Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 306. JUED1SCHE RUNDSCHAU N'o. 32. wo im Leibe stecken hat, bezeugt deutlich, dass der Jude sicher geschossen hat. Daran kann keine aml* semitische Entstellung etwas ändet%\ und die juücnfeindliche Presse schweigt sich denn auch in allen Tonarten Uber den Vorfall aus. Ein Gegenstück zu diesem Vorkommnis ereignete sich, auch in der verflossenen Woche, in unserem deutschen Vaterlande, wo wir nach derartigen Exzessen selten lange Umschau zu halten brauchen. Wir geben die Nachricht ungekürzt in der Passung der ״Titglichcn Rundschau“. Eine Charakterisierung dieses Blaues, das gerade in den letzten Monuten ziemlich lange am Pranger gestunden hat, erübrigt sieh. Wir bitten nur zu bedenken, dass die ״Täg• liehe Rundschau“ allgemein als du! ״unständige“ Aitilsciiiliciiblait ungesehen wird. Der iibcrsprmlohidc Lichteiistoln. Heim Sprudel• brunnen des Hades .Neuenahr ging es gestern etwas lebhaft zu. Schon gewöhnlich herrscht dort eine gewisse Nervosität, da einzelne Kurgäste es lieben, sich vorzudräiigcn und den Sprudel gewalt* sam zu erreichen suchen. Als einem dieser sich vordrängenden Gäste energische Vorhaltungen gemacht wurden, entgegnen: er beleidigend, was der Beleidigte um einer Ohrfeige quittierte. Nimmehr folgte ein Handgemenge, wobei der Beleidiger, ein Herr Lichtenstein, die Tendenz hatte, mit einer Mine ralWasserflasche einzuhaue n. Er wurde aber vom Kurpersonul daran gehindert. Kurz dariipf wurde der Beleidigte von einem Berliner Herrn Mayer im K u r g a r t c n misshandelt, und zwar aus Erregung darüber, weil angeblich bei dem vorerwähnten Zwischcitfull Worte gefallen seien, wonach sich ״Leute einer gewissen K 0 n f c s s i 0 n" immer verdrängten, was glauhwiirdigerseits d u r c 11aus in Abrede gestellt wird. Den streitbaren Herren Licluenstei» und Mayer wird ja woiil vor Gericht ihr (ibersprudclndcs Temperament etwas gekühlt werden. Man ersieht: Hier wie dort handelt cs sich um eine scli.unlosc antisemitische Provokation, deren Polgen in verschiedener Weise zum Austrag kamen. Das Verbal teil der Beleidigten scheint, wenn auch von hcMhiiiuteii gesellschaftlichen Anschauungen diktiert, ia beiden Pällen korrekt gewesen zu sein. Denn der Kundige wird die ״energischen Vorliai- Umgen“ von nichtjiidiseher Seite und die ״Heleidigungen" des Herrn Lichtenstein unschwer aus dem Antisemitischen übertragen können. Die ״Tägliche Rundschau“ für die an dem bedenlungsloscn Vorfall zweifelsohne die ״gewisse Konfesslon“ das einzig Interessierende ist, wird uns ge- Matten, den Begriff ,.glaiibwürdigerseits" für recät subjektiv zu halten. Jedenfalls: Die demagogische Verwertung des letzten Palles seitens der Antise* mitetiprcssc ist die beste Rechtfertigung für das Ver* halten des Budapcstei BanUdircktors selbst denen gegenüber, die prinzipiell gegen eine blutige Ausiragung tnrsönliclicr Ehrenhändel sind. Jedenfalls aber mag die Kugel des Hnnkdircktors Pränkel manche Cjcsinmmgsvcrwandic des allzu schneidigen Ofiiziers zur Vorsicht malmen. Eine merkwürdige Ironie liegt darin, dass der Anlass zu dieser jüdischen Ehrenrettung eine J־*ortion — Krebse war. Die sexuelle Frage bei den Juden und Ihre Lösung Von Dr. mcd. Elsen Stil dt-Berlin. Int Jahre 1907 ist in den Berichten der Grosslöge für Deutschland unter dem Titel ״Die Wurzeln des Übels" ein Aufsehen