Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651639--06570-2663670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 392, JUEDISCME RUNDSCHAU No, 34. diese Stimmung des Vcrlasscnscins und des Treumuigssdimcrzcs dem werdenden Kinde nicht zuträglieh. Wie denken Sie sieh, Herr Dr.. mm das Leben in einer solchen Muttcrseliut/.sicdlung? Wer schon einmal die Fürsorge Jüdisch-sozialer Korporationen Cckostet hat, der weiss, dass dies einer Entsagung Personlielien Glücks glelelikonmu, denn man verzictitet gleichzeitig auf das Köstlichste, das es gibt, auf die 1» c r s o n I i c 11 c Freiheit und Initiative. So eine!•!irsorge ist einer Gefangenschaft nicht sehr un- •ilitiliclt. wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse es erfordern, sie in Aiisiirucli zu nelmieii. Also, die Prim soll ausser den Heschwerden der Schwangerschuft, der Angst der Geburt und dem Schmerz des Veilasseuseius, dessen, zu dem ihre Sehnsucht sie zwingt, die Fürsorge hiiiiianitiirer Korporationen er- (ragen einesteils, andernteils arbeiten fiir das Kind, das zur Regenerierung ihres Stummes erzeugt wurde. Und der Mann, die Ursache ihrer Leiden, ihres vergeblichen Schncns. der die sexuelle Begierde in ihr entfacht, sic nun zu einem cülibatürcn Leben zwingt, wo sind seine Opfer, auf dem Altäre der j kusscnvercdlung Uargebracht? Er hat nach Ihrem j Vorschläge, nach den Formalitäten einer Scheidung, t das Recht so einigen Dutzend Kindern verschiedener Mütter das Leben zu spenden: ungehemmt in seiner individuellen Freiheit und Entwicklung ist cs ihm noch u.öglieh, sogar eine ״Spätclie" mit allen Wirtschaftliehen Vorteilen einzugehen und die erwünschte ״ruhmreiche״ Stellung eiiizunelnncn. Ich aber, Herr IV., glaube, dass dies Frohlcm nicht in solch einseitig egoistischer Weise gelöst werden kann, wo sexuelle Verantwortungslosigkeit fast einer nioralisehen Anarchie glcichkämc. Wenn Sic als Zionist eine Regenerierung des indischen Stammes wünschen, dann wenden Sie sich doch an den Idealismus unserer männlichen Jugend und versuchen Sic nicht den allgemein ausgeiihtcn heillosen Egoismus noch zu päppeln und zu tolerieren. Erst wenn, wie es Professor Ford in seiner Schrift ״Die sexuelle Frage" so warm ausfiihrt. die jungen Leute aufhören, überflüssigen Luxus als Bedingung zur Ifciuigriiiulung fai des Lebens Notwendigstes zu halten, wenn sie einfach zu leiten gewillt sind und nicht der (jeIdheutel wahlvcrwniult sein muss, sondern die Seele der künftigen Gefährtin; diese nicht nur ein Spckulationsobiekt dem wirtschaftlichen Vorteil und den rasclilodermlen Sinnen ist, sondern die verstündnis• und liebevolle Freundin, dann erst kann das sexuelle Problem auch jüdischcrseits in idealer Weise gelöst werden, zum Melle des Mannes, der Frau und der künftigen Generation. Dabei ist es nach Fords Ansicht vorziizielicn, die Quantität der Kinder zu dunsten einer besseren Erziehung und eines sorgenfreieren Zusammenlebens der Eltern, ciiizuschrünken, was mir nicht so grausam erscheint, als die von Ihnen gewählte Form des M11ttcrschutz.es bei einscitiger Belastung der Frau. Solange aber hei jüdischen Ehcschliessungcn in der breiten Volksweise cs üblich ist, zu fragen ״was hat sic?" und nicht ״was ist sie?" solange kann aul eine Regenerierung unseres Stammes wenig Hoffnung gesetzt werden. — Was die Mischehen betrifft, so kann ich nicht bcgreifen, wie cs national begeisterte Männer fertig brachten, sic einzugehen, Männer, die begünstigt durch Intelligenz und wahrhaft tiefes Stammcsgcfilhl eine führende Rolle unter uns Jung-Judcn cinneluuen. Zwar ist es durchaus sympathisch, das allgemein