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Jüdische Rundschau · 1909-08-13 · Heft 33 (13.8.1909) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 384. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 33. schliesslich in den Mangeln der Vorbereitung ge• sucht werden. 3. Jede Bewegung muss mit grossen Mitteln arbeiten. Ohne Presse. Plakate. Flugblätter und Versammlungen grösseren Stils ist keino Bewegung zu machen. Man muss die Scheu vor den Worten Agitation und Propaganda überwinden. Man muss! Die Bewegung erführt sonst einen Stillstand. •4. Fine gute Organisation darf keine Schulden machen. Der Betrieb muss die Betriebskosten decken. Wie man das macht? Fragt bei der Charlottcnburger Wildenschaft an. 5. (Haube nicht, dass du die Hauptperson sein müssest. Arbeite und wirke, aber schiebe bestiindig Jüngere Krüftc vor* damit sie lernen und zur Führersümft licranwachscn. Wenn cs dahin kommt, dass alles auf deinen Schultern Hegt, so bilde dir nichts ein. Es ist kein gutes Zeichen für deine Fülligkeiten, sondern es beweist, dass du kein Organisator hist. 6. Wenn du ein Führer bist, so sei ein Muster an Treue im Kleinen. Wenn du Sitzungen halten musst, sei pünktlich zur Stelle. ״Qcnialitüt" ist der Ruin einer gesunden Öescliüftsführnng. Wenn du au füllrender Stelle bummelst, so schiUligst du den Krzichuitgswcrt der Bewegung. Was du übernimmst, musst du genau ausführen. 111 allen Geldfragen sei Pedant. 7. Wen״ innere Kümpfe persönlicher Art entstehen, dann sage dir. dass cs sich nur darum handeln kann, sie möglichst schleunig aus der Welt tm schaffen. Sie Burclikämpfcn heisst meist!!die Entwicklung' der Organisation auf lange Zeit hinaus ialun legen. S. Drei Sorten von Mitgliedern sind beschwerlieh: die Schwätzer, die Uchcrmenschen und die Opponenten. Wie soll man sic behandeln? Die Schwätzer muss man ertragen, ohne die Liobens- Würdigkeit zu verlieren, die Uebcrmcnschen darf man nicht ernst nehmen, sondern man behandele sic rücksichtsvoll wie Kranke, den Opponenten gebe man zu arbeiten, bis sic positiv werden. Wen direkt gegen die drei nukümpft, vergeudet seine Nerven• kraft und bestärkt sic nur in ihrer Verkehrtheit. Man lasse tuliig die Schwätzer schwatzen, die Uchcrmenschcn renommieren und die Opponenten negieren. Das gehört zu unserer Arbeit, wie das Kreischen der Maschine zum Sägewerk. Nur ruhig Blut! Positive leistungcn stopfen alle Miiulcr! 9. Wer hätte noch nie die Stimme der Bremser gehört? Sic sagen: ..Dafür ist hier kein Boden." Oder: .,Wir müssen in Rücksicht auf die Behörden etwas zurückhaltender sein." Oder: ..Wir sind noch nicht stark genug, um das oder Jenes tun zu können." Oder: ..Prinzipiell bin icli ganz Ihrer Meinung, aber aus taktischen Gründen rate icli dringend ab." Holla! meine Herren. Sie vergessen eins, dass ein ehrlicher Misserfolg besser ist. als ein mutloses Abstehen vom Ziel. Nur durch eine Reihe von Misscriolgcn geht der Weg zum Erfolg. Etwas Drauf* güngertum ist nötig. Husarcng'cistl ״Wo liegt Paris?" Paris dahier. ״Den Finger drauf, das nehmen wir." 10. Du hast Zeit und Kraft geopfert, hast mit Hingabe und Begeisterung gearbeitet und Undank ist dein Lohn gewesen? Lieber Freund, lass die pathetischen Worte zur Seite. Es ist ein Geheimnis im Leben Jeder Organisation: die da gcnicsscn wollen und glänzen und schmarotzen, die haben nicht viel davon. Aber je mehr Arbeit du hineinsteckst, gedicgcnc. selbstlose Arbeit, desto mehr inneren Lohn trägst du davon: Sclbstcrziehung. Menschenkenntnis. Wcltweisheit. Bruderliebe. Die Bibel hat dafür den Ausdruck: Wer sein Leben verliert, der wird