Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 36S. JUEDISCHg RUNDSCHAU No. 32. stählen und auch in der Alltäglichkeit ihre Wieder״» burt voll erleben. Derselbe Orient kennt bereits ganze Gebiete, In denen die durch Ihre Geburt sprachlich getrennten Judenteile natürlicherweise nur im Hebräischcn ein Vcrstümligungsmittcl finden, und beweist mit zwingender Logik, dass die Sprache der Bibel* mit ihren weiteren Formierungen das natürliche eint* gende Band der Gcsnmtludenhelt zu werden berufen ist. Nur wer den» steh erneuernden VolksorgunIsmus fcrnstcht, vermag immer noch den an seinor Trivialität dahlnwclkcndcn Qedanken weiterzutragen, dass das Hebräische, gleich dem Lateinischen und Griechischen, nur noch die Sprache des Wissens und Gebetes, nicht aber die des Lebens und der siegen* den Zukunft sei. Selbst 111 jenen Ländern, In denen das Hcbrüischo einem verwüstenden Indiffcrentismus zum Opfer ge-! fallen ist, fühlt man leise, sich durchringende, bald bc• 1 wusste, bald unbewusste Strebungen, ein merklich erwachendes und steigendes Interesse für die lotse- , glaubte und aufgegebene Sprache unserer Väter. Wo aber, wie in den Ländern der grossen Judenniassen, I das Interesse in die Tat sich umgosetzt hat, da haben ' die positiven Ergebnisse bereits ihre Gescliiclitc hinter sich und sind eine Folge mannigfacher Unternehmen- 1 gen und Notwendigkeiten. Allein, was alle diese liber die ganze Welt zerstreuten Kräfte schaffen,; spiegelt nur das Sehnen des jüdischen Volkswiliens i nach Wiederaufbau der zerstörten Werte wieder, ent-; bohrt aber der Eiiiiicitlicukeit. des programmatischen > Zieles, der kraftschnüendeu und richtunggebenden Zen- J tralisatiou. Aus dieser!;rkeuntnis erwuchs der Ge- , danke an die Unentbehrlichkeit eines Kongresses ffi־״ | hebräische Sprache und Kultur, der sich mit den kurz J gestreiften Problemen eingehend befassen und der Koa-; Sondierung der hebräischen Kräfte organisatorisch; dienen soll. Diese Erkenntnis hat auch das untcrzcich- ז netc Komitee veranlasst, von einer Spczialkoiifcronz die Aufgabe der vorbereitenden Schritte zu diesem Kongress mit Freuden zu übernehmen, von der Mol(״ innig getragen, dass Jicuer Anfang zum Ausgauspuu'a weiterer lintwickclungsmügliehkcitcn werden wird. Aus dem Appell zur F.iiibcriilung des Kongresses geben wir im nachstehenden einen Auszug: ״Es sind in unserer Zeit mancherlei Organisationen und Institutionen begründet worden zur Pitege der hebräischen Sprache, zur Förderung der hebrä• ischcn Literatur, zur Ausgestaltung der hebräischsprachlichen Erziehung: aber alle diese Gründungen und Gruppierungen, die mir dein Wohlwollen und der Initiative von Privaten überlassen sind, zersplittern ihre Kräfte, durchkreuzen einander oder streben gar einander entgegen. Jeder einzelne arbeitet nach elgcner Einsicht und auf eigene Verantwortung, und darum ׳ bleibt diese Arbeit nur Stückwerk. Streben wir daher danach, der hebräischen Kultur die Entwickclungs• mögliclikeiten zu geben, die ihr gebühren, so müssen wir den Weg aller Gemeinschaften gehen, die leben wollen: wir müssen eine Gesamtorganisation schaffen, die alle Kräfte des lebendigen Mcbräisimis In sich sammelt mul zu organischer Tätigkeit vereinigt. Um diese Organisation zu schaffen, berufen wir alle, die gleich uns ihre Notwendigkeit erkannt haben, zu einem Kongress fiir hebräische Sprache und Kultur, der im Dezember dieses Jahres stattlindcn wird. einen Diener des Hauses, der von einer späten Besorgung heimkehrte. ״Ja, leider, leider ist es traurige Wahrheit; der wohlwollende, hochherzige Herr ist tot.