Menschliche allem Nationalem überzustellen, doch wie vereint es sich mit den Stammcsidealcn und reinem Nation.iigcfühl? Ich muss bekennen, dass ich lieber den Weg ״doppelten Martyriums" unverheiratet und arbeitend wählte, als den gebotenen einer Standesgeinässen /Mischehe, obgleich die finanziellen Verliältiüsse eine solche jüdische nicht möglich machen, während doch müimliche Zionisten die unter Jüdinnen w a h I c!1 könnten, es trotzdem vor/.ichcn, wahlvcr* .wandte Christinnen zu heiraten. Also, Ihr jungen Juden, mehr Idealismus, Verzieht auf die v e r g ä n g 11 c 11 e 11 Güter dieser Welt, ״ruhmreiche Stellungen“ und Gcldinncht; dafür Austausch unvergänglicher - durch harmonisches Zusammenleben frei erwählter Freundinnen ein folgendes Geschlecht glücklicher gütiger Menschen, vorerbend den kommenden Geschlechtern Vorzüge des Geistes und des Herzens. S. E. W. Die jüdischen Kolonien um Jaffa Von Dr. Lothar Mcycr-Grosslichtcrfeklc-Wcst. 1 (Schluss.) E k r 0 n. südöstlich von Jaffa gelegen, ist eine reine Aekcrbaukolonie, die sich noch im Besitz des Barons Rothschild befindet. Die Nicsnutzcr bekamen noch bis vor kurzem eine Art Tagclohn, jetzt leben sie vom Ertrage ihrer Wirtschaft, ohne ihrerseits | einen Pachtzins zu zahlen. Die Nutzflüclie Ist zirka j UW) ha, die sich auf einige JO Batiernstellcn verteilen, j Neben grösseren Getreidefeldern fand ich etwas Klee, Kartoi'ielr, Futterrüben u. a. m. Die Ansiedlung liegt in einer Niederung, der Boden bestellt dort durch• gehend aus schönem,!umtosen Lehm. Das clii'-igc Aekermstrumeiu der Kolonisten ist der europäische j Pflug, sie besitzen wohl auch noch Eggen, benutzen sie aber augenscheinlich und cingestandcncrmasscn so gut wie gar nicht. Walzen kennen sie nicht. Daher fand ich auch die Erde durchgehend sehr schollig, und damit einen sehr grossen Prozentsatz des Bodens ohne Pflnnzcnwuchs. Auf meine Frage, warum der Boden nicht feiner bearbeitet würde, er• hielt ich teils die Antwort, das sei schädlich, teils die Antwort: ״Sie haben wohl recht, dass die Schollen klein gemacht werden sollten, wir haben aber nur eben Zeit zum Pflügen und nicht noch zur weiteren Bodenbearbeitung, Eggen ctc." Selbstverständlich verbietet sich unter diesen Umständen auch das Dullen. Eine Dreschmaschine besitzt diese fast lediglich auf Getreidebau basierte Sicdclung nicht. Das Getreide wird nach altarahisclter Weise ausge• treten. Der Einwand gegen das Dreschen, dem ich immer wieder begegnete, war der, dass durch das Treten das harte Stroh gleich in diejenige Vcrfas• .sang gebracht würde, die es haben müsste, um vom Rindvieh gut gefressen zu werden. Da nun dieses Strohhüeksel für einen grossen Teil des Jahres das Hauptfuttcrmittcl sei, so müsste man schon in den säuern Apfel heissen und bei diesem zeitraubenden und umständlichen, aber durch den Gebrauch der Jahrtausenden geheiligten Verfahren bleiben. Der Hauptvorzug, führte man weiter aus, dieses alten Verfahrens läge in der Erweichung der Hulmknotcn. Nun habe ich hunderte von Malen dieses Häcksel in die Hand genommen und niemals einen Knuten zerquetscht gefunden, das Zwischenglied ist allerdings in den meisten Fällen zerquetscht oder gerissen. Würde sich in der Tat, was ich bezweifle, das Vieh nicht an dem Konsum von unversehrtem Stroh oder daraus geschnittenem Häcksel gewöhnen, so wäre es noch sehr viel einfacher, das Qctreidc vermittels moJcinei *Maschinen zu dreschen und das Stroh en;• weder im selben Arbeitsprozess oder nachträglich maschinell zu zerquetschen oder zu zcrrcisscn. Das diesem Bedürfnis seitens der Konstrukteure bereits entgegeiigekmimien ist, war mich den Leuten in l׳.kr1!'