicherweise in den Besprechungen so ziemlich ganz. Bei Rosentlial ist dieses Motiv nur aiigcdcuui und lauert, die Ruhe des Entschlusses störend.!;״ Hintergründe. Desto stärker tritt, diesem Motiv ,;er nächsten Abwehr gegenüber, das andere in gewiss,״־! Sinuc entgegengesetzte Motiv in den Vordergrund: Der abstrakte Kosmopolitismus, dem, pliilosopliivii. ein abstrakter ethischer Univcrs.tlismus korrcspontJi.: t. Man verkennt noch immer in gewissen jüdischen Kreisen, vor. das Nationale als Träger der Kultur und für ihren Portschritt and ihre Ausbreitung 1 c* deutet. Man verkennt insbesondere was es als Schöpfer der natioiialjiidischcn Kultur, des ethiseneu Monotheismus und für die Erhaltung des religio׳.־! Judentums bcJcutet. In diesen Kreisen ist man d;!Ur blind gegen die bösen Konsequenzen, die das Auf* gclicn des nationalen Standpunkts fiir die Xtiktmi! , ,׳s Judentums haben muss, mul darum bemüht man : ich dort noch immer vergeblich, dem Verfall des Jm!>;1. tmns mit Mitteln entgcgcnzuarbcitcn die :,ich einer besonneneu Erwägung der gegebenen Sachlage \ a• wendig als Kurpfuscherei darstellcn müssen. Es ist klar, dass der abstrakte Kosmopolitismus, der eme überwundene Kulturstufe da!stellt, eine wirk!1«.:1c Lösung der Jadenfrage nicht verheissen kann. Me grossen Massen der Gegner des Zionismus neigtu daher auch weit mehr zur Annahme des Nation.ms• mus ihrer Wirtsvölker, womit sic eine auf den erstell Blick wenigstens aussichtsreichere Position beziehen, freilich nur auf den ersten Blick, wie wir im ersten Kapitel unseres Buches u.a. a. O. gezeigt habe,!. Noch schlimmer freilich als mit dem Standpunkt der Kosmopoliten steht cs mit der politischen und ge• schichtlichen Einsicht derer, dic den jüdischen Nationalismus, weil unentbehrlich, nicht leugnen, ihn aber mit jenem abstrakten Kosniopolitismus zu einen! seit* satnen Gespann zu verbinden suchen. Das Wesen der Judenfrage ist ihnen völlig unklar und ebenso täuschen sic sich über dic ehernen Gesetze einer geschichtlichen Entwicklung, wie sic durch dic deinentaren Verhältnisse gegeben ist. Im Grunde ist ja der abstrakte Kosmopolitisnuis und Univcrsalismus im Diasporajudentum genau so

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