Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32. JUgDlSCHE RUNDSCHAU Seite 367. ncr . *er 3 ZU ihren zu heiraten und erreichen dadurch d1־ss ihre!deiner unter ihrem Stand heiraten; sie Können diesen mellt eine so hohe Mitgift bieten, als jic für ihre Söhne verlangen. Hierdurch ist es auch bei den Juden zu einer frauenfrage gekommen. (Vcrgl. die Frauenfrage bei Öen Juden, in der Zeitschrift ״Scxualproblcmc" 1909) Pie jüdischen Miidchen waren bis zu dieser Umwandlung nur zu dem Mutterberufo bestimmt; die Teilnähme an der jüdischen Wissenschaft war ihnen offiziell durch die gelehrten Verfasser des Talmuds jar immer unmüRÜch gemacht worden. Das jüdische Müdehen ist Infolge der Umwandlung mr Wahl olnoi nernfe» mul zur erzwungenen Ehelosigkeit vonirtollt. Pud um diesem dmmehen Martyrium zu entgohen, {•reife■* manche zum Auswege der Mischehe. Die Mischehe der jüdischen Miidchen folgt aus der Mischehe du jüdischen Männer. Hie berufstätige ledige Jüdin ist eine wahrhafte Märtyrerin, sic steht in scharfem Klassengegensatz jnr verheirateten Jüdin; letztere kennt bei dem Zweilindersystem nur Rechte und Genüsse, jene nur Pilichtca. Die Fortdauer dieser sexuellen Umwandjung muss mit logischer Notwendigkeit zum Ausstcrben des indischen Stammes führen, denn sie zeitigt zwei schwerwiegende Folgen, einerseits für die Männer, andrerseits filr die Mutterschaft. IV Männer werden bei der SpUtche kurzlebig; selbst m Frankreich!tat durch die niedrige Geburten-;ahl die mittlere Lebensdauer nicht zugenommen, l/iedseliriit für soziale Medizin 4 Bd. 2. Heft S. 26S) und eine erschreckende Steigerung der Witwenzahl wird neben die steigenden Zahl der arbeitenden Frauen ein charakteristisches Symptom der modernen Frauenbewegung. Geiulircn für die Mutterschaft birgt die Spätclio zweierlei Art in sich, weil sic die Ausbreitung und Zunahme des Alkoholismus fördert. Der Junggeselle, der aivin lisch durchseucht ln die Ehe tritt, zeugt KiiHler vmt erblicher konstitutioneller Minderwertigkeit: «׳der wenn er gesund, zeigt seine von einem trinkenden Vater oder Grossvatcr abstammendc Gattin erbliche Siillunfahigkcit und erbliche Neigung zu Nervenleiden, Zahucarics, Tuberkulose. S.» kommt ausser dem Klassengegensatz zwischen verheirateter und lediger Jüdin noch der konstitutioncllc Gegensatz hinzu: gerade solche Mädchen w׳crden zu (i.ittitncn erwählt ,welche für die Mutterschaft unbr.iueiib.ir sind, während vor unseren Augen, ja mit unserer selbstverständlichen Zustimmung viele jüdische• Mädchen als alte Jungfern und Arbeits* Sklavinnen kinderlos bleiben, die zur Mutterschaft .«ehr geeignet wären. Mer diese Dinge durchschaut, und gerade der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums sollte diese Dinge durchschauen, der wird klar erkennen, dass mir der konfessionelle Mutterschutz die westeiiu.;!;tischen Juden ־ denen zum Unterschiede von den westeuropäischen Nationen die Zuwanderung fehlt — vor dem Untergänge retten kann. (Vcrgl. Konfessionelle Mutterschutzgcnosscnschaftcn. ״Sexual- Probleme״ No. i 1909.) Wie wurde die jüdische Frühchc bei den vorangegangenen Generationen geschlossen? Es wurde von den beiderseitigen Eltern, sobald üraiit und Bräutigam das heiratsfähige Alter erreicht hatten, der Bund fürs Leben bestimmt. Di£se altjüdische Einrichtung muss von einer sozialen