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Jüdische Rundschau · 1909-08-06 · Heft 32 (6.8.1909) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 372. .niEDlRCHK RUNDSCHAU No. 32. •nicht nur auf Seiten der Regierung, nicht nur seitens der deutschen Bahnvenv'aUung, sondern auch aus der Bevölkerung heraus Zächen der Sympaihicn und Anteilnahme gesehen, die uns in Erstaunen setzen müssen. Es ist bei dem ersten Transport von Juden, die von der Do* brutscha nach Kleinasien gingen vorgekommen, dass 170 im Hafen von Konstantinopel lagen, aller Mittel entblösst, ohne Geld, ohne Brot. Das Brot gab ihnen die türkische Regierung. Aber Abends, als die Leute sich zur Ruhe legten, da kam ein Boot herangerudert, deip zwei tür* kiscJte Kaufleute entstiegen. Sie riefen die Füll* rer der Juden zu sich, nahmen aus den Falten ihrer Mäntel zwei Säcke Geld und zählten cs vor die erstaunten Männer hin. Zwei gewöhnliehe Kaufleute von Konstantinopel haben ,damals eine Summe von ungefähr 1000 Francs verteilt an Juden, die sie gar nichts angingen und die von.der jüdischen Gesellschaft in Konstantinopel damals ignoriert wurden. Viele solche Beispiele habe ich sehen können und ich kann Ihnen sagen, dass, wenn irgendwo Re- .giertmg und Volk eines Sinnes sind in der Beurteilung der jüdischen Einwanderung, so ist es hier. Das ist von grosser Bedeutung. Es gibt viele Länder, auch in Westeuropa, Länder der Christenheit, in denen die Regierung den Juden wohlgesinnt ist oder wenigstens nicht gegen sic wäre, wo aber die Bevölkerung eine derartige Stellung einnimmt, dass die Regierung sich diesen Stimmungen der Bevölkerung nicht auf die Dauer entziehen kann. Es kann uns daher wenig nützen, von der Regierung unterstützt zu sein, wenn die Bevölkerung gegen uns ist. Ich halte diesen Punkt, die Stellung der Regierung und Bevölkerung zu den Juden für einen so wichtigen, dass ich Ihnen noch einiges in dieser Richtung sagen möchte. Es ist dies eine der Grundlagen aller weiteren Folgerungen. (Fortsetzung folgt.) Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp I. P. 4 (Fortsetzung.) . Kaatz: Im grossen und ganzen kann ich mich über den Ton in den verschiedenen Besprechungen meines Buches nicht beklagen, zumal wenn ich erwäge, dass cs siel» hier um eine aktuelle Frage von allcrgrösstcr Wichtigkeit handelt, um eine Frage, die jeden, der sich wirklich als Jude fühlt, im tiefsten Innern berührt und die ich eben um ihrer Schicksalsschweren Bedeutung willen, ohne alle kurzsichtigen schwächlichen Rücksichten behandelt habe. Umsomehr muss icli cs bei einem orthodoxen Theologen, wie Marx, anerkennen, dass er in durchaus würdiger Weise an den Qcgcnstand hcrangctrctcn ist. Leider kann ich dasselbe von einem andern orthodoxen Rabt'incr, Kaatz, der sich in der jüdischen Presse (39. Jahrgang, No. 21) vernehmen lässt, nicht sagen. Hier eine kleine Blutenlese aus der Besprechung dieses Rezensenten! Gleich der Anfang lautet: ״Ein in seinen religiösen Voraussetzungen radikal-kritischer Theologe, der nicht an eine übernatürliche Offenbarung, sondern nur an eine natürliche religiöse Entwicklung glaubt..