“ Dem Diener liefen die Tränen über das Gesicht, Er berichtete weiter: ״Ein Telegramm muss wohl dem armen Herrn eine böse Kunde ge* bracht haben; denn kaum hatte er es gelesen, als er ohne einen einzigen Laut zusammenbrach; ein Schlaganfail und er war sofort tot, und es war auch gar keine Rettung mehr möglieh.“ Langsam, traurig nachdenkend, trat Juda den Heimweg an; er musste jetzt mit sich allein sein; sein ganzes Wesen war in einem rnäclitigen Aufruhr; er wollte erst mit sich selbst ins Klare kommen. Ob es ihm am Tage des Weltgerichtcs als schwere Sünde angerechnet werden wird, dass er jetzt ein eigenartiges Frohgefühl empfand, von der schweren Aufgabe entbunden zu sein, morgen Berthas Vater einen ablehnenden Bescheid geben zu müssen? Ja, es war eine schwere Sünde, ein Verbrechen gegen das Mädchen, das er trotz allem mit der ganzen Seelenkrafr liebte 1 Allein, ״L’maan Zion.“ Deinetwegen, 0 Zion, ist es geschehen! Dir?e• höre ich an mit Leib und und Seele. An Bertha schrieb er nur wenige Zeilen: ״Ich werde kommen, wenn Du mich' Die Aufgabe des Kongresses wird darin bestehen: j 1. Dis Grundlagen und das Programm einer Ge- , Samtorganisation zur Förderung der lebendigen hebräischcn Sprache, der hebräischen Literatur und der hebräisch-sprachlichen Erziehung auszuarbclten. 2. Eine sichere reale Basis — etwa In der Form der Begründung eines Fonds — zu finden, die allen Tellen dieser Tätigkeit den Bestand sichern soll. Der hebräische Kongress ist nicht die Versanim* hing dieser oder jener Gruppe und Partei, sondern eine allgemein nationale Versammlung, und jeder Jude, der die hebräische Spräche als unsere Nationalspracho betrachtet und an einer organischen Arbeit Im Diensto ihrer Wiedergeburt mitzuwirhen wünscht« kann daran teilnehmen. .1 . Die Tagesordnung und die ln Aussicht genomme* neu Referate, sowie die genauen Angaben über Zelt und Ort werden demnäelmt mhgclellt werden,. | S. J. Abrnmowltscli (Mcndclo moclicr soföritii): (Odessa). Achad Huam (London). A. L. Bcn-Avlg* j d״r (Warschau). E. Oon .Icliudn (Jerusalem). Sch. Heu Zion (Jaffa). CI1. N. Bialik (Odessa). Dr. Mar* , 1,11s Brande (Lemberg). Jacob Cnhaii (Bern). Pro• | fessor 11. P. Chajes (I lorens׳). Dr. J. Cliasonowltz ן (P.ialystok). S. Dubiiow (Petersburg). Dr. M. Ehren• : pi eis (Sofia). Isaak Epstein (Lausanne). Salotnon 1 Eppstein (Petersburg). j David Friscltmaiin (Warschau). Jclmda Grasuwsky (Ceyrutli). Professor Josef HahSvy (Paris). S. A, llorodc/ky (Bern). Markus Kuban (Julia). Dr. J. Kiitzenelensohn (Petersburg). Professor Leon Keil• ner (Czernowitz). Dr. JoscI Klausner (Odessa). A. L. Lewinsky (Odessa). M. L. Llllenbliim (Odessa). Dr. J. L, Magnes (New•York). Jakob Muso (Mos• k;!u). Dr. J. Niemerower (Jassy). Dr. Max Nordau (Paris). J. Ch. Rawnhzky (Odessa). Professor