erregender Artikel, verfasst von unserem Preunde und Kollegen Dr. Arthur Kuhn erschienen. Die Aufsehen erregende Wirkung verdiente eigentlich nicht eine Beschränkung auf die l.ogenkrelsc, sondern sollte auch der breitesten Öffentlichkeit nicht vorcnthaltcn werden. Ausge• stattet mit den schweren Waffen der Statistik hat Kahn liier ein Bild der Zerstörung, welche Ule tief* gehende Veränderung der Lcbonsgewohnhcltcn an den deutschen Juden hervorgerufen hat, den staunen* den Lesern entworfen. Kulm hat zu der jungen Wissenschaft der sozialen Hygiene und zwar zu dem Teile, der sich mit den Massenkrankheiten als Polgc andauernder sozialer Einflüsse beschäftigt, zur Sozial- Pathologie einen unwiderleglichen Beitrag geliefert. Er schildert nie Ausbreitung der Mischehen bei den Juden, ihre steigende Sterbe- und sinkende Geburten- Ziffer, die Zunahme der bei ihnen früher völlig un* bekannte« Selbstmordfällc. die Kindertagen und andere auffallende physische und psychische Ver* uisdcruugeu. Die Wurzeln des Obels liegen nach Kahn auf psycl'o-imthologlschcm Gebiete, nämlich im Verfall des jüdischen Pamilien- und des indischen Gemeinde• lehens. Ganz richtig folgert er hieraus, dass neue soziale Korporationen gegründet werden müssen, da die alten, eben Pamilie und Gemeinde, in Verfall ge* raten sind. Nach dem Vorbild der Gesellschaft Christ* lieber junger Männer fordert er die Zurückgewinnung der Jugend tur das Judentum durch die Gründung von \ jüdischen Knaben-, Müde her,- und Junglingsvcrcincn. J Audi die Herausgabe einer jüdischen Jugendschrift erscheint ihm von Wichtigkeit; indessen scheint mir { die Herausgabe eines jüdisch-sozialen, von den Par* feien unabhängigen monatlichen Organs, sowohl für die Jugend als für d׳e Erwachsenen weit dringlicher und zweckmässiger zu sein. Ausserdem müssten die Bibliotheken der grossen Gemeinden zur Bildung der deutschen Juden herangezogen dadurch dass Kataloge unentgeltlich verschickt und ein zweckmässiges Verleihen der Bücher ermöglicht wird. Wie folgerichtig Kahn die soziale Entwicklung durchschaut hat, zeigt sich schon heute, im Jahre 1‘»09: die Notwendigkeit der Jugendvereine ist all- M'itig anerkannt worden, die erste Gründung hat ln Berlin greifbare Gestalt bekommen. Allein Herr Kollege Kahn hat in seinem hochbcdeutungsvollen Aufsatz einen Paukt nicht berührt - wie er mir Anm.׳.!. Redaktion: Wir bringen den vorstehenden Aufsatz des geschätzten Verfassers zum Abdruck, weil wir der Meinung sind, eine so ernste jüdische Plage müsse auch in einer Ji: di sehen Zeitung erörtert werden. Dabei imidiien wir von vornherein He merken, dass wir uns weder mit allen Ausführungen ik.cIi mit den Vorschlägen des Verfassers idcnti'izieren können. Die RcUuktiou wird auch weiterhin allen sachverständigen Beurteilen! zu diesem Thema das Wort verstauen ״ ungeachtet ihrer cigeneu Stellungnahme, deren Darlegung sie sich für so.iter Vorbehalt. Red, d. ״.!. R." sagte, aus Platzmangel — der eine wichtige R״i|c , der sozialen Entartung der Jugend spielt. liicsJr Punkt ist die vc 1 ä ndc r tc Pa in iliengru n. düng. Ebenso selbstverständlich wie bis zum |cu. ten Drittel des 19. Jahrhunderts die Pr tili ehe, uie EhcschlicsMing unter der Voraussetzung, dass beiqe Gatten geschlechtlich unberührt sind, als ein Grund, gesetz der jüdischen Religion befolgt wurde, cbens׳! selbstverständlich ist