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Jüdische Rundschau · 1909-08-13 · Heft 33 (13.8.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 382. No. 33. \ Hat es nicht ei» Cliazaronvolk jüdischen Glaubens gegeben? Ist cs logisch undenkbar, dass alle Völker das Judentum anncitiucn? So ruft Kaatz triumphic* rend aus. Gewiss können andere Völker die ethischen und religiösen Ideen des Judentums anneluncn, sogar den Glauben an die religiöse Mission. Israels! Ja, vielleicht könnten sie sogar das Judentum in seiner konkreten Gestalt mit all seinen uutionulcn Festen, Hinrichtungen, Sitten und Erinnerungen übernehmen. Vielleicht. Aber heisst dies: das Judentum ist ent-׳ nationalisiert? Wenn das Judentum als ideelles und konkretes Religionsgcbildc über das jüdische Volk hiuuusgrcifcu kann, so heisst das doclt nicht; das Judentum ist cntnationalisicrt! Entnatioualisiert ist cs erst dann, wenn cs nach seinem Ideengehalt und nach seiner konkreten Ausgestaltung von nationalen Eiementen völlig befreit tmd gereinigt ist. Wo also ist hier ein Grund, sich ::u verwundern? Unverständlich ist Kaut/, auch meine Ucliauptimg, dass Israels Genius seine schöpferische Kraft nur daun entfalte, wenn das nationale Bewusstsein und Leben stark und lebendig sei. Jedes Kind wisse, dass die in Frage kommenden Propheten gerade zu einer Zeit nationalen Niederganges aufgetreten sind, lim! Sagen Sic, bitte, Herr Doktor! Wenn dem Vaterland Krieg droht, pilegt da das nationale Bewusstsein und Leben im Niedergang begriffen zu sein? oder steigt dann nicht vielmehr beides mächtig über sein ge• wohnliches Niveau hinaus? Wenn einem Volke mm gar mit dem Kriege auch der Verlust der politischen Selbständigkeit, Macht, ja, des eigenen Lundes droht, wird dann das nationale Bewusstsein und Leben nicht den höchsten Grad der Intensität erreichen? Und nun gar bei einem Volke mit einer so heissen, starken Liebe zum eignen Herd, zum eignen Vaterland, wie Alt-Israel! In einem Volke mit so starkem, religiös gegründetem Vertrauen auf seinen ewiger, Bestand! Wird Kaatz sich wundern, wenn!nein Satz in solchen bewegten Zeiten sich ganz hesonders bewahrheitet? Nur beiläufig will ich, wie schon früher einmal, daran erinnern, dass Deuterojesaja nicht in einer Zeit der Gefahr, sondern des Aufstiegs der Nation lebte, und auch er hat tn einer national besonders freudig gehobenen Epoche die jüdische Religion sehr wesentlich bereichert, vor allem mit dem uuivcrsaiistisch-mcssianischcn Glauben und der Missionxulte, die heute in so verderblichcr Weise missdeutet wird. Warum, fragt Kaatz, sind denn die Israeliten des Zelinstäinuiereiciies uutergegangen? Lag dies in einem Mangel an nationalem oder an religiösem Lebenswillen? An dieser Frage sei ich ganz vorübergegangen, und doch sei gerade die Erwägung dieser Frage dazu angetan, zu zeigen, dass cs niciit der nationale Lebenswille gewesen sei, der Israel erhalten habe. Nun, die Schwierigkeit, die hier vorlicgcn soll, scheint mir nicht gar so gross zu sein. Von den Exulanten des Zelmst immerciehcs hören wir nirgends, dass in ihrer Mitte Propheten aufgetreten sind, die den Glauben an Israels nationale Wiedergeburt und Zukunft genährt haben. Es scheint demnach, und so nimmt auch die Wissenschaft an, dass sic durch ihr politisches Unglück ihren bisherigen nationalen Glauheil für widerlegt hielten, dass sic also