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Jüdische Rundschau · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 31. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 355. schliesslich jüdischen Schülern das denkbar vertraiicns- und liebevollste war und dass wir ausser unserem Ignaz Reich keinem unserer Lehrer so innig nnliimten. wie unserem Engel. Nach der Normaischulc frequentierte ich das katholische Staats- und von der fünften Klasse ab das kaivlnistischc Oymnasium, wo Ich auch die Reife- Prüfung ablcRtc. An beiden Gymnasien waren einige ״!einer Lehrer getaufte Juden und es ist mir im Gedüchtnis geblieben, welchen sittlichen Ekel diese Renegaten durch ihre Arroganz, ihren ungarischen Chauvlnis* m n s und ihren Antisemitismus, der doch damals noch gar nicht Mode und deshalb für sie nicht obliga• torisch war. m i r, und nicht nur mir, sondern auch einigen lieben Christliehen Mitschülern und Freunden, die ich nennen könnte, einflösston. Währciui der Oymnasialzcit empfing Ich von einem rührend bescheidenen milden Gelehrten. Herrn Freudeuherg. zusammen mit einem geliebten Jugend* frcinni, der sich spütcr tapfor taufen Hess, Talmud-, und von Herrn Mannheimer echt assimilatorischen ״isrisciitischen" Religionsunterricht, der wesentlich im Auswendiglernen des ״vom grossherzoglich baillsehe:! Konsistorium approbierten Katechismus der mosa.schcit Religion" bestand und bei allen meinen Kamuiiden. wie bei mir selbst, der Gegenstand des Holms und Widerwillens war, unbeschadet unserer (Iciidile für deit persönlich sehr achtbaren und wohlwollenden Herrn Mannheimer. Wie ich dann die Universität bezog und dort meine medizinischen Studien vollendete, wie ich früh für mich und die Meinen an Erwerb denken mussto und 11m in den Redaktionen zuerst kleiner Blätter, dann, von meinem achtzehnten Jahro ab, des ״Fester Lloyd" fand, wie ich im Frühling 18T3 Pest verllcss, um im der Folge mir noch einige Wintermonate des Jahres Ifs75 und 16 Monate zwischen dem Spätherbst IST.'s mul dem Frühling 1S80 in meiner Qeburtsstadt 7.u vei bringen, die ich seitdem nie wieder gesehen habe, ist nicht interessant. Lange Jahre hatte ich an meinem gegenwärtigen Wohnorte Paris keinerlei lebendige Berührung mit dem Jiidentumc, und das einzige Hand, das mich an meinem Stamm knüpfte, war ausser der werktätigen Frömmigkeit meiner Mutter ein genealogischer Stolz, der midi in meiner Empfindung den Erben des voriiclimsteii Blutes gicichstclltc. Erst der tobende Anti* scmiiisnms weckte mich wieder zum Bewusstsein meiner i'fiichicn gegen mein Volk und die Initiative meines teuren Freundes Hcrzl, zu dem ich während seines Pariser Aufenthaltes in nahe Be- Ziehungen getreten war, zeigte mir den Weg, den ich zur ILi'iliiing dieser Pflichten clnzuschlagon hatte. Ich lmiftc mit ganzer Seele, dass der Zionism u א dem jüdischen Volke die Erlösung bringen wird. '.Mir ii.a er schon das Bewusstsein gegeben, dass mein Leben einen Zweck und Inhalt hat, mul das ist in einer Zeit moralischer Anarchie mul ll.diiosigkeit ein so köstlicher, sittlicher Besitz, d.iss er schon für steh allein jede Anstrengung wert ist und für alle Niedrigkeiten gänzlich bedenkenfreier Feinde reichlich entschädigt. Har is, 20. Juli 1909. Max Nordau. fitis Nerdaus Rede üüf dem VIH. ZlonlalcnUongress» Haag 1907 Geehrter Kongress! Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zlonistcukonsrcss ln Basel eröffnet worden Ist. Unser unvergesslicher Theodor Hcrzl, dessen Geist auch heute über unserer Ver- Sammlung schwebt, erklärte In seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit impcratorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafein gcmcissclto Dcnkmailnschrift klangen. ״Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr Ins Judcnland.". ״Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuss breit erworbener Kultur aufzugeben,".״Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann cs das nicht, dann. Ist Ihm eben nicht zu helfen." .... — ״Von einem voll* ständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends dio Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert." Dies sind einige der Kernsätze, dio Herzl damals verkündete und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu Ubortreffen sind. Gleichwohl verhinderten sio weder Missverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Vordrehungenungen und Entstellungen. Ein Missverständnis war es, dass man Im Zionismus eine grosso Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte. Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sic glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihier Glaubensgenossen in den LUndern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine lleiiiisiüttc und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menscheuwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war cs jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist Keine Wohltätigkclt. Einem Volke reicht man keine milde Gabe. Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jü- Gische Volk sich aus zweitausendjühriger dumpfer Ergebung aufraifcn soll, um sich natürliche Daseinshedingungen auf eigenem Boden und scibstgcschmic- Jetts Glück zu schaffen. Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt, dass man sehr wohl Asiate and gleichzeitig höchst fortschrittlieh sein kann. Tatsächlich aber sind wir 1mscres 2()U0j;ihlügen Europäcrtiims so sicher, dass wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen Wir würden dort so wenig Asiaten int Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Pothüuti!, in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir gedenken, nacli Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. Ohettoabsperrung? Man verzeihe uns, dass w׳ir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gciülii, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: ״My housc is my castlc.“ Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Ghettosehnsueht. . . . Wir sind nietnals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. Man hat das Schlagworl ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewusstsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unscrer Staatsbürgcrpilichtcn dürfen wir diese Beschuldigung verachten. Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an an ameri* kanischcm Patriotismus nachgesagt, weit sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammcscrlnncrungcn pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und . Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesinnungssturke Staatsbürger bekennen. Ausser Jüdischen Denunzlanton und bedoukenfreien Judenh ui so rn, denen jode Gelegenheit zur Feindseligkalt gegon uni willkommen |!t. hat denn auch bliher niemand an diesem Uoppelbekcnntnis Anstois genommen. Weit verbreitet ist d'e Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nacli den einen, der jüdischcn Verzweiflung nach den anderen. Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Hcklcnposcn zu werfen und Bramarbasreien zu führen. ״Ihr Zionisten", prahlten sic, ״seid feige Ausrelsser, wir dagegen sind tapfere Streiter; ihr ergreift vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen Ihn in unserem Ocburtslando bestehen und die Rüstung nicht ablcgen, che wir gesiegt haben." Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringe 11, den einen als Gegenwirkung des andern zu begreifen, ist überraschend ober flächlieh. Der Antisemitismus war höchstens ein Ar!- lass, er war sicher n i c h t der Q r u n d des Zionismus. Der Judenhass hat nur in vielen Juden das cingcschlummcrto Stammcsbcwusstscin geweckt und sic ermahnt, sich auf ihre geschichtliche individualitat zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzcimcnschcn uml als Gesamtheit nachzudcnkcn, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sic zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar ciKnnnten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bediafnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlussfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Der,!