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Jüdische Rundschau · 1909-08-13 · Heft 33 (13.8.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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‘V 1* * 1 1 *! % Seite 37S. JUKDISCric RUNDSCHAU No. 33. Reihen und bei unseren Gegnern — Ansichten aufkoniincn lassen, die Verdacht erwecken können, während selbst das M a x i in u m dessen, was wir erstreben können, durchaus im Rahmen und im Interesse einer erstarkenden Türkei liegt. Was wir wünschen und wünschen können, ist ganz dazu angetan, in vollster Oeft'entlichkeit diskutiert zu werden. Dann werden die Verdächtigungen und Befürchtungen von selbst aufhören und — was das wichtigste ist — in unseren eigenen Reihen wird die Erkenntnis zunehmen, dass nur die reale Arbeit in Palästina uns vorwärts bringt und nur sie unserer politischen Position im Lande die notwendige Basis — Majorität und Einfluss — verschaffen kann. ״A. J. K. 0.“ Nach mehrmonatigem Schweigen lässt die ״Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" wieder von sich hören und bringt eine Broschüre unter dem etwas merkwürdigen Titel ״Eine V 0 r s a in m I u n g im Hotel Adlon; Ansprachen und Referate über die Jüdische Oricntkolonisation" zum Versand. Manchu jüdische Zeitungen brachten schon vor einigen Wochen über diese Versammlung kurze Notizen. Wir haben davon abgesehen, weil wir cs für der jüdischen Presse würdiger hielten, nicht anverschlosscn c n Türen h e r u m z u h 0 r c h c n. ״Der Horcher an der Wand hurt seine eigene Scliand“ — sagt ein deutsches Sprichwort. Und so hörten denn die Höreher bei der A.J.K.O.-Vcrsammlung, wie die A.J.K.O. ohne die Presse so herrlich weit gekommen sei usw. Nun scheint auch fiir die A.J.K.O. der Zeitpunkt gekommen zu sein, wo sic der Presse nicht mehr entraten mochte. So wenig wir uns vorher zu einer Besprechung einer absichtlich geheim gehaltenen Sache drängten, so wenig haben wir jetzt Voran* lassung, dem geäusserten Wunsche nicht nacltzu* kommen. ln Folgendem geben wir einen Auszug der wichtigsten Referate jener Versammlung, aus denen auch über Ziel und Art der A.J.K.O. alles Wissenswerte hervorgeht: Die Aufgaben der ״ft.J.KO“ Auszug aus dem Referat v. Dr. I s i d 0 r 0 i n s b e r g. Das Entstehen unserer Organisation, meine Herren, markiert einen bedeutsamen Umschwung in den Anschauungen der j(1 d 1 sche 11 P11 i I a n t r 0 p c n, einen Wendepunkt in den grossen Richtlinien und in den Methoden der jiidisehen Wohlfahrtsaktion. Das bisherige System der jüdischen Hilfsaktion bestand im wesentlichen darin, nach ciugetrctcucn Katastrophen mit echt jüdischer Hochherzigkeit die Witwen und Waisen der Opfer zu versorgen und die emigrierenden Massen über den Ozean zu befördern. Dieses hastige Hinüberschaffen der Emigrantenmassen nach Amerika, das bei dem Umfange der Emigration leider noch fiir längere Zeit in grösserem Massstabc wird fortgesetzt werden müssen, bietet mm keine Lösung de3 Problems; cs veranlass; nur• im Gegenteil das Entstehen neuer Judcnkonzentrationcn in anderen Gebieten, ohne die Juden bodenständig zu machen, mit einem Wort, cs überträgt die Judenfrage nach anderen Ländern. Will man aus diesem circulus vitiosus herausgelangen, so gibt es hierfür nur einen Weg: man muss die hastige Hilfsaktion nach Katastrophen durch eine planvolle, vorbeugende Aktion ersetzen, die auf die dauernde Sanierung der jüdischen Verhältnisse