Boris Schal/. (Jerusalem). Salomou Schiller, (Lern■ hny). S. Schilder (Warschau). Selinlen» Alclcheiu tNervi). Dr. N. SIoiicIh tParis). N. Snkolow (Köln). i)r. N. SyrUln (New-York) Dr. Oslas Thon (Krakau). Dr, E. W. Tschleiiow. (Moskau). M. M. Ussysch• klu (Odessa). Dr. Ch. Zhltlnwsky (New-York). Illllcl Zeitllu 1 Warschau). David Yciilu (Jerusalem). Zentralkomitee der ״Ihrla“. Zentralkomitee des Lehrer* Verbundes in Palästina. Hebräischer Lehrerverbattd ln Russland. Hebräischer Lelirerverband 111 Oester« reich. ״Uasomlr" In Warschau. Das vorbereitende Komltco In Berlin. Dozent Dr. E. 13unc111. Rüben Brainin. Dr. Martin B u b e r. Bcrthold F c i w c I. S. J. Hur witz. Dr. Scltmarju Lew in. Rabbiner Dr. Emil L c v y. Dr. Heinrich Löwe. Privatdozent Dr. Eugen Mittwoch. A. L. M 01 z k 1 n. Rabbiner Dr. M. Warschauer. Dr. J. Wilensky. Sekretariat: B. Gott lieb. Josef Lin. Adresse: Herrn Dozenten Dr. E, Uaneth, fiir Kuluirkongrcss-Komitcc, Berlin C., Roscnthalcrstr. 25, brauchst. Gott tröste Dich, und er erhalte Dir Deine Kraft für seinen heiligen Dienst.“ Und es war gerade ein Monat später, dass sie ihn brauchte. Hand in Hand standen sie zusammen am Fenster, und blickten schweigend, gedankenvoll in das herrschende Zwielicht, das drausseu hereinbrach. ״Bertha,“ sprach Juda nach einer Weile zärtlich, aber fest: ״ich fühle durchaus keine Reue, keine Gewissensbisse, noch weiter uin deine Liehe zu werben. Es soll aber dieses durchaus kein Anlass fiir dich sein, dich gegen die Wünsche und Absichten deines verstorbenen Vaters aufzulehncn. Aber das spricht für unsere Liebe, dass, wäre er auch am Leben geblieben, er hätte das, was er beabsichtigt, dennoch nicht erreichen können: das Monopol, welches die Regierung beschlossen, und das des Vaters Herz so frühzeitig gebrochen, es hat ja auch j alle seine weitern Unternehmungen brachgelegt, 1 und es hätte unzweifelhaft das Eingehen der Firma zur Folge gehabt.“ | Bertha schüttelte zustimtnend, traurig das i Haupt und liess ihren Tränen freien Lauf. Dann sah sie Juda liebevoll ins Gesicht und sprach: ״Auch ich erkenne hierin Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Mein guter, verklärter Vater hat viel Liebes in seinem Leben erwiesen, ab^r auch viel Liebes erfahren, und die göttliche All* Ein Justizirrtum in der Türkei Ein eigenartiges Justizdrama hat durch 0ie türkische Revolution sein Ende gefunden, ein Drama, das in vielen Beziehungen an die französische Ürey. fus-Alfürc erinnert. Das Opfer war ein jüdischer Arzt, Joseph Carmona Eficndl, Sohn eines ehemaligen Senators und Präsidenten der jüdischen Kultusgc• mcindc in Konstantinopci. Derselbe nahm in Adria• nopet eine angesehene Stellung als Militärarzt ein, wurde auch nach Arabien entsandt, um dort eine F.pidemie zu bekämpfen, und nach seiner Rückkehr zum Stabsarzt im Militürhospital zu Adrianopel er• nannt. Dort lebte er in friedlicher und unoffensiver Welse, als die Eifersucht zweier Kollegen ihn fälsch• lieh eines Verbrechens bezichtigte und seine Verur• teilung zur Degradation durch das Kriegsgericht zu Konstantinopci herbeiführte. Umsonst waren seine Versicherung('!), imisonst die Beteuerung .seines V.uvis und seiner