cs ge• winnen." Wir raten den Jüdischen und insbesondere auch den zionistischen Vereinen dringend, allen nettge• wühlten — wie auch den gegenwärtig amtlcrcmlenl — Vorstandsmitgliedern. Kommlssionsvonsitzcndcn etc. etc je ein Exemplar der Broschüre von Dr. Ohr zu dcdizicrcn und die ..Mcmorialpunktc" im Anhang in sämtlichen Regenbogenfarben anzustreichen. Das sollte Punkt eins aller demnächst tagenden Vereins• Versammlungen sein 1 ״ AUS ALLGR W6LT 5: Russland Emlgrantcn-Lcidcn Der dornenvolle Leidensweg der jüdischen Emi• gramen beginnt mit dem Passieren der Hcimatsgrcnzc. Bekanntlich ist zum Uebcrsclircitcn derselben ein spe• zieller Auslandspass erlordcrllcii. Das Erlangen eines solchen Passes ist aber mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Man muss dazu durch verschiedene Be• hörden und Instanzen gehen und mannigfache Doku• mente bekommen und der Qouvcrncmcntsvcrwaitung verlegen. Abgesehen von den dadurch verursachten beträchtlichen Kosten, die für die meist unbemittelten Auswanderer eine empfindliche Last bedeuten, ist auch diese Prozedur sehr langwierig und mit vielfachen Hemmnissen verknüpft. Zahlreiche Emigranten sind deshalb gezwungen, sich ohne Auslandspass auf ihre traurige Wanderung zu begeben und sich selbst, sowie Ihr Hab und Out den ״Qrenz-Agenten" anzuvcrtraucn, Diese verfahren häufig gegen die hilflosen Auswan• derer in goradezu haarsträubender Weise. Tage- und wochenlang halten sie sie ln dunkeln, engen Verstecken und cxplolticrcn sic schonungslos und ohne Erbarmen. Die ״Grenz-Agenten" bilden den Schrecken der Emigrauten, den sic jedoch sehr häufig nicht umgehen können, in der öffentlichen Meinung der russischen Judenheit gibt sielt deshalb das Verlangen nach Abliilfc in dieser Beziehung kund. Das Wichtigste 1111 d N U t z 1 i c h s t c wäre d n b c i, s ä m 11 i.c h c n Emigranten Auslandspässe zu bcschaffen, wodurch ihnen das freie Passieren der Helmuts• grenze ermöglicht und jede Berührung mit den Agen• ten erspart würde. Und hier ist ein grosses und eminent bedeutendes Arbeitsfeld für die grossen jüdiselten Organisationen, welche direkt oder durch materiellc Hilfeleistung d:i?.u beitragen könnten, eine spezielle, über ganz Russland ausgedehnte Organisa* tiuu zu begründen, die jedem Auswanderer auf seinen Wunsch einen regulären Auslandspass besorgen sollte. Eine solche Organisation würde sicherlich die weitgeltende Förderung seitens der führenden jüdischen Pcrsöiiiclikeiton, Rabbiner, Gemeindevorsteher usw. in jeder Stadt crfaltrcn. Die bestehenden Kmigrationsburcaus tuen zwar vieles für die Auswanderer! ihre Wirksamkeit liegt über vornehmlich auf dem Gebiete der Auskunftserteilung. Damit kann aber dem geschilderten Ucbel nicht abgehoben werden. Dieser grossen und opferreichen Aufgabe könnte nur eine besondere umfassende, mit den nötigen Mitteln verscheue Organisation gewachsen sein. Mögen die jüdischen Gesellschaften, denen das jammervolle Los der jüdischen Emigrünten wirklich zu Herzen geht, hier ein greife nl * An Stelle des 'verstorbenen Dumaabgeordneten Pergament hat die Kadetten-Partei den jüdischen Rechtsanwalt A. Brodsky als Kandidaten für dlo Ersatzwahl utifgcstcllt. Die progressiven Wähler haben ihre Zustimmung zur Kandidatur Brodsky, der sich hier allgemeiner Beliebtheit erfreut, ausgcsprachen. Seine Wald gilt als gesichert, da die Kade'ttcn über f!0 Prozent Stimmen der ersten Waltlkuric verfugen. Die Aufstellung eines jüdischen Kandidaten ist mit Rücksicht darauf erfolgt, dass die Juden in der Duma scltr schwach vertreten und dass von den fortschritilichcn Wühlern in Odessa zwei