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Jüdische Rundschau · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 354. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 31. ן 1 4 1 4 Der Einsame, der (ern von seiner natürlichen Zuhörerschaft lebt und deshalb alle kritischen Feiglinste (testen sich und weder Streber und Schranzen, noch stcdankcnlosc N'aclssehwatzer, noch Kameraden, Bekannte und Freunde für sich hat, dieser Einsame 'veiss, sofern er cinstc Einsicht besitzt, dass jedes seiner Werke nur eins von diesen beiden Geschicken haben kann: entweder das Publikum gleichgültig zu lassen und von der Presse loigcsehv,׳legen zu werden oder die Aufmerksamkeit des Publikums zu erretten und der Presse, die es dann nicht totschweifen Kann, einen Vorwand zu neuen Personheben Angriffen und verleumderischen Lügen zu bieten — eins wie das andere wenig geeignet, als Lockung zu wirken. Die sichere Aussicht, entweder seine Zeit und Kraft in den ungehdrten Selbstgesprachen eines lüchcrlichen Predigers in der Wiistc zu vergeuden oder sich Beschimpfungen und Ehrenkranklingen auszusetzen, die er nicht abwehren kann, wird ihm den Wunsch eingeben, stumm zu bleiben, solange er irgend kam!.... Eins ist sicher: Die Werkc, die so entstehen, können keine S c I! a b 10 n e n a r b c i t sein. Sie sind der Ausdruck einer subjektiven Notwendigkeit. Was sie objektiv wert sind, das hangt dann von der geistigen Bedeutung des Schriftstellers ab. In Wiederholungen wird er jedenfalls nicht verfallen, und gewultnheitsmassige Vielschreiberei zur Ausbeutung errungener! Erfolge ist bei ihm ausgeschlossen. 1 in meinem Falle kann ich das mit Zahlen vcrdcut-; liehen. Mein erstes Buch erschien am I. Mai 1878. i Seitdem sind fast 20 Jahre verflossen. In dieser Zeit! habe icl! dreizehn weitere Werke veröffentlicht, wo-! bei ich die 92 Seitciicn eines Bündchens der Rcclam-; sehen Universalbibllothck, drei wenig umfangreiche - Schauspiele und eine Sammlung ״Ausgewühlter J Pariser Briefe" mitreclmc. Das ergibt einen durchj schnittlichcn Abstand von ungefähr anderthalb Jahren zwischen jedem Buche. Ich weiss, dass ich ohne Anstrengung das Dreifaclie'hättc leisten können. Ich hätte es wahrscheinlich getan, wenn ich äugenehmere Erfahrungen gemacht hätte, und wer weiss j — ich hätte möglicherweise unrecht gehabt. Tat- . sächlich nahm iclt mir beinahe nach jedem Buche j ernstlich vor. dass dies das letzte sein sollte, mul! am festesten nach jenen, die am meisten gelesen und! besprochen wurden, also den stärksten sogenannten! ״Erfolg" hatten. Ich blieb wiederholt ־״ so nach J den ״Paradoxen", nach der ״Krankheit des Jahr- ן Imnderts". nach ״Entartung" — vier und fünf Jahre j lang meinem Vorsatze treu, bekämpfte meine Neigung ׳ zu neuen Arbeiten, unterdrückte energisch in meinem 1 Geiste zahlreich aufwuchcrnde Keime von Büchern 1 und trat erst wieder mit einem Werke hervor, wenn | einerseits die Erinnerung an erlittene Bubenstreiche j in mir ein wenig verblasst war, andrerseits mich ein Gedanke dermassen beherrschte, dass icl! ilm aussprechen musste, auf die Gefahr hin, mich neuen de- Ineinheiten oder mindestens Ungerechtigkeiten auszusetzen. Die Lelire, die iclt aus meiner Erfahrung ablcltc, ist also, dass der Schriftsteller seine grössten Anstrengungen nur macht und sein Allerbestes nur gibt, wenn er sich keine Gunst zu versprechen hat und das Erscheinen eines