Korporation erneuert und verallgemeinert werden. Jüdischsozial bedeutet die Verallgemeinerung der ewigen Wahrheiten der jüdischen Überlieferung mit Hilfe sozialer Korporationen. Ich denke mir, dass die zur Mutterschaft bebilligten, stillfähigcn jüdischen Mädchen nach ihrer Abstammung ausgesucht und mit geschlechtlich unschuldigen und vom Alkohol unberührten Jünglingen lediglich von den Rabbinern — ohne Zustimmung des Standesamtes ~ getraut werden. Diejenigen Qattinen, die Muttaf werden, verpflichten sich, auf drei Jahre naoh einer Miitterßchut/siocllung »tu gehen, welche In Fnläutitm errichtet wird, Den Ehemännern bleibt 01 überlassen, ob t;iu ihren Beruf forisotzcn oder In das Land naclirolscn wollen, wo Ihr Kind geboren wird; sie werden ausdrücklich als von der Unter• lialtspillcht befreit erklärt. Die finanzielle Erhaltung der Muttcrschutzgcnosscnschuft wird erreicht, teils durch die landwirtschaftliche Arbeit der vereinigten Mütter, teils durch die Unterstützung seitens der Oemcludcn. Durch diese Einrichtung wird die kostspielige Bekämpiung des Mädchenhandels iür die jüdischen Korporationen völlig entbehrlich. So werden die jüdischen zur Mutterschaft geeigneten Mädchen wieder in die ökonomische Lage versetzt, ihren Stamm vor dem Untergange zu erretten. Für die Nichtbefähigten kommen die Formen der modernen sozialen Fürsorge zur Anwendung, nämlich Ledigenheime, Fortbildung, gemeinsamer Sport, gemcinsainc Erholungsheime und dcrgl. zur Anwendung. Noch wünschenswerter und zweckmässiger ist für diese zweite Gruppe die Gründung eines eigenen Sanatoriurns, in welchem sie mit mannigfacher Beschilft!- gung, z. B. auch mit Krankenpflege an Frauen und Kindern ihr cölibatärcs Leben verbringen. Ich schlicssc diese Ausführungen mit der Mahnung: ״Auf zur Selbsthilfe, ihr jüdischen Mädchen, gründet einen Allgemeinen jüdischen Mlldclicnbund." Eine feuJsche Kapuzinade aus dem Anfang des—20. Jahrhunderts. Für ein Zeichen von äusserst mangelhafter Bildung hält cs das ״Baycrlschc Vatcrland," wenn der Freisinn unserer Tage den religiösen Positivisittus als Kulturhemmschuh verhöhnt: . . . ״Leute, die das tun, sind jämmerliche Bildungscliarlatanc, welche die Philosophie der Geschichte kaum mit dem Daumcnnagcl geritzt haben. Und welches sind diese Leute? Ich nenne sic kurzweg ״Simplicisshmis“• Naturen, eine ßildiingsdcinlmondc, welche am Geistesleben der deutschen Nation nagt wie der Borkenkäfer am Fichtcnstamm. Gewandte, leichtfertige Schwätzer sind es. welche im Bunde mit mehr oder minder geschickten Buntzeichnern Tagesgeschickte kritzeln, dabei auf den niedersten Trieb des Menschen, die Geilheit, spekulierend, einzig und allein, um Geld zu verdienen. Uns Priestern der positiven Religionen des Christentums, den katholi* sehen Geistlichen sowohl wie den protestantischen, werfen sic nach Vcrlcunulerbrutmanicr vor. dass wir unseren kargen Lohn vom Altar vermehren durch Krbschlcichcrei und Volksbctrug, sic aber häufen rotes, glcisscndcs Gold, um ihre Kultur-Vcrleumdungstintenfüsser, bauen sic prunkvolle Villen und fahren Im Auto, dabei dummfrech sich rühmend, dass sic die Apostel der Freiheit, die allein wahren Fackelträger der modernen Kultur seien. Und doch ist die ganze sogenannte moderne Kultur_\ycltcr nichts als ״modernde" Kultur, und Erscheinungen wie Jugend und