nichts hatten, woran sich ihr Lebenswille klammern konnte, und eben darum untergegangen sind. Unter den babylonisclicn Exulanten aber lebten ein Ezechiel, Deuterojesaja und andere Propheten, die mit Begeisterung und unerschütterlichem Glauben die künftige Wiederauferstehuug Israels verkündeten. Daran konnten sic sich um so eher klammern, als der Auferstchungsglaube zum Teil durch dieselben Propheten gepredigt wurde, die durclt das Eintreten der Kata- Strophe sielt in ihren Augen als die wahren erwiesen hatten. Der starke nationale Lebenswille der Edelsten und Besten aus Israel also war cs, der den babylo- »!sehen Exulanten den Mut und die Kraft gegeben hat, an ihrer nationalen Existenz fcstzuhaltcn und ihre alten nationalen Traditionen mit Liebe und Treue zu pflegen. Einen schwerwiegenden Einwand abfcr glaubt Kaatz gegen meine Auffassung des Judentums und meine Begründung des Zionismus zu erheben, wenn er sagt: ״Ich habe bereits bemerkt, dass er die Hauptsache verschweigt, wie er sich ein nationales, vom Religiösen unabhängiges Judentum denkt.“ Ich aber frage dagegen: Habe ich das wirklich verschwiegen? Wohl, es war nicht meine Aufgabe, niein religiöses Programm zu entwickeln. Es war nicht dio Absicht meines Buches, meine Stammesbrüder auf meine religiöse Überzeugung hinzuweisen. J U E DIS C H E RUNDSCHAU Meine persönlichen Ideale zu entwickeln, zu zeigen, wie ich mir die religiös-ethische Zukunft des Judentums denke, das lag nicht im Rahmen des von mir behandelten Problems, würde auch wohl der praktischen Absicht meines Buches nicht förderlich gewesen sein, da es einen bequemen Anlass hätte bieten können, die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Thema abznlenkc». ״Das Judentum am Scheidewege" stellte sich ausschliesslich die Aufgabe, dio Notwendigkeit des nationalen Bewusstseins und Willens, das Festhalten an den nationalen Hoffnungen und Bestrebungen, und, darauf gestützt, die Wahrheit des Zionismus auf eine neue Art zu ersveisen. Dagegen aber betonte Ich allerdings sehr nachdrücklich, dass der nationale Boden nicht nur dem jüdischen Volke als solchem und als Oanzes, sondern auch und nicht zuletzt seinem geistigen, seinem kulturellen und insbesondere seinem religiösen Leben die Entfaltungsinögiielikeil und die Möglichkeit des Aufschwungs und der neuen Blüte geben sollte. Was speziell das religiöse Gebiet betrifft, so sollen die verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum sich ruhig weiter entwickeln, nur dass sic sich samt und sonders auf den nationalen Boden stellen müssen, ohne den unser besonderes religiöses Leben, wie in der Zeit der Aufklärung und ungehemmten Assimilation, dem sicheren Untergang geweiht ist. Jeder kann auf dem gemeinsamen nationalen Boden für seine besonderen Ideale kämpfen, wie auf kulturellem, sozialem und ästhetischem, so auch auf religiösem und ethischem Gebiete. Was aus der freien Entwicklung aller Riehtungen und Ideale im Judentum wird, wie der Kampf einer jeden von ihnen um ihre Selbstbehauptung ablaufen wird, das wird die Zukunft lehren. Die politische Bewegung des Zionismus bleibt davon völlig unberührt» sic hat ausschliesslich das Heil des Ganzen, des gesamten jüdischen Volkes im Auge. Auch ein ganz moderner Stunt ist nicht der Feind der Religion, so wenig, wie er der Beschützer einer besonderen Religion, mit Hintansetzung anderer, die unter