Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Cb. 9881. t bprcchstundrn Dienstag und k FroHass 11—I Uhr mittags.! •vsaaa•••* mmm<J SÖTU^cö Nummer 31 Berlin, den 30. ]1111 19G9 —12. fib 5669 XIV. Jahrgang Max Nordau Zu seinem sechzfflsten Geburtstag Am 20. Juli wurde Max Nordau sechzig Jr.iuo alt. Wohl mancher, der ihn auf unseren K< .;!,messen gehört hat, wie er mit jugendlicher li;>che und Kampfesfreudigkeit von der Tribüne herab sprach, möchte es nicht glauben, in.!׳׳ des weissen Bartes, der das Patriarchenam’.it/ so wundervoll umrahmt. Nordau liat es mit den besten seiner Werke £c1m׳ms;\1n: sie altern nicht — der Autor nicht, Hin! nicht das Werk. Und eben in diesem 1’iiiiM.•, in diesem i;.wi׳Tjm1gsein, der Oottesnah •, die wir nur an den ganz Otossen kennen, lieg! N’ordaus grösste Stärke. Und hier liegen aucli, wie tms scheinen will, die Wurzeln seines Zio:;i«imis. Nur so lässt cs sich erklären, wie Nordau in der Mitte der neunziger Jahre als ein ganz und gar Eigener, der er damals schon im an gesprochensten Stile war, sich den ihm bis dahin lernen Anschauungen seines jüngeren Fremdes Herzl anbemiemen konnte. Wie er sie so ganz und gar zu den *einigen machte, dass 1 r ihr Vorkämpfer und erster Vertreter verdon konnte. Fs würde uns schlecht anstehen, dem Autor der .Konventionellen Fügen‘.‘ der Kulturmensch־ heil׳: ״.n seinem sechzigsten Geburtstage mit ־׳ineiii llwnnus auf seine zionistische Tätigkeit zu naiirii. Wissen wir und weiss er, der allezeit Wahre, der unerbittlich Wahrhaftige, der die l.iige und die Heuchelei in jeder Form mit seine!!: kräftigsten und innigsten Hasse bedenkt, doch nur zu gut, was er unserer Bewegung geworden ist. War es doch — als der Grosse von »ns ging, dessen Tod eine unausfiillbnre Lücke schuf — allen eine Selbstverständlichkeit, dass nur Nordau an seine Stelle treten könnte. N’ordau lehnte das damals zum grössten uncl schmerzlichsten Bedauern aller ab, aber er gab uns in der Gedenkrede, die er dem dahingegan* geilen ITeundc, unserem Führer, widmete, eins siin-r feinsten und wärmsten Kunstwerke, und er blieb der Berater unserer Leitung, der er hof* fcnilidi noch lange sein wird. Wer Nordau nur als Schriftsteller kennt, der kennt noch lange nicht den ganzen Nordau. •\hm muss ihn sprechen gehört haben, um den l'euergeist dieses Mannes recht zu fühlen. Woligen ist so der volle Akkord der persönlicluu Wirkung gegeben svie ihm. Bei Nordau 1דור.י;י sich Inhalt, Stilform und Sprache zu einer I!!,heit, die trotz scheinbarer äusserer Kühle »m sich rcisst. Die Wucht seiner Argumente, di׳»׳ er in knappen Formeln präzisiert, wirkt dop- Polt, wenn man sie aus seinem Munde vorgetragen hört. Da ist jedes Wort scharf geschliffen,‘ gleich einer guten Klin״c, die trifft, wie auch der Gegner sie parieren möge. Seine Sprache reizt zum Widerspruch und erstickt ihn zugleich. Wie Nordau die Zukunftsmöglichkeiten des Judentums formuliert hat, so wird die Formel in der Geschichte unseres Volkes erhalten bleiben: ״Zionismus oder nationale Liquidation.“ ״Das Judentum wird zionistisch sein, oder eb wird nicht sein.