Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651636--06534-2663631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 K No. 31. J U li DI o C 11II RUNDSCHAU Seltc 359. ץף=ןן /ta r—ץ n kJ / \\ r■ '> ח H u v> 1׳ - ' ח^ז 11 n ״Die Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit“ Atu 00. Geburtstage Nordaus feiert auch sein Werk ein kleines Jubiläum. Es sind gerade 25 Jahre, dass es zum ersten Male erschien, Meute liegt cs jm ׳lausend vor. Man wolle diesen Erfolg nicht nur nach der Zahl der Tausende der Auflage, sondern besonders nach Jener der Jahre schützen. & gibt viele Bücher, die cs auf 60000 Exemplare bringen, aber nur sehr, sehr wenige, deren sceluigstes Tausend fünfundzwanzig Jahre nach dem ersten erscheinen kann. Denn das heisst, dass dieses Buch einfach nicht alt geworden ist. Es könnte auch vorgestern erschienen sein und sähe nur wenig anders aus. Man schaue sieh einmal um in der Weltliteratur, wo man noch — ausser bei unseren ganz Grossen — ein ühnliches Werk findet, das ein Vicrtcljahrhundert nach seinem Kt scheinen noch frisch und lebendig und mojem wirkt, und das noch — Leser und Käufer hndct1 Das Buch heute noch einmal ״rezensieren" — nein, das geht nicht an. Wo die strenge, allerstrengste Richterin Zeit schon eine fünfundzwanzigjährige ..Vorkritik" geschrieben hat, da wäre es ver* messen, noch einmal cs besser wissen zu wollen. Auch für einen, der kein Erfolganbeter ist. lieber dieses Buch ist ja auch schon genug geredet worden. Man soil's nur ruhig wieder leseni Um unseren Freunden dazu den Appetit anzuregen, drucken wir das Vorwort des Autors zur ersten und das zur letzten Auflage ab. Wer dann noch nicht — wieder oder zum ersten Male — zu diesem soziologischen Standardwerk greift, dem kann kein Rezensent mehr auf den Ocschinack für gute Bsiclier helfen. ib. Vorwort zur ersten Auflage Dieses Buch erhebt den Anspruch, die An׳ schaumigen der meisten auf der Höhe der zeit gcnössischcn Bildung stellenden Menschen getreu wiedeuugeben. Es sind gewiss Millionen Angehörige der Kulturvölker durch eigenes Nachdenken dahin gelangt, an den bestehenden staatlichen und gesell schaftlichcn Einrichtungen genau dieselbe Kritik zu üben, die in den nachfolgenden Blüttcrn enthalten ist, und die hier ausgesprochene Ansicht zu teilen, dass diese Einrichtungen unvernünftig, der naturwissen schaftlichcn Weltanschauung widersprechend und darum unhaltbar sind. Trotzdem kann cs nicht aus bleiben, dass man beim Lesen dieses Buches die Augen verdrehen und die Hfindc über dem Kopfe zusamiiienselilagcn wird, und wohl nicht am wenigsten eifrig mancher, der darin seine eigenen geheimsten Meinungen ausgedrückt findet. Das ist cs eben, weshalb der Verfasser geglaubt hat, cs sei notwendig, cs sei unerlässlich, dieses Buch zu schreiben. Die schwere Krankheit der Zeit ist die Feigheit. Man wagt nicht, Farbe zu bekennen, für seine lieber Zeugungen einzutreten, seine Handlungen mit seinen Empfindungen in Einklang zu bringen; turnt liült cs l<ir w eltklug, üusscrlich am Hergebrachten fcstzii liaite״, wenn man auch innerlich damit völlig gebrociie.1 hat; man will nirgends ar.stossen, keine Vorurteile verletzen; das nennt man wohl ״die Ucbcr- Zeugungen anderer respektieren", jener anderen, die ihrerseits unsere Uebcrzctigungcn durchaus nicht respektieren, sondern sic verunglimpfen, verfolgen, mn liebsten mit uns zugleich ausrotten möchten. Dieser Mangel an Ehrlichkeit und Mannesmut erstreckt die Lebensfrist der Lüge und verzögert unabsehbar den Triumph der Wahrheit. So hat denn wenigstens der Verfasser seine Pflicht gegen sich, die Wahrheit und die Gesinnungsgenossen erfüllen gewollt. Er hat scinc Ucberzcugungcn laut und ohne irgend einen Rückhalt ausgesprochen. Wenn die Geschickten, die Schlauen, die Diplomatlsicrcndcn, die Opportunisten, oder wie sich die Heuchler und Lügner sonst noch beschönigend nennen, dasselbe tun wollten, so würden sic — vielleicht zu ihrem Erstaunen — bemerken, dass sic vielcrörtcn schon die Mehrheit sind, dass sic sich nur zu zählen brauchen, um die Stärkeren zu werden, und dass cs bald uir sic lcichtlich vorteilhafter sein dürfte, ehrlich und folgerichtig, als doppelzüngig und