losgelit. Diese Aktion kamt nur bestellen in einer vernünftigen Regelung und Verteilung des Emigrantenstromes durch Schaffung eines neuen Abflussgebietes und in der systematischen Ansiedelung der Juden in einem noch dünn bevölkerten Gebiete. Nun, meine Herren, ist cs gar nicht zu vorkennen, dass mau bei dieser Acnderung der Riehtlinien der Wohlfahrtsaktion vor einer Aufgabe steht, die sehr grosse Mittel beansprucht. Würden wir das frühere System befolgen, nach dem die jüdische Kolonisation durch Baron Rotschild und Baron Hirsch betrieben wurde, so würde es sich um geradezu unerschwingliche Summen handein. Hier aber kommt uns die Reform der Mctliöden der Kolonisation zu Hilfe. Sie wissen bereits, dass wir nicht daran denken, auf philantropischem Wege völlig mittellose Menschen nach dein Ansiedelungsgcbicte zu schaffen und s!c dort mit allem zu versehen. Wir gedenken vielmehr in Befolgung der Prinzipien der modernen Kolonialwissetiscliaft die Besiedelung des Landes in erster Reihe der Privatinitiative, der spontauen Emigration zu überlassen und nur fiir die Bedingungen des Gedeihens der Kolonisation sowie für die Regelung des Kolonisationswcrkes Sorge zu tragen. Wir werden den Ansiedlern Informationen gewähren, ihnen den Schutz der Regierung, die notwendigen administrativen Erleielitcrungcn sichern, wir wollen ihnen Kredit verschaffen, wir wollen den Boden für sic vorbereiten und ihnen billige Parzellen zur Verfügung stellen, wir wollen bahnbrechende Musterbetriebe auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiete schaffen, wir wollen in diesen Betrieben jüdische Landarbeiter und Gewerbetreibende erziehen, aber wir werden n i e m andern Almosen erteilen; die ganze Kolonisation wird auf streng geschäftlicher, kaufmännischer Basis und nach dem Prinzip der vollen wirtschaftlichen S c I b $ t v c r a n t - Wörtlichkeit vor sich gehen. Wir wollen durch Ermunterung des jüdischen Kapitals und Gründung von Erwcrbsgcsellsehaftcn dafür sorgen, dass der Verkehr im Lande emporblüht, dass zahlreiche Produktionsstütten entstehen, in denen die unbemittelten Einwanderer Arbeit finden, wir wollen durch Ucbcrnähme eines Teiles der ersten Erschlicssimgskostcn des Landes, der Urbarmachung des Bodens, der Anlegung von Wegen und der Unterhaltung gemeinnütziger Institutionen das ganze Kolonisntionswcrl; fördern, aber keinem Kolonisten seine Existenz garantieren. Auch bei diesem System, meine Herren, sind die erforderlichen Mittel noch immer sehr erlieblich und ich will cs auch gleich beleuchten, auf 1 welchem Wege wir diese Mittel zu beschaffen denken. 2c' Zunächst aber müclitc ich aber darauf hmwek. dass wir, indem wir uns eine solche Aufgabe jt״״"* und sie auf solchem Wege zu lösen suchen, mit kein anderen, bereits bestellenden jüdischen Organisatk in Konkurrenz oder Konflikt treten, sondern im (jc1£c״ 1 teil eine empfindliche Lücke im System der jüdische Organisationen füllen. Es gibt bis jetzt nur eine jüdische Kolonisationsinstitution grösseren Stils <!