“ Ucber den Menschen Nordau hat das Feinste wohl Lombroso in der eben erschienenen Nordau-Nummer der ״Wett“ gesagt: ״Während meines langen Lebenslaufes habe ich nur zwei Männer grossen Geistes i ״l)cr ZlonUmu* errrrebt (Ur das liiültcha Volk dir Sclialluna einer öllcsiillch-rcclitllch geliehenen Heimstätte m PalUstlna." Baseler Proeramm. ßE8 c3aa Bsffialt ן Max Nordau. — Vao soll. — Sdbstblographlo j Max Nordaua. — Aus Nordntis Rede attl dem VIII. | Zlonlstenkoiigrcss Im Haag 1907. — Gustav j Korpclcs. — Also sprach Znugwlll . . , , — DIo I jüdische liaiidwcrkcrschtilc In Julia. — Probleme der ]iiülschen Emigration und Kolonisation. Von Davis T r i e t s c h - Berlin. (Fortsetzung.) — Aus aller Welt. — Palästina-Rundschau. — Rundschult der Presse. — Zionistische He wo« um,׳. — Aus den Gemeinden. Vurcinv-RiituUchuu• — Fenllletnii: Kadlmiili. Von Sam. Oordon. Frei I* übersetzt von M Pul vor mann. — Miscelleii. ■••• Literarische Rundschau: Diu konventionellen Lügen der Ktilturnteitsclihclt. Eltio neue Meine- Ausgabe. — Biicherbosprcchutig. — Elngegangcne Milcher. u n d z tt g I e i c 11 gute n H e r z e » s ge• fundcn: M a r z 01 o und Nordau. Marzolos Ruf dran״ nicht hinaus über den Kreis seiner Schüler, welche mit seinem Namen auf ihren Lippen sterben werden und ilm doch nicht zu jener Weltberühmtheit erheben konnten, welche er verdiente; ••־ Nordau dagegen, ״erecht, gut, genial par cxcellencc, der einen Teil seines Lebens zugunsten der Bedrückten verwendete, ohne dabei nur eine Stunde für die wissenschaftlichen Forschungen zu verlieren; Nordau sieht seinen Ruf von Tag zu Tag auf der ganzen Welt wachsen; eine edle, grosse Ausnahme, die uns mit der Menschheit versöhnt.“ ״Grossen Geistes und zugleich guten Herzens“ — das ist eine Würdigung, die Nordau nach Meinung und Ausdruck gleich gerecht wird. Doch wie Lcssing einmal schrieb: ״Wer wird nicht einen Klopstock loben, Doch wird ilm jeder lesen? — Nein! Wir wollen weniger erhoben Und flcissiger gelesen sein!“ so möchte am Lude mit Recht auch Nordau denken. Man ehrt ihn am besten, wenn mau seine Werke auf sich wirken lässt. Deshalb war cs ein überaus glücklicher Gedanke, dass das Zionistische Aktionskomitee als Geburtstagsgabe für Nordau eine Sammlung seiner ״Zionistischen Schriften“ (Köln, Jüdischer Verlag) veranstaltete und sie zu einem billigen Preise den breitesten Schichten zugänglich machte. Das ist in der Tat eine Ehrung, die eines Nordau würdig ist. Dem Manne, der die Phrase in aller Gestalt so hasst, dem soll man an seinem Ehrentage nicht mit Phrasen kommen. So haben wir geglaubt, in unseren bescheidenen Möglichkeiten Nordau nicht besser ehren zu können, als indem wir unsere Leser veranlassen, sielt mit Nordau zu beschäftigen. Weniges nur können wir auf den folgenden Seiten bieten — zu den Mehreren stehen aber die Wege jedem offen. Und so weihe jeder unserem Meister Nordau seine.eigene Feier und versenke sich in die kristallklare Flut seiner Gedanken — das wird dann die beste Nordau-Ehrung sein! Uns und dem Meister aber wünschen wir noch viele ungetrübte Jahre dieser ewigen Jugend! _ ״Vae soli!