Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 356. J UEDISCHE RUNDSCHAU No. 31. der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unsere Vater ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit 7.11m Boden, /.um Lande, ־/.um Staate leugnen will, »missen wir cs doch andererseits verstehen, dass die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir cs beharrlich ablchncn, uns in timen uuizulöscn. Da richtet sich ein Lutv׳edcr-Odcr vor uns auf. vor dem cs kein Ent* rinnen gibt. Entweder wir wollen ein Volk bleiben, «der wir wollen kein Volk bleiben, Wollen wir kein Volk bleiben, dann gellen wir, so rasch wie es die demographischen Vcrliültnitrsc irgend gestatten, in unserer Volksiinigcbung aut. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte So;!• dcrstcilniig beweist, dann mi)s«cn wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglitliims׳ eines Volksdnscins maehen. Auf die Dauer aber Ist es unmöglich, sich als abgesondertes, stammvM'emcs Volk zu belutupton, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens imsympathischcn, kalten, «enn nicht aggressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir 1ms aber als besonderes Volk In der Zerstreuung? Für welche Ziiktmil? Für «eiche Geschicke? Was Ist der Endzweck, zu dem wir unsere Eigenart pilcgeti. die von der unserer Umgebung uhstlcfit? Was Imiieti, was erwarten wir, dass wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer .sciiinerzilchcii Ausnahmestellung geduldig ertrugen? ist cs ftir die nationale Wiedergeburt, dann rösten wir uns zu ihr auf die einzig mögliche Weise, durch den Zionismus. (Lcblu.fter Beifall und Händeklat* sehen.) Erw arten und hohen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist es lediglich stumpfe Ge• daiikenlosigkoit, daun ist es reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unier den grössten Opfern und mit den schwersten Leiden?!ei• und zwecklos in einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder mttionale Lltjuidiiitoii. Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik, Seit zehn Jahren rufen wii diese Wahrheiten in alle Winde, In grossen Seelen haben sie miiehtigen Widerhall geweckt: die Menge aber hat sic noch nicht hören oder nach nicht verstehen wollen. Denn wir ,vollen uns und anderen nichts vormachcn. Wir organisierten Zionisten sind leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfcchtcn. Es ist kein Grund zur Entmutigung fit.־ uns. Eine Wahrheit hat i l׳,r e e i g e n c T u g c r d und W il ז d c, d i c ganz u nab It üngig davon ist, ob sie von anderen begriffen wird oder nicht, und sie muss s i c 11 schliesslich durchsetzen, denn sic ist unverwüstlich und die Zeit kann Ihr nichts anliabcn. Die Geschiehle ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: ״Was ist des Deutschen Vater• fand?" und Hessen siel, nicht irre machen, obschon die bedeutendsten, massgebimdsten Mitnncr, Minister, Wi׳rden1 idger, einflussreiche Politiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei iur Schützenfeste mnl Gesangvereine verspotteten. Ebenso lange erklärten bedächtige, nüchterne Dlplo* muten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romaii* tischt Verschwörer, die in Italien selbst sieben org.uiisierie, zum Teile mächtige Staaten und ausser• halb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sie!! hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: ״Jm Jahre 1789 hat cs in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben.״ Tlioums Payne. der treuliche Verfasser von ״Common sense", tat die Aeusscrung: .,Im Jahre 1778 gab cs in ganz Nordamerika nicht einen I^cpublikancr." Michclct schrieb 1111 Jahre 18S9: ״Im Jahre habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind geeignet, ur׳s über dR Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obsebon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so grosse ist, wie sic sein sollte. Dass der Zluiilsmi’o seinen Dekantern Selbst• aclitung und Würde gegeben hat, ist eine zum üemcin• platz, gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen 1! 11 s c r Judentum wie eine K n k a r d e und das ist uns so selbstverständlich gewor• den, dass cs bereits unser heiteres Stuunen erregt, wenn wir sehen, dass andere t s wie eine Brandmarke .scheu verheimlichen, ln den 1.