• Stiftung des Barons Hirsch; diese ist jedoch nach dem Willen des Stifters und ihren Satzungen in erster Linie für Amerika bestimmt (?? Red. d. ״J. |1״[ während wir der י' ״ neuen historischen Aufgabe, der Schaffung eines Abfluss- und Ansicdclungsgclnetcs fiir die Juden im Orient gerecht werden wollen. Die ׳. kleinen Orientkolonisationsvcreinc, die in manchen I Ländern bestehen, sind bei ihrem lokalen Charakter! und ihren kleinen Mitteln der grossen AuRabc | absolut nicht gewachsen. Die Alliance IsraGite Universelle und der Ih1{s. verein der Deutschen Juden befassen sich ihren Satzungen gemäss einerseits mit Unterstützung der überseeischen Emigration, anderseits mit dem y|1u|. werk im Orient. Ihre Mittel sind für diese Zwecke unentbehrlich. Was die zionistische 0 r 1:, ״ j. sation betrifft, so hat sie sieh in erster Linie nationale und politische Ziele gesetzt, die den fn'ucnden Kreisen der Judcnhcit, an die sich die A. I.K.O. wendet, fern liegen. Für ein ausschliesslich virtschaftlich-humanitürcs, grossziigiges Ko!omsa׳;.־!ns* werk im Orient, wie wir es pfanen, gibt es also Leute keine Oiganisation ausser der A.I.K.O. Erst, wenn die A.I.K.O. allmählich die Bw altigung dieser Aufgabe nngebahnt haben wird, w-.rJcn die Segnungen des Schulwerkes des Hilfsvercins «md der Alliance voll, zu Tage treten, werden die Z!dinge dieser Schulen im Lande selbst eine Existenz faiden können. Weit entfernt zu irgend einer anderen Oicanisation in Konkurrenz zu treten, wollen wir im Genenteil durch eine konsequent konziliante Hultui.,׳ bcstrebt sein, eine Kooperation aller ]iidlsciien Organisationen unter strenger Aufrechterhaltung der gesomktten, speziellen Arbeitsfelder zu veranlassen. Ich komme nun zur Beleuchtung des Aufbaus der A.I.K.O., um Ihnen darzutun, mit welchen Insirumenten unsere Organisation ihre Aufgabe lösen will. Wie schon der Titel: ״ALLGEMEINE־־ besag!, will die A. I. K. O. alle wirklich massgebenden, autoritativen Elemente der Judcnhcit vereinigen, weil tatsächlich nur bei der Zusammenfassung aller Kräfte der Judcnhcit, ihrer leistungsfähigsten Individuen und Vertretungen, ein so grosses Werk durchzuführen ist. Unsere Organisation wendet sich also in Ihrer Propaganda in erster Linie an die führenden, einflussreichsten und wohlhabendsten Kreise der J 11 d c nheit: dem entspricht auch unser Mitgliedsbcitrag, der zwar in den Satzungen mit 10 Mark normier! ist, in der Praxis aber mit 20 Mark beginnt und im 50«) hinaufgehen soll. Wir werden uns in zweiter Linie an die jüdischen Gemeinden der ganzen Welt w inden, deren vitalstes Interesse cs erfordert, dass der jüdische Emigranienstroin abgclenkt und dauernd m וי Brief von der Ostsee Sw׳ in cm finde, Ende Juli 1909. Sehr geehrte Rcdaktionl ״Ja, die Ostsee ist ja gewiss wunderschön, •— aber sic ist zu verjudet!" Wer hätte diesen Ausruf nicht schon vernommen! Zum Beispiel, wenn man von llcringsdorf, Misuroy und Swinemiindc spricht. Ich Klaube, dieser Ausspruch ist durchaus uiclu mehr aktuell; konnte man wirklich vor zwei, drei, vielleicht auch noch einem Jahre einen ganz erheblichen jüdischen Einschlag unter den hiesigen Kurgästen konstatieren, so muss man diesen Sommer unbedingt zugeben, dass das Kontingent, das unsere Stummesgenossen hier zu stellen pflegen, bedeutend zurückgegangen ist. Manchen Bädern sicht man das schon rein üusscriieh an. so Hcringsdorf, das dieses Jahr so schlecht besucht ist, wie seit Jahren nicht und zeitweilig fast ausgestorben anmutet. ln Swinemünde diigev.cn ist das Manko an jüdischen Kurgasten durch den ganz bedeutend vergrösserten Zuström von Bewohnern der lieblichen Ufer der Elbe. Neissc und Mulde wett gemacht worden, so dass man hier fast von Uehcrfüllung reden kann. — Es ist recht amüsant, hier am Strande seine Beobachtungen zu machen, besonders gern achte Ich auf anscheinend so