“ So muss ein Rezensent natürlich anfangen, wenn er seine orthodoxen Leser für das neue Buch ganz besonders cinnchtncn will. Eine andere Stelle: ״Der Verfasser stellt auf den radikalsten bibolkritischcn Standpunkt; er glaubt nicht an cino übernatürliche Offenbarung, er glaubt nicht an Moses, er glaubt nur an die Wcllhausen’schc Schule, an Cornill, aus dessen ״Prophctismus" er in freier Willkür dasjenige hcrausgroift, was ihm für seine Zwecke passt. Er schwört auf eintägige Ergcbnissc eines durch und durch hypothetischen Forschungsvcrsuohs und hält sic für die Resultate exakter Wissenschaft, ln Parenthese sei noch bemerkt, dass Dr. Joseph .... nicht einmal das Nachsprechen von Blasphemien scheut." ״Auch wenn er einmal mit einem jungen Manne zusammengetroffen sein sollte, der eine solche Ansicht fiusserte, so würde das nichts beweisen; denn von den ernsten und gereiften, geschweige denn von den ״starken und edlen" Juden, an die das Buch gerichtet ist, bestreitet niemand das Vorhandensein eines jüdischen Stammes." Das ist die Sprache, die der Rezensent, wenn er auch manches an meinem Buche zu loben weiss, gegen mich führt. Auch der Leser wird die Empfindung haben: So spricht nicht die sicher in sich selbst ruhende Ucbcrzcugung, so spricht der fanatische Hass und die Ohnmacht, die dem ״radikalkritischen Theologen" die eigne Beunruhigung nicht vergeben kann. Doch mm wollen wir uns den Inhalt der Besprechung etwas näher ansehen. Auf eine Erörterung meines bibelkritischen Stand- Punkts mit dem Rezensenten vcrzichto ich natürlich. Auch von einer Aufzeigung der Haken und Häkchen des Gleichnisses, mit dem Kaatz mühsam gewonnene und gesicherte Forschungsergebnisse umstossen zu können vermeint, will ich abschcn. Olcichnissc mögen, zumal für wissenschaftlich ungcschultc Leser und Hörer, sehr geeignet sein, eine abstrakte Wahrheit anschaulich zu machen, aber nicht sic zu eruieren. Mein Buch, sagt Kaatz, zeige nur den typischen, keinen neuen Weg zur Fundamentierung des Zionismus. Darauf will ich nur ganz kurz erwidern: Vic!* leicht nennt mir Kaatz ein Puch in der ganzen zionistischcn Literatur, ln dem die Notwendigkeit und Wahrheit des Zionismus vom Standpunkt der rcli• giösen Judennot aus und auf gcschichtsphilosophischer Basis postuliert wird. Leider verschweigt mein Rezensent hier, durch welches dialektische Kunststückchcu er zu seiner Bchauptung gelangt ist. Doch befinde ich mich in der angenehmen Lage, von seiner kühnen Dialektik einig«• Proben zu geben. Ich sage, die beiden gewöhnlichen Wege zurBc• griindung des Zionismus, der Hinweis auf die mntcricllc Judennot und der Kulturzionismus, hätten wohl Dankenswertes geleistet, aber ihre praktlsehen Erfolge hätten sich nicht als ausreichend erwiesen. Vielleicht, weil der Kulturzionismus nur ein abstraktes Ideal darstellc, die materielle Judennot aber zum Raclimoncs-Zionismus oder Tcrritorialisnms fiilircn könne, während der Zionismus durchaus die nationale Wiedergeburt postuliere. Daraus leitet nun Kaatz ab, dass nach meinem eigenen Eingeständnis eine befriedigende Begründung des Zionismus nicht möglich sei und dass ich ulso den Qcgncrn des Zionismus Waffen in die Hände geliefert hätte. Ich denke, nach meinem ״Eingeständnis" könnten logisch folgerndc Gegner des Zionismus nur sagen, dass ich die bisherigen Erfolge des ökonomischen und kulturellen Zionismus als unzureichend bcgründet nicht aber, dass sic unzureichend seien. Das is» doch wohl