jeden neuen Buches aus seiner Feder als ein neues Martyrium empfinden muss. Ganz ohne Lustgefühle kann man freilich auf die Dauer nicht leben und schaffen. Aber die fehlen dein Einsamen nicht, wenn sic auch anderer Natur sind als die der Begünstigten, die von Sympathien getragen werden. Die Arbeit selbst, die unter solchem!)ränge entsteht und gedeiht, wird als köstliche Ent- Spannung des Geistes und Gemütes empfunden und lässt die tröstliche Ueberzeugung zurück, dass man nichts Ueherflüssiges getan habe. Und hat man dann trotz aller Anfeindungen gewirkt, erlangt man durch den Augenschein die Gewissheit, dass man das Denken der Zeit mit beeinflusst, so wird man von einem Kraftbcwusstscin erfüllt, wie man cs nie erlangen würde, wenn man sich zweifelnd fragen müsste, ob man seine Erfolge nicht etwas der kameradschaftlichen Reklame, der von dieser erzeugten Tagesmode verdanke! Vac soli? Nein. Die Einsamkeit hat ihr Gutes. Für den Schaffenden ist sie fruchtbar. Ihre strenge Zucht tötet das Schwächliche schon in seinem Werden. Was sie leben lässt, das ist aller Wahrschcinlichkcit nach lebenskräftig." Selbstbiographie MaxNordaus Der in Budapest, seinem Geburtsort, erscheinenden ״Ungarischen Wochenschrift" sandte Dr. Nordau auf ihr Ersuchen hin die im Folgenden wiedergegebeae Selbstbiographie. Von meinen persönlichen Angelegenheiten zu sprechen, macht mir niemals Vergnügen. Iclt will gleichwohl Ihrem Wunsche nach einigen autobiograplüschen Angaben naehkommen, um Ihnen einen schwachen Beweis meiner hohen Achtung für Ihre Person. Ihr treffliches Blau und Ihre tapferen Kämpfe im Dienste des zionistischen Gedankens zu liefern. Iclt hin in Pest - damals gab cs noclt kein Budapest — am 29. Juli LS49 geboren, mitten in den Wirren und letzten Zuckungen des ungarischen Freiheitskampfes. Nicht ganz drei Monate vor meiner Geburt, am 4. Mai. haue meine Mutter, zugleich mit meinem Vater, sich aus ihrer Wohnung, in einem gehöftartigen, ganz bäuerlichen Hause an der Ecke der damaligen Arena- und Pfciiicrgassc. vor den Kugeln der Oincr Festung, die Pest beschossen und die ganze Theresienstadt bestrichen, ins Stadtwälddien geflüchtet, wo sic zwei fürchterliche Nächte vollkommen .schutzlos biwakieren musste. Ich war nahe daran, vor meiner Geburt ein Opfer der Politik zu werden. Das Schicksal hat es anders gefügt. Es hat mir die Prüfungen mul Verantwortlichkeiten des Lebens nicht ersparen wollen. Meine Mutier, die ich am 2. Januar 1900 in ihrem fast vollendetem לא• Lebensjahre verloren und im Pariser Montparr.asse-Friedhofe begraben habe, war eine geborene N c I k i n aus Riga, hat jedoch als Vollhluijmlii! iiuiürlich mit der gleichnamigen wohlbekannten kurläiulisclien Freihcrreiifamilic nicht das geringste gemein. Mein Vater, Rabbi Gabriel be n () s c r ben S i 111 e 11 a S ü d f c I d — den Namen Nordau führe ich gesetzlich seit dem II. April 1874 — ist 1799 in Krotoschin geboren und 1872 in Budapest gestorben, wo er auf dem jüdischen Friedhof an der W.iitznerstrasse begraben ist. Ich will bei meiner Abstammung nielit lange verweilen. Mein ״Jielms" ist der Gegenstand meiner Erbauung im Familienkreise und interessiert Fernstellende schwerlich. Ich erwähne also nur, dass meine väterlichen Vorfahren seit 1671 ununterbrochen In Krotoschin angesessen und vom ältesten Sohn auf ״Kadimah“ Erzählung von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. P u 1 v e r m a n n, (Fortsetzung.) Er erzählte ihr ausführlich, was geschehen svaT. ״Du sichst, üu hast wenig Ursache, mit mir zufrieden zu sein, Bertha,“ schloss er seinen Bericht; ״ich könnte dich besitzen, durch das blosse Hinstrecken meiner Hand-und, Bertha, denk dir nur — — ich-iclttat cs nicht-einer Träumerei, einer jugendlichen Schwärmerei wegen, wie dein Vater es nennt.