harmlose Kleinigkeiten, wie beispielsweise das Bcflaggen der Strandkörbe; sicht man z. B. einen solchen, der mit deutschen Wimpeln Übersät ist, so kann man wohl manchmal, wenn man einen neugierigen Blick in das Innerer wirft, einen bebrillten Oberlehrer oder blonden, spitzbärtigen ostpreussiseheit Gutsbesitzer erblicken, in den weitaus meisten Fällen wird man aber einen unverkennbaren Glaubensgenossen vor sieh haben, der sein ״Tageblatt" behaglich liest oder mit drei weiteren Vertretern seiner Gattung einen urkräfligen Männerskat drischt. Man kann bei der Betlaggung seines Stranddomizils überhaupt Amüsement in Fülle ernten; ich denke gern daran zurück, wie wir voriges Jahr — eine grössere Gesellschaft Berliner und Stettiner Gesinnung*- freunde — an unserem Korb eine schöne biauweisse Falmc mit goldgesticktem Mogen-Dovid aufgcpflanzt hatten, die berechtigte Bewunderung cinhcimstc. Da kam nun des Wegs ein kreuzbraver Sachse, der sich die Fahne wieder und wieder anscliaute, dann stehen blieb und bedächtig fragte: ״Sagen Sic doch, mci Ktidcstcr, das ist Sic wohl die polnische Falmc?" Es wurde ihm entgegnet, es sei die jüdische. — ״Was sagen Sic" — wiederholte der Spicsscr mit vor Er• Statuten kugelrunden Augen —״ ־das ist Sie nur ä chidiselie?" Und als wir berichtigend entgegneten, dass das ״nur" vollkommen unangebracht sei, ging der Gute, ganz erstaunt noch immer mit dem Kopfe schüttelnd und mit einer Miene, als sei er bis in die tiefsten Eingeweide hinein von dem eben Geschauten und Gehörten betroffen, von dannen, begleitet von unserem fröhlichen Gelächter. — Man darf, wenn man sich die uns Juden speziell interessierenden Verhältnisse Swinemündcs bctrachten will, natürlich auch nicht teilnahmslos an der hier existierenden jüdischen Gemeinde vorübergehen. Dieselbe zählt 26 Familien und besitzt eine schmucke Synagoge, die sieh nur, trotz ihrer geringen Zahl der Sitze, schon als zu geräumig erweist. Die Meine• mimder Juden sind nämlich nicht viel besser in religiöser Beziehung als ihre Glaubenshriidcr aas der Kurfürstcnstrassc oder der Qrindclallcc. Sie statten, wie es sich gebührt, am Rosch-ha-Schonoh und am Jom Kippur der Schul eine kleine Atistandsvisitc ab, machen aber sonst einen grossen Bogen um sie, wenn sic gerade zufällig vorbeikotmnen, so d as der prächtige alte ״Raw" O s c h e r 0 v i t z, ein russischer Jude, oft seine liebe Not hat, Minjan vollzählig zu bekommen. Dieselbe Erschcinufng ist leider, wie man mir sagte, an der ganzen pommerschtn Küste, wo mehrere zerstreute kleine Gemeinden leben, zu beobachten; jüdisches Leben gibt cs hier nirgends mehr (und das, o Ironie — oder natürliche Folge der Ereignisse — so dicht vor den Toren der alten Stadt Stettin, in der ja ein genügsam bekannter ״liberaler“ Rabbi vom frisch pulsierenden cntnationaiislcrten, konfessionell-jüdischen Leben träumt; — 11 ic k’110• d u s, h l c s a 11 a 1 Rabbi V 0 g e I s t c i 11!). — Doch nun genug. Sie werden es mir, veidirtc Redaktion, gewiss nicht verdenken, wenn ich jetzt, bei dem ersten lichten Sonnenblick, der nach mehr* ständigem Regen durch die Wolken bricht utul treu dem Grundsätze, über Gerechte und Ungcicditc scheinen zu wollen, einige Strahlen auch zu mir ins Zimmer wirft, hinaus ins Freie eilen will, an die ewige, unvergänglich schöne See. Ich bcgrüssc Sic als Ihr ganz ergebener Hans Ooslar. t f i r f I A

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