seinen Bürgern vertreten sind, sein darf: er gibt nur allen den gleichen freien Spielraum, die gleiche unbehinderte Entfaltungsmöglichkeit, soweit sic mit den Gesamtmtcresscn der staatlichen Qcmelnsclmft nicht kollidieren. Behaupten nicht die Misracliistcn ihren besonderen religiösen Standpunkt innerhalb des Zionismus? Und sic dürfen und sollen es tun, sofern sie die Leitung der zionistischen Organisationcnnicht in den Dienst ihrer religiösen Partei zti zwingen beabsichtigen. Das Gleiche sollen und dürfen alle religiösen Parteien innerhalb des Judentums tun. Daran hindert sic kein Zionismus. Und nun noch einen letzten Punkt! Ich setze voraus, meint Kaatz, dass cs ernste Juden gebe, die das Vorhandensein eines jüdischen S t a m m c.s bcstreiten. Ach nein! Wenn Katz so spricht, dann hat er die Problemstellung, die den Ausgangspunkt meiner Darstellungen bildet, gar nicht verstanden. Ich spreche vielmehr von jenen ganz ernsten Juden, die das Judentum lediglich als Religionsgemeinschaft betrachtet wissen wollen und suche das Unlogische und Aussichtslose dieses Standpunkts naclizuwciscn. Der Herr Rezensent versteht häuiig schief und häufig nach seinen eigenen Versicherungen überhaupt nicht, obwohl sonst alle Kritiker meines Buches, auch die gegnerischen und halbgcgnerischcn, die Klarheit und Schärfe der Ausführungen in meinem Buche bcsonders hervorheben. Wenn der Herr Rezensent so schlecht versteht, dann wclss ich allerdings nicht, warum er sich zur Besprechung meines Buches hesonders berufen fühlte. Aber vielleicht sollte Ich ilm deswegen nicht tadeln. Er hat immer noch besser gehandelt, als diejenigen, deren Pflicht c hier gewesen wäre, zu reden und die cs doch vorgezogen haben, zu schweigen, obwohl sie vermutlich nicht viel Besseres zu sagen gehabt hätten. (Fortsetzung folgt.) Orientalisches /Härchen Obwohl dieser an politischen und anderen E eiguissen so überreiche Sommer eine clgcnllic ״Saurcgurkcnzclt** nicht recht hat zur Entfalt» kommen lassen, blüht hier und da im Verborgen doch eines jener seltsamen Gewächse, die sor einer weit stärkeren Hitze bedürfen, als sic uns dies Sommer bisher schenkte. Begreiflich wird das Mi chen, das wir im Folgenden wicdcrgcbcn, vlclleic durch die Tatsache, dass cs aus dem wärmer Orient stammt. ״Dr. Biochs Ocstcrreichisc Wochenschrift" erzählt also in Ihrer No. 32 vc GcscStc1־ dcm au0,״fchcndcn Europa folgen Abdul Hamid und Theodor Herz! Der gegenwärtige Redakteur des ״Journal dc Saloniquc", der ehedem die spaniolische Zeitschrift ״L'Epoca" redigierte, erzählt in einer der jüngsten Nummern des genannten Blattes die Geschichte seiner letzten Unterredung mit dem seligen Dr. Hcrzl jn Wien. ״Anlässlich meiner letzten Unterredung, die ieh seinerzeit mit Dr. Hcrzl ln Wien hatte, zeigte er mir dio Busennadel, die er kurze Zeit vorher von Abdul Hamid zum Andenken erhalten hatte, und meinte: ״Euer Sultan ist mit uns eines Sinnes. Er wr. ständigte mich, dass er Auftrag gegeben habe, die Theorie des Zionismus gründlich zu studieren, da er sich für diese Bewegung sehr interessiere. Zeichen dessen, dass er der Sache sehr geneigt ist, schenkte er mir diese Nadel." Ich sann über •:;eres Ocschcnk, das wirklich ein königliches gea,״m werden könnte, nach, und sagte zu meinem tjeguitüber: ״Dieser Auftrag Abdul Hamids erschreckt!!!eh eher, ln keinem Falle vermag dieses Geschenk m mir Vertrauen zu erwecken." ״Ihr Orientalen," warf Hcrzl ein, ״denkt über jede Geringfügigkeit mehr als notwendig ist,!,..eh.