‘ In einem ״Vac soli” betitelten Auisatzc der ..Gegenwart“ sprach Max Nordau einmal vor Jahren über das Los des einsamen Schriftstellers in der Fremde, als welcher sich Nordau immer fühlte. Heute haben diese Betrachtungen für uns einen doppelten und eigenartigen Reiz. Wir entnehmen deshalb dem genannten Aufsätze das Nachfolgende: ״Es ist mir in der Tat immer aufcrlcgt scwesen, ein Einsamer zu sein. Als der Sohn eines Prcusscn in Pest geboren, fand ich in der Stadt, wo ich meine Kinder- und Knabenjahre verlebt habe, niemals Gcmütsanscliluss, wuchs ohne Verkehr mit Verwandten und Kameraden auf, lernte meine Umgehung mit den Augen meines chauvinistisch. Ja fanatisch deutsch gesinnten Vaters . betrachten und fühlte nach dem Lande, das ich al. meine eigentliche Heimat ansali, eine Sehnsucht, die mich gegen das Land meiner Geburt ungeduldig und, ich fürchte, manchmal ungerecht machte. Zufällige Bedingungen des Broterwerbes, auf den ich angcwiesen war, Messen mich dann meinen Wohnsitz in Paris nehmen, wo ieli ebenfalls notwendig ein Freut d er war und bi s z u m heutigen Tage geblieben bin, weil ich die Opfer an Selbstgefühl und persönlicher Würde nicht bringen wollte, die der Preis sind, um den allein der Fremde die etwas herablassende und durch allerlei geheime Vorbehalte eingeschränkte Aufnahme in die Kreise der Eingesessenen erlangen kann. Einsam hatte ich in Pest gelebt, einsam lebe ich in Paris. Ich rechnete mir vor, um wie viel leichter andere e« haben, die von den Verhältnissen mehr begünstigt .sind, um wie viel erfolgreicher mein eigenes Schaben wäre, wenn es nicht mein Ausnahmcgcschick eines lil crall Fremden gegen sich hätte, und ich war nahe daran, ein weichliches, schwächliches: Schade um midi! zu seufzen. Aber ich übcrlicss mich nicht lange dieser Entmutigung, sondern kam nach genauer Erwägung meines Falles zu der Ucbcrzciigung, dass meine Vereinsamung mir in gcisiiger unJ sittlicher Hinsicht von grösstem Nutzen war und dass sie eigentlich die ideale Lebensun1׳. Schaffensbedingung eines jeden Schrift stellers und Künstlers ist. der höheren Zielen als blosser Befriedigung der Eitelkeit naciistrebt. Vielleicht ist diese Anschauung aus dem tiefsten Grunde des Unbewussten hervorgegangen und nichts anderes, als eine Aeusscruug jenes Anpnssungsdrangcs alles Lebenden, welcher bewirkt, dass man sich nicht dem Unabänderlichen, und wäre cs noch so schmerzlich, nicht nur abfindet, sondern ihm sogar gute Seiten abgewinnt. Aber ich bin dessen keineswegs sicher, glaube vielmehr wirklich, dass meine Behauptung objektiv richtig ist. Gewiss ist cs persönlich angenehmer, ln einem warmen, wcihraueluliiftendcn Luftkreis von Bcwuiule* rung und Sympathie zu leben, aber dem Sehaffen gereicht es »rieht zum Heile. Der Künstler arbeitet dann nicht nur deshalb, weil in ihm etwas ist. was unerbittlich und gebieterisch Form verlangt, sondern weil ihm der schwelgende Vorgenuss der Lustgefühle eines gewissen und leichten Erfolges die Feder, den Pinsel oder Spatel in die Haiul drückt. Von keiner üblen Erfahrung gewarnt, verliert er sich in Manier, auch wenn er ursprünglich Eigenart hatte. Ric?cr, Gefahr ist der Einsame nicht ausgesetzt. Der Schriftsteller — um nur bei diesem zu verweilen ־—, der In Verhältnissen gleich den meinen kbt. redet gleichsam in einen Fernsprecher. Er siclu das Gesicht des Widerparis nicht, an den er seino Worte richtet; er beobachtet keinen wohlwollenden Blick, kein freundliches Micncnsplcl als Wirkung seiner Rede, die seine Selbstgefälligkeit erfreuen und ihn fortzufahren anregen würde. Er sagt deshalb nur das unbedingt Notwendige und vorlängert das Gespräch nicht einen Augenblick um des blossen Schwatzvergnügens willen.