Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 391. ___.34 ■סא Diese beiden Aufgaben, die die gesamten Krähe des Zionismus beanspruchen, müssen gleichzeitig und ״ui gleicher Immlvltat weiter gefördert werden. Ihre l.ü.siuig stellt die bestmögliche Sicherung unserer iiiiiion.ilen Existenz dar; so lange diese Lösung nicht in der l laiiptsaelie erreicht ist, hat cs keinen Sinn zu erwägen, ob und wie weit die in Palästina noch muiisiedelnde einheitliche jüdische Nation eine Selbst- Verwaltung anzustreben hat. Diese Erwägungen sind erst .1111 Platze, wenn der Zionismus seine Gegenwarts-;*ו; ca bewältigt hat. Dann ist er im türkischen Staat schon eine Macht, mit der gerechnet werden muss «!hl hat als solche bei der Regelung des Verhältnisses des jüdischen Volkes zum türkischen Vatcrlando im Sinne einer Autonomie ganz andere Aussichten auf Hifdig, wie heute. Zudem wird sich die Erkenntnis der Wahrheit dmvlinugcu, dass die nationale Autonomie das ges lindeste und denkbar günstigste Verhältnis eines im Machtbereiche eines grossen Staatcngcbildcs 1chcitlen Volkes zu diesem Staatengcbildo ist. Wie das Hmzcliinlividuum erst durch die Uusserste Selbstzitclu seine Kräfte voll und ganz entfalten kann zum WValc der Gesamtheit, so kann auch ein Volksindiviihmm mir im Zustande der Selbstverwaltung am giiiisiigsten. weil so unbehindert wie möglich die in• ihm ruhenden physischen und moralischen Schätze heim, zum ,^egen des grösseren Vaterlands. Sehlicsslieh wird die türkische Regierung auch durch ko»• st.wa loyales Verhalten der Juden zu überzeugen sein, da:־ die Gewährung der Autonomie an die Juden ke!:c Gefahr für die Türkei ist. In der Tat stehen bedeutende Zionisten und wohl der grösste Teil der zionistischen Massen schon lange au! dem eben dargclegtcn Standpunkt, es fehlt nur au einem offiziellen Ausdruck desselben, und hieraus ist die irrige Vorstellung zu erklären, die Dr. Riza Te iiik Hey und Nissim Masliach Effendi Uber den heutige» Zionismus haben, Vorstellungen wie sie für de:! Zionismus von vor zehn Jahren vielleicht zutreuen mochten. Die wichtige Aufgabe des nächsten Zlon i •י t e 11 k 011 g r c s s c s muss cs sein, diesen ofiiziehen Ausdruck zu schaffen und gelegentlich seiner Ergebcnhcitsadrcssc an den Sultan der Pforte offiziell kuud zu tun. d a s s d e r Z i 0 n I s m u s c i n c S c 1 b s t- Verwaltung nur Insofern und Insoweit an strebt, als dadurch die Interessen der Türkei nicht gefährdet werden. Hierdurch wird sich der Kongress das Verdienst erwerben, mit einem Schlage dem Zionismus die P'.ilm frei gemacht zu haben. Die Türkei wird dann die Einwanderung grosser Teile des jüdischen Volkes nach Palästina begünstigen und auch die anderen Mächte veranlassen, den abwandernden Juden keine Schwierigkeiten zu machen. Eine solche Handlungsweise der Zionisten ist sicher keine Abweichung von den Leitsätzen des Basler Programms, in denen eine Autonomie nicht erwähnt ist. Die öffentlich-rechtliche Sicherung läge in der offiziellen Zustimmung der Pforte zur Ein- Wanderung, — aus der sich natürlich für die Türkei die Verpflichtung des Schutzes der cingcwandertcn Elemente ergibt — eine Sicherung wie sic nur sehr schwierig, wenn überhaupt zu erreichen sein wird, falls der Zionismus sich von vornherein auf die Ge- Währung der Autonomie versteift. eine mehriuusendjährige jüdische und eine kaum hundertjährige deutsche Kultur zu einer Einheit zu verschmelzen. An ihnen erkannten wir die Unmöglichkeit des Beginnens, an uns selbst erlebten wir sic. bic