zweierlei. Und wenn ich sage: ״Die Erkenntnis des Judcnclcnds braucht, wie die Erfahrung gelehrt hat, durchaus noch nicht das Verlangen nach nationaler Wiedergeburt zu wecken," so ist damit doch nicht die logische, sondern nur die c r f a h r u n g s g c m ü s s c Unzulängliclikoit des ökonomisch und politisch begründeten Zionismus behauptet. Denn das Ist freilich auch meine Ucbcrzcugung, und ich habe sic in meinem Buche deutlich genug ausgesprochen, dass eine yernün ftige Judenpolitik, allein um der materiellen und moralischcn Judennot willen, nicht auf Zerstreuung, sondem auf Sammlung, Konzentration ausgehen und in Anknüpfung an unser altes historisches Ideal zum Zionismus führen muss, (legen diese vernünftige Judenpolitik sperrt man sich eben noch aus gewissen Befürchtungen heraus, derer! Grundlosigkeit, Kurzsichtigkcit und Verkehrtheit erst wach etameben werden muss. Wie cs scheint, wird erst die Zeit durch die deutlicher werdenden Aussichten des Zionismus und leider auch durch weitere trübe JJrfah« Hingen, enttäuschte Hoffnungen und neue Verlegenhefte» der nnnoch herrschenden Aengsilichkcit ent-; gegenwirken. Mein Buch sollte dies durch den Hinj weis auf die dem Bestand des religiösen Judentums I und die chicr gesunden moralischen Entwicklung der < indischen Gemeinschaft drohenden Gefahren versuchen und den notwendigen Prozess des Umlernens beschleunigen. ״Vielleicht, dass sie, wenn sie den Abgrund deutlich vor sich sehen, den Blick nicht mehr mit verwirrender Aengstlichkcit auf die vermeintliehe politische Gefahr gerichtet halten I" Durch eine Dialektik von gleicher Kühnheit sucht Kaatz noch öfter zu verblüffen. Ich versuche zu zeigen, dass das religiöse Judentum ohne die nationale Wurzel weder gedacht werden, noch fortbcstchcn könne; ich weise auf die erschreckende, ln der Diaspora nicht zu beseitigende religiöse Judennot hin und fordere für das Gedeihen des religiösen Lebens fm Judentum ein freies, volles nationales Leben, d. h. die Verwirklichung des zionistischen Programms. jn c Augen von Kaatz ist das nicht konsequent. KaC״ rcisst vielmehr das Kapitel über die reale Unhalib^'1! kclt eines cntnationalisicrtcn Judentums aus dem 2״*; sammenhang heraus und belehrt mich dann, dass id! also hätte folgern müssen: Ein cntnationalisicries Judentum kann sich nicht halten — cntnationalisiCft! ist das Gegenteil von gcsctzcstrcu — also: Das Judentum in der Diaspora wird aus nationalem (sic׳) Selbsterhaltungstrieb gcsctzcstrcu sein oder cs wird nicht sein. Ja, wenn man, wie der Herr Rezensent «’ nur ״ein paar geistreiche Predigten" vor sich u '■ haben, nur .,Worte, nichts als Worte" zu vernehmen i glaubt, dann ist es auch wohl nicht zu verwundern, : wenn so sorgfältig gelesen und so vorzüglich gcfol. j * gert wird, oder wenn man ein Programm erwartet. 1 ehe man den Autor hat zu Ende reden lassen. . Mit welchen Gründen suche ich denn die prak. < י tische Unmöglichkeit des cntnationalisicrtcn Juden•! tums nachzuwelscn? Mit der Unlösbarkeit der Sab• i bathfrage, der Frage der Gcbctsprachc, mit der durch 1' Zeit und Umstände sehr eingeschränkten Wirksam.! keit des jüdischen Religionsunterrichtes, mit dem I zerstörenden Einfluss des uns umgebenden Milieus.! dem herrschenden Individualismus auf religiösem Ge• I biete u. s. f. Und da soll ich nun ״konsequent“ fo!. ׳ | gern, dass wir zum gcsctzestreucn Judentum zurück• f l kehlen müssen 1 Für das gcsctzcstrcuc Judentum | sind die praktischen Schwierigkeiten, sich in der I Diaspora zu halten, Ja noch viel, viel grösser! Mä 4 hohlen Hoffnungen und eitlen Vertröstungen ist ,ן doch wohl nichts geleistet! Nein, ein kiarschendcs. 