seitdem an ihre Stelle du• Spütchc getreten. Bei der letzteren ist nur ein Teil, die Gattin, geschlechtlich unschuldig, während bei dem heiratenden Manne das sexuelle Vorleben als ein notwendiges Übel — von manchen Eltern sogar als ein Vorzug — hingenonunen wird. Pür gewöhnlich wird die Spätche des Mannes mit ökonomischen Gründen entschuldigt: er könne nicht eher heiraten als bis er eine selbständige Existenz habe usw, Und so sehen wir denn sUl)!n bei den Sonnen orthodoxer Eltern den Gcselileclnsve׳• lehr mit der offiziellen Prostitution oder mit dem v.tchimcii Verhältnis weit verbreitet. Es spielen aber!nein nur die wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern auch ein.• gewisse Psychopathie der Eltern, ihre kindische Liebe zu den Kindern, eine ursächliche Rolle. Das ikv . s^j. sein von der hygienischen Bedeutung der Ehe l ,n:c״ die Grossdtern noch, aber nicht mehr diese l.-tcrn. welche lieber ihren Sohn in ruhmreicher Suäung. wenn auch als alten Junggesellen, sehen wolle::, austatt ihm früh zu einer selbständigen, wenn aiu'n bescheidenen Existenz, z. B. eines Handwerkes>.?! verhelfen, damit er die religiös vorgeschriehene I rn:,. ehe imichaltc. Die Mischehe der Juden mit Chr1M;:snc!1 ist infolgedessen eine sexualpatholgisclie Ersch, :.ai;. d. h. infolge des veränderten OcschlcJitskhens und infolge des langen ehelichen Vorlebens,!a. kommen es die ״Verhältnisse" fertig, /unial wei s eu oder mehrere uneheliche Kinder vorhanden sind, ihren jüdischen Geliebten zur Ehe düngen•' Wenn nur, also Kahn erwidert ״die scheinbare UnfrncUtiu.tkv»t der Mischehe beruht nur auf wirtschaftlichen Motiven, ( weil den Mischchclcmcn das Geld fehlt, um \1ek i Kinder in die Welt zu setzen,“ so ist das eine wPser.• leichtfertige Erwiderung: Die Mischehe ist eine Spätche und daher nickt als als Annäherung fciiiüiiour Rassen, sondern als soziale Dcgenerationserscheimmg und zwar sowohl der Christen als der Jaden zu aetrachten. Diese wichtige Würdigung der Mischehe ist einem hervorragenden Nationalokoaomen U. Gon* ו ad) entgangen, wenn er in seinem Lehrbuch י Abtei• hing Statistik) ausfuhrt, dass allmählich ״das Judentum aufgesogen wird." — Allerdings hedauert er gleich hinterher, dass die Bekenner der katlmhwke,, Religion sich stärker vermehren, als die der ev.n:• gedisclicn. - er sieht hierin ein Vordringen des slawischen V0|ksei:111e־nts. während er sich!,׳nseei icnter Weise hä'to sagen ninsseii, dass Mischehe lind Geburtenabnahme zwei Seiten eines und desselben sozialen Vorganges, der Spaichc. sind. Wirkt auf die jüdischen Männer, die eine M1>cl;• ehe cingeliu!, der psychische und moralische /.״ .mg seitens iliros ״Verhältnisses", so wirkt aui die j.;ü;• sehen eine Mischehe schliesscnden Mudehen, der ökonomische Zwang. Die Eltern, welche der Spa;• heirat ihrer Söhne nicht im Wege stellen oder die• selbe sogm wünschen, handeln grausam gegen 1111 c Töchter. Sie veranlassen nämlich ihre Söhne .. :>■: r 1 seliafilieh j fast nusnalimslos privaten! jj!,cr;(jcr portschritt, werden. 