haben uns den Weg gezeigt, der zum Verfall fahrt, und dadurch wurde cs uns, den Späteren, überhatipt erst möglich, an diesem Wege zu zweifeln, einen anderen zu erwägen. Wir alle wollten ja tun, j was sic getan haben, wir alle wollten unser Juden- | tum vernichten, um auf den Trümmern unserer jüdisehen Sekte ein neues, ein deutsches Gebäude aufzuiichtcn. Hätte das Opfer jener Männer uns nicht stutzig gemacht, wir hätten den Zionismus von uns gewiesen, wir hätten ihn als einen Rückschritt be* •*;impft, wie er heute noch von all jenen bekämpit wird, die da wähnen, in der deutschen Kultur voll imd ganz aufgegangen zu sein, die über eine jüdische Kultur lächeln und mit jenem sattsam bekannten Schlagwort von der ״intcrnationalität der Kultur“ siel! gegenseitig cinlulicn. III. Wahrlich, in den 1800 Ghettojahren haben die Christen schwer an uns gesündigt — wer wollte das leugnen? Aber in dem Jahrhundert der Emanzipation, *las jenen Ghettojahren folgte, haben unsere eigenen Väter weit mehr an uns gesündigt, haben uns weit mehr geraubt, als fast zwcltauscndjährige Verfolgung cs vermochte. Sie nahmen uns das, was wir während *ler ganzen Zeit als unser heiligstes Gut verteidigt batten, sic nahmen uns die letzte Waffe, sie machten uns kampfunfähig und lieferten uns feindlicher Will• JUEDISCHE RUNDSCHAU Zur Gründung des Nordauinstiiufs in Haifa Von Dr, Dreyf u s s - Kaiserslautern. Es hätte keine bessere Idee gefunden werden können, um den 60. Geburtstag Max Nordau's zu ehren, als der Gedanke, in Palästina ein Mikrobiologisches Institut zu gründen. Auf anderem Gebiete, nämlich auf dem der Archäologie, haben wir Juden viele Jahrzehnte lang Palästina mit einer unglaublichen Gleichgültigkeit betrachtet. Alle Nationen haben sich bemüht, Ihre Ver: gangcnhclt, die Lebensweise ihrer Vorfahren, ihre Kunst- und Wissenschaft, die Bauweise der Vorzeit, zu erforschen. Nur die Juden haben ihre Ehre darein gesetzt, die Ausgrabungen und Forschungen in Palästina, im Lande ihrer Vorfahren, anderen Nationen zu überlassen. Es ist verständlich, wenn die Indianer Mexikos und Perus die Erforschung der alten mexikanischen und peruanischen Städte den europäischen Nationen überlassen haben. Nicht ver* stündlich ist aber das entsprechende Verhalten von uns, die wir für die Ausgrabungen in Troja und in Mykena, für etruskische Vasen und für ägyptische Mumien zweifellos vom ersten Moment ihrer Kenntnis an Interesse hatten. In dem Momente, wo Schlic• mann in Troja seine Ausgrabungen begann, hätte sich auch ein jüdischer Spender finden lassen müssen, der das Suchen nach den Resten der Lebensweise unserer Vorfahren veranlasst hätte. Die Zeiten sind andere geworden. Das Interesse ist erwacht nicht nur für die Vergangenheit von Palästina, sondern auch für seine Zukunft, und wir können jetzt durch die Sorge für die Zukunft des Landes wieder gutmachen, was wir durch die Gleichgllitigkcit gegenüber seiner Vergangenheit versäumt haben. In dieser Sorge für die Zukunft bildet cs nun zweifellos eine der wichtigsten Seiten einer öffentlichen Tätigkeit, dass die Krankheiten, besonders die Epidemien, von Menschen, Tieren und Pflanzen erforscht, und die Mittel für Ihre Abwehr gefunden werden. Wir Ärzte, und ganz besonders diejenigen von uns, die in amtsärztlicher Stellung sich mit der öffentlichen Hygiene zu befassen haben, wissen, wie die biologische Forschung last täglich der Praxis neue Mittel für die Abwehr ansteckender Krankheiten an die Hand gibt. Es gibt dem Verfasser dieser Zeilen