Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-08-20 · Heft 34 (20.8.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651639--06572-2663672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 394. No. 34. Die Universität ist neu organisiert worden: das Studium an der Fakultät iiir schöne Künste wurde von zwei aui drei Jahre an der mathematischen Fakultät von drei auf fünf Jahre erhöht (bei der letzteren Fakultät ist die Verlängerung der prak- tischen Betätigung der Studierenden gewidmet), tiir die medizinische Fakultät wurde die Studiendauer von fünf Jahren und für die naturwissenschaftliche die von sechs Jahren bcibehultcn ebenso für die Juristische die von drei Jahren. Es besteht noch eine theologische Fakultät, die keinen Zusammenhang mit den Medresses hat. Die Universität wird gegenwiirtig von etwa •1800 Hörern aller Konfessionen bcsucht; hierbei ist die theologische Fakultät uusgciioiiiiiicn, die natürlich nur Mohammedanern zugänglieh ist. Der Unterricht an der Universität ist unentgeltlich und der Lehrplan ist völlig umgestaltct worden. Die einzige Lehrerbildungsanstalt (Darul-nioulmiln) in Konstantinopcl zur Ausbildung der Lehrer für die niederen und höheren Elementarschulen ist mngew.'widelt worden und wird als Muster für die Errichtung solcher Anstalten in den Provinzen dienen; sic hat zwei Jahrgänge, einen für die theoretische Ausbildung, den zweiten für praktische Übungen. Nail Bei beabsichtigt die Errichtung einer Öffentlichen Schule In Konstantinopcl zur Heranbildung mohammedanischer Lehrerinnen, die cs in der Türkei bisher nicht gibt; die Anstalt wird sieben Jahrgänge umfassen, davon vier für den mittleren Unterricht und die drei letzten für die pädagogische Ausbildung; der Unterricht soll unentgeltlich sein und schon in diesem Herbst beginnen. Der Wirkungskreis der Leiter des Unterrichtswesens in den Provinzen ist wesentlich erweitert worden, um ihnen volle Aktionsfreiheit für die Reform der bestellenden Untcrrichtsuustnltcn und die Ausbreitung des Schulwesens zu gewähren. Die genaue Zahl der niederen und höheren Elementarschulen in den Provinzen ist in Konsumtnmpci noch nicht bekannt•, man schätzt die Zahl der niederen Elementarschulen in den Provinzen auf etwa 30000. Der Minister hat beschlossen, eine niedere Elementarschule in jedem Orte mit mindestens 2M Wohnhäuser n aus öffentlichen Mitteln zu errichten. Die Unterrichtssprache wird je nach der Nationalität des Ortes bulgarisch, armenisch hebräisch usw. sein. Auch die Schule für S t na ts w i ss 0 n Schaft ״Mulkic” mul das Lyzeum Sultanic haben einige Änderungen erfahren, Insbesondere ist der Lehrkörper der ersteren Anstalt znm grossen Teil erneuen worden. Aber die letzten Vorgänger Nail Beis haben die frühere Vorschrift, welche die Bercclitiguiig zum Besudle dieser Anstalt au die Erlangimg des Abgangszeugnisses einer Vorbcrcitungsschule oder an die Ablegung einer Aufnahmeprüfung knüpfte, aufgegeben. Daher ist die Zahl der Schüler an dieser Anstalt auf etwa 000 gestiegen. Der Minister bcabsichigt, hier ״!nie Zögern eine Auslese zu treffen. Von anderen staatlichen, aber nicht dem* Unterrichts-Ministerium unterstellenden Schulen wären zu erwähnen: eine von einem besonderen Komitee geleitete Schule ״Dar-uLCIiefaka" für dürftige und verwaiste Kinder; die Schule wird durch eine Art Kollekte erhalten; die Absolventen erlangen Staatliehe Anstellungen, namentlich bei der Verwaltung der Indirekten Steuern; ferner vier, ״Islah-Hane“ genannte, Ocmcimlc-Waiscnsclmlcn in der Provinz, in welchen gewerblicher Unterricht erteilt wird, und zwar je eine Anstalt für Aleppo, Bagdad, Damaskus und Smyrna. Ferner besteht in Konstantinopcl eine Schule iiir Land* und Forstwirtschaft, welche dem Ackerbau-Ministerium untersteht und eine Schule für Brücken- und Strasscnbau-Iiigciilcurc, d|e dem Kriegsininisteriiim untersteht. Das geplante jüdische Tech* nikum in Haifa wird in diesem Scliuiwerk eine bcdeutende Lücke ausfüllcn und zur Hebung des )Mischen Ansehens im Lande nicht unwesentlich beitragen. B. N. Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTrietsch (Berlin). (Fortsetzung.) Ich spreche vorher von den armenischen Masacres. Die Fremde der Armenier, beson* ders die jüdischen Freunde der Armenier, die so sehr ihre Freunde waren, dass sic cs nicht wagen wollten, eine Einwanderung nach den türkischen Gebieten zu lenken oder auch nur zuzulassen, haben die Sachlage völlig verkannt. Die Armenier, die sehr gute Köpfe haben und viele Eigenschaften besitzen, die dem tüvkischen Volke abgehen, haben in der Türkei JUEDISCHE RUNDSCHAU jede Möglichkeit gehabt, vorwärts zu kommen, in den Staatsämtern gab es eine ganze Unzahl von Armeniern, die sich durch, ihre Tüchtigkeit die allgemeine Achtung erwarben. Aber nachdem *eine jahrzehntelange Aufhetzung seitens gewisser Mächte und Missionsbestrebuncen vor sich gegangen war, und als zur Zeit, wo die Türkei schwach schien, die Armenier sieh stark genug fühlten, als sie in den Strassen von Konstantinopel Bomben warfen, da griff die Türkei zu einem energischen, zu einem barbarischen Mittel. — Aber gute Christen, gute Westeuropäer, die die Lage kennen, sagen, anders g i n g e s 11 i c h t! Und ich glaube, bei diesem Urteil, zu dem sich z. B. auch der bekannte deutsche Politiker, Pastor Naumann, öffentlich bekennt, bei dem können auch wir uns beruhigen und hätten sich damals auch die jüdischen Kreise beruhigen können, an die man lierangetreten war, um die grossartige Förderung der jüdischen Kolonisation zu unterstützen, die sie von türkischer Seite erfahren hatte. Die armenischen Massacres hatten nicht nur in Kleinasien gewütet, sondern ihr Haupt* Schauplatz war Konstantinopel, ln Konstantinopel sind innerhalb weniger Tage Tausende von Armeniern auf den Strassen hingeschlachtet worden. Aber ist hierbei auch nur einem Juden ein Maar gekrümmt worden? Es war nicht der Fall. Und ich möchte fragen, in weleher kultiviertesten Grossstadt des Westens wäre es möglich, dass in einer Zeit, wo Mord und Totschlag durch die Strassen tobt, der Jude ungehindert seines Weges ziehen könnte? Ja noch mehr! Armenier, die sich retten woiiten, flüchteten zu Juden und waren dort sicher und geborgen. So war es falsch, und mehr als falsch, eine jüdische Einwanderung nach Kleinasien auf Grund der Dinge, die gegen die Armenier vorgekommen waren, zu hindern. Ich erwähnte vorher, dass die Armenier in türkischen Staatsämtern Anstellungen gefunden hatten. Sie hatten vielfach einen Vorzug selbst vor Türkeil, eben weil ihre Fähigkeiten andere waren. Das was in dieser Beziehung für die Armenier gilt, gilt zumindest im gleichen Masse für die Juden; auch die Juden besitzen grosse Fähigkeiten, die im türkischen Staatsganzen wohl zur Geltung kommen könnten, und es ist ebenfalls unsere Schuld, Schuld der Juden, wenn nicht mehr als dies schon der Fall gewesen ist, Juden in türkischen Staaisämtern Verwendung gefunden haben. I^)cr frühere Sultan, Abdul 1 lamid, hat selbst dem Vertreter der türkischen Juden, dem Chachambnschi wiederholt gesagt, dass die Juden mehr als bisher die Landes• Sprache in ihren Schulen pflegen und sich zu Staatsämtern vorbereiten sollten. Man würde sic gerne berücksichtigen. Auch das Zusammenleben von Juden und Türken zeigt eigenartige Züge. Es ist ihnen bekannt, das Salon i k i, die Hauptstadt Maze* doniens, eine starke jüdische Majorität hat. Unter 150000 Einwohnern der Stadt sind SO 000 Juden und diese Majorität erscheint noch stärker, wenn wir bedenken, dass der Rest der Bevölkerung nicht einheitlich ist, sondern in Mohammedaner und Tücken der verschiedensten Nationalitäten, die sich gegenseitig befehden, zerfällt. Ich glaube sagen zu können, dass schwerlich die Lage Mazedoniens in der Türkei dieselbe geblieben wäre, wenn nicht die Hauptstadt eine solche starke jüdische Majorität gehabt hätte, die selbstverständlich sich durch״ aus türkisch-loyal verhält. Die Türken selbst sind sich dessen wohl bewusst. Als vor Jahren bei den Unruhen in Saloniki die Juden durch ihre energische Haidüng sich als das beste Element der Ordnung erwiesen, da war der Sultan zu Tränen gerührt und gab bei dieser Gelegenheit wiederum dem Chachambaschi zu wissen, wie sehr er die Treue seiner jüdischen Untertanen zu schätzen wisse. Die Juden von Saloniki sind, wie ich bei dieser Gelegenheit erwähnen möchte, ein wesentlich anderes Menschcnelement, als ’ wir unter den Juden anderer Länder zu finden gewohnt sind und weichen sehr ab von der Vor- Stellung, die man von den Juden üblicherweise hat. Es mag Ihnen bekannt sein, aber ich darf die Wiederholung nicht scheuen, dass die Juden Salonikis körperlich ein ausserordentlich entwickeltcr Menschenschlag sind. Und ni1׳n allein die von Saloniki, ln Smyrna ebenfalls sind die Lastträger und Hafenarbeiter in vielen Fällen Juden. Eine ziemliche Zahl jüdisen.