hinterhältig zu sein. im Sommer 1883. Der Vorfasser. Vorwort zum 59. Tausend Am 2t). Oktober sind cs 25 Jahre geworden, dass dieses Buch erschienen Ist. ln diesem Vierteljahrhundert ist der Verfasser weit mehr gealtert als sein Werk. Dieses Ist zeitgemüss und wahr geblieben, wie cs am ersten Tage war — leider. Der Verfasser hätte allen Grund, mit den Geschicken seines Buches zufrieden zu sein. Mit dem Erfolge ist er cs; ob auch mit der Wirkung? Ach, wer doch die hochgemute Sclbstslcherheit der Jugend immer bewahren könnteI Als der Verfasser ״Die konventionellen Lügen der Kulturmcnschheit" schrieb, war er fest überzeugt, dass entlarvte Lügen ihre Rolle rasch ausgespielt haben müssen, Er dachte, alle kcrnfaulcn Einrichtungen, alle abgestorbenen Ueberlicfcrungcn, alle sinnlosen Vorurteile, aller gewohnte Betrug würden vor der Verkündigung der Wahrheit, vor dem erlösenden Worte der Vernunft verschwinden wie Nachtspuk vor dein Hahnenschrei. Ein Viertel- Jahrhundert lehrte ihn, dass dies eine freundliche Selbsttäuschung war. Seit dem Erscheinen dieses Buches hat sich der Anblick der Welt vielfach geändert, der sachliche, wie der geistig-sittliche. Die Erkenntnis hat sich ausgebreitet und ist in die Tiefe gedrungen. Millionen Seelen haben sich aus den Finsternissen urzeitlichen Aberglaubens zur Helle wisscnchaftlichcr Weltanschauung entporgerungen. Der kritische Sinn hat sich allgemein entwickelt und übt sich methodisch an allen dogmatischen Behauptungen. Die Folgen davon sind auf vielen Gebieten handgreiflich. Das Herrschertum von Gottes Gnaden weicht überall vor der vorfassungsmässigen Bekräftigung der Volkssouveräni* tät zurück. Frankreich hat das erste Bcisnicl der vollständigen Verweltlichung eines Staatswesens gcgeben, das sich rächt mehr auf den Glauben stützt und ihn weder In der Schule noch im öffentlichen Leben in Erwartung nützlicher Gegenseitigkeit bcgönnert. Die Ehe ist auf die Anklagebank gesetzt und hat sich gegen schwere Beschuldigungen zu verant- Worten. Die Persönlichkeit Ist freier, positiver, von sich und den anderen höher gewertet als früher. Mit den Ansprüchen der Enterbten rechnen die rückständigen Gewalten. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen der Vorwärts- und Aufwärtsbewegung wie viel Beweise des toten Stillstandes! Wie viel Vorgeschichte ragt noch in die Geschichte hinein I Wie tief wurzeln noch die gröbsten irrtümer in den Geistern! Wie fest ver* schlossen und verriegelt bleiben selbst Menschen mit formalem Buchwissen gegen die wissenschaftliche Wahrheit! Heute wundert dies den Verfasser nicht mehr. Der Zwciunddreissigjährigc, der dieses Buch zu schreiben unternahm, glaubte an die unwiderstehliche Macht der Vernunft. Der NeunundfünfzigJülirigc, der Ihm ein Vierteljahrhundcrt nach seinem Erscheinen dieses neue Geleitwort mitgibt, hat gelernt, dass die Menschen von ihrem Gefühle beherrscht werden, nacli ihrem Ocfiiitlc handeln und sich gegen die Vernunit wütend sträuben, wenn sie das Gefühl in ihre Zucht zu nehmen sich anschickt. Die Gefühle sind die Wacht der konventionellen Lügen. Darum behaupten sic sich noch gegen die vernünftige Einsicht. Aber der Verfasser ist an der Schwelle des Alters so wenig entmutigt wlo auf der sonnigen Höhe seines Lebens, Er hegt die Zuvorsicht, dass für die Vorbereitung der Geister zur Aufnähme der Wahrheitssaat dieses Buch auch in kommenden Jahrzehnten sich als taugliches Ackergerät bewähren wird wie in den drittcluilb vervauw.cueu. ln Immer gewaltigeren Ringen der Vernunft mit altercrbtem Gefühl werden Untergründe der Seele und des acmltts wie mit dem Ticfpllug auigewühlt, uralte Trugvorstcllungcn werden entwurzelt und dem Aufspricssen neuer Erkenntnis die Vorbedlngungcn geschaffen. Dazu ein wenig beigetragen zu haben gibt dem Leben eines Schriftstellers Wert und Bedeutung. lin Frühling 1909. Der Verfasser. und äussere Vorzüge in Ausgabe kenne, die innere solchem Masse vereinigte. Sehr übersichtlich und klar ist das Lebensbild des Dichters von Erwin Kaiischcr. Der Autor wird seinem Poeten durchaus gerecht, hält sich bei aller grossen Verehrung für Heine streng in den Grenzen des objektiven Literaturhistorikers und würdigt auch Heines