Dlittel Juden sind. Oesterreich Knapp vor Ende der Sommcrscssion des östcrrcichischcn Rcichsrats wurden noch die Wahlen in dlo Delegationen vorgenotmnen. Und trotzdem das gegenwärtige Abgeordnetenhaus 14 jüdische Abgcordnete zählt, und einzelne derselben durci£ ihre grossen Fachkenntni^t. in verschiedenen Kommissionen hervorragende Dienste geleistet haben, ist kein einziger Jude diesmal ln die Dole־ g u t i 0 n c n gekommen. Seit dem Bestände diescr gemeinsamen Institution ist dies zum ersten M a 1 e d e r F a 11, und &ird umso schmerzlicher empfunden, als bei Entgegennahme der Berichte des Ministers des Acusscrn und des Kriegsministers, sowie bei Beratung der Verfassungs- und Vcrwaltungs• reform in Bosnien verschiedene, das allgemeine jädiscltc Interesse stark tangierenden Fragen auftauchen werden, deren offene, rückhaltlose Besprechung durch einen jüdischen Abgeordneten sehr erwünscht und nötig wäre. Amerika Die rigorose Handhabung der ״Aliens Bill", wie sie neuerdings von dein Kommissar auf Ellis Island, William Williams, beliebt wird, zeitigt bisweilen recht absurde Fälle, die gewiss nicht geeignet sind, den traditionellen Ruf des ״freien Amerikas" als Zufluchtsstüttc der Verfolgten und Enterbten zu festigen: Ein jüdischer Tabakarbeiter, Hermann Friedmann, der fünfundzwanzig Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, entschloss sich um die Weihnachtszeit des vorigen Jahres, seine frühere Heimat, Oesterreich, zu besuchen, um einige Wochen mit seinen alten Freunden zu verleben. Wie gross war sein Erstaunen, als er bei der Rückkehr In seine netto Heimat von den Behörden nicht an Land gelassen wurde, sondern der Hamburg-Amerika-Llnic zum Rücktransport nach Europa, mit der ״Amerika" überwiesen wurde! ürund: Körperliche Untüchtigkcit. Der Fall wurde bald auch unter den Kajütengüsten des Dampfers bekannt und sein trauriges Schicksal hatte dem armen Majj.no bald dlo allgcmeine Sympathie erworben, Die schreiende Ungcrechtigkeit. welche ihm widerfahren war, vcranlasste einige Passagiere zur Einberufung eines Protestmeetings, bei dem die Methoden der Einwanderungs— beliördcn aufs schärfste gebrandmarkt wurden. Es wurde ein Attest von drei angesehenen Aerzten, die zufällig an Bord waren, vorgclcgt, welches nach gewissenhaftcr Untersuchung Friedmanns Ihn für gesund erkannte, ln der Versammlung wurdo eine Summo von £50 gesammelt, um Frlcdmann in den Stand zu setzen, seine Zulassung durchzusotzcn. Dann wurdo eine Petition sin den Präsidenten Taft unterzeichnet, die ihn ersucht, eine Revision des Falles anzuordnen. Friedmann hat übrigens schon eine ganze Reihe von. Stellenangeboten für den Fall seiner Zulassung er- )!alten. Das ist ein Fall, der vielleicht durch das Ein• greifen bemittelter Passagiere noch zu einem günstigen Ende geführt werden wird. Ein ähnliches Schicksal ereilt tagtäglich Hunderte namenlose, die vom Hafen der ״Freiheit" in die russische Barbarei zurüekgestossen werden, wo ihrer nunmehr, wo sic aucli die losen Bande des Besitzes gelöst haben, die sie dort mit der Hclmntgcmcindc verbanden, ein dop. pell trauriges Los wartet. Türkei Auf Initiative des Komitees der ״Association des Ancicns ERves der l'A.l.U." in S in y r n a war dort zur Feier des Verfassmigsfestes eine Fcstkommission ein• gesetzt worden, die aus Delegierten der bedeutend• steil jüdischen Vereine bestand. Das von ihr durchgeführte Programm hatte ausserordentlichen Erfolg. Ein grosser Zug, Reiter. Fussgängcr, Blumcnwagi•», Kinder, Delegierte der Vereine und ein kolossale: Wagen, der eine Riesciifreiheitsstatuc trug, durchzog, Musik an der