“ Worauf ich antwortete: ״Ihr Abendländer kennt nicht den Gedanke:,;.mg Abdul Hamids. Wenn mein P a d i s c i,|! Ihnen diese Nadel spendete, um :!c damit zu schmücken, so tat er dies bloss, weil er sic Ihnen nicht in die Gurgel stossen könntc.“ Dr. Hcrzl lachte nicht mehr, ln Gedanken ersunken» schwieg er. Als ich damals nach Saloniki zuriickkmirte, schrieb ich in der Zeitschrift ״L'Epoca" einen Amkel über meine Zusammenkunft mit Dr. Hcrzl und w׳rmied cs, mit Rücksicht auf die strengen Ztnsuuor• Schriften, den Zionismus oder etwas Aehnüclics aneli nur mit einem Worte zu erwähnen. Aber trotz meiner grossen Vorsicht und Jrotzdem die Zensur meinen Artikel durchgclasscn hatte, ging an dem Tuge, da die ״L'Epoca" in Konstantinopcl ankam, 101 gen de chiffrierte Depesche Abdul Hamids an den Gene ralgou vc rn c ur Hasan Fahmi Pascha ab: ״Der Chefredakteur der Zeitschrift ״L ’ E p 0 c a" hat während seiner jungs t c n E u r 0 p a r c i s e den mir verhassten (?) Führer des Zionismus D r. Her/.l in Wien a u f g c s u c h t, dessen Ideen geeignet sind, die Lebensin terc.ssen des Reiches in grossem Masse zu schädigen. Wegen dieser U n t c r r e <1 u n g hat das Erscheinen der Z c i t s c In 1! t ״L ’ E p 0 c a" auf unbestimmte Zeit eingestellt zu werden." Als Hcrzl hiervon erfuhr, erschrak er fürchterlich und hat mich in einem Bride. 1k;n die Einzelheiten dieses Vorfalles mitzuteilen. In diesem Briefe wiederholte er auch den Inhalt unserer Unterredung. Dr. Hcrzl schloss diesen Brief mit den Worten: ״Trotz alledem bin icli überzeugt, dass wir /um Woiiie des Volkes arbeiten und wir werden unsere Arbeit mit derselben Energie und mit Berücksidmgung der Lehren, die uns die Erfahrung bietet, :■•ft• setzen." * Bis zu der angeblichen ״chiffrierten Depewüe" Abdul Hamids ist das Märchen nocli ganz interos.mt und so recht geeignet, dem Leser die Haut schaudern zu machen vor diesem grausamen Despotismus des jetzigen Bewohners der Villa Allatini. Auch!ulilt man — was natürlich ganz unbeabsichtigt ist! - die Wichtigkeit der Person des CUcfrcdaktcucs der ״Epoca" deutlich heraus. Aber diese 1) e p e s e 11 e! Lieber Herr Chefredakteur — das glaubt man ,1!eil nicht mal in Saloniki! Und verehrter Kollege von der ״Oestcrreichischen Wochenschrift" — wie heiss cs auch in Wien gewesen sein mag. wenn Sic «•.,ieutalische Märchen bringen wollen, brauchen Sie >ie doch nicht aus dem Französisch des ״Journal de Salonique" zu holen!. Für allerlei Führer Der für die frcistudcntischc Bewegung wirkende Münchener Privatdozent Dr. \V i i h c 1 m 011 r 11a: in seiner interessanten Broschüre ״Zur Erneuerung des deutschen Studententums“ (München 19öS Bavaria- Verlag) in einem Anhang ״Mcmorialpunktc für aller* lei Führer" aufgestcllt, die amch für alle jüdisehen Führer, sei es In grossen, sei es in kleinen Organisationen und Vereinen, so überaus bcherzenswert sind, dass wir cs uns nicht versagen können, hier diesen ״Knigge für Führer" wieJer/a:• geben: ״i. Alles was du nicht selbst tust, geschieht nicht. (Der Widerspruch zu Punkt 5 43t liier m1r scheinbar.) 2. Jede Veranstaltung gelingt, wenn sie gut v״rborcltct ist. Bel Misserfolgen muss dio Schuld aus- (Fortsetzung auf Seite 384.)

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