Simplicissimus sind Spuren vom beginnenden Äitersbrand am Körper der deutschen Nation. Und die Apostel dieser modernen Freiheit vom Dekalog, der Magna Charta des sittlichen Naturgesetzes sind cs, welche mit der geistigen Syphilis der sexuellen Frechheit unsere gebildete deutsche Jugend infizieren und so des Tacitus* Urteil über die sittliehe Kraft der Germanen schmachvoll Lügen strafen. Aber merkwürdig. Bei all der geifernden Wut gegen jeden christlich-religiösen Positivismus, wclcho an räudige Hundotollwut erinnert, scltwcigcn diese Raben, welche der Qoruch vorwosonder Volkorlolclion immer unxleht, beim Anblick oinor positiven Religion, sie ist auch ihnen sukroiankt, nämlich das Judentum unserer Tage. Vor dein modernen Ghetto schwelgen sie sich aus, Der Rabbiner und die Synagoge sind auclt ihnen heilig, warum, ha, Jetzt lächeln auch die. Jugend- und Simplicissimus-Augurcn; denn sic wissen, warum? Hebt das goldene Kalb den Schweif im Bogen und lässt etwas von sich fallen, husch, sind sic alle da, diese Auguren des modernen religiösen Freisinns, und halten ihre Tintenfässer unter. ״Non!01ct'• flüstern sic sich mit Augurenlüchein zu. unsere beste Kundschaft müssen wir schonen. 0 du armer, cingctrocknctcr Germanengeist, du entnervte Germanenfaust, Leute, deren Ahnen erschreckt und voll Dr. ... das Waschwasser des Jordans ilohen, misten dir ins Herz, misten dir ins Hirn, misten dir ins Aug’ und Ohr, und du, deutscher Geist, hältst diesen Mist für neogermanische Offenbarung, und ist doch weiter nichts wie buntscheckiger, literarischer Reformjudenschwinde!.'* —־ י' * Und sowas spricht von ״äusserst mangelhafter Bildung"- Ein Kongress für hebräische Sprache und Kultur Wir erhalten den folgenden Aufruf mit der Bitte um Veröffentlichung: Nach einem langwührcnilcn Stillstand in den Lcbcnsäuiscrungen der hebräischen Sprache haben die das Judentum aufvüttchulcn letzten Dezennien auch darin einen ticfwurzclndcn und hochbcdcutsamcn Umschwung gebracht. Unsere Generation ist Zeugin dessen, wie aus demselben historischen Prozess, der im jüdischen Leben ungeahnte Strebungen nach nationalcr Regenerierung schafft, zugleich nicht nur eine umfangreiche und vielversprechende Literatur erwächst, sondern auch die hebräische Sprache irische Kräfte schöpft, um auf den jüdischen Organismus befruchtend zurückzuwirken. Noch sind cs mühevolle Anfänge, tastende Versuche, in deren Dienst viele junge Talente ihre Individualität stellen, aber auch schon jetzt entwickelt sich neben einer allgemeinen hebräischen Presse, die allein Zehntausenden Juden die Güter des Geistes bringt und die jüdischen Volksiutcrcsscn konzentriert, neben einer int Aufblühen begrifienen Belletristik und einer auf alle Lebenswie Zeitproblemc reagierenden Publizistik ein ausgedehntes hebräisches Schulwesen, das hie und da in Ostcuropa, namentlich aber in Palästina die Sprache der Väter zur Unterrichtssprache erhebt, weiter ausbildct und zu einem lebensfähigen Element adelt. Drüben im Osten gibt cs schon ganze Scharen von Kindern, denen das Hebräische zur Muttersprache geworden, die im Hebräischen ihre psychische Vereinheitlichung spenstig leuchtend und strahlend, die wohl bald die ätherischen Schwingen ausbreiten wird, um ihren Flug lichtwärts zu nehmen. Und Juda sprach nocli immer weiter: hinreissend, erdrückend und