eine ganz besondere Genugtuung, dass er schon bei Beginn unserer Bewegung, in den allerersten Monaten jener herrlichen llcrzTsclicn Zeit, auf die Wichtigkeit aufmerksam gemacht hat, welche einer Etablierung eines ärztlich geschulten und ärztlich tätigen Volkes an der Grenze dieser Weltteile, an der Einbruchspfortc der Cholera und Pest, innewohnt, und er hätte von diesem Gesichtspunkt aus an dem vorliegenden Plane nur vielleicht das eine Bedenken zu äussern, ob cs nicht empfehlenswerter wäre, das Institut statt nach Haifa, dem vorläufigen Zentrum unserer Wissenschaftliehen Bestrebungen, näher nach dem Suez-Kanal hin zu verlegen. Wie dem aber auch sei, jedenfalls ist zu wünschen und zu erwarten, dass das neue Unternehmen in allen modernen jüdischen, nicht nur In zionistischen, Krclsen die wärmste Aufnahme und die tatkräftigste Unterstützung finden möge. kür aus — sic nahmen uns die einzige Grundlage eines gesunden, cnlwicklungsmüglichcn Bestehens — die Einheitlichkeit, die nationale Kultur. Die Früchte einer mehrtau^endjährigen Entwicklung sollten spurlos vernichtet werden. Alles, was bisher in uns schlummerte und noch des Weckrufes harrte, sollte rücksichtslos ausgerotte werden. Der Jude übte freiwillig geistigen Selbstmord, er vernichtete sich, er negierte sich, er fing total von neuem an. Er vergass; sein Wesen, seine Natur — er wollte cs vergessen, J er täuschte sich darüber hinweg, er verbrachte ein ganzes Jahrhundert in dem vergeblichen Bemühen, der Gegensatz seiner selbst zu werden. Und schon nach unglaublich kurzer Zeit hatte er tatsächlich vergossen, was er bisher gewesen — er war fest davon überzeugt, dass er in der deutschen Kultur aufgcgangen sei, er hielt cs filr eine Absurdität, nun noch von einem jüdisch-deutschen Kulturgcgcnsatz zu reden, er lächelte, wenn man ihn daran erinnerte, dass sich eine zweitausendjährige Entwicklung nicht durch einen Federstrich aus der Welt schaffen licssc. Er handelte in gutem Glauben, er kannte cs nicht anders. Er hielt sich für einen Deutschen und nur für einen Deutschen. Wenn er aber einmal aus seinem Traum grausam geweckt wurde, wenn er an allen Ecken und Enden stets wieder sein totgeglaubtcs jüdisches Wesen zum Durchbruch gelangen sah, wenn cs ilnn schliesslich aufging, dass er trotz Taufe, Christentum und Kantischcr Philosophie von seinem Judentum nicht loskonmien konnte — da brach er zusammen und endete, wie Weininger geendet hat. Das war das Ergebnis dieses Jahrhunderts, Der Ich möchte bei dieser Gelegenheit zu erwägen geben, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre, auf eine Idee ziiriick/.ukommcn, die vor einigen Jahren Dr. Moses-Mannheim anregte, nämlich auf die Gründung eines jüdischen Palästina-Vereins, der die Aufgabe hätte, die gesamten jüdischen Kreise, die sicli für Palästina interessieren, speziell auch die nichtzionistischen, zusammenzufassen, um der Unter- Stützung aller Palüstinabcstrebungcn künstlerischer, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und^ sozialer Natur zu dienen, ich glaube, eine solches Zentrum dieser Bestrebungen müsste geeignet sein, Kreise hcranzu* ziehen, die letzt fcrnstchcn, und ich glaube, cs gelingt jetzt eher, einen solchen Verein in die Höhe zu bringen, als vor einigen Jahren. Die sexuelle Frage bei den Juden und ihre Lösung Eine Entgegnung an Herrn Dr. Eisenstädt. Gestatten Sic, sehr geehrter Herr Redakteur, einer unverheirateten Frau, die Sic vielleicht nicht für ״sachverständig" halten, aber die sich trotzdem eine Meinung