׳ bekannt, und sie sprachen von der bevorstehenden Anschaffung einer solchen Maschine, leb bezwei:!*:, dass sie sich eine solche bereits für die jetzt (M;ii schon hinter ihnen liegende Ernte zu nutze gema.ht haben. Auch in diesem Falle äussert sich der Ma,!. gcl jeden Vorbildes. Die intelligenteren unter ü,-! Leuten lassen sich dies und jenes erzählen, ,ז!:׳ zur Tat kommt cs nicht. Der einfachste Weg u. /n wäre der, eine von diesen Üaucrnstellen in nu.*,־, .׳- gültiger Weise bewirtschaften zu lassen. Wc,!;! i >r auch noch 3 Jahre hintereinander auf sauber ״ea teten Felde gedrilltes Getreide regelmässig bcv.c .. Ertrag liefern würde, so bedürfte es sicherlich kcit.cs Zuredens, um zur Nachahmung anzuregen, i .! Bauern beeinflusst in der ganzen Welt nur das v.״;׳ Beispiel, nicht der gute Rat. Der Verwalter eines * 1• eiten Musterhofes würde wohl etwas mein kosten, die Wirtschaft cinbringt. dies könnte doch aller e<! Rothschild nicht anfcclitcn. Er könnte aber auch w.!.- gut den geringen Zuschuss durch eine Umlage :• n die anderen Wirtschaften, die gewisserumssen 1!,e geringe Paclt׳ darstellcn würde, ciiibringen 1 würde damit die Kolonie viel schneller fördern. .•> jetzt, wo er in munifizentcr Weise auf jede P.״;,; verzichtet. In derselben Richtung wie Ekrou, doch ctu.is näher zur Stadt, liegt Rcchohoth. Die Ansu.!• lung liegt in welligem Terrain, hoher als Ekr<m, besitzt geringeren Boden als dieses. Das Rucke:.!t der Kolonie ist der Weinbau und ihre anscheuu..* 1 J grösstenteils intelligenten Bewohner haben es n ׳ seiner Kultur ziemlich weit gebracht. Dem cm/.eü.a, | fehlt cs allerdings auch hier an fortschrittlichem Du• spiel, so dient auch hier noch der arabische Billig .äs alleinige Bodcnlockerungsgerät in den Plantagen. dir zwar diese Arbeit qualitativ ganz gut verrichte״׳ aber das doppelte und dreifache an mcnschiickcr Be• diemmg beansprucht wie die amerikanischen Kuba• vatoren. Überall in den Piantagcnkolouivn sticss ich auf eine grosse Abneigung gegen den eigentliche!־. Acker- ־• speziell Getreidebau, so zwar, das«, die Leute, die mit ihrem ohnehin vorhandenen ״.,ל:. .• vicli. Knechten etc. sehr gut noch den nicht zu l'i.m• tagen benutzten Teil iltrcs Landbesitzes hcarhcitiu könnten, häufig vorzichcn, diesen wüst liegen /!> lassen. Mag im einzelnen Falle der mir oft gcmachte Emwand, das Land sei zu schlecht, cs lohne Einsaat und Arbeit nicht u. ä. berechtigt sein, ich fand auch gutes Land unhenützt liegen. Alle diese Kolonien importieren Getreide resp. Mehl und andere landwirtschaftlichen Massenprodukte. Ich halte dies prinzipiell fiir einen Fehler, denn die Transportverha'.׳.• nissc sinJ in einem Lande mit so elender Verwaltung nicht derart, dass eine anderscitige Wirtschaft angezeigt wäre, die beispielsweise in Baden ganz richti'g etwas rohe Vergröberung. Es gibt eben Dinge, deren , Geheimnisse sich nur mit Hilfe des Mikroskops, mittels einer starken Vcrgrösscrung ergründen lassen. Der jüdische Student ist weit regsamer, weit wissbegieriger, er ist dem glcichaltcrigcn und oft dem älteren N'ichtjudcn auf fast allen Gebieten, ins• besondere in der Philosophie und der philosophischen Wissenschaft bedeutend voraus: er weiss viel mehr, er liest, studiert viel intensiver,*) er ist in seinem Studium unersättlich, er sammelt ungeheures Material, er verfügt über ausgedehnte Kenntnisse und bildet sich in frühem Alter bereits über viele Probleme eine reifere Meinung als der Nichtjude, der grossentcils erst erheblich später genötigt wird, zu ihnen überliaupt Stellung zu nehmen. Gleichzeitig aber wird durch dieses intensive und extensive