1 ״Kadimah“ Erzählung von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulver mann. (Schluss,) Jetzt war es so weit, und er trat vor; eine feierliche Stille entstand, die durch die eigenen PnUschVäge, die Jeder deutlich hörte, noch ver• heraus, dass es nur Atemverschwendung sei; mehrt wurde. Jedes Ohr war gespitzt, jedes Auge weit geöffnet, auf das kein Laut, keine Bewegung des gefeierten, machtvollen Redners entgehe. Juda fühlte gleichsam das erwar* tungsvollc Schweigen, das die Kraft seiner Be* icdsamkeit sonst zu erhöhen pflegte. Doch heute war er mit sich nicht zufrieden. Er begann zu sprechen; aber er fühlte cs bald das war es ja gar nicht, was er eigentlich wollte. Er strebte ia nicht nach dem Beifall» der Menge, er wollte ja nur die Ueberzeugung ins eigene Herz tragen, um für diese Ueberzeu• gung, wenn sein muss, auch das Leben zu lassen; aber das war ihm doch nicht gelungen. Seine bisherigen Erörterungen dünkten ihn ein* fache, abgebrauchte Phrasen, die ihn selbst nicht einmal erwärmten; sein Inneres blieb kalt; seine Seele fröstelte. Endlich aber hat er den richtigen Ton ge* troffen: Er berührte die reine, selbstlose Glück• Seligkeit der Entsagung, die lautere Freude der Hingebung, die das eigene, blutende Herz zum Opfer für die Gesamtheit jubelnd ödarbringt; dien selig lächelnd Loben und Liebe, das Höchste und Beste, wa^der Me 11 sc 11 besitzt, willig hingibt, um das Höchste und Beste für die M c n * c U h e i t zu erringen. Und er sprach weiter; wie ein Lavastrom ergoss cs sich aus seinem Innern; wie wuchtige, zermalmende Keulcnscliliige fiel es von seinen Lippen: ״Schmach alll denen, die die Machthaber .umschmeicheln, und die Erinnerung Zions aus ihrer Seele verbannen; Zions, die Geburtsstätte der weit* und menschenregierenden Sittenrein« heit! Schande, unauslöschliche Schande über die, die mattherzig im Glanze des eigenen Flittergoldes sich sipcgcln, und den einstigen Glanz, Ruhm, Pracht und Herrlichkeit Jerusa• lems vergessen können! Schmach und Schande übet־ die Sklavenscelcn, die zu feigen Knechten sich herabwürdigen, das Stammeslager schnöde vorlassen, und das glorreiche Banner Juda Makkabi’s mit Füssen treten;jenes Banner, vor dem Tyrannen gebebt und Könige sich gebeugt!-Sind denn nicht auch wir von jüdischen Vätern gezeugt, von jüdischen Muttem gesäugt worden, sollten wir nicht da• rum auch, wie unsere Ahnen, die Kraft besitzen, weltvcrachtcnd, todesmutig der! uuerkammer zu trotzen, den 1 IcnkerkueclUcn den l.ein zu lassen und in den Flammen des Scheiterli.uAiH das Scbma-lsracl, lreudig־lauf, weit hin >duü־ lend zurufen, um dadurch die cSele der Erz• väter, den Geist der Propheten, zu reite׳!, um erhallen, um f.'ir die Religion m kämpfen. die die Wahrheit verkündet, das echte Mcibc!״־ mum begründet und Moral und Sitte der Weh go• geben? Ist denn unser Leben mehr wen. als das jener Millionen Märtyrer? Ist unser Blut etwa zu kostbar, um es für das Kostbarste hm• zugeben, um die verkümmerte und verkrüppelte Volksseele Israels zu heilen und wieder gcsmi• den lassen?“ Und so sprccli er weiter und weiter, mul seine Worte waren lodernde, verzehrende Ham• men und sein Blick ein blankes, zweischneidig•* Schwert. Er sah seine Zuhörer gar nicht mehr, bei denen, je länger er sprach, Begeisterung mit Grauen sich paarte; die, von Entzücken und Schauer erfasst, das eigene Herz Stillstehen fühlten, denn was dort oben stand und sprach, das war kein Wesen von Fleisch und!Hut; das war ein Geist, der ihre Nerven mit starker Laust erfasst und sie zerrte und spannte, wie er wollte, ohne dass sie sich zu bewegen und zu erwehren vermochten; 2um ersten Male sahen sie eine Seele der irdischen Hülle entkleidet, nackt, ge•