über ein Thema, das sie sehr ״angcht,“ gebildet bat, sich zur Sache zu äussern. I)r. Eisenstädt kommt, von dem Wunsche geleitet, den jüdischen Stamm durch kräftigen Nachwuchs regeneriert zu sehen, zu einer höchst einseitigen Lösung des sexuellen Problems, die bei näherem Zuschauen sich als männlich egoistisch entpuppt. Er empfiehlt die Gründung einer Art Muttcrschutzkolonie in Palästina gegen die Gefahren der Prostitution einesteils und Mischehen anderenteils, die dem jungen Juden drohe», wenn er als Folge eines ״Verhältnisscs“ moralisch gezwungen sein wird, dieses Veriiältnis zu einem dauernden, ehelichen zu gestalten. Auch wäre damit dem Mädchenhandel ein Hemmschuh angelegt, die Spätclic mit ihren verhängnisvollen Folgen iiir .die Nachkommenschaft keine Wirtschaftliehe Notwendigkeit mehr. Ein ideales Mittel dagegen ist nur die Wiedereinführung der Frühchc, die in beiderseitiger Reinheit geschlossen, uusgewählt an Elternstatt von einer sozialen Korporation als dekorativen Beistand den Herrn Rabbiner hat; denn welchen Wert eine rabbinischc Trauung haben soll, die den Gatten zu keiner Verbindlichkeit der Gattin gegenüber verpflichtet, das verstehe ich nicht. Eine solche Ehe. die alle Last den Schultern der Frau auflädt und dem Manne noch die Entschuldigung des Erlaubten gibt, die Freiheit des sexuellen, gefahrlosen Sichuuslebcns, wozu die noch der Kon- Zession des rabbinischcn Segens bedarf, verstehe ich als Frau nicht. Nun, man muss der Erhaltung seines Volkes Opfer bringen, nicht wahr? Man schlicsst auf diese ״ethisch einwandfreie" Weise einen Liebesbund ohne Standesamt, man fühlt die heiligsten Erkbnissc einer Frau herannahen und jetzt, wo Mann und Frau eins wurden, wo die Frau psychisch erregt durcli den Ncuztistnnd und physisch anlelmungsbcdürftiger als je, die ihr natürliche Stütze, den Vater des Kindes bedarf, nun heisst cs fort von ihm auf immer, — dem sie sich ganz zu eigen gegeben, verlassen und ein vaterloses Kind erwarten. Ich glaube mm. auch vom Standpunkte einer Zuchtwahl, abgesehen von der Frage, des individuellen Glücks, ist Gegensatz von Jude und Nichtjude war nach Verlauf dieser Zeit stärker ausgeprägt als je. Früher waren sic Gegner — aber sic waren kulturell stets ebenbiirtigc Gegner. Sic verfügten beide über das Wertvollste: über Einheitlichkeit, über eine feste Grundläge, einen Ausgangspunkt, über nationale Kultur. Und nun? Nunmehr fehlte dem Juden auch dieses: der Jude ״war" nichts mehr, er hatte nur noch die Möglichkeit, etwas 7.u werden. Er war nicht mehr Jude, dem! er vernichtete sein Judentum; er war noch nicht Christ, war noch nicht Deutscher, denn er vermochte die Einheit nicht hcrzustcllen. Er hatte keinen Ausgangspunkt mehr, er hatte nur noch ein Ziel. Er war nunmehr auch in intellektueller Hinsicht der ״ewige Jude" geworden: unstät irrte er umher, ohne je Ruhe zu finden, ohne je ein wenig rasten und Kräfte sammeln zu können. Die Statistik der judisehen Selbstbcfrcicr weist in den letzten Jahren erschreckend hohe Ziffern auf — wen kann das Wunder nehmen? IV. Ich kann und will hier den Gegensatz zwischen dem modernen jungen Juden und dem Nichtjuden nicht auf Formeln bringen. Nur einen der zahlreichen fundamentalen Unterschiede will ich noch einmal hervorheben; ״noch einmal" — denn cs liegt bereits in dem Gesagten. Und wenn ich dabei auch etwas unberechtigt und vorschnell verallgemeinern sollte — diese feinen, individuellen Nilanclcrungcn lassen sich nun einmal nicht anders packen und fcsthaltcn, als durch clno