Spitze und von einer Abteilung Soldaten eskortiert, die Hauptverkehrsadern der Stadt. Die Manifestanten statteten den beiden ersten Klubs des Komitees ״Union et Progrös", der Munizipalität und der grossen Kaserne Besuche ab, wo die Zivil- und Militärbehörden ihnen einen sehr warmen Empfang bereiteten. Wie der ״Pcrdschimcn-i-Hakikat“ berichtet, ist das Komitee ״Union et Progrös" in Jaffa durch einen jüdischen Notabein der Stadt dahin informiert worden, dass im Falle eines ausbrcchcndcn Krieges hundert ]iidisclie junge Freiwillige aus Jaffa bereit sind, sich unter die ottomanischcn Fahnen zu stellen. Diese Zionisten siiid doch wirklich recht vaterlandsfcindliche Elemente! Warum haben sic sich nicht von der Alliance besser erziehen lassen und sind — nach Canada ausgewandert! PALfleSTINA-RUMDSCHAU Aus Jaffa wird uns berichtet: Am 23. Juli veranstaltete das jungtiirkisclie Ko• mitcc in Jaffa ebenso wie in allen anderen Städten der Türkei eine grosse Feier der nun ein Jahr alt gewordenen türkischen Konstitution. An den Strassen* Umzügen mit Musik und Gesang nahmen die höheren Offiziere und Beamten teil. Vor dem Rcgicrungsgc• bäude, dem Vcrcinslokal des jungtürkischen Komitees, und der Stadtkasernc wurden schwungvolle Reden auf die Freiheit gehalten. Auch die Juden Jaffas nahmen an dieser Feier regen Anteil. Die Zöglinge des hebräischen Gymnasiums zogen mit ihren Lehrern und tiirkisehen und jüdischen Fahnen unter Absingung hebräischer Lieder vor das Klublokal. Am nächstfolgenden Tage, am Sonnabpnd, abends, zog eine grosse Anzahl von Juden unter Begleitung des türkischen Musik* Vereins ״Kinor-Zion" in den jungtürkischcn Klub, um liier die türkischen Freiheitskämpfer zu den von ihnen errungenen Erfolgen zu beglückwünschen. Zum Dank dafür begab sich darauf eine Abordnung des jungtürkischen Vereins in Jaffa, die Offiziere Daiiir Bey, Mamdu Bey, Asraf Effendi, Ralub Imam, der Kaufmann Siiibli Nufal, die jüdischen Mit• glieder Dr. Moyal und Advokat Harari nach dem hiesigen Gymnasium und dem Beth-Sefer lebanoth (Mädchenschule). Auch drei Mitglieder des jung• türkischen Klubs in Jerusalem, ein Lehrer, ein Offizier und ein Priester, die aui einer Agitationsrcisc, tun die ländliche Bevölkerung über das Wesen der neuen Freiheit zu belehren, in Jaffa weilten* schlossen sich ihren hiesigen Genossen zum Besuch dieser beiden Schulen an. Im Gymnasium und in der Mädclicnschulc wurden die jungtürkischcn Mitglieder von der Direktion und dem Lclircrpcrsonal aufs freund* Hellste begrilsst. Von den Lehrern wurden hebräische, von den Gästen arabische Ansprachen gehalten. Die Aufgabe, die Reden durch Uebersetzuug allen verstündlich zu machen, fiel Herrn Dr. M 0 y a I zu. Von beiden Seiten wurde der Wunsch ausgesprochen, in Freundschaft zu beharren und für die Erhaltung der Freiheit und der von iiir geschenkten Kulturgüter gemcinsciiaftlich zu arbeiten, Ebenso wie von jtidi• scher Seite das Bedauern ausgedrilckt wurde, mit den arabischen Mitgliedern sich noch nicht in arabi* scher Sprache verständigen zu können, bedauerten die arabischen Qästc, die hebräische Sprache, die Sprache einer so hohen, Jahrhunderte alten Kultur nicht zu beherrschen. Die Gäste besichtigten mit grossem Interesse die naturwissenschaftlichen Sammhingen und Lehrmittel des Gymnasiums, sowie die schönen, luftigen Räume des neuen Gebäudes der Mädchenschule und trugen die Ueborzeugung davon, dass die vermehrte Einwanderung der Juden nach Palästina in erster Linie eine hervorragende Förucrung moderner Kultur im Lande zu bedeuten habe.

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