-r Lastrnger sicht man heute auch schon in Jaffa, und die körperliche Leistung, die diese Leute fertig bringen, ist für einen Europäer erstaunlich. Auch in Rhodus sind vielfach Juden in den Berufen der Lastträger, Bootsleute und Hafenarbeiter tätig, und ich möchte hier noch eines erwähnen: Rhodus ist einmal — i!n Jahre 1522 — von Soliman dem Grossen den Jolianniter-Rittern entrissen worden, und die Erobe* rung hat Ströme türkischen Bluts gekostet. Man wollte nun verhindern, dass jemals die Christen in der Festung Rhodus f'uss fassen sollten und es wurde deshalb ein Verbot eilassen, demzufolge es den Christen für ewige Zeiten verwehrt sein sollte, die Nacht im Innern der Festung zuzubringen. Inncrhab der Festungsmauern lebten die Türken und Juden, beide in der Stärke von ungefähr je 5000. Die wesentlich grössere, christliche Bevölkerung wohnte ausserhalb derselben und musste, soweit sie tagsüber innerhalb der Stadt ihren Geschütten nachging, bei Sonnenuntergang die Stadt verlassen. Hier in Rhodus ist also ein Zusammenleben zwischen Juden und Türken anzutreffen, das bisher keinerlei Trübung erfahren hat. Und diese Beispiele von Rhodus und Saloniki sind symptomatisch für viele Möglichkeitcn in der Türkei. Eine der grössten Schwierigkeiten, die bisher iu der Türkei hestanden haben und die mit der Umgestaltung der Dinge noch nicht in einem Momente besei• tigt werden konnten, liegt in den merkwürdigen Majoritätsverhältnisscn des Reiches und innerhalb seiner einzelnen Teile und Städte. Bisher war jede türkische Provinz und jedes türkische Land gefährdet, in welchem nicht eine muselmünnische Majorität war, und solcher Städte gab cs viel. Wenn aber die nicht mobainniedänische Majorität jüdisch war, dann war dioer Distrikt so sicher, wie wenn die eigentlichen Landeskinder seine Bewohner wären. ln diesem Sinne kann eine grosse Einwandrung nach der Türkei viel ändern und in vielen Fällen die Macht der Türkei konsolidieren. Wir haben soviel Auswanderer aus Osteuropa, dass wfr in diesem Sinne die Position der Türkei an vielen Orten stärken können. Und die Türkei wird uns besonderen Dank wissen, wenn hei unserer Einwanderung auch auf die Wünsche und Bedürfnisse des türkischen Staates Rück• sicht genommen wird. Ich möchte jetzt in einem Punkte etwas nachtragen, was vielleicht noch in meine Ausftihrungen von vorher gehört hätte. Es ist nämlich nichts so zu fürchten, als die Umwände, die Einem nachträglich kommen, und da sie sicher bei einer späteren Gelegenheit an die Verfolgungen denken werden, denen Juden auch in mohammedanischen Ländern ausgesetzt sind, so könnte cs Ihnen Vorkommen, als ob meine früheren Darlegungen zu schönfärbe* risch gewesen wären. Ich will also lieber selbst auf die Ausnahmen hin weisen, in denen Juden von mohammedanischen Bevölkerungen zu leiden haben. Das sind die 3 Länder Persien, Marokko und Yenien. Die persischen Moli am* medancr sind bekanntlich Perser, also keine Araber und keine Türken, und wenn ich vorher von der Türkei gesprochen habe, .als einem Einwanderungslande für grosse jüdische Massen, so wird das nicht widerlegt durch die Tatsache, dass die Juden in Persien zu leiden haben. ,Dasselbe gilt auch für Marokko. Dort freilich besteht die Bevölkerung zum Teil aus Arabern. Aber die Araber von Marokko sind wesentlich anders als die Araber des tiirkischen Reiches. Das dritte Land, das ich erwähnte, Jemen, ist von Arabern bewohnt und gehört zur Tiir* kei. Trotzdem gibt cs dort Judenverfolgungen, und trotzdem findet von dort eines Auswande* rung der Juden statt. Das könnte bedenklich erscheinen und ist sicher unangenehm. Aber (Fortsetzung auf Seite 396.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.