erhebend zu gleicher Zeit, bis er sich seines eigenen Sieges bewusst ward, des Sieges über sich selbst, über seine Liebe! Und darum schloss er seinen Triumphßcsang mit den Worten; ״Kidamab! Ostwärts! Das Land Pedem, cs erzittert freudig in seinen innersten Tiefen; sein Boden erbebt in paradiesischer Seligkeit, und mächtig brausen des Jordans Gewässer, um seine befruchtende Kraft dem heiligen Boden in den Schoss zu giessen; denn das Loblied des einzigen Gottes, des Gottes Israels, es wird er* tönen und erschallen an seinen Ufern; und ein gewaltiges Rauschen ist vernehmbar in den &dem Libanons, die in der langen Einsamkeit und Verlassenheit Cypressen gleich, wie Trauerweiden da gestanden; in ihren Zweigen flüstert cs freudig: Oh, lasset uns jauchzen und frohlocken, denn es kehrt zurück der Wanderer, der Verbannte, er kehrt in sein Eigentum ein!!! Und in seiner Felsenhöhle sitzt unser Vater Abraham, und lauscht und horcht Tag und Nacht, damit er der Erste sei, der den Fusstritt seiner heimkehrenden Söhne vernehme. Darum auf, Brüder, auf! Lasset uns unsere Schritte ostwärts lenken! Lasset uns hinziehen gen Morgen! Kadimah, dem Sonnenaufgang, den leuchtenden Strahlen entgegen!“ Juda schwieg, mit glühenden Augen, mit flammendem Angesicht. Doch die vibrierende geheimnisvolle Stille hielt noch sekundenlang an, nachdem sein letztes Wort schon längst verrauscht war; dann aber kam Bewegung in die dicht und massenhaft zusammengedrängte Menge; das erste Beifallszeichen wurde laut, das dom elementaren Sturmausbruch voranzugehen legt. Bald hat er einen gewaltigen Umfang reicht, bald fing er an sich fort und fort zu ...ianzen, weiter und weiter sich auszudehnen, über alles sich ergiessend, alles mit sich reissend. Plötzlich aber hielt er inne, er wurde schwächer und schwächer, um sich in einem Flüstern zu verlieren, das ängstlich von Mund zu Mund ging, das jeder schreckensbleich vernahm, um es hastig, aufgeregt dem Nachbar zu übermitteln. Juda war inzwischen zu sich gekommen, und verwundert, bestürzt sah er das ungewöhnliehe Gebühren der Menge. Hat er denn keinen Erfolg gehabt? Vermochte er denn die Menge nicht zu überzeugen? Warum sehen denn alle so bestürzt, so niedergeschlagen aus? Traumbefangen sah er einen Mann dem Vorsitzenden etwas zuUüsicm, der schreckensbleich zusammenfuhr. ״Tot? So plötzlich? Heinrich Kronemann tot? Wie ist denn das möglich? Ach, der vornehme, edle Mensch! Der grosse Wohltäter, der Helfer in der Not! Er so plötzlich WOK Juda fuhr aus seiner Betäubung empor; auch er hatte jetzt die Trauerkunde vernommen, nicht einmal, tausendmal; von allen Seiten rief man es ihm zu; wie eine Totenglocke gellte es im ganzen Saal, in seinen Ohren, in seinem Innern: Tot, Kronenmann tot! durch die dichtgedrängte Menge, und auf die Strasse. Träumte er? War es dem* dass mit dem Gedanken an das alte Heimath auch die alten Wunder sich wiederholten? es ein höherer Fingerzeig? Wollte eine hö Macht den Kämpfern Zions die Wege ebi Sein Herz klopfte zum Zerspringen, sein siedete, seine Pulse fieberten und sein Ge war ein lodernder Feuerherd. Wie vom W getragen raste er dahin, und in wen Minuten war er vor dem imposanten P; Heinrich Kronemanns angelangt. Alles lag in tiefer Ruhe da, und nur ei Müssiggänger blickten neugierig zu den י׳• verhängten Fenstern empor. Juda *־