Studium das bereits int Juden vorhandene Kritikervermögen gcweckt und gefördert — er wählt und verwirft, er *) s. Dr. Arthur Brückmann's Einleitung zu Walter Calö’s ״Nachgelassenen Schriften" S. 21: ״Er las in allen freien Stunden, noch mehr: In jeder freien Minute. Auf allen Wegen und Fahrten. In den Nächten bis in den dämmernden Morgen hinein. Er Jas — las — und las." Ausserdem s. Calö's Tage• buch. _ Was Wcinlngcr betrifft, so genügt (ganz abgcsehen von dem Werke selbst) ein Blick auf die ca. 13S Selten der ״Nachweise" zu seinem ״Geschlecht und Charakter", 0. Auflage S. 476-608, um auch In dem vorurteilsfreiesten Loser ein gelindes Entsetzen hervorzurufen. absorbiert alles und scheidet das Unverdauliche wieder aus — er rcisst alles ein, um sich aus den Trümmern des Bestehenden seine Weltanschauung zu bilden. Rastlos, unstut hastet er iimncr weiter, nirgends findet er einen Haltepunkt, nirgends einen Ruheplatz. Htm fehlt die Grundlage, der Ausgangs• Punkt: denn er muss bei Beginn der Arbeit all das, was er bisher gewesen, er muss sein Wesen, sein Judentum gleich Null setzen und sich nun erst Ersatz schaffen. Im Ocgcnsatz hierzu ist der Werdegang des Nichtjuden einheitlich, ruhig, stetig. Er kann cs in Philosophie und Wissenschaft selten mit dem gleichalterigcn Juden nufnehmen, er Ist ihm gedanklich unterlegen — das macht, er studiert nicht so intensiv, er braucht cs ja nicht; er liest nur und auch das nur zur Ergänzung. Er ist nie solchen intellektueller, Umwälzungen, solchen innerlichen Revolutionen von Grund auf unterworfen wie der Jude, Er hat das, wonach der Jude als Endziel strebt, bereits als Grundläge, als Ausgangspunkt: er hat Kultur. Der Jude bildet sich eine Meinung, er will zu sich kommen; der Nichtjude geht von sich aus. Er ist dem Juden in der Kunst, in der Literatur, In der ״Kunst In der Literatur" grossentcils entschieden überlegen — — Der Naturwissenschaftler unterscheidet zwei Arten des Wachstums: die Apposition (bol den Kristallen) und die Intussusception (beim Proto- Plasma). Bel der Apposition gliedern sich die neu entstehenden Kristalle an den als Anziehungspunkt wirkenden Orundkcrn, den Stamm- oder Mutterkristall an. Die Amöbe jedoch absorbiert ausnahms• los alles, was auf ihre mWegc liegt, löst cs auf, verarbeitet cs von Grund auf und stösst dann erst öie unverdaulichen Teile wieder aus — Das Bild ist etwas gewagt, ich gebe cs zu — aber im grossen ganzen macht cs anschaulich, was Ich sagen wollte und ist somit gerechtfertigt. Der Jude hat Wissen (er ist ein Sammler, ein Vielwisser). Der Jude strebt nach Kultur — Der Nichtjude hat Kultur — (als Grundlage). V. In diesem Kampf gingen die Besten zu Grunde. Und an ihnen lernten wir Späteren. Ucber kurz oder lang hätten wir uns wohl unseren Zionismus seihst geschaffen — als intellektuelle Notwendigkeit. Aber Generationen wären dem fruchtlosen Bemühen noch .־um Opfer gefallen — vielleicht sogar das ganze Volk. Da kam der politische Zionismus, kam Heiz!, kam Nordau's ״Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judcnland." Der Zionismus kürzte die Zeit ab. Er zeigte uns Jungen bereits jetzt, wozu uns unsere Erkenntnis erst in Jahrzehnten gebracht hätte. An Jenen Männern (C;»K. Wcinlngcr und zahllose andere) erkannten wir den Konflikt, erkannten wir den grausamen, grauenhaften Kampf. Aber erst atn Zionismus erkannten wir den Weg, der uns ins Freie führen konnte. Der Zionismus wäre uns, den Jungen, ohne icne Männer nur eine Sache des Temperaments geblieben, eine Sache der schönen Worte, der Acsthetik der Ocfühle, Wir wären vielleicht Zionisten geworden aus Trotz, aus N \