ändern mit verschiedenen Nationalitäten lieben unsere Gesinnungsge• genossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Riieksiciit auf ihre Votkshcdürfnissc und idcielier Achtung ihrer ethnischen Individualität angemeldet. Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grub folgen Er hat die schwere Erschüttening des Verschwindens» seines ersten Führers ohne Schade» ertragen und damit den Beweis er• bracht, dass er, von Personen unabhängig, aus eigener Kraft besteht. Noch sind wir nicht entfeint so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zioni״.* mus aus dem akademischer, ins weltpolitische Stu• diuni treten soll. Eines aber hüben wir schon jetzt erreicht: Wir lubcn die Judenfrage, die von den einen Überhaupt geleugnet, von den anderen als unerheblich angc* sehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, dass sic nicht wieder aus dem Gesichts• 1:1 eise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sie in zionistischem Sinne gelöst Ist: durch Wiederherstellung des Juden• Volkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkcrfamiiic clntritt. Die Losung der audcnlragc ist eine Probe auf Jie g״nzc menschliche Ge• Mitling. Die Zivilisation baut sich auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden kann, ohne dass der ganze Bau zusammciibricht. Diese ursprüngliche» Grund• .Sätze sind: Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Personen und Eigentum, (ilciclilieit aller unbeschollenai Bürger vor dem Ge• so!/, noch kurzer ausgcdii'okt: Gerechtigkeit. Justitia legiioriini fundaiiientuiiP Die Juden aber werden in dein einen Lande gemordet und beraubt, in dem an• dorn beschimpft und :uriiekgesetzt, überall behandelt man sie, als ständen sie ausserhalb des Völkerrechts, des üescllsJ1nftsvertra׳.!s, der Verfassung, des geschiicbeiicn und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisn• t i o n und damit die Zivilisation selbst. Dagegen erheben wir einen Einspruch den man am allerwenigsten im Huag als einen platonischen anschcn darf. im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweite Male die Friedenskonferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspannenden und bin. denden Sittlichkeit fcstzmu-llen und ihre Regeln in ein Wcltgcsetzbuch zu fassen. Diese noch nicht ko. diiiz.lcrte, aber von allen. Regierungen, den dtris!. liehen, moiuimedunischcu, IniOhistischcn. fohistischen, freidenkerischen glcichmässig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. ln ihrem Namen fordern wir j 111 1111 s e r V 01 k von 12 M i 111011 e n G v r e e 11. 11 g k c i t. Man konnte sie uns verweigern, so lange Barbarei auf Erden herischlc‘ man datf sie uns nicht länger vorcnthaltcn, nun, da alle organisierte,1 Völker sieh wenigstens ti'corctisdi zur Zivili.satuii bekennen. So lauge es eine Jude»frage gibt, erweist sich die Zivilisation als eine Lüge und jede diplomatische Kon. I c r c n z zur K o d i f i z. I e r u n g der Nächsten, liebe und Menschlichkeit als eine Ko. .11 ö d i c. in die Jiidcnfragc spielen neben den Ursprung, hchsteii Ürundsälzcn der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Wcltpoli•!:: bestimmen. Jedes Volk fordert heuzutagc für sci:1;׳t Handel die offene Tür; jedes nimmt cs als ein nat!׳■. liebes־ Recht für sich in Anspmch, zurückgeblidr.oio Länder in die Wdtwimdiait einz.ulezidien. wnvo Gebiete zu besiedeln und unter den Pflug zu nvluuui, allzugrosse Verschiedenheiten der Bevölkerungsdichte durch zweckmassige Wanderung auszuglciclao Genau dieselben Forderungen erhebt auch der /.! . iiismus. Ich zweifle nicht daran, dass wir die ottomanisohe Regierung von der Grösse und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzeugen werden: ja nocli mehr: dass wir die E i n bc r 11 f u 11 g einer diplomansehen Konferenz nach dem Neuster der Haager Zusammenkünfte von 1899 und 1907 zur intcr• nationalen Regelung der Judenfrage erleben werden. Voraussetzung so grosser Entwich, iungen ist allerdings, dass wir zunächst das j»• tilschc Volk selbst z. .1 r klaren Erkenn:• II is seiner Lage wecken und jedem Juden, der nicht das Verschwinden des jüdischen Volkes will, die Ucbcrzeugimg bcibiingei;. sein Fortbestand s:1 nur durcli eine Methode zu sichern: die zionistische. Gustav Karpeles Mit aufrichtigem Bedauern hat uns die Kinde von dem lliiisrlieiden dieses Mannes