Verhältnis zum Judentum in sehr sachkundiger Weise. An der Einführung zu den verschiedcncn Abschnitten des Hcincschcn Gesamt- Werkes beteiligen sich ausser Kaiischcr noch Hermann Fricdcmann, Helene Herrmann, die jüngst eine vorzügliche Monographie über den ״Romanzero" verüifentlicht hat, ferner Raimund Pissin und Veit Valentin. Der Verlag hat erfreulicherweise auch für guten Druck und eine schöne Ausstattung gesorgt, und selbst die mir vorliegende billigste Ausgabe ist geeignet, verwöhnten Ansprüchen durchaus zu genügen. D r. J u n g in u n n. Bücher-Besprechungen Huld- , Berlin ״Starkonbcrg." Roman von Richard sch ine r. -־־ Egon Flcischel & Co. 190S. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle auf das jüngste Werk unseres Hamburger Gesinnungsgenossen hinzuweisen, obwohl der Roman stofflich nichts Jüdisches bietet. Richard Huldschincr hat sich durch seine Erzählangen ״Einsamkeit", ״Fegefeuer" und ״Das adlige Schützenfest", durch den Novcllcnband ״Arme Schlucker" und nicht zum wenigsten durch den Roman ״Die stille Stadt“, in welchen auch jüdische Motive eigenartig verwoben sind, bereits einen geachteten Namen in der literarischen Welt Deutschlands erworben. Auch sein letzter Roman ״Starkenberg" besitzt den künstlerisch durchaus individuellen Charaktcr seiner früheren Schöpfungen. Schlicht und einfach ist die Handlung — der Zwist zweier Brüder und deren Schicksal, daneben das Geschick einer schönen Bozcner Bürgerstochter — die auch dieses Mal »ach Siidtlrol verlegt ist, in das sonnendurchwärmte Bozcner Tal, auf das die alten Burgen, die Zeugen einer kriegerischen Zeit, heute so schirmend hcrabblickcn. ״Der Stimmung, die de» Beschauer aus diesem Gemäuer anweht, gerecht zu werden, schrieb icli diesen Roman," sagt der Dichter in einer Selbstanzeige seines Buches. Wahrlich ein selten düsteres Gemälde, das sich vor unseren Augen enthüllt. Aber wie plastisch heben sich die Gestalten ab; wie reizvoll versteht der Dichter mit knappen Strichen den szenischen Rahmen zu zeichnen. Die klare, gcincisselie Sprache Huldschihcrs, sein wuchtig-crnstcr Stil erfordern stilles Qcnicsscn; wer das vermag, der lese diesen lfoman, den eine gar seltsam traurige Melodie durchzittert. Königsberg i. Pr. LudwigLcwin. Eine neue Heine-Ausgabe Soeben ist die ״Goldene Klassiker- Bibliothek" im Deutschen Vcrlagshaus Bong & Co. ln neuer Bearbeitung erschienen. Dazu gehört auch eine Gesamtausgabe der Werke Heines, deren einzelne Abschnitte von ausgc• zeichneten Kommentaren clngclcUet sind. Ich habe diesen Heine mit grossem Interesse durchgcschen und konstatiere, dass ich in der Tat keine andere Eingegangene Bücher Scndunßcn »Ind nur an die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" Chorloticnbur»{, Ulelbtrcustr. ■19, zu richten. Ruckscnduna kann nicht itatitlnden. Ula mit («zeichneten Werke Undbereit* zur Besprechung vergeben. Leuchtende Tage, Neue Gedichte von Ludwig Jacob»wskl, Hi. Aufl. Verlag von Egon FIe Isc 11 cI u. Co., Bcrlii, 1908. * Starkcnbtirg, Roman von Richard Hulds c 11 i n c r. Verlag von F. g 0 r. Flcischel u. C0H Berlin 1908. * Siebenter Geschäftsbericht (1908) des HUUverclns der Deutsch«!» Juden, erstattet von der UcncruWcr- Sammlung am 28. März 1909, Levante-Handbuch 1909. Herausgegeben von D avis T r i c t s c h. 0 c a Verlag, 0. in. b. H., IJf.rliu W. 35, * 1)10 konventionellen Lügen der Kulturmenschhell von Max Norduu. 59—61. Tausend. Verlag von B. Eli sc 11 er Nachf. Leipzig, Preis 4 M., 5 Mk. Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde* Organ aer Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg und der Gesellschaft für Sammlung und Konscrvicrung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. Herausgegeben von Dr, M. Gtunwald, Rabbiner der isr. Kultusgcmcindc in Wien. 12. Jahrgang, .1. Heft. (Der ganzen j*oihc 31. Heft.) Verlag von M. W. Kaufmann, Leipzig 1909. Liebe lind Eho Im alten Orient von Ferdinand rieilierrn v. Rcltzeustcin. Mit zahlreichen Abbildungen. 2. Aufl. Stuttgart. Franckh'schc Vor- I a g s b u c h i» a n d 111 n g, * Lalcnbrovler der Natlonal-Ükonomlo von A. Pohlmann-tlohcnaspc. Leipzig. R. Voigtländers Verlag. 1908. Preis kart. 2 Mk.. gcb. 2.40 Mk.