“ ״Das aber zeigt mir deinen ehrlichen Cha* rakter und deine heilige Liebe, die wert ist, sie * zu besitzen,“ antwortete sie fast unhörbar. ״Wie aber, wenn ich auf meine Schwärmerei bestehe?“ ״Juda, das wirst du nicht! O, nein! Meinetwegen wirst du nicht darauf bestehen!“ Mit einer stummen Gebärde der Verzweiflung wendete er sich weg von ihr. Sie aber folgte ihm rasch und ergriff seine Hände. ״Höre, Juda,“ flüsterte sic ihm erregt zu, ״für mich ist cs kein Schatten, kein Htnigc* spinst, sondern ein grosses, heiliges, herrliches und würdig anzustrebendes Ziel. Oft und oft hat der Gedanke daran meine Nerven in Auf* rühr versetzt; oft und oft sagte ich mir: Oh, dass du doch dabei helfen könntest, und wer weiss, was noch in der Zukunft geschieht. Ich bin zwar nur ein yh waches Mädchen; doch für die heilige Wahrheit cinzutrcten, fühle ich eine Riesenkraft in mir, gleich jenen Heldenfrauen, dere.it Andenken die Geschichte Israels als köstliches Erbe aufbewahrt. Sielte, mein Juda, ich offenbare dir, und nur dir allein, meine innersten Gedanken und Emnfindungcn, die mich eigentlich zur Verräterin gegen meinen eigenen Vater machen. Und darum flehe ich dielt an, Juda, 011, cntschlicssc auch du dich zu einem kleinen Opfer, zu.einem winzigen Zugeständnis — wenn auch nur zum Schein. Später, einst — o mein Gott, dass ich das Wort aussprechen muss —! Später, wenn das Unvermeidliche eingetroffen, da wird es immer noch Zeit sein, da wirst du immer noch Mittel und Wege finden, um der grossen Sache zu dienen, wir. sind ja noch jung; wir können ja noch warten! Juda, du hast unser beider Glück in deinen Händen!“ Er schüttelte traurig den Kopf. ״Du vergisst, dass ich mein Ehrenwort verpfänden soll!“ Dann aber brach er in neue Leidenschaft aus: ״Bertha, höre auch mich. Du hast jetzt einen Vorschlag gemacht, jetzt will ich einen den ältesten Solm stets Rendanten — in Ungarn man Sekretäre — der dortigen hoeiuingcschenen Judcngcntcindc waren, von dem Rabbi Jo sei, der aus Saloniki nach Wien gekommen, mit dcr dortigen Gemeinde zugleich vertrieben und von seinem Freunde Rabbi Menachcin Mendel Auer* buch nach Krotoschin berufen worden war und von da ab bis an sein Lebensende mit MärtyrerstoU immer nur ״mi'gorsclii viena" unterzeichnet hat, bis zu seinem siebenten Manncsstamm, meinem 1892 ver* storbenen Vetter Wiener. Mein Vater war .seinem Berufe nach Rabbiner. Seine ״Hatoras haraali" hatte er von seinen beide.1 grossen Lehrern, dem ״Cltavas 11 aas" und Rabbi A k i h a Ege r. Er hat jedoch das Seel• sorgeramt niemals ausüben wollen, sondern vor* gezogen, als Lehrer sein Leben zu verdienen. An! Empfehlung des Prager Rabbiners Rappoport, in dessen Hause er als Er/ielicr gewirkt hatte, kam er nach Ungarn als Erzieher der Söhne des Pressburger Rabbiners Rabbi Mosche Sofer und von da, nu.ii Vdlcnduiig seiner Aufgabe, in gleicher Eigeiiseliait in das Maus F i s c h 11 o f in Altofen. Der östcrreichbcke Politiker Dr. Adolf Fischhof war scciis Jahre I;׳,.