1 orthodoxes Judentum müsste umgekehrt erst recht H mit dem Zionismus fordern, dass Ihm für die Zu• (1 kunft eine Lcbcnsniögiichkcit durch Sammlung der || Zerstreuten geschaffen werde. Ein orthodoxes 11 Ohettojudentum war noch möglich, aber in einen f l freien Diasporajudentum, das aus natürlichen Grün• II den noch dazu der Zerstreuungspolitik huldigt, ist die V Orthodoxie auf die Pajicr gänzlich unhaltbar. 1 (Fortsetzung folgt.) 1 * ftU5 ALL6R W6LT « Deutschland | Als Herr v. Studt noch prcussischer Kulms• I minister war, fand eine Unterredung zwischen einem I Zahnarzt S. und dem Vortragenden Rat im Kultus- | ministcrium Kirchner statt. Bei dieser Gelegenheit 1 teilte Herr Kirchner dem Zahnarzt S. mit, dass sein | Chef sich wundere, an der Spitze der ärztlichen und j zahnärztlichen Vereine Immer jüdische Herren tu! selten. Das werde oben unangenehm; empfunden. Die Folge dieser Unterredung war L eine Agitation der christlichen Zahnärzte gegen die!,« jüdischen Vorstandsmitglieder und im weiteren Verf; lauf die Spaltung der zahnärztlichen Vereine. So bc•; richtet die Abwchrvcrcinskorrcspondcnz. Erst jetzt f sind diese Vorgänge bekannt geworden. Aber su i haben deshalb nicht an öffentlichem Interesse verloren. 1. Ist cs nicht geradezu haarsträubend, dass ein Minister, I für den die Verfassung oberste Norm sein sollte, sich I über die Gleichberechtigung der Konfessionen hinweg• setzt und friedcnstürciidc antisemitische Propaganda von Amts wegen treibt? Traurig auch, dass ein ין Vortragender Rat sich zum Instrumente dieser Pro• paganda hcrgibtl Jedenfalls bedarf die Angelegenheit einer amtlichen Klarstellung. <: יון ln der Juni-Nummer der ״Zcitschriit des 2en• traivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glau• , J berts" erschien unter Fettdruck mit der Ucberschrui: »;> ,Zahnärzte, welche jüdische Assis teil- * ten boykottieren," eine Liste mit den Namen derjenigen Dentisten, welche sich ihre Assistenten * : durch Inserate mit dem Vermerke: ״Assistent (Christ) , gesucht“ zu beschaffen suchen. I Darauf regnete cs in der Redaktion des Blattes r. eine Zcitlang ״Richtigsteillingen" von Herren, die -נ sielt gegen die Unterstellung antisemitischer Besinn•;1 ung verwahrten und für spätere Falle Besserung versprachen, ln der ״Deutschen Zalinärzt• f liehen Wochenschrift" ergreift nun einer der j; Betroiienen, ein Dr. Marx aus Barmen das Wort. J um in recht naiver Weise auseinanderzusetzen, dass cs sich bei dieser Massnahme lediglich um praktische •; Rücksichten au( die Kundschaft handle und das .am• > kollegiale" Verhalten des Herrn, welcher das Material |; zur Veröffentlichung der Liste geliefert habe, j; gcisscln. | Wir hoffen, dass man jetzt, wo diejenigen, welch« den fraglichen Vermerk nur aus Unverstand und Takt• losigkeit gewählt haben, gewarnt sind, an die Her- Stellung einer neuen Liste gehen wird, nach der sie«

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