Religionsgenossen.') Alle Bemühungen, den Entehrten zu rehabilitieren, blieben durch lange Jahre erfolglos. Carmona Effendi bewohnte auch weiterhin Adriunopcl, doch nicht mehr als Militärarzt, sondern freiwilliger Annenpraxis gewidmet. Immer wieder wandte er sich um Recht nach der Hauptstadt, immer wieder wurde er von den Kreaturen des allen Regimes abgewiesen. Die Revolution brachte ihm endlich Erfüllung semer Sehnsucht. Sowie die frohe Kunde nach Adrianopcl drang, eilte er nach der Hauptstadt. t־r wandte sich an Hussein Hilmi Pascha, der ihn ,!״ das Kriegsgericht empfahl. Ein neues Kriegsgericht trat zusammen und sprach ihn frei. Die türkische Militärjustiz hat ihren Fehler wieder gut gemacht und all denen, die auf ein Zeitalter der Gerechtigkeit im türkischen Reich hoffen, die schönsten Hoffnungen gegeben. Brief aus Amerika New York, Ende Juli F»n<), Für die jüdische Emigration scheint jetzt eine kri• tische Zeit cinzusclzen. Den zehtnausenden unglücklichen Juden, die ihrem Elend und der Entrechtung fliehen, um nach Ueber• wimhmg der grossen Auswanderungsmühen eine Zu• flucht im freiheitlichen Nordamerika zu suchen, wer• den die Tore dieses Landes immer mehr geschlossen. Die Strömung gegen die Immigration greift hier immer mehr tun sich und hat die weitesten und die höchsten Kreise, bis zum Präsidenten selbst, erfasst. Samuel Gompers, der Präsident der 2 Millionen Ar• beiter umfassenden ״American Federation of Labor“, *) Auch an die Juden des Auslandes wandten sich diese um Unterstützung, doch wurde sic ihnen mir mit gewisser Mattherzigkeit zuteil, was wieder in jüdischen Kreisen der Türkei eine Missstimmung her• vorrief. Andere Umstände kamen hinzu und führten ׳/.u mancherlei Manifestationen, so vor wenigen Wochen zu einer Versammlung der Juden in Saloniehi (das bekanntlich eine überwiegend jüdische Stadt ist). Alehrere Redner forderten die Emanzipation der tur• kischen Juden von der Beeinflussung der jüdischen Vereine des Auslandes, Eigcnentwickelung der tur• kischen Juden und Entfaltung ihrer eigenen kulturellen Möglichkeiten. liebe war auch mit ihm im Tode, dass viele Heimsuchungen und Licmüligungcn ihm erspart geblieben sind,“ ״Und daran erkenne ich meine Bertha.“ rief Juda mit ernster Freude. ״Aber noch Eines. Sein Tod ist auch für uns von grosser Bedcutung, insofern, als er unsern Glauben an die allbestimmendc Vorsehung, an ein göttliche» Wallen stärkt und befestigt; an ein göttliches Walten, das unser Los auf Erden bestimmt und unser Geschick lenkt, behütet und bewacht. Bertha, mein Herz, wir beide können jetzt wohl sprechen: Er ist dennoch fiir die heilige Sache gestorben! Er hat sich ein Denkmal errichte:, dauernd, ewig im Herzen unseres Volkes, in dem Lande Israels, und sein Geist wird in uns fortlebcn und mit uns gehen, wenn wir hin• ziehen werden Kadimah, ostwärts, dem leuch• tenden Sonnenaufgang entgegen!“ Tischo-be-flw von P a u 1 M i c h a c U s (z. Zt.: Friedrichroda.) ,Drausseu Im Kurgarten spielt die Musik lustige Weisen, ein bekanntes Opcrcttcnlied, in dem vu Tanz und Liebe und Jugcndgcnlesscn die Rede ist. Beim Scheine des elektrischen Lichtes spazieren plaudernde Menschen auf und ab. Orossstadtgesichtcr