«.nee Juden lassen sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sic sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir smd empfindlich, wenn man uns in unserem üeburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzuschcn, auf sic suchte sielt bald wieder zu fassen; sie riclitete sielt stolz auf und sah ihn fest an. ״Nein, Juda! Eine jüdische Tochter opfert ihr Herzblut tropfenweise, ehe sie solche Trauer über das greise Vaterhaupt bringt! So gross auch meine Liebe für dich ist, grösser noch ist meine Zärtlichkeit, meine Ehrfurcht für den, dev ihr mich der Stehvertreter Gottes auf Erden ist! Und jetzt, Juda,“ sie sprach es schnell und ihr ganzer Körepr erbebte, ״jetzt will ich dir auch meinen letzten Kummer nicht verheim* liehen: ich zittere für das Leben meines Vaters. Schon im Frühjahr ist bei ihm ein Blutgefäss gesprungen, und nach der unzweideutigen Aussage des Arztes würde jede Aufregung unzweifelhaft den sofortigen Tod zur Folge haben! Juda, willst du, dass ich lebe, mit dem Tode meines Vaters auf dem Gewissen?. Sic brach krampfhaft schluchzend ab und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. ״Dann bleibt uns nichts weiter übrig, als unser Glück gemeinsam zu Grabe zu tragen, sprach er dumpf. ״Doch, Juda, etwas bleibt uns noch: Vierundzwanzig Stunden der Liebe, und ein ganzes Leben seliger Erinnerung,1 sprach sie mit herzzerreissenaem Lächeln auf ihren bleichen Uppen. ״Vicrundzwanzig Stunden Qual und Pein,“ murmelte er fast unhörbar: ״wollte Gott ich hätte sic bereits hinter mir. Welche von meinen Seligkeiten ich da wohl begraben haben werde?!״ ״Juda!“ Er blickte auf; er sah ihr geisterbleiches Gesicht, ihre starren, weit geöffneten Augen — und er verliess schweigend das Zimmer. Doch ihre Gebärde tiefster Verzweiflung, höchsten Jammers folgte ihm nach. Er suchte sie zu verscheuchen; allein vergeblich: wie sein Schatten folgte sie ihm nach. Er kämpfte dagegen mit grimmiger Wut; er darf das Bild dumpfer, hoffnungsloser Klage nicht mehr vor Augen haben! Er muss seinen Kopf klar hal- ■ ton, kristallklar —; er muss ja denken! Denjeen?-Wo doch alle seine Gedanken wie leichte Schneeflocken vom Sturm gepeitscht', in seinem Hirn auf- und abwirbeltenl ״Mein Gott, nur heute gib mir die Kraft, um das Eine zu vergessen, damit ich wenigstens dem andern gerecht werden kann! Der Liebe habe ich ja heute mein Herz geopfert; 0, lasse mich doch für die Wahrheit ebenfalls meine Seele einsetzen 1 O, vergessen-denken — -wenigstens heute-- — —!״ Morgen, wo doch die eine Hälfte seines Ich’s tot und abgestorben’ ist-welche Hälfte-?-da wird er ja auch nur zur Hälfte leiden können; da will er gewiss die Erinnerung wachrufen; da will er ja gerne dem Abgeschiedenen einen stillen, abgeklärten, wehmütigen Schmerz nachempfinden; doch heute-! Im dumpfen Hinbrüteu verbrachte Juda die Stunden, bis er die Uhr sieben schlagen hörte. Mechanisch erltob er sich und machte sich auf den Weg zu der Halle, wo die Ver- Sammlung der Kadimah stattfinden sollte. Bellinsky trat ihm dort entgegen, und als er Judas blasses, abgehärmtes Gesicht bemerkte, sprach er halb scherzend: ״Was? Auch du, Brutus? Haben Sie auch Lampenheber, Bühnenfurcht? Was sollen wir andern erst machen?“ Es kostete Juda grosse Anstrengung, dem Fragesteller irgend etwas Gleichgültiges zu erwidern, um sich bald von ihm los zu machen. Um Gottes Willen, nur jetzt keine Fragen, kein Forschen, oder er muss sich an irgend etwas vergreifen, um es zu Tode zu würgen-am liebsten freilich-sich selbst! Wie im Traume sah er den mächtigen Saal steh mehr und mehr füllen. Die unruhigen Wogen der Aufregung, die die Versammlung bewegte, empfand er anfänglich als etwas Nebel-

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