״ meines Vaters Schüler und Zögling gewesen und v״a ihm in Privatunterricht bis zum Obcrgymn.isiutn •״,•* fördert worden. Mein Vater war ein streng frommwr Jude der Ueberlieferung und von seinem iiebräiseUn und tulinudischcii Wissen legen seine Bücher in hebräischer Sprache dauerndes Zeugnis ab. Er sei•'*: erteilte mir den ersten hebräischen Unterricht 1; J ich war noch nicht neun Jahre alt, als ich unter sen: •r Leitung zum erstenmal den Pentateuch du re genommen hatte. Mein Vater nannte mich zuli., mir Si me ha und der Vorname ״Max“ wurde l>'• •s vor Fremden angewandt. Aber ich verletze die Linfurcht nicht, die ich dem Andenken meines Vu;,.«, schulde, wenn ich diesen kleinen Zug als bezeichnen 1 für die ganze Richtung und Stimmung der (jene!־.!., n aniülirc, der mein Vater angehörte. Er war ״Mas ai״ durch und durch; persönlich noch ganz Jurchtran;.; von der Scliulchan-Arucli-Orthodoxic, aber zugieni! auf Emanzipation erpicht, leidenschaftlich pauit. tischcr Prcussc zu einer Zeit, wo er In seinem protisslsclicin Vaterland« noch keinerlei Bürgcrreelne hatte und von der berühmten ״Mission des Jude״• timis" schwärmend, die im Gemiite seiner Generation den leeren Platz des von den Lehren Mend«.»• solms verdrängten jüdischen Volksbcwusstseins ein• nahm. Die Folge war denn auch, dass er sein.11 Zöglingen wulil hebräische Kenntnisse, aber kein jüdisches Natioiuilgefühl beibringen konnte, wie dum auch die Fisoliliof’s, um nur diese zu nennen, teils Mustcrassimilanten wurden, teils sich glatt tarnen licssvn und ich selbst durch eine Assnni• Intionsphast ging, aus der ich mich mir nut grosser geistiger und sittlicher Anstrengung lusrimui konnte._ Ich besuchte in Pest zuerst die jüdische Norm.1l• schule in der Pfeiiiergasse. wo meine ersten Lchier der treiilielie Ignaz Reich, der trockene und bei sauf fast unmenschlichen Strenge sehr imbeli.'btt K! ••:*.. der gutmütige Weiss und Engel, ein Christ, waten. Weshalb die Judengcmcindc damals den Christen Engel anstellte, ahne ich nicht. Ich weiss nur, dass das Verhältnis dieses einen Christen zu seinen jade sehen Kollegen im Lehrkörper und zu seinen aus• solchen machen. Bertlta, wenn du meine Liebe für wert hältst, sie zu besitzen, dann folge dem Gebote deines Herzens und komme zu mir, trotz aller Hindernisse! Damals hast du es ja selbst deinem Vater gesagt, dass man für einen guten Zweck auch einmal ungehorsam sein darf. Nun zeige cs durch die Tat! Du kannst der guten Sache viel helfen, indem du mir hilfst. Ohne dich und deine Liebe bin ich eine leere Schale, mit dir könnte iclt Wunder vollbringen, und der Ruhm soll nur dir allein gehören. Bertha, in deiner Hand liegt es, den Wunsch deines Vaters zu verwirklichen — freilich durch andere Mittel, als er denkt, — indem du ihm, durch unsere Taten, ein Denkmal errichtest, herrlicher, dauernder als er je In seinen kühn• steil Träumen auch nur zu hoffen wagen durfte! Bertha, sei mein, mein allein!“ Sie Hess ihn ruhig zu Ende reden, und als er fertig war und sie gespannt, fragend an• blickte, da erhob sie ihr totenblasses Gesicht, und ihre Stimme klang gebrochen, als sie ihm antwortete: . ״lc^ ^**be dieses wohl verdient, ich darf mich über die schwere Demütigung, die du mir zufügst, nicht einmal beklagen. Ich wollte dich zum Verrat verführen und du wieder drängst mich zu offener Empörung!“ Tränen stürzten aus ihren Augen. Aber f

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