erfüllt, der cm t»euer Jude und ein guter Mcns־׳l1 gewesen ist. Fr gehörte freilich stets zu den Gegnern des Zionismus und hatte allem Anschein nach für unsere grosse Bewcgimg kein tieferes Verständnis, wenn er auch gelegentiich ihren ״guten Kern" anerkannte. In zi<>. nistisclicn Kreisen konnte man die Gegnerschaft eines Karpeles, eines Mannes, der soviel jüdisches Wissen und Einpiindcn hesass, nicht recht begreifen und sprach durum spöttelnd von der Zwittcrsccie in seiner Brust: der konservativen, nationaljüdisciicn Seele des Privatmannes und der liberalen Seele des .Mosr.c• sehen Redakteurs. Vielleicht ist ihm dadurch unrecht geschehen; aber dass man so von ihm sprechen haftes, Verschwommenes, noen weit, weit F.nt• ferntes. Doch allmählich kam es näher an ihn heran, und der erste, deutliche, durchdringende Ton vom Podium herab berührte sanft seine aufgeregte Seele, schmerzstillend, heilend, neubelebend. Neue Hoffnung zog in seine Brust eilt; Fr steht ja vor der Entscheidung, die blitz•; artig, svie eine himmlische Erleuchtung, sich offenbaren wird, um Aufruhr, Weh und Todes• angst zu verscheuchen. Und ist sie erst da, mag sie Ausfallen, wie sie will-er wird sie ergreifen, mit eiserner Faust festhalten und nimmer loslasscn. Besser eine Hölle der Oewissheit, als Jubel voller Zagen, Zweifel und Ungewissheit. Einer der angesehensten Juden Warschaus, Staatsrat Dr. Portner, hatte den Vorsitz über• nommen; Juda wusste, dass dieser ein intimer Freund Kronenmanns war, der auch in Regie• rungskreisen grosser Achtung sich erfreute. Soll dieses ein günstiges Zeichen für ihn sein? -Er biss die Zähne fest zusammen, um den wiedcrervvachenden Aufruhr seines Innern zu dämpfen, um die mühselig errungene Ruhe zu bewahren. Einer nach dem andern erhoben sich die Redner, um ihre Ansichten für und wider vor• zutragen, um mit ihren Argumenten die Menge zu fesseln und zu überzeugen. Hoch wie Stur• mcswellcn wogten und brausten die Meinun״ gen hin und her: Begeisternd, verspottend, zürnend, je nach dem Standpunkte, den der Redner vertrat. Jttda sollte zuletzt sprechen; seine Rede sollte den Gipfel, oder besser den Grundstein des Gebäudes bilden, das heute hier entstehen sollte. (Fortsetzung folgt.) durch die Beschädigung des Mauuskrints unleserlich hlcihen. Die ucuentdccktci! Psalmen zeigen einen grossartigei! Schwung .!er Sprache »ml bilde» in ihrer Sprache ein ergreifendes Zeugnis für die Ausdrucks• fäliigkcit religiösen Fühlens, :: MISCeLLeN :: Neue ״Sprüche Salomoirfs“ Wie aus London berichtet wird, machte 1111 Mansiield Kollege Dr. Rendel de Harris interessante Mitteilungen (Iber ein altes Dokument, dessen F.nt• dcekuiig ihm vor kurzem gelungen ist. und das eine fast vollständige Sammlung Salomonischer Psalmen und Sprüche enthält. In den Psalmen Salonmnis sicht die Forschung jüdische und christliche Dichtungen, die dem Jahrhundert vor Christus und dem ersten christlichen Jahrhundert angchören. Das von Dr, Harris auf״ofumlcne Manuskript enthält eine syrische Uebersotzung׳ aller Psalmen Salomonis. die wir in griechischer Sprache besitzen, alle salomonischen Oden, die in dem gnostischen Ruche ״Pistis Sophia" tantlus In seinen Instltutioncs Diplnoe erwähnt, Durch diesen Fund sind wohl alle Sprüche und Psalmen, die in der ältesten Kirche als salomonisch galten, wicdcfgcwouncn, mit Ausnahme einiger Telle, die Scherzecke ln B. (Breslau?) besteht eine Burschcnschaü ״Gothia". Der Vater eines der Gothen" ist in Geschälten in ß. und will seinen Sohn besuchen. Fr findet ihn nicht auf seiner Bude und sticht ihn au: der Kneipe. Dort ist er ebenfalls nicht und er wird nach dem Helm der ״Gottiia" gewiesen, Audi dort findet er weder seinen Sohn noch einen andere» der ..Gothen" vor. Allein der Diener ist anwesend, ..Niemand von den Herren anwesend?" fragt er ihn. ״Die Herren sind sämtlich im Tempel." antwortet der Diener. ״Nanu? Was Ist denn los?" ״A 1 a r i c h h a t. h e u t e J a h r z e 11," antworte respektvoll der Diener. * ln einer Schule erkundigt sich zu Beginn des Schuljahres der Lehrer nach der Religion seiner Schüler. ״Katholik J" antwortete der erste; ״Katholik!" antwortete der zweite, und so geht cs fort, bis die Reihe an Jakob Vcllchcnstci» kommt. ״Was hast du für eine Religion?" fragt der Lehrer. •Da erhält er die prompte Antwort: ״Mosaik!" ן׳ \ m ני! i י